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Im Drill-Lager der Hitlerjugend 1941
oder:
Der letzte Sommer vor dem Krieg

So als wollte er uns noch einmal zeigen, was das Leben wert war, kam 1939 der Sommer in den schönsten Farben über uns. Es sollte der letzte Sommer vor dem großen Krieg sein. Die Flensburger Förde glitzerte, eingerahmt vom Grün der Wälder. Dampfer fuhren und die weißen Segel auf dem blauen Wasser machten den Anblick zu einem impressionistischen Gemälde. Mitten in diesem idyllischen Sommer verkündete die Stimme des Führers über die Volksempfänger das Unheil: Deutsche Truppen fielen in Polen ein. Es ist Krieg, raunten alle im Haus und auf der Straße mit zitternden Stimmen. Manche weinten. Das Ausmaß der Katastrophe, die noch vor uns lag, konnten wir nicht einmal erahnen.

Der Krieg hatte unser Leben schnell im Griff. Meine Mutter erinnerte sich an den Winter 1917, an die ekelerregenden Dinge, die sie gegessen hatte, um den Hunger zu bekämpfen. Jetzt waren die Vorboten des Hungers wieder da: die Knappheit, die Mühsal des Sparens und Rechnens, die Lebensmittelkarten und die Schlangen vor den Geschäften. Der Winter wurde hart und streng, die Förde gefror. Der Fisch wurde knapp. Aber der Krieg war noch weit weg. Nur langsam drängte er sich unbarmherzig in unser Bewusstsein: Die Nachrichten, die Feldpost und die schwarz umrandeten Todesanzeigen in den Zeitungen sprachen eine deutliche Sprache.

Kritik an diesem Krieg vernahm ich nirgendwo. Dafür sprach man oft von der Pflicht, die zu erfüllen der Führer von uns erwarte. Auch in der Schule. Ich war 14 Jahre alt und fragte mich, ob ich eines Tages auch in den Krieg ziehen würde, den ich mir nicht vorstellen konnte. Noch war alles offen.

Nachdem Verdunkelung angeordnet worden war, kaufte ich schwarze Rollos und bastelte so lange, bis durch keines der Fenster und keine der Türen noch ein Spalt Licht drang. Unser uniformierter Blockwart überwachte jede Wohnung und jedes Haus der Siedlung. Für jedes Loch im Rollo drohten empfindliche Strafen. Der Mann meinte es ernst, denn nun hatte er die Befehlsgewalt, die ihm im zivilen Dasein abgegangen war.

Die höheren Dienstgrade innerhalb der Marine-Hitlerjugend, deren Mitglied ich war, und die Lehrer in der Schule mühten sich, uns Vertrauen in die übermenschlichen Fähigkeiten des Führers einzubläuen, den Glauben an die geradezu mythische Kraft deutscher Soldaten und die Unüberwindlichkeit deutscher Waffen. Der Führer, hieß es, marschiere in Polen ein, um Rache zu nehmen für das Ungemach, das die Polen den Deutschen angetan hatten. Heute wissen wir, dass es Propaganda war. Holland, Frankreich, Dänemark und Norwegen wurden überfallen. Der Führer wird schon wissen, was recht ist, dachten wir. Mein Vater schien am Sieg der Deutschen keinen Zweifel zu haben.

Nachdem deutsche Flugzeuge im November 1940 das Stadtzentrum der englischen Stadt Coventry in Schutt und Asche gelegt hatten, übten wir mit Gasmasken für den Fall eines Vergeltungsschlags mit Gasbomben. Ich schleppte schwere Eimer voller Sand und Wasser auf den Hausboden und übte, wie man die giftigen Stabbrandbomben wirksam löschte. In der Schule sammelten wir Geld für die Auslandsdeutschen. Mutters leicht verstaubten Pelz brachte ich zur Sammelstelle der Winterhilfe in der Hoffnung, er würde im klirrenden russischen Winter einem Landser die Haut wärmen.

1941 wurde ich durch die Vorgesetzten der Marine-Hitlerjugend auf die Seesportschule Prieros im Spreewald geschickt. Ich sollte die seemännische A-Prüfung ablegen. Mit Marschpapieren und dicken Stullenpaketen ausgestattet, saß ich zusammen mit drei anderen Hitlerjungen im Zug nach Berlin. Rauchende, trinkende und lärmende Soldaten gaben ihre Fronterlebnisse zum Besten und wurden bewundert. Endstation war der rauchgeschwärzte Lehrter Bahnhof, auf dem ein großes Schild mit den Worten Räder müssen rollen für den Sieg! prangte. Schwestern vom Roten Kreuz reichten Saft und Ersatzkaffee. Man gab uns den Befehl, zu unserer Nachtunterkunft loszumarschieren. Trübsinnig und hungrig latschten wir durch dunkle Trümmerstraßen, vorbei an fensterlosen Ruinen, bis wir vor der alten Kaserne irgendeines Regiments standen und ein mürrischer Wachmann uns unsere Stubennummer zubellte. Nachts gab es Bombenalarm. Die stickige Luft im Keller brummte. Luftminen barsten in der Nähe. Dann gab es endlich Entwarnung.

Die Seesportschule in Prieros war ein Heim der Marine-Hitlerjugend für die vormilitärische Ausbildung, ein Drill-Lager, malerisch gelegen am Ufer der träge dahinziehenden Dahme. Um den Fahnenmast mit dem Hakenkreuz gruppierten sich weiße einstöckige Häuser. Ein müder Friseur raspelte uns nach unserer Ankunft die Haare auf Streichholzlänge. Wir bekamen weißes Drillichzeug zum Anziehen, viel zu große Marschstiefel, und traten an. Wachführer Fleischhauer richtete sein Säufergesicht auf die jungen Männer und brüllte: Ich schleif euch die Eier! Ich hatte den Eindruck, dass er hilflos war und litt. Wie sollte er diesen Sauhaufen bloß zu richtigen Menschen machen? Ich lache nie, schrie er uns an, und wenn ich lache, lacht der Teufel.

Wachführer Kizina, auch er ein Trinker vor dem Herrn, ließ Tränen, wenn unsere schwermütigen Seemannslieder auf unseren Märschen den Wald durchwehten und die Jungmänner im Drillich unter den Angriffen stechwütiger Moskitos aus den Sümpfen der Spree seufzten. Mancher weinte still in die Kissen, wenn der Wolf im Hintern saß nach all den endlosen Kilometern und die Fersen unter dem baumwollenen Fußlappen sich bis aufs rohe Fleisch wundgescheuert hatten. Aber ein deutscher Jungmann weint nicht – nur verstohlen nachts unter der Decke. Hitlerjungen und Jungmädel redeten im Heim übrigens nie miteinander. Nur beim Morsen in der großen Halle, im singenden Geklacker der Tasten, konnte man das Ditt-da-Diditt heraushören, was unter Kennern der Morsesprache heißt: Ich liebe Dich!

Der Krieg diktierte unser Denken, unsere Gespräche, unsere Beziehungen. Menschen im Krieg sind nicht sie selbst, sondern unwichtige Figuren eines Spiels, dessen Regeln sie nicht durchschauen. Auch deshalb flüchteten wir in das sogenannte Puschenkino nebenan, das man in Hauslatschen betreten konnte. Für 50 Pfennige sahen wir nach der Deutschen Wochenschau und dem Kulturfilm über freundliche Blindschleichen oder bärtige Geigenbauer in Mittenwald Filme aus deutscher Produktion: Oh, diese Männer, Geheimakte WBI, Der große König, Maja zwischen zwei Ehen, Der Meineidbauer, Der dunkle Ruf.

Im Englischunterricht verteilte der Studienrat Adressen von Frontsoldaten, denen wir schreiben sollten. Ich schrieb einem Leutnant, erhielt Antwort mit einem Foto, auf dem er vor seinem Bunker an der Ostfront zu sehen war. Er schrieb, er habe sich gefreut über das Feldpostpäckchen. Drei Tage später fiel er. Als ich die Nachricht in Händen hielt und mir die Tränen herunterliefen, spielte man im Radio die Soldatenhymne Lili Marleen, ein Lied, das auch die Engländer einträchtig mitsangen.

Irgendwann war das Drill-Lager überstanden und es ging zurück nach Hause. Im örtlichen Rathaus wurde ich per Handschlag für das sogenannte Polizeischnellkommando vereidigt. Geschützt mit einem Helm musste ich bei Bombenalarm mit dem Fahrrad durch die Gegend fahren, die Einschlagstellen notieren und später melden. Derweil bellte die Flak und schoss feindliche Flieger vom Himmel. Das Fahrrad putzte, hütete und reparierte ich so gut es nur ging. Es war ein unersetzliches Verkehrsmittel – und noch dazu mein Freund. Auf ihm bewältigte ich den Schulweg, erforschte die Gegend auf einsamen Pfaden. Ich fürchtete um die Schläuche, sie mussten immer wieder geflickt werden. Aber ich sehnte mich nach Licht und Freiheit. So sehr, als hätte ich gewusst, dass ich bald Bekanntschaft mit der Enge und Dunkelheit der SchützengräbenLesen Sie auch den Zeitzeugenbericht:
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von Kurt Jürgen Voigt
machen würde.