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Eine haarige Geschichte

Für ordentlich geschnittene Haare sorgte meine Mutter mit ihrer Haushaltsschere; jedenfalls bei uns Kindern, solange wir noch nicht zur Schule gingen. Als Kind hatte ich hellblonde und sehr dünne, feine Haare, die sich nur schwer in Form bringen ließen. Dass es mal wieder an der Zeit war, dass ich die Haare geschnitten bekam, wurde meistens beim gemeinsamen Abendessen, wenn die ganze Familie zusammensaß, von meinem Vater beschlossen. Der unglücklichste Abschnitt des Tages begann meistens nach ausführlicher Musterung mit den Worten: Wie siehst du eigentlich wieder aus? Deine Haare sind doch viel zu lang und müssen dringend wieder gekürzt werden. Am nächsten Tag wurde ich dann der Prozedur unterworfen und dank Mutters nicht gerade scharfer Haushaltsschere riss und ziepte es an meiner Kopfhaut. Stell' dich nicht so an, war ihr ganzer Kommentar, wenn ich jammerte, weil sie mir mit ihrer stumpfen Schere wehtat. Erlernt hatte sie Buchhaltung, nicht das Friseurhandwerk, entsprechend war das Ergebnis ihrer Bemühung. Was an Frisur nicht mit der Schere zu erreichen war, wurde dann mit Haarklammern korrigiert. Wegen der Wirbel bekam ich auch einen ordentlichen Scheitel auf der rechten Seite, was zur Folge hatte, dass mir die Haare immer nach links in die Stirn und Augen hingen und zur Korrektur des unglücklichen Schnitts mit Haarklammern festgesteckt wurden.

Bei den Kindern in der Nachbarschaft war es ähnlich, auch deren Mütter stutzten ihren Kindern die Haare. Im Vergleich mit den anderen gab es also kaum erkennbare Unterschiede in den Frisuren. Demzufolge gab es auch keine Hänseleien wegen der Haarmode. Manchmal war die Schere auch etwas zu fleißig, dann bekam der Frisierte die Schuld an dem missglückten Ergebnis, weil er nicht stillgehalten hatte. Großzügig ist meine Mutter mit den Worten: Das wächst ja schnell wieder nach über das Ergebnis hinweggegangen. Gerne habe ich dieses Procedere nicht über mich ergehen lassen, zumal mein Vater bestimmte, welche Frisur ich zu tragen hatte. Da ich, dem Willen meines Vaters nach ordentlich auszusehen hatte, kam da ausschließlich der klassische Faconschnitt in Frage. An den Seiten und am Hinterkopf schön kurz, mit einem ordentlichen Scheitel, und oben durfte es etwas länger sein. Wir Kinder nannten das Pisspottschnitt und ich stellte mir dabei vor, wie man mir einen Nachttopf aufsetzte, um alle Haare, die darunter hervorschauten, einfach abzuschneiden. Als ich älter wurde, aber noch nicht zur Schule ging, gab meine Mutter das Haareschneiden auf und ging mit mir an der Hand in das Krankenhaus Heidberg zu einem Herrenfriseur, der im Keller eines der Bettenhäuser seinen Salon betrieb. Seine Kundschaft bestand hauptsächlich aus alten Glatzköpfen und den Patienten des Krankenhauses.

Kaserne Germania
SS-Kaserne Germania 1938 - Exerzieren vor dem Kasernentor. Nach 1945 wurde daraus das Allgemeine Krankenhaus Heidberg.

Dieser Gebäudekomplex war in den Jahren 1937 – 1938 als SS-Kaserne für die Einheit Germania erbaut und erst nach Kriegsende in ein Krankenhaus umgewandelt worden. Die einspurigen Straßen zwischen den ehemaligen Mannschaftsunterkünften, die heutigen Bettenhäuser für Patienten, waren mit dem gleichen Blaubasalt gepflastert, der auch als Straßenbelag der Hauptstraße diente, und die Gehwege waren mit Betonplatten befestigt. Auf den schmalen Straßen zwischen den Häusern schoben weißgekleidete Transportpfleger die Patienten auf hochrädrigen Schott‘schen Karren von einer Therapieabteilung zur anderen, in die Operationssäle oder wieder zurück ins Bettenhaus. Die eisenbeschlagenen großen Holzräder rumpelten bei jedem Wetter über die gepflasterten schnurgerade verlaufenden Straßen. Zum Friseur ging es durch das riesige Hauptportal der ehemaligen Kaserne zu einem der Häuser auf der rechten Seite, ich glaube, es war das dritte Haus rechts, aber so ganz genau weiß ich es nicht mehr. Eine silbern glänzende Barbierschüssel war draußen an zwei Ketten aufgehängt und zeigte an, dass hier der Friseur zu finden sei. Der ganze Gebäudekomplex verbreitete noch immer die Atmosphäre seiner ganzen unseligen Kasernenvergangenheit. Was die Vorstellungen und Ansichten meiner Eltern anging, so schien es mir, hatte sich auch da noch nicht viel geändert.

Im Souterrain roch es schon nach Seife und Parfum und man hörte schon das Schnipp… Schnipp… der Schere. Mir kam der Friseur uralt vor und ich hatte ein ungutes Gefühl, als ich an die Reihe kam. Der Kunde vor mir erhob sich von dem hölzernen Frisierstuhl, der sogleich mit einem breiten Pinsel von Haaren befreit wurde. Die Sitzfläche wurde im Scharnier des Stuhlrahmens einmal gedreht, rastete wieder ein, dann legte der Alte für mich ein Brett auf die Armlehnen, auf dem ich sitzen sollte, die Füße auf dem Polster. Der Friseur ging bei seiner Arbeit ganz anders vor als meine Mutter: Er schubste meinen Kopf unsanft nach rechts oder links, nach unten und nach oben, wie es für ihn gerade am bequemsten war. Nahm ich dem Kopf zurück in eine bequemere Stellung, schubste er noch unsanfter und gab mir sogar eine Kopfnuss. Wünsche nach meiner Frisur beachtete er nicht, Faconschnitt war von Mutter gewünscht und Pisspott konnte er. Damit sich der Besuch auch lohnte, hatte er extrakurz geschoren, es war ja schließlich Sommer. Anschließend schmierte er meine Haare mit einer Pomade ein und kämmte den Scheitel sorgfältig auf die rechte Seite. Meine Eltern waren mit dem Ergebnis sehr zufrieden und lobten das, was ich körperlich als Kahlschlag und seelisch als grausame Niederlage empfand.

Mit Beginn meiner Schulzeit wurde der Besuch bei diesem Friseur für mich immer mehr zur Qual. Ich sah mich zunehmend Hänseleien ausgesetzt, wenn ich am Tag nach dem Friseurbesuch in die Schule kam. Meine Mitschüler trugen damals, zu Beginn der 1960er Jahre, die Haare schon unterschiedlich lang und über die Ohren. Meine Kurzhaarfrisur fiel derart aus dem Rahmen, dass mir Hohn und Spott meiner Mitschüler sicher waren. Besonders mein Scheitel auf der rechten Seite veranlasste zu Spekulationen über meinen Charakter, oder gar über meine Gemütsempfindungen. Selbst im Erwachsenenalter sind mir diese Stereotype immer wieder begegnet, die von einigen Zeitgenossen offenbar als Orientierungshilfe benötigt werden. Dieses Stigma begleitete mich denn auch einige Jahre, aber ich probierte verschiedene Dinge aus, um wenigstens die lästigen Haarklammern loszuwerden. Einige Mitschüler, es war die Zeit des Rock 'n' Rolls, hatten sich mit Hilfe von Frisiercremes eine fettglänzende Elvis-Tolle gemacht. Für meinen Geschmack sah das zwar ziemlich schmalzig aus, aber einigen Mädchen schien das zu gefallen, deshalb probierte ich die Brisk-Haarcreme aus. Der Erfolg waren eklige fettige Haare, die ohne die Haarklammern an der Kopfhaut klebten. Aber besser sah das nicht aus und so wollte ich auf keinen Fall gesehen werden. So versuchte ich es mit dem Birken-Haarwasser meines Vaters, was meinen dünnen Haaren etwas Halt gab, deshalb benutzte ich es ab da regelmäßig. Als Vierzehnjähriger probte ich dann den Aufstand und widersetzte mich massiv den elterlichen Forderungen nach einer ordentlichen Frisur. Vorausgegangen war wieder eins dieser gemütlichen Abendessen mit der Familie, bei dem mein Vater seinen dienstlichen Frust rausließ. Er war nämlich Kriminalbeamter und hatte es den ganzen Tag mit Spitzbuben zu tun. Wie siehst du denn wieder aus, deine Haare hängen ja schon wieder über die Ohren, tönte er. Der anschließende Wortwechsel artete in laute Schreierei aus und ich wurde zur Strafe ins Bett geschickt. Das Bett hat mich aber an diesem Abend nicht gesehen, ich habe auf die Schnelle ein paar warme Sachen gepackt und verließ das Elternhaus, hierher wollte ich nie wieder zurückkehren. Unvorbereitet und unüberlegt war diese FluchtLesen Sie auch meine Geschichte:
Vater und Sohn, ein schwieriges Verhältnis
zum Scheitern verurteilt, aber sie hat immerhin drei Tage gedauert, in denen ich mir alles Mögliche überlegt hatte, wie es weitergehen sollte. Auf einem Schiff als Schiffsjunge anzuheuern war für mich als Hamburger die erste Wahl, aber für einen vierzehnjährigen unmündigen Heranwachsenden ohne Unterstützung der Eltern undurchführbar, wer hätte mich denn mit an Bord nehmen sollen?

Zwei Jahre später begann meine handwerkliche Ausbildung und dem Erlernen der Metallbearbeitung. Langhaarige Lehrlinge mussten wegen der Unfallverhütungsvorschriften dort an den Dreh- und Bohrmaschinen bei der Arbeit Haarnetze tragen, ich sah aus wie meine Oma!

Viel später las ich den Satz von Wilhelm Busch, dem ich heute nur zustimmen kann: Scheint dir auch mal das Leben rau, sei still und zage nicht, die Zeit, die alte Bügelfrau, macht alles wieder schlicht. Heute habe ich keine Probleme mehr mit meinem Frisör, der nach der Rechtschreibreform eingedeutscht mit ö geschrieben wird. Viel lässt sich sowieso nicht mehr an Frisur gestalten, den Scheitel trage ich in der Mitte und er wird jedes Jahr breiter…