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Das Haus meines Schwiegervaters

Ich sehe gern Tierfilme, in denen das Verhalten der Tiere thematisiert wird. Es ist frappierend zu beobachten, wie deren Handlungsweise der von uns Menschen ähnelt.

Vor Kurzem schaltete ich in eine Sendung, in der das Brutverhalten der Pinguine durch einen Kameraroboter in Form eines Pinguins beobachtet wurde. Das Nistmaterial war in der kargen Landschaft rar und die Nistplätze lagen dicht beieinander. Die Pinguine suchten sich ein paar Stöckchen in der Umgebung, um ein einfaches Nest zu bauen. Der Kameraroboter hatte speziell einen einzelnen Pinguin im Visier. Dieser beobachtete seine Kollegen und, wenn ein anderer Artgenosse sein Nest verließ, um weiteres Nistmaterial zu suchen, watschelte er schnell an das nun leerstehende Nest, um dessen bereits verbautes Material zu stibitzen. Er musste sich sehr beeilen, denn wenn der Besitzer des Nestes zu früh zurückkam, gab es gewaltigen Zoff.

Ich musste sofort an meinen Schwiegervater denken. Ich kannte ihn nur als einen großen, kräftigen älteren Herrn mit schlohweißen Haaren. Durch sein selbstbewusstes Auftreten wurde ihm allgemein Respekt entgegengebracht. Wenn er in gemütlicher Runde etwas tiefer ins Glas geschaut hatte, gab er oft Anekdoten zum Besten, besonders über den Wiederaufbau seines Hauses.

Er besaß ein großes altes Mietshaus am Rande der Innenstadt, das um die Jahrhundertwende gebaut wurde. Im Zweiten Weltkrieg wurde sein Haus von den Bomben fast vollständig zerstört, während einige Nachbarhäuser unversehrt blieben. Mein Schwiegervater wurde aus mir unbekannten Gründen nicht zum Militär eingezogen und so konnte er schon sofort nach Kriegsende mit dem Wiederaufbau seines Hauses beginnen.

Es herrschte Chaos, denn die Ordnung war noch nicht wiederhergestellt. Während Frau und Kind in einem Zimmer zur Untermiete bei einer Kriegerwitwe wohnten, baute Schwiegervater eine Hütte auf seinem Grundstück, in der er Tag und Nacht zubrachte. Er musste ständig seine Baustelle bewachen, denn, wie er sagte, klauten die Anderen das Baumaterial wie die Raben – oder auch wie die Pinguine. Zur Verteidigung hatte er eine Waffe und scharfe Munition. Auf die Frage, ob er die Waffe benutzt und ob er sich auch als Rabe betätigt habe, schmunzelte er vielsagend. Er gab aber offen und vergnügt zu, dass er sich anfangs viel auf dem Schwarzmarkt beschaffte und sich aus leerstehenden Häusern, die nur zum Teil zerstört waren, Brauchbares organisierte. Nach seinen Erzählungen hatte ich den Eindruck, man betrachtete damals in dem allgemeinen Durcheinander Diebstahl als eine Art Sport. Der Schnellere, Stärkere und Skrupellosere siegte. Man durfte sich nur nicht erwischen lassen. Dann gab es Zoff, – wieder genau wie bei den Pinguinen.

Das Haus sollte so schnell wie möglich wieder bewohnbar gemacht werden, deshalb beging mein Schwiegervater den Fehler, alles genauso wieder aufzubauen wie es vor dem Krieg gewesen war und wie um die Jahrhundertwende gebaut wurde. Im Erdgeschoss war ein Laden mit einer Einliegerwohnung, hier zog ein Lebensmittelhändler ein. Für die Kunden hatte das den Vorteil, dass sie auch nach Ladenschluss noch hintenrum einkaufen konnten. Durch einen großen Torbogen konnten auch größere Fahrzeuge auf das hintere Grundstück fahren. Leider nahm Schwiegervater keinerlei Modernisierung vor. Es gab also keine Bäder und die Toilette war für zwei Parteien auf halber Treppe. Allerdings ließ er die ehemalige typische Fassadenverzierung aus rotem Sandstein wohl aus Kostengründen weg, behauptete aber, das sei nicht mehr modern. Nachdem die Fassade weiß verputzt war, konnte man tatsächlich denken, es handele sich um einen damals modernen, funktionalen Neubau der 1950er Jahre.

Der Bau ging anfangs nur langsam voran, denn er hatte keine festen Arbeiter, sondern nur Aushilfen, selten gute Fachleute. Bezahlt wurden sie mit Sachleistungen. Mit welchen Sachen er bezahlte, blieb sein Geheimnis. Später bekam er finanzielle Hilfe vom Staat, denn der Wohnungsbau hatte Vorrang. Jetzt konnte er seine Arbeiter legal bezahlen. Die staatliche Förderung hatte aber zur Folge, dass für längere Zeit eine geringe Miete festgelegt wurde.

Das Grundstück war nur so breit wie die Straßenfront des Hauses, denn die vier- bis fünfgeschossigen Mietshäuser der Straße waren ohne Zwischenraum aneinandergebaut. Es ging aber in der Länge sehr weit nach hinten, fast bis zur nächsten Straßenzeile. Während die Nachbarn ihre Grundstücke zur Selbstversorgung nutzten, zum Teil überließen sie auch den Mietern Parzellen zur Bewirtschaftung, setzte mein Schwiegervater auf Mieteinnahmen. Sobald die Wohnungen im neuerbauten Altbau bezogen waren, bekam er neue Kredite und baute damit auf das hintere Grundstück seitlich einen Fabrikbau, in den eine Lederwarenfabrik einzog. Das oberste Geschoss nutzte er als eigene Wohnung. Allerdings baute er hier von Anfang an moderne sanitäre Anlagen ein. Auf der restlichen Fläche des Grundstücks errichtete er Garagen. Für den entstehenden Fahrzeugverkehr wurde der gesamte Hof zubetoniert.

Man sollte annehmen, dass der Garagenbau damals, als es noch nicht so viele Autos gab und Parkplätze deshalb keine Mangelware waren, eine Fehlinvestition war. Aber das Gegenteil war der Fall. Die wenigen Autobesitzer behandelten ihr wertvolles Auto wie ein Familienmitglied und sie wollen es auf keinen Fall nachts alleine auf der Straße stehen lassen. Dafür nahmen sie auch längere Wege in Kauf, um es in einer der noch seltenen Garagen unterzustellen.

Als ich Anfang der 1960er Jahre, nach meiner Heirat selbst in das Haus zog, konnte ich jeden Samstag auf dem Hof das gleiche Ritual beobachten: Die Garagenbesitzer trafen sich zur Instandhaltung und Pflege ihrer Autos. Die Fahrzeuge wurden repariert, shampooniert, poliert und es wurde schwadroniert über Hubraum und Pferdestärken. Dabei wurde manche Kiste Bier geleert. Die Verunreinigung des Grundwassers durch das Autowaschen war anfangs noch kein Thema, aber später meinte mein Schwiegervater, dass er einen Ölabscheider einbauen müsse.

Nachdem die Mietpreisbindung abgelaufen war und höhere Mieten verlangt werden konnten, fing er an zu modernisieren. Die Wohnungen bekamen eigene Toiletten und Duschbäder. Das ging zu Lasten der großen Wohnküchen. In die verbleibenden kleinen Küchen wurden jetzt pastellfarbene Küchenzeilen, sogenannte Schwedenküchen, eingebaut. Die Toiletten auf halber Treppe wurden zu Abstellkammern. Der Umbau konnte nur Zug um Zug vorgenommen werden und das Haus war jahrelang eine Baustelle. Kurz vor unserer Heirat wurden wieder Wände durchgebrochen und aus zwei Zweizimmerwohnungen entstanden eine Ein- und eine Dreizimmerwohnung. In Letztere zogen wir dann ein. Es waren ständig Handwerker im Haus, denn es wurde weiter erneuert, umgebaut und modernisiert. Jetzt rächte es sich, dass beim Wiederaufbau zum großen Teil altes Baumaterial verwendet wurde und vor allem die Elektrik auf Vorkriegsniveau geblieben war. Bei allem Bemühen blieb es immer ein Altbau. Mein Schwiegervater war aber zeitlebens Stolz auf seine Leistung, denn sie sicherte ihm ein gutes Einkommen.

Kurz nachdem meine Tochter geboren wurde, zogen wir in ein Haus am Stadtrand, wo es einen Garten zum Spielen gab und auch eine Schaukel und ein Sandkasten aufgestellt werden konnten. Das geschah sehr zum Missfallen meiner Schwiegereltern, denn sie hatten für unseren Umzug keinerlei Verständnis.