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Christlich erzogen

Ich bin in einem christlichen Elternhaus aufgewachsen. Mein Vater war Pastor und im Stammbaum meiner Mutter tummeln sich seit 1650 etwa 75 Geistliche aller Hierarchiestufen. Ich sog die christliche Erziehung sprichwörtlich mit der Muttermilch auf. Ich wurde getauft. Vor dem Essen und vor dem Schlafen wurde gebetet. Ich lernte, dass der liebe Gott allmächtig ist, ein gerechter Gott, dass man sich auf ihn verlassen kann. Ich lernte auch, dass Gott alles sieht, dass man sich vor ihm nicht verstecken kann. Ich wurde zum Kindergottesdienst geschickt und musste jeden Sonntag in die Kirche gehen. Später lernte ich den Kleinen Katechismus auswendig. Und ich wurde konfirmiert. Kurz, mir wurden christliche Werte und christliche Tradition vermittelt.

Dann lernte ich, logisch zu denken. Das gefiel mir.
Irgendwann kamen mir Zweifel. Dann hörte ich, dass der Zweifel zum Glauben gehört. Ich zweifelte weiter, entdeckte Widersprüche.
Ich lernte, dass Jungfrauen keine Kinder kriegen. Da fragte ich mich, ob Jesus wirklich der Sohn von Maria sein konnte.
Ich lernte, dass sich der Wein beim Abendmahl in das Blut Christi und die Oblate in seinen Leib verwandeln würde. Aber der Wein schmeckte immer nur nach Wein und die Oblate nach Pappe.
Ich lernte, beim Betreten einer Kirche die Mütze abzunehmen. Und ich lernte, dass Gott überall gegenwärtig ist. Ich fragte, ob es dann nicht besser sei, auch außerhalb der Kirche die Mütze wegzulassen.
Ich lernte, dass Frauen die Kopfbedeckung in der Kirche nicht abnehmen müssen. Und ich lernte, dass Mann und Frau gleichberechtigt sind. Ich fragte, ob Frauen denn gleicher vor Gott sind.
Ich lernte, dass Gott den Menschen nach seinem Bilde gemacht hat und wunderte mich, dass es so viele hässliche Menschen gibt. Den Umkehrschluss, dass Gott hässlich sein könnte, habe ich damals nicht zu denken gewagt.

1966 bis 1968 studierte ich an der Freien Universität Berlin. Dort lernte ich, alles zu hinterfragen und gegen inhaltsleere und unverständliche Traditionen zu protestieren. Auch gegen die des Elternhauses.
Ich hatte gelernt, dass Gott vollkommen ist und fragte mich, warum Gott es zulässtTheodizee ist der vergebliche Versuch der Rechtfertigung eines allmächtigen, allgütigen und allwissenden Gottes angesichts allen Übels und Leidens in der Welt. Mehr dazu in http://de.wikipedia.org/wiki/Theodizee, dass Menschen den Vietnam-Krieg und andere Kriege führen, dass es Pest und Cholera und Tsunamis gibt, oder dass ein geliebter Mensch stirbt, obwohl Gott es hätte verhindern können. Ich fragte mich, ob er vielleicht Spaß daran habe, oder ob er vielleicht doch überfordert ist. Aber ich lernte, dass alles Elend Prüfungen Gottes sind. Er erwarte, dass man trotz allem glaubt, wie Hiob es getan hat.

Dann fragte ich mich, warum wir lieber Gott sagen. Wollen wir uns damit einschmeicheln, ihn beschwichtigen, um seinen Zorn nicht heraufzubeschwören?
Ich fragte mich, was der Maßstab für gottgefälliges Handeln wäre. Haben Gott und die Menschen überhaupt dieselbe Werteskala? Und woher wissen wir dann von dieser Werteskala? Hatte Moses nicht einfach die Schnauze voll vom unmoralischen Treiben seines Volks und ist auf den Berg Sinai geklettert, um seine Ruhe zu haben? Hat er dort aufgeschrieben, was ihm gestunken hat und das als Gottes Gesetz verkündet?
Ich lernte, dass der Heilige Martin einem frierenden Bettler seinen halben Mantel schenkte. Dann lernte ich, dass die Katholische Kirche in Rom über einen riesigen Kirchenschatz verfügt. Da fragte ich mich, warum sie den nicht verkauft und das Geld den Armen gibt.

Ich lernte, dass Deutschland ein laizistischer Staat ist, dass es eine Trennung von Religion und Staat gibt. Da fragte ich mich, warum im Grundgesetz steht, dass wir eine Verantwortung vor Gott haben und warum Minister beim Eid auf unsere Verfassung sich mit der Floskel so wahr mir Gott helfe ein Hintertürchen offenlassen, gegen ihren Eid verstoßen zu können, wenn Gott ihnen mal nicht helfen sollte.
Ich lernte, dass der Staat bei Kirchenmitgliedern automatisch die Kirchensteuer abführt. Da ahnte ich, warum ich getauft wurde, als ich noch nicht Nein sagen konnte.
Ich fragte meinen Vater, denn der musste es ja wissen. Dann lernte ich, dass ich Fragen stellte, die seine Existenzgrundlage infrage stellten. Ich merkte, dass meine Eltern angreifbar waren und dass ich sie mit meinen Zweifeln und Fragen erschüttern konnte. Aber das wollte ich nicht.

Mein Vater sagte: Gott ist Liebe. Mit Liebe konnte ich etwas anfangen. Aber wenn die Begriffe synonym sind, wozu brauche ich dann den Begriff Gott?
Ich fragte mich, ob es fair sei zu beten, weil man Gott damit in Konflikte bringen kann. Wessen Gebet soll Gott erhören, wenn der eine betet, dass die FDP in den Bundestag kommen möge, der andere, dass sie unter fünf Prozent bleiben möge? Soll er nach Sympathie gehen? Oder gewinnt der, der mehr Vaterunser betet?
Ich fragte mich, ob Gott uns hört, wenn wir beten. Ich machte die Probe aufs Exempel, unterließ das Glauben und das Beten. Ich wurde nicht vom Blitz erschlagen.

Ich lernte, dass es drei monotheistische Religionen gibt und dass nur der Gott der Christen der richtige Gott ist. Deshalb fragte ich mich, warum die heutigen Christen so tolerant den anderen Religionen gegenüber sind. Ich fragte mich, ob man einen Absolutheitsanspruch nicht vehementer und konsequenter vertreten muss? Machen die radikalen Christen, Moslems und Juden das nicht besser? Verrät man nicht seinen Glauben, wenn man den anderen Religionen gegenüber tolerant ist?

Ich lernte, dass das Volk Israel das von Gott auserwählte Volk sei. Ich lernte, dass Gott das Volk Israel rettete, indem er das Heer des Pharaos vernichtete. Ich fragte mich, wie passt es zusammen, dass Gott es zuließ, dass die Nazis Millionen Juden umbrachten?

Dann lernte ich, dass alle drei Religionen an denselben Gott glauben. Ich fragte mich, warum die Religionen dann Kriege gegeneinander führen, warum sie die Menschen ihres anderen Glaubens wegen verfolgen, versklaven, rädern, vierteilen, verbrennen und ganze Völker ausrotten.

Ich fragte nach, ob der Gott der drei monotheistischen Religionen wirklich derselbe Gott ist. Denn ich lernte, die Mütze in der Kirche abzunehmen, in der Synagoge aber eine Kippa aufzusetzen und in der Moschee die Schuhe auszuziehen. Ich lernte, dass ein Priester nicht heiraten darf, ein Rabbi aber verheiratet sein muss. Ich lernte, dass bei den Christen frontal von der Kanzel gepredigt wird, bei den Juden die Diskussion über die Heiligen Schriften und deren Auslegung Teil der Kultur ist.

Ich lernte, dass man automatisch ein Jude ist, wenn die Mutter eine Jüdin ist, und dass man automatisch ein Moslem ist, wenn der Vater ein Moslem ist. Ich fragte, welcher Religion jemand angehört, der eine jüdische Mutter und einen muslimischen Vater hat. Aber ich verwarf die Frage bald wieder, weil ich eine solche Konstellation für höchst unwahrscheinlich hielt.

Schließlich kapierte ich, dass alle Überlieferungen und Regeln einschließlich der Behauptung, dass es einen Gott gibt, von Menschen gemacht sind und dass es in Wahrheit um ganz andere Dinge geht. Es geht um Emotionen und Gefühle, um Macht und Geld, um Angst, Geborgenheit und Sicherheit. Es geht nicht darum, Widersprüche aufzudecken, es geht nicht um Logik oder um Ratio. Wilhelm Busch hat es auf den Punkt gebracht: Wer in Glaubenssachen den Verstand befragt, kriegt unchristliche Antworten.

Heute zweifle ich nicht mehr, sondern ich glaube. Ich weiß nicht, ob es einen Gott gibt, aber ich glaube, dass es keinen gibt, eine Meinung, die fast die Hälfte aller Deutschen mit mir teilt. Solange wir zu wenig wissen, müssen wir glauben. Aber die Menschheit wird weiter forschen. Vieles wird sich eines Tages in Wissen wandeln.

Richard Dawkins schrieb: Die Religion lehrt uns, damit zufrieden zu sein, dass wir die Welt nicht verstehen. Ich will aber die Welt verstehen und nicht zufrieden sein. Ich halte es mit Frank Schätzing, der schrieb, dass Glaube nicht ist, es nicht besser zu wissen, sondern Glaube ist, es nicht besser wissen zu wollen.

An manchen Zufriedenen stört mich, dass sie zwar behaupten zu glauben, sich aber so verhalten, als ob sie wissen würden. So übe ich mich in Toleranz den Zufriedenen gegenüber. Ich lasse zu, dass sie glauben, Gott habe ihnen geholfen, wenn sie sich selbst helfen. Und wenn sie beten, können sie erfahren, dass Gebete nützen können. Die Psychologie nennt es Autosuggestion.
Meine Frau und ich haben nicht kirchlich geheiratet und wir haben unsere Kinder selbst entscheiden lassen, was sie glauben oder wissen wollen. Aber ich habe mit meiner christlichen Erziehung meinen Frieden gemacht. Auf dem Grabkreuz meiner Eltern steht auf der einen Seite: Gott ist Liebe. Und auf der anderen: Wer in der Liebe bleibt, bleibt[1]. Ja, sie bleiben in meiner Liebe. Ich konnte meinen Eltern ihren Glauben lassen, hätte aber gern mehr mit ihnen diskutiert und gestritten.

Wenn einst die Altäre der heutigen Religionen in den Völkerkunde-Museen stehen und man über das Christentum und den Islam so lächelt wie heute über die germanischen, römischen und griechischen Götter und über die Naturvölker, dann möchte ich dabei sein. Aber ich glaube, nein, ich weiß, dass ich das nicht mehr erleben werde.

[1] Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm. (1. Joh. 4,16)