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Von Bücherwürmern und Leseratten

Auch wenn wir dort, am nördlichen Stadtrand Hamburgs im Nachkriegsdeutschland der 1950er Jahre auch hinter dem Mond, inmitten einer eher bäuerlichen Agrarlandschaft lebten, so war diese neue Siedlung doch für Handelsvertreter aller Art attraktiv. Wir wurden von ganzen Drückerkolonnen heimgesucht, die hier Staubsauger, Küchengeräte und vor allem Zeitschriften an den Mann, oder an die Frau zu bringen versuchten. Ich berichtete bereits davon, wie an unserem Gartentor ZinkenLesen Sie auch meine Geschichte:
Frauenrechte, Vertreter und Gaunerzinken
[1] auftauchten, geheime Zeichen, verschlüsselte Botschaften für die Kollegen. Besonders hartnäckige Vertreter dieser Zunft wurden vorn an der Haustüre abgewiesen, was sie aber nicht davon abhielt, das Grundstück zu betreten, um es an der Tür des Innenhofes erneut zu versuchen. Und sie kamen nur, wenn mein Vater nicht zu Hause war.

Einen Staubsauger mit braunem Bakelit Gehäuse und eine unkaputtbare, blau-weiße Küchenmaschine der Marke Star Mix hatte meine Mutter bei Vertretern an der Tür nach ausführlicher Vorführung der Geräte gekauft und dafür jeweils einen Ratenvertrag abgeschlossen, was meinen abends heimkehrenden Vater regelmäßig auf die Palme brachte. Dabei hätte er ihr in finanziellen Angelegenheiten vertrauen können, als gelernte Buchhalterin hat meine Mutter das Familienbudget stets klug verwaltet.

Einmal bekamen wir Besuch eines ungewöhnlich bescheidenen Mannes, der einen schweren Koffer schleppend an der Türe klingelte. Ich machte in der Küche gerade meine Schularbeiten und musste nun an die Seite rücken, damit auf dem Tisch Platz für den Koffer war. Der Mann verkaufte Bücher – nicht die aus seinem Koffer – das waren nur seine Vorzeigeexemplare, nein - er verkaufte Mitgliedschaften in einer Büchergemeinschaft. Wir hatten ein Dach über dem Kopf, mussten nicht frieren oder hungern, nur die Kultur kam bis dahin zu kurz. Meine Mutter schloss daher einen Vertrag mit der Büchergilde Gutenberg, der sie zur regelmäßigen Abnahme von Büchern oder Schallplatten verpflichtete. Wenn ich mich recht erinnere, sollte pro Quartal mindestens ein Artikel geordert werden. Dazu kam vierteljährlich mit der Post ein umfangreicher Katalog der Büchergilde, aus dem die Titel ausgesucht wurden. Nach diesem Kauf hing der Haussegen wieder einmal für Tage schief, aber nach anfänglichem Getobe beruhigte sich mein Vater wieder, denn die Kosten und Beiträge waren niedrig und auch für Geringverdiener durchaus tragbar.

Als Weihnachtsgeschenke lagen von nun an vor allem Bücher auf dem Gabentisch. Ich erinnere mich an die dicke Schwarte, die gebundene Ausgabe von Coopers Lederstrumpf, die ich zu Weihnachten bekam. Das Buch enthielt alle Ausgaben der Erzählungen, wie Lederstrumpf, Der Wildtöter, Der letzte Mohikaner, Uncas und Chingachgook, die große Schlange. Über eintausend Seiten pures Abenteuer machten mich zur Leseratte und ich träumte mich in ein Land voller Wälder und Gefahren. Nach Schule und Schularbeiten zog ich mich jetzt immer öfter zum Lesen in mein Zimmer zurück. Den Ermahnungen meiner Mutter, jetzt aber endlich das Licht zu löschen und zu schlafen, kam ich nur zum Schein nach. Ich las unter der Bettdecke mit der Taschenlampe weiter, bis mir die Augen brannten und die Batterie erschöpft war. Den Lederstrumpf habe ich regelrecht in wenigen Wochen gefressen und ich hatte Bücher-Hunger bekommen, der gestillt werden wollte.

Wohl deshalb auch gestatteten mir die Eltern das Abonnement der Jugendzeitschrift Die Rasselbande, die 14-tägig erschien. Einen großen Eindruck haben die Hefte, die ich selbst von meinem Taschengeld zahlte, nicht hinterlassen. Inhaltlich eher oberflächlich dünn, ließ ich dieses Abo auslaufen und las danach lieber die Sp annenden Geschichten, an die ich mich heute noch gut erinnern kann. Diese Hefte im Format DIN A5, mit buntem hochglänzendem Umschlag enthielten je eine der Spannenden Geschichten in denen ich jetzt vom Ausbruch des Krakatau 1883 vor Sumatra las. Oder von den letzten Drachen der Erde, den Komodowaranen, die Hans-Otto Meißner so bildhaft beschrieb. Die auf der Wiese angebundene Ziege hinter dem letzten Haus unserer Siedlung betrachtete ich jetzt mit ganz anderen Augen. Meißner beschrieb in seiner Geschichte, wie Ziegen als Köder für die Warane am Strand angebunden und gefressen wurden. Die Szene aus dem Kinofilm Jurassic Park, in der ein Tyrannosaurus-Rex eine ganze Ziege frisst, kam mir doch seltsam bekannt vor, als ich ihn Anfang der 1990er Jahre im Kino sah. Hatte Steven Spielberg auch die Spannenden Geschichten gelesen und sich davon zu diesem Film inspirieren lassen?

Zu einem Geburtstag bekam ich ein Buch mit dem Titel Die rote Zora von Kurt Held. Ein Buch über eine Jugendbande, die Anführerin war ein Mädchen, das sich für Recht und Gerechtigkeit einsetzte. Keine Woche habe ich gebraucht, um es zu verschlingen. Ähnlich war auch die Geschichte von den Kindersklaven aus dem Tessin, die als Schornsteinfeger nach Norditalien verkauft wurden. Neulich sah ich die Verfilmung des Stoffes unter dem Titel Die schwarzen Brüder und erinnerte mich an das Buch, das ich in meiner Kindheit gelesen habe. Viele dieser Buchverfilmungen empfinde ich als nicht gelungen, decken sich doch die Bilder des Films nicht mit den Bildern in meinem Kopf. Als 1976 Roots von Alex Haley erschien, ebenfalls ein dicker Wälzer, bekam ich das Buch von meinen Eltern zu Weihnachten geschenkt, ihre Mitgliedschaft in der Büchergilde bestand noch immer. Der gesamte erste Teil, immerhin die Hälfte des Buches, beschrieb die Geschichte des Protagonisten Kunta Kinthe als freier Mensch, geboren in Afrika. Die Verfilmung, die kurz nach Erscheinen des Buches als elend lange Fortsetzungsgeschichte im Deutschen Fernsehen lief, hat diesen Teil nur gestreift und nur den zweiten Teil des Buches, Kunta Kinthes Sklavendasein gezeigt. Ich war von dem Film enttäuscht, das Buch war wesentlich besser.

Eine Zeitschrift habe ich besonders geliebt, sie erschien monatlich im Format DIN A4 unter dem Titel Der Kleine Tierfreund. Die Zeitschrift erschien im Abonnement und wurde über die Schule angeboten. Regelmäßig kam ein neues Heft heraus, mit vielen Bildern und Text, aber immer in schwarz-weiß. Eigentlich war der Druck farblich eher grau-grün als schwarz-weiß. Der Vater meines Schulfreundes Holger hatte Buchbinder gelernt und war beim Hygienischen Institut am Gorch-Fock-Wall in Hamburg angestellt. Zusammen mit meinem Schulfreund und den gesammelten Heften aus mehreren Jahren dufte ich ihn einmal an seinem Arbeitsplatz besuchen. Er nahm die Hefte seines Sohnes und meine in Empfang und zeigte uns Einrichtungen zum Binden von Büchern. Wir durften uns Papiere aussuchen, die später als Bucheinband für die Hefte Verwendung finden sollten. Nach ein paar Wochen konnte ich mir meinen kleinen Tierfreund als gebundene Ausgabe beim Vater meines Freundes abholen, so haben diese Hefte bis heute überlebt.

Nach Lederstrumpf habe ich fast alle Werke von Karl-May gelesen, dann habe ich Jack London für mich entdeckt, der lange Zeit zu meinem Lieblingsautor wurde. Mit Michael, der Bruder Jerrys las ich eine spannende Tiergeschichte und sah danach eine Tierdressur im Zirkus mit anderen Augen. Die Meuterei auf der Elsinore entführte mich in die Südsee, der Goldrausch in Alaska in den hohen Norden und ich folgte bereitwillig dem Ruf der Wildnis. Die Welt der Bücher nahm mich ganz gefangen, für mich eine ganz neue Welt, in der ich mich jederzeit an einen neuen Ort, in eine andere Umgebung träumen konnte. Ich reiste in die raue Schweizer Gebirgswelt Graubündens mit Knittels Via Mala und erlebte mit, wie der herzlose Sägemüller von seiner Familie auf der eigenen Säge zum Tode gebracht und anschließend im Wald verscharrt wurde. Das waren meine Reisen, die ich, dank der Bücher jetzt unternehmen konnte. Ich bin meiner Mutter heute sehr dankbar, dass sie mir diese Welt der Buchstaben und Worte gezeigt hat, es hat mir eine Tür in diese andere Welt geöffnet.

Ich erinnere mich noch an ein weiteres, ganz besonderes Buch, eine Geschichte über die unterschiedlichen Wertevorstellungen der Menschen. Das Buch hieß, wenn ich mich richtig erinnere, Der Schatz der Sierra Madre von B. TravenB.Traven war sein Pseudonym, sein vermutlicher Realname war Otto Feige [2]. Es handelt von drei Goldsuchern, die eine lange und entbehrungsreiche Zeit in der Wildnis Mexikos nach Gold schürften. Habgier führte zu Mord an den Gefährten, einer überlebte. Das Gold wurde in Ledersäckchen zwischen den Fellen von Wildtieren vor neugierigen Blicken getarnt auf die Maultiere verladen. Der letzte Überlebende geriet auf der Reise mit Wegelagerern aneinander und wurde von den Gesetzlosen getötet. Als diese das Gepäck untersuchten und zwischen den Fellen die Goldbeutel entdeckten, glaubten sie an betrügerische Absichten, die Felle sollten wohl nach Gewicht verkauft werden und die Säckchen mit dem vermeintlichen Sand darin wurden am Wegesrand entleert.

Ja, ich habe aus dem Büchern, die ich gelesen habe, vieles gelernt und auch meine Schlüsse daraus gezogen. Ich glaube, es ist kein Zufall, dass ich heute für die Erinnerungswerkstatt tätig bin und fleißig spannende, selbst erlebte Geschichten sammle.

[1] Siehe Frauenrechte, Vertreter und Gaunerzinken - Neubaugebiete scheinen eine ganz eigene Anziehungskraft auf Handelsvertreter, Zeitungswerber, Drückerkolonnen und ähnliche Gesellen zu haben…
[2] B.Traven war sein Pseudonym, sein vermutlicher Realname war Otto Feige