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Kindheit in Klein Borstel

Warum ich kein gebürtiger Hamburger bin

Eigentlich wollte ich ja in Hamburg geboren werden, aber dann kam alles ganz anders.

Mein Vater hatte am 1. Mai 1943 sein Vikariat beendet und wurde zwei Wochen später Hilfsprediger in der Hamburger Hauptkirche St. Katharinen. Am 3. Juni 1943 heirateten meine Eltern und konnten gemeinsam in die kleine Wohnung im Katharinenkirchhof 26 einziehen. Zehn Tage später wurde mein Vater von Hauptpastor Volkmar Herntrich ordiniert. Draußen tobte der Zweite Weltkrieg, aber ihre kleine Welt war in Ordnung. So schien es zumindest.

Sechs Wochen später brach über Hamburg die Hölle los. In der Operation GomorrhaOperation Gomorrha war der militärische Codename für eine Serie von Luftangriffen, die von der britischen Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg beginnend Ende Juli 1943 auf Hamburg ausgeführt wurden.Siehe Artikel in der Erinnerungswerkstatt gingen viele Stadtteile Hamburgs in Flammen auf. Der Feuersturm wütete mehrere Tage. Am 27. Juli stürzte der brennende Turm der Katharinenkirche auf das Haus, in das meine Eltern gerade eingezogen waren. Ihr gesamter, gerade zusammengeerbter Hausrat, einschließlich des Tafelsilbers, wurde ein Opfer der Flammen. Nur sie blieben verschont, denn sie waren kurz zuvor zu meinen Großeltern nach Neuenkirchen gefahren.

Nach einigen Zwischenstationen und einem Sanatoriumsaufenthalt im Schwarzwald, um seine Tuberkulose auszuheilen, wurde mein Vater am 1. April 1944 zum Pastor ernannt und nach Niederbayern geschickt. Seine Aufgabe war es, die vielen Frauen und Kinder geistlich zu betreuen, die aus Hamburg dorthin evakuiert worden waren. Meine Eltern zogen also nach Landau an der Isar und wurden in das Haus des katholischen Kooperators in der Oberen Fleischgasse einquartiert. Und so kam es, dass ich am 11. März 1945 nicht in Hamburg, sondern im tiefsten Niederbayern zur Welt kam.

Knapper Wohnraum in Klein Borstel

Im November 1945 wurde mein Vater zum Pastor im Hamburger Ortsteil Klein Borstel ernannt und meine Eltern bekamen bei der Familie von Lehe in der Moorreye 120 in Langenhorn eine kleine Wohnung zugewiesen. Mein Vater fuhr täglich mit dem Fahrrad in die Gemeinde.

Als ich eineinhalb Jahre alt war, konnten wir endlich am 12. September 1946 nach Klein Borstel umziehen. Uns wurde eine Dreizimmerwohnung von 30 Quadratmetern bei Billhofers in der Stübeheide 160 im ersten Stock zugewiesen. Das Haus liegt direkt am Bahnhof Kornweg und nur drei Minuten von der Kirche entfernt. Nur einen Monat später wurde dort mein Bruder Thomas geboren. Dann folgte der Winter, der wegen seiner bitteren Kälte und dem Mangel an Heizmaterial vielen Menschen bis heute in Erinnerung geblieben ist. Meine Eltern erzählten, dass sie einmal ein Fenster zum Lüften öffneten und anschließend nicht mehr schließen konnten, weil sich sofort eine dicke Eisschicht am Rahmen bildete.
Am 1. Juli 1950 wurde eines der 545 Mini-Siedlungshäuser der Frank'schen SiedlungDie Frank'sche Siedlung liegt im Ortsteil Klein Borstel des heutigen Hamburger Stadtteils Ohlsdorf. Sie ist mit 545 Häusern die größte geschlossene Reihenhaussiedlung der 1930er-Jahre in Hamburg und dort eines der herausragenden Wohnungsbauvorhaben jener Zeit.Siehe Wikipedia.org frei, und wir zogen in das Haus am Kornweg 15j. Alle Häuser hatten einen kleinen Vorgarten, in dem heute noch je eine Schattenmorelle steht. Im Stübekamp, dessen Häuser auch zur Frank’schen Siedlung gehören, wohnte Frau Stolp. Wir sagten Tante Stolp zu ihr, denn damals war es üblich, dass Kinder zu nicht verwandten Erwachsenen Tante und Onkel sagten. Ihre Tochter hütete uns Kinder bei Bedarf, und Tante Stolp verwöhnte mich gern mit ihrer vorzüglichen Kirschsuppe, die sie aus den Schattenmorellen der Vorgärten machte. Ich war im Gegensatz zu meinem Bruder Thomas immer ein guter Esser und nie krüsch. Nur eins konnte ich nicht ab: Das war der abendliche Löffel Lebertran, mit dem wir aufgepäppelt wurden. Er schmeckte abscheulich.

Die Reihenhäuser der Siedlung haben eine Grundfläche von etwa 30 Quadratmetern. Nach vorn raus liegt eine kleine Küche, nach hinten das Wohnzimmer und im ersten Stock, den man über eine schmale Treppe erreichen konnte, war unser Kinderzimmer. Ich vermute, dass das zweite Zimmer des Stockwerks das Amtszimmer meines Vaters war, denn meine Eltern schliefen auf dem mehr oder weniger ausgebauten Dachboden.

Hinter dem Haus lag eine Terrasse, dahinter ein kleiner Garten von nicht einmal 100 Quadratmetern, den meine Mutter zum Anbau von Gemüse nutzte. Hinter den Gärten der Siedlungshäuser verlief ein mit Stieleichen bewachsener DungwegDer Begriff stammt aus der Zeit, als in Reihenhausgärten noch vornehmlich Ackerbau und Kleintierzucht zur Selbstversorgung betrieben wurde. Über den Dungweg ließ sich der Dung und andere Abfälle abtransportieren, ohne durch die gute Stube gehen zu müssen..

Das neue Pastorat

Im Oktober 1951 war der Neubau des Pastorates in der Stübeheide 177 neben der Maria-Magdalenen-Kirche fertig und wir konnten einziehen. Links neben dem Eingang war das Amtszimmer meines Vaters. Dort platzte ich einmal hinein ohne zu wissen, dass mein Vater gerade mit einer Besucherin, die in Tränen aufgelöst war, ein seelsorgerliches Gespräch führte. Mir war die Situation sehr peinlich und ich zog mich schnell zurück. Seitdem vermied ich, in das Amtszimmer zu gehen.

Das Haus besaß eine Zentralheizung besonderer Art. Sie befand sich im Keller und wurde mit Kohlen befeuert. Die Anlage erhitzte aber kein Wasser, das durch Rohre in Heizkörper der Zimmer geleitet wurde, sondern sie erzeugte warme Luft. Diese wurde durch einen Schacht nach oben in einen zentralen Kachelofen geleitet. Dieser befand sich im Zentrum des Hauses und ragte in jedem Zimmer etwas heraus. Er war dunkelbraun gekachelt und in jedem Zimmer befand sich ein Rost, den man mit einem Schieber öffnen konnte, um die angewärmte Luft ins Zimmer zu lassen.

Vom Wohnzimmer aus konnte man durch eine große doppelte Schiebetür aus Glas auf die Terrasse treten. Sie war mit unregelmäßigen ockerfarbenen Solnhofener Platten gepflastert, die kunstvoll so zusammengelegt waren, dass es keine großen Lücken zwischen den Steinen gab. Das war damals der letzte Chic.

Der hintere Teil des Grundstücks, auf dem die Kirche und das Pfarrhaus standen, war unbebaut. Man hatte es der Natur überlassen. So hatten sich dort über viele Jahre Wildkräuter ausgebreitet, die im Sommer in allen Farben blühten. Eine ideale Spielwiese für uns Jungs. Weit nach unserer Zeit entstand dort der Kindergarten der Gemeinde.

Unser Kinderzimmer war im ersten Stock. Da wir gern malten, hatten meine Eltern die Idee, eine große Fläche einer Wand mit Tafelfarbe streichen zu lassen. Dort konnten wir uns verwirklichen und mussten nicht auf die mit zartgrünen Gräsern verzierte Tapete malen. Um diese Wand-Tafel wurden wir von allen Freunden beneidet. Die Tapete hingegen wurde Opfer unseres Wellensittichs, die er an den überlappenden Stellen abknabberte.

Ich besaß ein Klappbett. Das war praktisch, denn so hatten wir tagsüber mehr Spielfläche im Kinderzimmer. Der Nachteil war, dass ich dadurch gezwungen wurde, das Bett zu machen oder wenigstens so zusammenzulegen, dass das Bettzeug durch die beiden Spannriemen beim Hochklappen gehalten wurde. – Einmal waren unsere großen Vettern Hermann und Martin zu Besuch. Sie waren drei und zwei Jahre älter als ich. Wir vier Vettern hatten viele gemeinsame Interessen wie Indianer spielen und Tiere. Irgendwann stellten wir fest, dass Tiere im Gegensatz zu uns Zweibeinern beim Springen auf den Vorderläufen landen. Auf dem Boden krabbelnd konnten wir das auch. Aber wie wäre es, wenn man von oben nach unten springt, beispielsweise vom geschlossenen Klappbett auf den Fußboden? Katzen können das schließlich auch. Hermann traute sich – und brach sich dabei beide Handgelenke.

Unsere Mutter, die sich gelegentlich künstlerisch versuchte, stellte irgendwann Krippenfiguren aus Ton her. Auch wir Kinder konnten uns im Gestalten von Tonfiguren versuchen. Sie wurden getrocknet, aber eine Brennmöglichkeit hatten wir nicht, weswegen die Figuren recht stoßempfindlich waren. Sie hielten bis in die Jerusalemer Zeit, verfielen aber nach und nach und wichen später den schönen Olivenholz-Figuren der Bethlehemer Holzschnitzer.

Ich kann mich noch erinnern, dass wir damals ein Au-pair-Mädchen aus Schweden hatten. Sie hieß Britta und war natürlich strohblond. Sie brachte Thomas und mir die schwedische Nationalhymne bei. In meinem Gedächtnis sind mir noch die ersten drei Zeilen der ersten und die vierte Zeile der letzten Strophe, die wir als eine Strophe sangen:

Du gamla, Du fria, Du fjällhöga nord / Du tysta, Du glädjerika sköna! / Jag hälsar Dig, vänaste land uppå jord, / … / Nej, jag vill leva jag vill dö i Norden.

Du alter, du freier, du fjällhoher Norden / Du stiller, du freudenreicher Schöner! / Ich grüße dich, lieblichstes Land der Erde, / … / Nein, ich will leben, ich will sterben im Norden.

Zwar hatten wir eine Wandfläche zum Malen, aber unsere Eltern waren damals noch nicht in allen Belangen fortschrittlich. Unsere Erziehung lag in den Händen meiner Mutter. Mein Vater hielt sich weitgehend heraus, und das war gut so. Denn er hatte damals das Erziehungsmuster, was er von seinen eigenen Eltern in der Weimarer Zeit vorgelebt bekam, noch nicht durchbrochen. Er trat nur in Aktion, wenn unsere Mutter sich nicht mehr gegen uns Jungs durchsetzen konnte. Dann erzählte sie es Vater, wenn er am Abend nach Hause kam. Der nahm uns dann mit in den Waschkeller und zweckentfremdete den Teppichausklopfer auf unseren Hinterteilen.

Volksschule Stübeheide

Ostern 1951 wurde ich eingeschult. Zusammen mit über 30 Schülern kam ich in die Klasse 1b der Volksschule Stübeheide am anderen Ende der Stübeheide Ecke Schluchtweg, dort, wo heute die Albert-Schweitzer-Schule ist. Die Klassen waren in Baracken untergebracht.

Unsere Lehrerin hieß Fräulein Wulf. Alle unverheirateten Frauen wurden damals noch Fräulein genannt. Fräulein Wulf war eine sehr sympathische, mütterliche ältere Dame. Einmal habe ich ihr wegen irgendeiner Banalität in den Bauch geboxt. Anschließend musste ich mich bei ihr entschuldigen mit den Worten Fräulein Wulf, bitte entschuldigen Sie den Knuff. Später einmal habe ich aus Wut einem Jungen eine Sandkastenschaufel an den Kopf geworfen. Das war viel dramatischer als der Knuff. Die Eltern beschwerten sich zu Recht vehement bei meinen Eltern. Es gab richtig Zoff. Später im Leben, wenn ich dem Getroffenen zufällig begegnete, war mir die Begegnung immer sehr unangenehm.

Wir Schüler machten uns den Sport, uns auf dem Nachhauseweg an Lastwagen zu hängen, die von der Schule aus die Stübeheide entlangfuhren. Allerdings war es angesagt, rechtzeitig wieder loszulassen, bevor die Geschwindigkeit zu hoch wurde.– Thomas, der zwei Jahre später in die Schule kam, war ein kleiner Draufgänger – oder ihm waren die Gefahren des Alltags noch nicht so bewusst. Er pflegte beispielsweise vor einem Auto über die Straße zu rennen und sagte dann: Ätsch, hat mich man nicht gekriegt!. Natürlich wollte er es den Großen gleichtun, und so hängte er sich einmal auf dem Heimweg an einen Lastwagen. Aber der Laster beschleunigte schnell und Thomas verpasste den richtigen Moment, loszulassen. So kam er mit einigen Abschürfungen zuhause an.

In meiner Klasse waren Mädchen und Jungen. Man könnte meinen, dass die Koedukation bereits Standard war, aber das täuschte. Denn die Gymnasien waren zu der Zeit noch reine Jungen- oder Mädchengymnasien. Die gemischten Klassen in der Volksschule kann ich mir heute nur so erklären, dass man Kindern des Alters die Gefühle zum anderen Geschlecht absprach.

So dachten wohl die Erwachsenen damals. Aber das war ein Irrtum. Schon in der ersten Klasse fand ich eine Mitschülerin besonders anziehend. Aber vermutlich ahnte sie nichts von ihrem Glück, denn ich habe mich nie geoutet. Und meine Schwärmerei verblasste irgendwann.

Später freundete ich mich mit einer anderen Mitschülerin an. Sie hieß Isa, war in meiner Erinnerung groß und schlank und wir mochten uns. Ihre Eltern gehörten zu den GeborenenQuiddje (manchmal auch Quittje oder Quietje Fremder, Hochdeutschsprechender) ist im Hamburger Raum die halb scherzhaft, halb spöttisch verwendete Bezeichnung für zugezogene und neue Bürger.Siehe Wikipedia.org, also zu einer alteingesessenen Hamburger Familie. 1953, wir waren in der dritten Klasse, zogen ihre Eltern in eine bessere Gegend, nämlich nach Hamburg-Alsterdorf in den Kirschenstieg. Isa musste die Schule wechseln, aber wir blieben in Kontakt.

Eines Tages lud sie mich zu ihrem Geburtstag ein. Ich machte mich rechtzeitig auf den Weg. Vom Bahnhof Kornweg aus fuhr ich mit der S-Bahn nach Ohlsdorf. Dort musste ich in die U-Bahn umsteigen und eine weitere Station bis nach Alsterdorf fahren, denn die Station Sengelmannstraße wurde erst 1975 nach dem Bau der City Nord eingerichtet. Von dort aus machte ich mich auf den Fußweg zum Kirschenstieg.

Bald war ich mir nicht mehr sicher, ob ich auf dem richtigen Weg war. Ich war vorher noch nie in der Gegend gewesen. Und so fragte ich eine Passantin, wo denn der Kirschenstieg sei. Sie war sehr freundlich und wies mir den Weg. Ich wanderte also eine Zeitlang in die angegebene Richtung. Aber der Kirschenstieg war nicht zu finden. Allmählich machte ich mir Gedanken, ob ich auf dem richtigen Weg war. Schließlich fragte ich wieder jemanden. Der Kirschenstieg? Da bist du hier völlig falsch. Der liegt in entgegengesetzter Richtung!

Als ich schließlich bei Isa ankam, begann sich die Geburtstagsfeier schon wieder aufzulösen. Ich lieferte mein Geschenk ab und bekam noch ein Stück Geburtstagskuchen. Alle bedauerten mich.

Als mir diese Odyssee wieder einfiel, recherchierte ich im Internet nach Isa und stellte fest, dass sie immer noch in Alsterdorf wohnt, allerdings nicht mehr im Kirschenstieg.

1954 wurde Vater zum Studentenpfarrer berufen und wir zogen um nach Groß Flottbek. Als ich viele Jahre später wieder nach Klein Borstel kam, schienen mir alle Wege viel kürzer und alles viel kleiner als in meiner Erinnerung.