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Oma Frieda *10. März 1886 – † 4. Oktober 1967

In den ersten Jahren im neuen Zuhause war unser Familieneinkommen gerade ausreichend, um die nötigsten Dinge des Lebens davon zu bestreiten. Familieneinkommen war das, was meinem Vater als Polizeibeamter im mittleren Dienst bei der Stadt Hamburg nach allen Abzügen als Nettoeinkommen übrigblieb. Der Urlaub wurde im eigenen Garten verlebt, an Reisen mit der Familie war nicht zu denken. Ein großer Teil der Lebensmittel wurde selbst erzeugt, dafür hatten wir den großen Garten auf Erbpacht für die nächsten neunundneunzig Jahre bekommen. Fleisch gab es vielleicht einmal im Monat, dafür hielten wir Hühner und Enten. Mein Vater brachte manchmal von seinem Dienstort in Altona frischen grünen Hering mit nach Hause, den es anderen Tags gebraten und mit Kartoffelbrei aus eigenen Kartoffeln zu Mittag gab. In Altona fanden kurz nach Kriegsende noch Fischauktionen statt, und dort, in der großen Elbstraße, gab es auch einen Kleinverkauf. Der hier verkaufte Fisch konnte nicht versteigert werden, weil er kleine Macken hatte, leicht beschädigt war oder sonstige Mängel aufwies. Daher wurden für diese Waren nur kleine Preise verlangt und mein Vater brachte den billigsten Fisch, grünen Hering, mit nach Haus.

Für Kinkerlitzchen, wie meine Oma alles Überflüssige oder nicht unbedingt zum Leben erforderliche nannte, war kein Geld übrig. Oma Frieda hatte 1945 ihre Heimat in Ostpreußen verlassen müssen, war von dort vor der Roten Armee geflohen, sprach aber noch ihren ostpreußischen Dialekt. Statt aufstapeln sagte sie auffleien und mich nannte sie manchmal Lorbass. Einen ungehobelten Menschen nannte sie Onnosel, Schlusohr, Lachodder, oder gar PomuchelskoppEin Pomuchel ist in ostpreußischer Mundart ein Dorsch. Pomuchelskopp, war in Ostpreußen eine übliche Bezeichnung für einen missmutigen, missgelaunten Menschen.. Sie war nach ihrer Flucht im kleinen Bauerndorf Zarpen in der Nähe Lübecks bei Bauer Moll untergekommen, der im Rahmen der Bewirtschaftung von Wohnraum durch die englische Besatzungsmacht ein Zimmer abgegeben musste. 1957 baute mein Vater in unserem Garten ein Häuschen, das offiziell als Stall zur Unterbringung von Federvieh deklariert wurde. Im Kaburrostpreußisch für kleiner Raum, Käfig, Niederdt.: Kabuff dieses Stalls wurden tatsächlich Plucken, wie Oma die Hühner nannte, und Enten untergebracht, die bis dahin in einem kleinen Anbau des Hauses ihren nächtlichen Schutz vor Mardern, Greifvögeln und Füchsen hatten. Der größere Raum wurde mit einem kleinen Kanonenofen ausgestattet, hatte einen Holzfußboden und elektrisch Licht.

Offiziell konnte meine Oma jetzt eine Wohnung bei ihrer Familie nachweisen und erhielt somit eine Zuzugsgenehmigung nach Hamburg. Durch das Wohnungsgesetz des Alliierten Kontrollrats vom März 1946 durfte nur der in die Stadt ziehen, der Wohnung und Arbeit nachweisen konnte. Dieses Gesetz wurde erst 1950, nach dem Beginn des Wiederaufbaus der zerstörten Stadt, etwas gelockert. Natürlich durfte niemand wissen, dass die Wohnung nur ein kleines Zimmer in einem als Stall deklarierten Häuschen war. Aber wir freuten uns alle über die Vorteile, die diese Wohngemeinschaft nun bot. Oma lebte fortan bei uns im Haus, ging aber zum Schlafen oder wenn mal dicke Luft herrschte, in ihr Stübchen. Sie bezahlte ein Wohngeld, gab ein paar Dittchen von ihrer Rente ab, wie sie es nannte, kochte manchmal für die Familie Klunkermus, eine Suppe aus Eiern, Milch und Weizen mit Klunkern (norddeutsch: Klöße oder Klüten) oder passte auf uns Kinder auf. Ich erinnere mich an die köstlichen Gerüche, die sonntagmorgens durch das Haus zogen. Weil Oma nicht mehr schlafen konnte, war sie schon früh in der Küche und verwandelte einen Hefeteig mit Rosinen zu köstlichen zuckergussüberzogenen Schnecken, die zum Frühstück serviert wurden. Zucker nannte sie, wie man in Ostpreußen sagte, Muschkebad. Dazu gab es ein Schlubberchen Kornfrank; Kaffeeersatz. Diese ganz besonderen Sonntage sind mir gut im Gedächtnis geblieben, auch wenn ich heute nur noch selten süßen Kuchen esse.

In der kalten Jahreszeit ging Oma schon früh in ihr Stübchen, wie sie ihr neues Zuhause jetzt nannte. Der Grund war sicher, dass es dort wärmer war als bei uns im Haus. Ihre Zeit verbrachte sie mit Handarbeit und Lesen. Sie hatte das Ostpreußenblatt abonniert, das offizielle Presseorgan der Landsmannschaft Ostpreußen. Tatsächlich fand sie in den Suchanzeigen Menschen aus ihrer Nachbarschaft in Osterode in Ostpreußen, die der Krieg in ganz Deutschland verstreut hatte.

Unser Haus hatte 1960 einen Anbau erhalten. Der Maurermeister Scheithauer und sein Helfer, ein spanischer Gastarbeiter, der so aussah, wie ich mir Sancho Panza, den Begleiter von Don Quijote vorstellte, hatten den Bau im September begonnen. Mein Vater und sein Bruder Ulrich haben die Zimmerarbeiten in Eigenleistung erbracht, um die Kosten zu senken. Unsere neue Gute Stube, wie meine Mutter sie nannte, wurde zu Weihnachten eingeweiht. Dort stand ein großer Hamburger Kachelofen, der aber nur an den Sonn- und Feiertagen angeschürt wurde. Den Rest der Woche blieb die Stube kalt. Auch das obere Stockwerk mit den Schlafzimmern für Eltern und Kinder wurde nicht geheizt. Morgens waren oft schöne Eisblumen an den nur einfach verglasten Fenstern. Und dort, wo der Atem des Nachts über die Bettdecke ging, war sie morgens hart gefroren. Da hing mir manchmal vor Kälte der Schnodder an der TuntelOstpreußisch für die rote Nase in Zusammenhang mit dem Alkohol, wie meine Oma sagte. Der einzige Raum, der regelmäßig geheizt wurde, war die Küche.

Wir besaßen einen Gasherd zum Kochen und Backen und eine sogenannte Küchenhexe. Das war ein Beistellherd mit einer gusseisernen Herdplatte, der mit Holz und Kohlen befeuert wurde. Die Herdplatte konnte geöffnet werden, um einen Topf direkt auf das Feuer zu setzen. Dazu gab es Herdringe, die einzeln herausgenommen werden konnten. Eine vernickelte Stange lief rund um den Herd, auf der die Geschirrhandtücher getrocknet wurden. Die Küchenhexe, auch Kochmaschine genannt, wurde im Winter zum Heizen und Kochen genutzt, außerhalb der Heizperiode wurde auf dem Gasherd gekocht. Dann gab es noch einen Waschkessel aus Feuerbeton in der Waschküche nebenan. Der diente am Badetag, samstags, zum Erwärmen des Badewassers, an Waschtagen zum Kochen der Wäsche. Auch wurde heißes Wasser gebraucht, um die geschlachteten Hühner damit zu überbrühen. Dann ließen sich die Federn besser ausrupfen.

In Omas Stübchen war es im Winter immer warm und sehr gemütlich. Eine kleine Leselampe verbreitete schummriges Licht, Oma plachanderteostpreußisch, eine Unterhaltung, ein gemütliches Schwätzchen dann von Zuhause in Ostpreußen und ich hörte ihr gerne zu. Während sie erzählte, machte ich mich nützlich. Der alte Pullover hatte ein Loch bekommen, wurde deswegen aber nicht weggeworfen. Oma Frieda nahm die einzelnen gestrickten Teile auseinander und reppelte das Gestrickte auf. Ich durfte ihr dabei helfen, indem ich beide Arme vorstreckte, damit sie mir die aufgereppelte Wolle um die ausgestreckten Hände winden konnte. So wurde ich zum Wollhalter, mit den Daumen hielt ich die Fäden fest. Anschließend wurde die Wolle zu einem Knäuel gewickelt, bevor ich ganz lahme Arme hatte. Dort, wo das Loch im Pullover war und die Wolle zerrissen, wurden die Fäden nun fein zusammengeknotet. Mit der auf diese Weise gewonnenen Wolle wurden nun neue Pullover oder warme Strümpfe gestrickt.

Wenn Sie, liebe Leserin, lieber Leser, nun glauben, ich würde mich mit dieser Beschreibung unserer Lebensumstände in den 1950er und 1960er Jahren unsere Armut beklagen wollen, irren Sie. Was mich heute daran erinnern lässt, sind die Klagen über Kinderarmut und Altersarmut, die heute überall zu hören sind. Ich habe dieses Gefühl nicht, wenn ich an meine Kindheit in den Nachkriegsjahren denke. Dass wir alles andere als reich waren, geht aus meinem Bericht hervor, aber wir hatten zu essen, ein Dach über dem Kopf, und mussten weder hungern noch frieren. Anderen in meinem Umfeld ging es nicht anders, der Neid hielt sich deshalb in Grenzen. Meine Schulkameraden und Freunde liefen ebenfalls mit gestopften Strümpfen herum. Wir sind so zur Generation wirft nichts weg, isst alles auf geworden. Und wir waren auf eine Weise reich, die heute unbekannt zu sein scheint. Wir haben miteinander Gesellschaftsspiele gespielt, einander etwas erzählt, miteinander gelacht und Bücher gelesen.