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Oma’s Nudeln

Nach der Flucht aus Ostpreußen 1945 fand unsere Familie in Hamburg eine neue Heimat. Meine Familie, das waren meine Eltern, meine Schwester und meine Großmutter, die ebenfalls im Hause wohnte. Viel Gemüse und Obst wurde im eigenen Garten angebaut, so wurde das Kochen oft von meiner Oma übernommen, während meine Mutter in Garten arbeitete. Kam ich dann mittags aus der Schule, gab es öfter mein Leibgericht, von Oma persönlich zubereitet: Oma’s Bratnudeln! Das Rezept fiel mir viele Jahre später wieder ein, den Geschmack habe ich nie vergessen, seither gibt es bei uns zu Haus nur noch selbst hergestellte Nudeln.

Für zwei bis drei Personen nehme man 400 Gramm Weizenmehl, gebe es in eine Schüssel und tue zwei Eier dazu. Meine Oma nahm dann einen Löffel Margarine und einen Teelöffel Salz, ich bevorzuge statt der Margarine 2 bis 3 Esslöffel Olivenöl. Das Ganze wird unter sparsamer Zugabe von Wasser zu einem Teig verknetet, der sehr zäh und kaum zu bändigen sein soll. Allein das Kneten und Walken des Teiges ist schon richtig Arbeit, bei der man gut ins Schwitzen gerät. Sind alle Zutaten gut verknetet, lässt man den Teig etwa eine halbe Stunde zugedeckt in der Schüssel ruhen.

Bei meinen Eltern gab es in der Küche zwei Kochstellen, einen Gasherd, der üblicherweise und überwiegend im Sommer benutzt wurde und die Heizung. Das war ein so genannter Kohlebeistellherd, der vorn weiß emailliert war, eine Herdstange und eine gusseiserne Herdplatte besaß. Diese Herdplatte hatte direkt über der Feuerstelle ein Feuerloch, dass mit kleiner werdenden Platten in Form von Ringen, die in einander passten verschlossen werden konnte. Die innere, kleinste der Platten hatte ein Loch, in das ein Hebestab gesteckt werden konnte, um die Feuerstelle zu öffnen ohne sich die Finger zu verbrennen. Nun gab es für diese Feuerstellen auch Küchengeräte, die genau auf den Durchmesser der Ringe angepasst waren. Wir besaßen ein Waffeleisen mit Holzgriffen, das gewendet, jeweils in einen dieser Ringe passte und natürlich eine Bratpfanne, die riesig gewesen sein muss, so scheint es mir zu mindest heute in der Erinnerung.

Dieser Herd wurde in der halben Stunde, in der der Teig zu ruhen pflegte, angeheizt und erst mit Holz, dann mit einer Schütte Koks gut auf Temperatur gebracht. Zumindest in der kalten Jahreszeit wurde es so gemacht, im Sommer wurde nicht zusätzlich geheizt, denn das war die erste Aufgabe dieses Beistellherdes.

Nun wurde der Teig mit einem Nudelholz auf dem bemehlten Küchentisch unter Aufbietung aller Kraft und Ausdauer so dünn, wie nur irgend möglich ausgerollt, gewendet, bemehlt, gerollt und so weiter, bis er zu einem sehr dünnen Fladen enormen Ausmaßes gewachsen war, der nun mit einer extra Portion Mehl eingestäubt wurde. Oma formte daraus durch Hin- und Herfalten eine Art Hexentreppe und schnitt mit dem großen Messer dünne Teile quer zur Faltung davon ab. Wenn wir Kinder das Prinzip begriffen hatten, durften wir ihr manchmal helfen, jedoch nicht ohne die Ermahnung: Schneidet Euch aber nicht die Finger ab, über uns ergehen lassen zu müssen.

Dann wurden diese zusammengefalteten Teile in die Länge gestreckt und wanderten in den großen Topf mit heißem salzigem Wasser, das schon auf dem Herd kochte. In einer Viertelstunde sind die Nudeln gar und das Kochwasser wird abgegossen. Lässt man während des Kochens etwas Fett oben auf dem Kochwasser schwimmen (ein Spritzer Öl oder etwas Margarine z.B.), kleben die Nudeln nach dem Abgießen nicht zusammen. Dann wurden die Ringe des Kohleherdes geöffnet und die große Pfanne direkt auf das Feuer gestellt, etwas Margarine hineingetan und die Nudeln dazu geschüttet. Wenn sie braun und zu einem Fladen zusammen gebacken waren, mochten wir Kinder sie am liebsten. Gern blieben wir nach dem Essen in der Küche, um unsere Schularbeiten zu machen, denn es war warm und es hing noch der Duft von Oma’s Nudeln im Raum…