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Kriegsende im Mai 1945 auf U-3506

Lange habe ich überlegt, ob es Sinn hat zu versuchen, das vor über 50 Jahren Geschehene heute noch einmal zu rekonstruieren. Doch ich will es versuchen und hoffe, damit einen kleinen Beitrag zur Dokumentation über die Boote U-466BootswappenBootswappen U-466,
Boots-Motto: Hab' Sonne im Herzen
und U-3506BootswappenBootswappen U-3506,
Boots-Motto: Hab' Sonne im Herzen
zu leisten.

Oft haben wir während unserer Ausbildung das Lied gesungen: Weit ist der Weg zurück ins Heimatland, so weit, so weit. Wie weit er für den Einzelnen war, sollte sich erst bei Kriegsende herausstellen, und das war ganz unterschiedlich. Manch einen hat es nach Frankreich, England oder oft bis in die USA und Kanada verschlagen. Das war von den Umständen abhängig und es gehörte auch eine Portion Glück dazu. Wenn ich heute von meinen Erlebnissen spreche, muss ich sagen, dass ich großes Glück hatte, das Kriegsende in Hamburg zu erleben.

Am 14. Oktober 1944 hatten wir unser U-Boot in Danzig in Dienst gestellt. Schon während der Baubelehrung bei der 7. K.L.A. in Danzig hatten wir Gelegenheit, uns mit dem Boot vertraut zu machen, sodass die nach der Indienststellung folgenden Prüfungen der UAK und auch die gefahrenen Übungen ohne große Schwierigkeiten absolviert wurden. Danach ging es zur AGRU-FrontTechnische Ausbildungsgruppe für Front U-Boote [1] zur Halbinsel HelaDie Halbinsel Hel (deutsch Halbinsel Hela oder Putziger Nehrung) ist eine 34 Kilometer lange Landzunge in der polnischen Woiwodschaft Pommern. [2]. Inzwischen war es Winter geworden und der Schnee und der Frost brachten auch für uns so manche Unannehmlichkeit mit sich. Doch unter dem Kommando unseres erfahrenen Kommandanten, Kapitänleutnant Gerd Thäter, hatten wir nach einigen Wochen die Frontreifeprüfung bestanden. Leider kann ich zeitlich nicht mehr genau sagen, welches Datum wir hatten.

Während dieser Zeit auf Hela schliefen wir nicht an Bord sondern in Baracken an Land. Eines Morgens wurden wir durch einen Läufer geweckt, der uns sagte, wir machen sofort seeklar. Man hörte den Kanonendonner über der Danziger Bucht, und es hieß, der Russe sei in Danzig. Schon nach kurzer Zeit wurden die Leinen eingeholt und wir verließen Hela in Richtung Westen. Unser Ziel war Bornholm und Swinemünde. Noch hatten wir einige Erprobungen und Ausbildungen zu durchlaufen, so das Flakschießen, Torpedoschießen und das Horchen. Alles lief auch reibungslos ab, bis auf den Übungstorpedo, der uns erwischte und in der Bootsverkleidung steckengeblieben war. Im Anschluss an diese Übungen ging es von Travemünde in Richtung Hamburg. Bei der Durchfahrt durch den Kaiser-Wilhelm-Kanal hatten wir noch einen mehrstündigen Aufenthalt. Kurz nachdem wir in Rendsburg die Kolonialschule passiert hatten, natürlich so, wie es bei der Marine üblich war, dreimal lang mit dem Typhon, gab es Fliegeralarm. Wir mussten liegenbleiben. Flugzeuge hatten den Kanal vermint, und so mussten wir warten, bis er wieder geräumt war. Der Rest der Reise verlief ohne weitere Schwierigkeiten. In Brunsbüttel erreichten wir die Elbmündung, und nun ging es elbaufwärts nach Hamburg. Hier sollten am Boot die Restarbeiten erfolgen, und wir bekamen einen Liegeplatz im U-Boot-Bunker Elbe II. Während dieser Zeit blieb nur eine Wache an Bord. Der übrige Teil der Besatzung schlief an Bord der »Veendam«, ein ehemaliges Schiff der Holland-Amerika-Linie.

Der Aufenthalt in Hamburg erlaubte es, uns dort etwas umzusehen. Die vielen Luftangriffe hatten Hamburg bis auf wenige Ausnahmen in ein Ruinenfeld verwandelt. Von dem, was ich in Erinnerung hatte, war nicht mehr viel übriggeblieben. Auch während der Zeit in Hamburg haben wir noch weitere Luftangriffe erlebt. So überraschte mich ein Angriff, als ich am 14. April 1945 an Land war und mit der S-Bahn wieder zurück nach Altona fuhr. Die Bomben fielen, als wir in den Hauptbahnhof einliefen; es gab eine ganze Anzahl Toter. An den Meldungen des Wehrmachtsberichtes dieser Tage war abzulesen, dass der Krieg wohl nicht mehr lange dauern würde.

Unser U-Boot lag im Bunker sehr sicher, aber an einen Fronteinsatz war nicht mehr zu denken. Deshalb erging der Befehl, die Besatzungen der in Hamburg liegenden Boote zu Panzervernichtungseinheiten auszubilden und aufzustellen. Nach einer kurzen Ausbildung an der Panzerfaust wurden Bataillone zusammengestellt und unsere Besatzung dem Bataillon CREMERPeter-Erich Ali Cremer (* 25. März 1911 in Metz; † 5. Juli 1992 in Hamburg) war ein deutscher Marineoffizier und U-Boot-Kommandant im Zweiten Weltkrieg. [3] zugeteilt.

Ein paar Leute jeder Besatzung blieben an Bord als Wach- und Sprengkommando. Von unserer Besatzung waren es zwei Maschinen-Maate, Wolfgang Schulze und ich unter der Leitung unseres Obermaschinisten Friedrich Jenß. Die anderen wurden auf LKWs verladen und in den Raum Harburg transportiert. Bei diesem Landeinsatz wurden durch diese Einheiten noch eine Anzahl Panzer vernichtet. Leider fielen in diesen letzten Kriegstagen auch noch einige Kameraden dem Krieg zum Opfer. Darunter auch drei Kameraden unserer Besatzung. Durch Tieffliegerbeschuss fielen Funk-Maat Wilhelm Ebers, Maschinen-Maat Heinrich Haverich und Maschinen-Gefreiter Albert Heinze. Es war ein sinnloses Sterben. Am Ausgang des Krieges hat es nichts mehr geändert.

Für uns, die wir in Hamburg geblieben waren, kam am 2. Mai 1945 das Ende. In dieser Nacht haben wir unsere Boote im Bunker Elbe II gesprengt. Wir brachten die Sprengladungen in verschiedenen Räumen des Bootes an und verließen das Boot. Die Zündung erfolgte durch Abreißzünder, welche durch die Maate und den Obermaschinist Friedrich Jenß aktiviert wurden. Nach zirka fünf Minuten erfolgte die Sprengung. Vorher hatten Wolfgang und ich unsere Flagge aus dem Turm genommen und hatten sie bei uns. Nach der Sprengung gingen wir noch mal zum Bunker und überzeugten uns davon, dass die Boote auf Grund lagen. Nur der Turm ragte noch aus dem Wasser. Auf diese Weise gingen im Bunker Elbe II drei der zurzeit modernsten U-Boote der Kriegsmarine verloren. Es waren dies U-2505, U-3004 und U-3506. Für uns, die wir auf diesen Booten gelebt hatten, war es kein schönes Gefühl, mit eigener Hand dazu beizutragen, sie zu vernichten. Wir hatten uns darauf eingelebt, es bis zur Frontreife gebracht, es war unser Zuhause geworden. Ich glaube, wenn einem das Haus über dem Kopf abbrennt, ist es das gleiche Gefühl. Und dann die Frage Was kommt nun?

Darüber sollten wir nicht lange im Unklaren bleiben. Noch am selben Tage vormittags kamen die Tommys und besetzten die »Veendam«. In den ersten Stunden passierte gar nichts, selbst unser Posten blieb noch vor dem Schiff. Die Tommys machten sich erst einmal über das Schiff her. Die Schallplatten hatten es ihnen angetan, deutsche Marschmusik und Lieder von Erika bis Lili Marien ertönten den ganzen Tag. Dann übernahm ein Engländer den Posten vorm Schiff und es wurde durchgegeben, dass zu einer bestimmten Zeit alles vor dem Schiff antreten sollte, zum Abmarsch in die Gefangenschaft. Dazu hatten wir, Wolfgang und ich, aber gar keine Lust. Wir hatten uns schon vorher mit einigen der Zivilbesatzung abgesprochen, die uns helfen wollten. So war es dann auch. Das Raustreten zum Abmarsch haben wir überhört und uns versteckt. Nachdem der Abmarsch erfolgt war und es wieder etwas ruhiger wurde, kamen wir wieder zum Vorschein und mischten uns unter die Zivilbesatzung. So haben wir dann ein paar Tage mit den Zivilisten gearbeitet, Teller und Bestecke abwaschen, Auftragen und andere Tätigkeiten. Doch dies war nur von kurzer Dauer. Man hatte wohl erfahren, dass sich noch einige von der Marine an Bord befinden. Man forderte uns auf, uns zu melden, andernfalls sollten die anderen Zivilisten keinen Landgang erhalten. Da die meisten aber in Hamburg wohnten oder Angehörige hatten, die sie aufsuchen wollten, mussten wir sehen, so schnell als möglich zu verschwinden.

Längsseits der »Veendam« lag auf der Seeseite ein Getreideheber, welcher das Schiff mit Dampf versorgte. Dies sollte unser nächster Zufluchtsort werden. In einem geeigneten Moment gingen wir von Bord. Von da aus hatten wir beobachtet, dass zu bestimmten Zeiten eine Barkasse anlegte, welche Tommys an Bord brachte und auch wieder welche mitnahm. Das war für uns die Möglichkeit, von hier wegzukommen. Beim nächsten Anlegen ließen wir die Tommys von Bord gehen und wechselten dann vom Getreideheber auf die Barkasse über. Mit dem Schiffsführer wurden wir schnell einig, und so gelangten wir gut auf die Hamburger Seite. Er ließ die Tommys von Bord gehen, fuhr ein Stück weiter und setzte uns an Land ab. Nun hatten wir schon etwas erreicht und konnten unseren Weg fortsetzen. Wir wollten nach Blankenese, wo Verwandte von Wolfgang wohnten. So machten wir uns auf den Weg und erreichten auch unser Ziel. Doch auch hier konnte unser Aufenthalt nur von kurzer Dauer sein. Diese Siedlung grenzte an ein Kasernengelände, das wohl als Auffanglager für ehemalige Angehörige der Wehrmacht und somit auch für die von der Kriegsmarine diente. Vom Zaun aus wurden wir plötzlich von ehemaligen Marineangehörigen angerufen, die uns kannten. Man wollte von uns wissen, wie wir aus dem Lager rausgekommen waren. Wir mussten ihnen sagen, dass wir noch gar nicht im Lager waren und uns auf der Flucht befanden. Das war der Grund, uns nicht lange aufzuhalten, und wir machten uns wieder auf den Weg.

Die nächste Station war Marxen, ein kleines Dorf am Rande der Lüneburger Heide. Hier bekamen wir für einige Tage Unterkunft auf einem kleinen Bauernhof. Der Bauer war aus dem Krieg noch nicht zurück, und man war froh, jemanden im Haus zu haben. Wir hatten ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen. Dafür haben wir uns nützlich gemacht und beim Düngen, Mist-Streuen und anderen Arbeiten geholfen. Aber lange wollten wir uns auch hier nicht aufhalten, wir wollten nach Hause. Bei unserem Marsch mussten wir immer wieder auf der Hut sein, um nicht von einer englischen Streife aufgegriffen zu werden. Sie waren ständig unterwegs mit ihren Jeeps, und alles, was Hosen anhatte, ob jung oder alt, wurde erst einmal mitgenommen. So ging es oft querfeldein, denn bis zur Sperrstunde musste man sehen, eine Unterkunft zu finden und von der Straße zu sein. Solange wir in Niedersachsen unterwegs waren, gab es damit auch keine Probleme, man war gastfreundlich und hilfsbereit in jeder Beziehung. So führte uns unser Weg über Winsen und Uelzen nach Hannover. Bei der Übernachtung in Uelzen gab mir unsere Quartiermutter einen Brief an ihren Bruder mit, der in Sachsen-Anhalt ein Gut bewirtschaftete. Ich sollte den Brief mitnehmen und später in einen Kasten einwerfen. Einige Wochen danach sollte dieser Brief für mich und mein weiteres Leben eine große Rolle spielen.

Nun waren wir in Hannover, und einer von uns hatte damit sein Ziel erreicht. Wolfgangs Eltern wohnten in Herrenhausen, ein Viertel, welches von Luftangriffen verschont geblieben war. Sie freuten sich sehr, dass er den Krieg mit seinen Schrecken gut überstanden hatte. Auch mir boten sie ein paar Tage der Ruhe, ehe ich nun allein meinen Weg nach Hause fortsetzte. Mit der englischen Besatzungsmacht hatten sie auch noch nicht viel Gutes erlebt. Wohnungen wurden beschlagnahmt und es gab Tage, wo es den Ostarbeitern erlaubt wurde, zu plündern. Auch persönliche Kontakte mit der Bevölkerung waren den Soldaten nicht erlaubt. Das lockerte sich erst in den nachfolgenden Wochen. Während dieser Zeit in Hannover zeigte mir Wolfgang, was von der einstmals schönen Stadt übriggeblieben war: Ruinen. Auch die bekannten Herrenhäuser Gärten hatten sehr unter den Luftangriffen gelitten. Vom Palmenhaus stand nur noch das Gerippe. Wie sollte das alles jemals wieder aufgebaut werden? Dafür fehlte uns jegliches Vorstellungsvermögen.

Nach ein paar Tagen machte ich mich wieder auf den Weg. Das Wetter war in den Wochen nach dem Krieg sehr schön, und ich kam gut voran. Mit der Gastlichkeit wurde es schwieriger. Ich wurde abgewiesen mit der Begründung, man habe selber wenig zu essen, obwohl ich gar nicht danach verlangt hatte. Es ging doch mehr um die Sperrstunde, nach der man sich draußen nicht mehr aufhalten durfte.

Ein Erlebnis ist mir bis heute in Erinnerung geblieben. Es war wohl in der Nähe von Bernburg. Der Name des Ortes ist mir nicht mehr bekannt. Wieder einmal wurde ich abgewiesen. Doch als ich dem Bauern zu verstehen gab, dass ich kein Essen haben wollte, ließ er mich widerwillig in den Hof und wies mich in die Scheune. Ich war froh, wieder eine Unterkunft gefunden zu haben. Auf dem Hof waren schon eine Menge Leute und auch mehrere Kinder. Mir sind vor allem die schwarzgekleideten Frauen aufgefallen. Mit ihren Kopftüchern waren sie nicht zu übersehen. Ich suchte mir in der Scheune einen Platz und hatte mich auch schon etwas frisch gemacht. Plötzlich standen ein paar Kinder in der Scheune und brachten mir Essen. Ich wusste gar nicht, wie mirgeschah. Durch Fragen bekam ich heraus, dass diese Kinder zu den Leuten gehörten, welche ich auf dem Hof gesehen hatte. Sie kamen aus Bessarabien, waren selbst Umsiedler oder Flüchtlinge und gaben mir von ihrem Essen ab. Diese Begebenheit werde ich wohl nie vergessen. Ich habe mich bei ihnen bedankt und auch ein wenig unterhalten, aber an Einzelheiten kann ich mich nicht mehr erinnern.

Am nächsten Tag ging es weiter in Richtung Sachsen. Die Mulde war ja die Demarkationslinie zwischen dem Amerikaner auf der einen und dem Russen auf der anderen Seite. Das war mein nächstes Ziel. Wie es von da weitergehen sollte, war noch völlig ungewiss. Aber darüber machte ich mir auch noch keine Gedanken. Erst musste ich mal da sein. Eines Tages war es soweit, ich hatte die Mulde erreicht, und der Brief aus Uelzen steckte immer noch in meiner Jacke.

Diese Demarkationslinie war wohl doch besser abgesichert als der Übergang von der englischen in die amerikanische Zone. Ehe ich mich noch groß umschauen konnte, hatte mich der Ami geschnappt. Doch ich war nicht allein erwischt worden. So wie mir ging es auch noch einigen anderen, und zuletzt hatte man eine ganze Wagenladung beisammen. Dicht gedrängt standen wir auf der Ladefläche eines LKW, und zwei Schwarze stiegen in das Fahrerhaus. Nun begann eine mörderische Fahrt. Bahnübergänge und Kurven wurden mit unverminderter Geschwindigkeit genommen, so dass wir hinten jedes Mal dachten, die Bordwände würden brechen. Durch die Fliehkraft wurde die Masse Mensch nach außen gedrückt, und es ist ein Wunder, dass niemand aus dem Auto geschleudert wurde. Den beiden machte es wohl großen Spaß, uns hinten in Angst und Schrecken zu versetzen. Das alles mit lachender Miene, eine Hand am Lenkrad und in der anderen die Zigarette. Nach längerer Fahrt, die uns auch durch Leipzig führte, waren wir in Halle, und unsere Fahrt hatte ihr vorläufiges Ende gefunden. Unser Fahrzeug hielt in einer Straße, deren Ende durch ein Tor abgesichert war. Das Tor ging auf, und wir standen mit dem Fahrzeug in einem Hof.

Hohe Gebäude mit vielen vergitterten Fenstern waren zu sehen. Wir waren im Zuchthaus von Halle, im Roten OchsenHalle, Haftanstalt Roter Ochse, gelandet. Das war die erste Begegnung mit meiner jetzigen Heimatstadt. Die Haftanstalt Roter Ochse hat auch später fast den gleichen Bekanntheitsgrad erreicht wie das Gelbe ElendBautzen, Haftanstalt Gelbes Elend in Bautzen. Wir wurden als Kriegsgefangene in die Zellen eingewiesen, die Häftlinge konnten sich frei darin bewegen. Das Essen war besser als später im eigentlichen Lager. Es war deprimierend, und wir waren darum auch froh, als es nach drei Tagen hieß, wir werden ins Lager transportiert. Diesmal brachten uns die Fahrzeuge ins Lager nach Naumburg an der Saale. Dieses bestand nur aus einer eingezäunten großen Wiese an der Bahnlinie, die in Richtung Zeitz führte. Hier in diesem Lager habe ich erstmalig kennengelernt, was es heißt, Hunger zu haben. Wir lagen unter freiem Himmel und man sprach von etwa 40.000 Gefangenen. Nur wenige Regenschauer genügten, und schon in kurzer Zeit hatte sich die ehemals grüne Wiese in ein Morastfeld verwandelt. Doch als junger Mensch kann man auch dies verkraften. Den Hunger aber schon weniger.

Den Amis machte es Vergnügen, schon am frühen Morgen in der Nähe des Lagerzaunes auf ihren Benzinkochern Eier und Steaks zu braten. Wir dagegen wurden mit einer Wassersuppe abgespeist. Nach einiger Zeit kursierte im Lager ein Gerücht: Die Amis rücken ab und überlassen dem Russen diese Landesteile. Alles was in die westlichen Besatzungszonen will, wird entlassen. Die anderen werden nach Bad Kreuznach verlegt. Das waren ja gute Aussichten. Bei Überlegungen, das zu umgehen, fiel mir der Brief ein, den ich in Uelzen erhalten hatte und noch immer bei mir trug. Diese Adresse prägte ich mirein, und bei der folgenden Untersuchung über meine Zugehörigkeit zur Wehrmacht gab ich diese als meine Heimatanschrift an. Diese List hatte geklappt. Ich wurde mit den anderen, die hier zuhause waren, entlassen.

Auf meinen Entlassungspapieren stand als Heimatanschrift Schwerz (Saalkreis). Mit Papieren versehen machte ich mich auf den Weg nach SchwerzSchwerz ist eine Ortschaft der Stadt Landsberg im Saalekreis in Sachsen-Anhalt und liegt etwa 15 Kilometer nordöstlich von Halle (Saale), um den Brief selbst zuzustellen. Das war ich nun wohl auch schuldig, und ich habe es nicht bereut.

In Schwerz bei der Familie Hengstmann wurde ich gut aufgenommen. Man freute sich über den Brief und nach vielen Wochen der Ungewissheit von den Verwandten zu hören. Mir gab man erst mal richtig zu essen. Klopse mit Rotkohl und Fleisch war auch dabei. Danach hatte mich der Chef zu sich ins Büro bestellt. Auf seine Frage, wohin es denn weiter gehen sollte, sagte ich ihm, dass die Oberlausitz in der russischen Zone mein Ziel sei. Er gab mir den guten Rat, erst einmal abzuwarten, da die Amis doch wohl in Kürze das Gebiet räumen würden. Er machte mir das Angebot, ich solle doch so lange bei ihnen bleiben.

Auf seine Frage nach meinem Beruf war er sehr erfreut zu hören, dass ich Schlosser sei. Er brauche dringend einen Maschinenführer für seinen Dreschsatz, und ich sollte ihm doch so lange helfen, bis die Russen das Gebiet besetzt haben. Natürlich hatte ich davon keine Ahnung, aber ich nahm sein Angebot an. Später zeigte er mir, was man dabei zu tun hat und wie alles läuft. Da ich nun doch eine Zeitlang hierbleiben sollte, machte ich mich erst mal mit der Örtlichkeit vertraut. Er war der Pächter dieses Gutes und hatte diesen Betrieb mit den damals modernsten Maschinen ausgestattet. Ein Dreschsatz mit 50 Zentner Stundenleistung und einer Drahtballenpresse, das war schon etwas. Die schweren Ballen rutschten bis in die große Scheune, fielen auf einen Höhenförderer, und ab ging es bis unters Dach. Dort wurden sie dann gestapelt. Am Tage, wenn alles lief, hatte ich gar nicht viel zu tun. Ich musste nur am Abend die Maschine abschmieren und die Siebe und auch die Maschine reinigen. Früh, bevor es losging, war ich etwas eher da und setzte die Anlage in Betrieb. So verlebte ich eine angenehme Zeit. Am Abend, wenn alles gut gelaufen war, gab es auch mal eine Zigarre vom Chef, eine zum Rauchen.

Dann war es plötzlich soweit. Die Amis bestiegen ihre Fahrzeuge und rückten ab. Am Nachmittag kam dann die Rote Armee, wir waren gespannt. Was kam, waren ein paar Wagen mit Ponypferdchen davor, ein Unterschied wie Tag und Nacht. Nun hielt auch mich nichts mehr. Seit April hatte ich keine Nachricht von meinen Angehörigen und wollte nachschauen, ob sie noch am Leben waren. Im Wehrmachtsbericht hatte man von schweren Kämpfen im Raum Bautzen-Weißenberg gesprochen. Ich verabschiedete mich von der Familie Hengstmann, und der Chef gab mirnoch ein Zeugnis über die Zeit, die ich bei ihm gearbeitet hatte. Das Zeugnis habe ich heute noch. Das Gut fiel später unter die Bodenreform. Bei einem Besuch nach Jahren habe ich außer einigen Arbeitern keinen mehr angetroffen.

Nun war ich wieder unterwegs, und mit jedem Schritt kam ich der Heimat näher. Vorher wollte ich in Dresden bei meiner Schwester vorbeischauen, ich traf sie aber nicht an. Das Wiedersehen mit Dresden war furchtbar. Man hatte ja schon so einiges darüber gehört, aber die Wirklichkeit war viel schlimmer. Es war ja nur wenige Monate her, seit diese Stadt den Bomben zum Opfer gefallen war. Alles was ich in Erinnerung hatte, gab es nicht mehr oder war zerstört. Die Straßen waren nur notdürftig vom Schutt befreit und ganze Stadtviertel abgesperrt. Unter den Trümmern lagen noch die Opfer dieser Angriffe, die Mauerreste geschwärzt und mit Hinweisen auf mögliche Überlebende versehen.

Es gab keine Prager Straße mehr, auch die Frauenkirche und der Altmarkt waren ein einziger Trümmerhaufen. Diese schrecklichen Bilder werde ich wohl nie vergessen. Wenn man heute nach etwa 50 Jahren Hamburg, Hannover und auch Dresden wieder besucht, grenzt es doch an ein Wunder, diese Städte wieder in alter Schönheit sehen zu dürfen. Kaum noch etwas von den furchtbaren Zerstörungen ist zu sehen. Was haben die Menschen in den paar Jahrzehnten doch Großes geleistet, es ist phantastisch und kaum zu glauben. Die letzten Kilometer habe ich dann auch noch geschafft, und der Rest ist schnell erzählt.

Ich habe meine Mutter und auch meine Schwester lebend angetroffen und die Freude über meine Heimkehr war groß. Auch unsere Stadt war sehr zerstört. Sie hatte bei den Kämpfen mehrfach den Besatzer gewechselt. Auch an unserem Haus war nicht alles ohne Spuren vorübergegangen. Das Dach war kaputt, und die Schlösser an den Türen hatte man mit dem Beil aufgehackt. Es gab auch hier viel zu tun. Noch im Herbst habe ich Arbeit in einer Bauschlosserei gefunden. Ein Umsiedler, Schlossermeister aus Breslau, eröffnete einen Betrieb, und ich wurde sein erster Mitarbeiter. So ging alles seinen geordneten Gang. Ein Lebensabschnitt hatte seinen Abschluss gefunden und ein Neuer begann.

[1] AGRU-Front (technische Ausbildungsgruppe für Front-U-Boote) war ein im September 1941 auf der Halbinsel Hela eingerichtetes Schulungszentrum für U-Boot-Besatzungen. Bei der AGRU-Front erfolgte unter frontähnlichen Bedingungen Ausbildungen und Schulungen der Besatzungen und ihrer Kommandanten. Hier wurde von erfahrenen Ausbildern alle möglichen Arten von Ausfällen simuliert, um die Besatzungen auf jede mögliche Überraschung unter Gefechtsbedingungen vorzubereiten. Die Ausbildung dauerte durchschnittlich 9 Tage, konnte sich jedoch bei unzureichendem Ausbildungsstand verlängern. Nach der Ausbildung erhielt jedes Boot das AGRU-Frontreifzeichen (die sogenannte Fahrgenehmigung). Die AGRU-Front verlegte im März 1945 von Hela nach Bornholm und später nach Eckernförde. Besonderes Augenmerk wurde bei der AGRU-Front auf die Ausbildung der Befehlsübermittlung (BÜ), hauptsächlich bei Ausfällen gelegt.
Quelle: U-Boot-Archiv.de
[2] Die Halbinsel Hel (polnisch: Półwysep Helski, Mierzeja Helska, kaschubisch: Hélskô Sztremlëzna, deutsch Halbinsel Hela oder Putziger Nehrung) ist eine 34 Kilometer lange Landzunge in der polnischen Woiwodschaft Pommern.
Aufgrund der Bestimmungen des Friedensvertrages von Versailles musste die Halbinsel nach dem Ersten Weltkrieg zur Einrichtung des Polnischen Korridors an die Zweite Polnische Republik abgetreten werden. Beim deutschen Überfall auf Polen gehörte die Halbinsel zu den am längsten und heftigsten umkämpften Kriegsschauplätzen. Während ihrer Belagerung (9. September bis 2. Oktober 1939) verlor die angreifende deutsche Luftwaffe rund 50 Flugzeuge. Nach der Kapitulation Polens wurde die Halbinsel in das Deutsche Reich 1933 bis 1945 zurückgeführt und dem Reichsgau Danzig-Westpreußen angegliedert.
Bei Ende des Zweiten Weltkrieges war die Halbinsel ab März 1945 letzter Zufluchtsort von deutschen Einheiten und Zivilflüchtlingen, da die langgestreckte, aber nur ein bis zwei Kilometer breite Halbinsel militärisch leicht zu verteidigen war. Die beiden Häfen für Fischerei und Kriegsmarine in Hela waren zugleich die letzte Möglichkeit für die Evakuierung militärischer Angehöriger, Verwundeter und Zivilflüchtlinge auf dem Seeweg. Daher flohen bereits im März über 100.000 deutsche Zivilisten nach Hela, im April kamen weitere 265.000 hinzu. Am 4./5. April 1945 wurden beim Unternehmen Walpurgisnacht ca. 30.000 Menschen von der Oxhöfter Kämpe auf die Halbinsel Hela evakuiert. Flüchtlinge und Soldaten lagerten in den Wäldern und Dünen Helas unvorstellbar dicht zusammengedrängt.
Andauernde sowjetische Luftangriffe forderten hier zahlreiche Todesopfer und erschwerten auch die Schiffstransporte auf das äußerste. Hierunter war die nächtliche Torpedierung des von Hela am 16. April 1945 abgehenden Frachters Goya mit schätzungsweise über 7000 Flüchtlingen (aber auch 200 Angehörigen eines Panzerregiments) eine der größten Schiffskatastrophen des Zweiten Weltkriegs. Insgesamt konnten allein im Monat April 387.000 Menschen von Hela evakuiert werden. Der letzte Transport mit dem Zerstörer Z 14 Friedrich Ihn verließ die Halbinsel kurz vor Inkrafttreten der bedingungslosen Kapitulation am 8. Mai 1945. Bei Eintritt der Waffenruhe befanden sich noch etwa 60.000 Flüchtlinge und Soldaten auf Hela. Am Abend des 9. Mai legte im Hafen von Hela ein von Danzig gekommenes Fährschiff mit russischen Offizieren an. Anschließend wurden die verbliebenen deutschen Soldaten in sowjetische Gefangenschaft abtransportiert.
Soweit die eingesessenen deutschen Bewohner der Halbinsel nicht geflohen waren, wurden sie in der darauf folgenden Zeit vertrieben. Zur Zeit der Volksrepublik Polen waren Teile der Halbinsel militärisches Sperrgebiet und durften nicht betreten werden.
Quelle: Wikipedia.org
[3] Peter-Erich Ali Cremer (* 25. März 1911 in Metz; † 5. Juli 1992 in Hamburg) war ein deutscher Marineoffizier und U-Boot-Kommandant im Zweiten Weltkrieg.
Im April 1945, als der U-Boot-Krieg als gescheitert galt, führte Cremer kurze Zeit einen Panzervernichtungstrupp der Kriegsmarine an. Laut Wehrmachtbericht vom 25. April 1945 konnte dieser innerhalb weniger Tage 24 Panzer vernichten. Bei Kriegsende hatte Cremer im Sonderbereich Mürwik das Kommando über ein 400 Mann starkes Wachbataillon aus ehemaligen U-Bootbesatzungen inne, das den Großadmiral Karl Dönitz beschützte.
Quelle: Wikipedia.de