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Verschickung nach Heiligenhafen

Adipositas oder adipös, solche Worte kannte ich in meiner Kindheit nicht. Sie waren für mich und meine Spielkameraden Mitte der 1950er Jahre im wahrsten Sinne Fremdworte. Wir litten nicht unter Fettsucht, hervorgerufen durch Überernährung und Bewegungsmangel, ganz im Gegenteil, wir waren dünne Spiddel, wie man in Hamburg zu sagen pflegt. Nicht, dass ich darüber klagen könnte, während meiner Kindheit wirklichen Hunger erlebt zu haben. Dank unseres großen Gartens gab es frisches Gemüse, Kartoffeln und manchmal auch Fleisch zu Mittag. Fleisch gab es, wenn eines unserer Hühner zu alt geworden war, um noch Eier zu legen. Dann nahm mein Vater es dezent hinter das Haus, wo der Hauklotz stand, und meine Oma rupfte wenig später in der Waschküche die Federn des kopflosen Huhns. Tags darauf gab es zu Mittag eine Hühnerbrühe mit etwas Fleisch und den Gemüsen des Gartens, wie ich sie heute noch für mein Leben gerne esse. Ebenso wie Pellkartoffeln mit etwas Butter und Salz, ein anderes Gericht aus meiner Kindheit, an das ich mich mit Vergnügen erinnere. Es schmeckt mir heute noch gut, allerdings nehme ich zu den Kartoffeln etwas Quark.

Alle Wege wurden zu Fuß erledigt, wir hatten kein Auto und die Fahrräder der Eltern waren viel zu groß für mich. Unter Bewegungsmangel litt ich nicht, es gab immer kleine Aufgaben im Garten, ich wurde zum Beerenpflücken oder zum Einkaufen geschickt, manchmal auch, um kleine Besorgungen für meine Mutter zu erledigen. Zur Schule oder zum Bahnhof ging ich die paar Kilometer zu Fuß.

Ich erinnere mich an die Zeit, als ich ins Vorschulalter kam und dem Schularzt vorgestellt wurde. Solche Reihenuntersuchungen wurden damals durch den schulärztlichen Dienst regelmäßig an den Schulen durchgeführt, ebenso wie die Impfungen gegen Pocken und Polio. Allerdings war die Polioimpfung recht angenehm, es gab ein Stückchen Würfelzucker mit ein paar Tropfen aus einem Fläschchen darauf. An die Werbung für diese Schluckimpfungskampagne kann ich mich noch erinnern, sie lautete: Schluckimpfung ist süß, Kinderlähmung ist grausam. Der Schularzt untersuchte mich so, wie ich es viel später bei der Musterung zur Bundeswehr erlebte. Mit freiem Oberkörper standen wir in einer Reihe, klappten brav den Mund auf und zu, wenn es gewünscht wurde, drehten und bückten uns wie befohlen: Mund auf! umdrehen! Mund zu! Die meisten Kinder wurden als viel zu dünn befunden und eine Verschickung zur Kur an die See wurde empfohlen.

So kam es, dass meine Eltern ihr Wort nicht hielten und ich nach Heiligenhafen an die Ostsee verschickt wurde. Während meines sechswöchigen KrankenhausaufenthaltsLesen Sie auch meine Geschichte
Abenteuer Diagnose
in der Universitätsklinik wäre ich beinahe von einem Auto überfahren worden, als ich blind vor Tränen meinen Eltern über die Straße nachlief. Der Abschiedsschmerz am Ende der Besuchszeit war überwältigend, ich wollte nicht länger hierbleiben und lief ihnen hinterher, um nach Hause genommen zu werden. Ich war nur zur Beobachtung im Krankenhaus, aber dann vom Heimweh krank und meine Eltern versprachen mir hoch und heilig, dass ich nie wieder so lange von zu Hause weg sein würde. Jetzt aber hatte mein Vater über die Familienfürsorge weit weg von zu Hause, an der Ostsee für meinen Heimplatz gesorgt, wo ich wieder mehrere Wochen verbringen sollte. Es wurde ein Abschied mit Tränen am Hauptbahnhof, wo viele Kinder von Frauen in weißer Schwesterntracht in Empfang genommen wurden.

Mit der Eisenbahn, einer qualmenden Dampflok vorneweg, ging es nach Heiligenhafen, ganz in der Nähe der Insel Fehmarn. Dort angekommen, rannten die Glucken in ihren weißen Schürzen und mit ihrer Haube auf dem Kopf aufgeregt hin und her. Wir Kinder mussten uns zu zweit bei der Hand nehmen, obwohl wir uns noch völlig fremd waren. Dann ging es im Gänsemarsch vom Bahnhof zum Kindererholungsheim, das für die nächsten Wochen mein Zuhause sein sollte. Nach der Ansprache des Heimleiters im großen Speisesaal gab es süßen Grießbrei, den ich von zu Hause nicht kannte. Der sollte aber für die nächsten Wochen eine der Hauptmahlzeiten werden. Danach mussten alle erst in die Waschräume und dann ins Bett und Schlafen. Mein Bett stand in einem großen Schlafsaal, der mich sehr unangenehm an meine Wochen im Krankenhaus erinnerte, so ähnlich waren sich die Räume.

Der nächste Morgen begann mit dem Wiegen. Wir Spiddel waren hier ja zur Kur und der Kurerfolg musste dokumentiert werden. Danach gab es ein reichhaltiges Frühstück, dann ging es im Gänsemarsch mit den drei Oberglucken in Weiß zum Strand. Der Wassersaum war voller stinkender Algen, Seegras nannte eine der Kinderschwestern dieses Zeug, das uns daran hinderte, am Wasser zu spielen. Aber ich erkannte dieses Seegras, war es nicht das gleiche, das zu Hause aus einem Loch meiner Matratze quoll? Zur Mittagszeit zurück im Kinderheim ging es zuerst in den Waschraum zum Händewaschen unter Aufsicht, danach in den Speisesaal. Wieder wurde ein Gericht serviert, das ich von zuhause nicht kannte, es gab Dampfnudeln mit einer Vanillesoße. Danach wurden die Gardinen zugezogen und wir mussten auf Feldbetten Mittagsruhe halten, während draußen die Sonne schien – ich habe es gehasst! So vergingen die Sommertage in Heiligenhafen in einem immer gleichen Rhythmus: Aufstehen und Anziehen, unter Aufsicht Waschen und Zähneputzen, dann wurde gewogen und gefrühstückt. Es ging im Gänsemarsch zum stinkenden Strand, zurück zum Mittagessen und Mittagsschlaf, danach wieder zum Strand. Der Tag endete dann mit dem Abendbrot und es ging früh ins Bett. Und wieder hatte ich so ein furchtbares Heimweh.

Am Ende der Verschickung wurde der Kurerfolg auf der Waage festgestellt und wirklich, ich hatte zugenommen. Aber irgendwie fühlte ich mich jetzt weich und schwabbelig an, ich mochte mich gar nicht leiden. Vier Wochen gab es in Heiligenhafen nur Mehlspeisen, Grießbrei und Haferflocken, damit wir etwas auf die Rippen bekamen, nun freute ich mich auf zu Haus, auf Pellkartoffeln mit Butter, Salz und vielleicht etwas Hühnerbrühe.

Originaltext:
Unsere 5 Kinderheime, Werbeschrift der Ferienkommission des wohltätigen Schulvereins in Hamburg

Quelle: Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg,
http://resolver.sub.uni-hamburg.de/goobi/PPN670034223 (CC BY-SA 4.0 [https://creativecommons.org/licences/by-sa/4.0/deed.de])

Wer aufmerksamen Auges das körperliche Elend eines beträchtlichen Teiles unserer Großstadtjugend sieht, der wird dankbar der Arbeit des Wohltätigen Schulvereins gedenken. Bedauerlich ist, daß trotz des Wachstums der Not die Mittel zu ihrer Linderung geringer geworden sind. Besonders in den ersten Jahrzehnten seines Bestehens, als der Verein allein auf diesem Gebiete arbeitete, flossen ihm große Summen aus Legaten, gerichtlichen Schlichtungen, Sammlungen usw. zu. Diese Quelle ist fast ganz versiegt. So müssen der Staat, die Sozialversicherungen, die Krankenkassen und ähnliche Einrichtungen helfend einspringen. Hoffentlich kehrt bei besseren wirtschaftlichen Verhältnissen die frühere freiwillige Hilfsbereitschaft wieder in alter Kraft zurück. Aber trotz der Schwere der Zeit wiederholen wir die Bitte, uns durch Mitgliedschaft (Beitrag beliebig), testamentarische Mittel, gerichtliche Bußen und durch Spenden zu helfen.

Kinderheim Warteburg in Heiligenhafen

Das Heim liegt in dem stark aufblühenden Ostseebad Heiligenhafen. Es liegt eine Viertelstunde außerhalb des Städtchens, so daß die Pfleglinge ungestört ihren Spielen und dem Burgenbau am eigenen Strande obliegen können. Der Weg zum Hause führt vom Ort und dem Bahnhof durch reizende Anlagen. Das Gepäck wird durch Fuhrwerk hinbefördert. Da das Heim direkt am Strande liegt, kann vom Hause aus gebadet werden. Eine große Wiese im eigenen Besitz, die an Heim und Strand stößt, gestattet ein Spielen in der reinsten Seeluft. Eine Waschvorrichtung auf dem Spielhofe ermöglicht, daß die Kinder sich nach dem Spiel oder nach Benutzung der Tagesaborte reinigen können. Bei schlechtem Wetter stehen zwei geschmackvoll dekorierte getäfelte Spielsäle und der sehr große Speisesaal zur Verfügung. Diese gewähren auch für die besonders erfolgreichen Winterkuren abends einen behaglichen Aufenthaltsraum. Es ist das erfreuliche Ergebnis festzustellen, daß eine durchschnittliche Gewichtszunahme von etwa 5 Pfund in den vierwöchigen Sommerkuren, von 6 - 7 Pfund in den fünfwöchigen Winterkuren erzielt wird.

Die Pfleglinge schlafen in Zimmern mit 4 - 9 Betten. Die eisernen Bettstellen sind sauber weiß lackiert. Ein Brausebad mit 6 Brausen und einer Badewanne ermöglicht eine genügende Reinigung. Daneben befindet sich ein Waschraum mit 10 Waschbecken mit fließendem Wasser und mit einer Fußbaderinne. Im zweiten Stock ist ein weiterer Waschraum. In allen Geschossen sind Nachtaborte. Bei Erkrankungen steht ein Heiligenhafener Arzt sofort zur Verfügung. Krankheitsverdächtige oder erkrankte Kinder können in einem Sonderzimmer mit Zimmerabort zur Verhütung der Ansteckung abgesondert werden. Für die Winterzeit sind in Schlaf- und Spielzimmern Doppelfenster angebracht. Die Leitung des Betriebes liegt in den Händen einer erfahrenen Krankenschwester. Der große Gemüsegarten liefert frisches Gemüse und Obst. Wiederholt ist das Haus von hamburgischen und auswärtigen Schulen als Schullandheim mit vorzüglichem Erfolge benutzt. Die unterrichtliche Tätigkeit wird bei gutem Wetter im Freien ausgeübt, da dort ausreichende Sitzgelegenheiten auf einer Terrasse vorhanden sind. Bei Regen gewähren die Spielsäle Gelegenheit für diesen Zweck. Zahl der Plätze: 90.