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Leipziger Symposium, DDR 1974

Im Herbst 1974 fand in Leipzig ein internationales Symposium für Kybernetik statt. Unser Labor war dabei. Unser Chef war zum Symposium als Dienstreisender gekommen, seine Reise wurde von der Akademie der Wissenschaft bezahlt. Alle anderen in unserer Gruppe waren wissenschaftliche Touristen, wir mussten unsere Reise selbst bezahlen. Trotzdem war die Teilnahme sehr vorteilhaft. Erstens, weil eine Auslandsreise damals für einfache Bürger ein Traum war. Zweitens, für das umgetauschte Geld (Valuta!) konnte man eine Menge kaufen, um die Familie, die Freunde glücklich zu machen.

Der Tourist aus der UdSSR hatte immer einen Kocher, Konserven, Wurst und Käse, Zwieback, Wodka usw. in seinem Koffer. Man sparte am Essen, um mehr Valuta für Waren ausgeben zu können und um mehr Geschenke nach Hause zu bringen. Wir wissenschaftliche Touristen unterschieden uns nicht von den normalen Touristen, auch mein Koffer war mit Lebensmitteln beladen. Natürlich wollten wir möglichst viel sehen und einmal auch eine Tasse Kaffee oder die berühmten deutschen Würstchen genießen, aber die Hauptmahlzeit hatten wir am Abend im Hotelzimmer, was eigentlich nicht erlaubt war. Den Kocher haben wir immer sorgfältig vor dem Personal versteckt.

Wir verbrachten eine Woche im wunderbaren Leipzig. Mein Vortrag war mir gelungen. Als Belohnung machten wir eine Reise nach Dresden, hatten dort den Zwinger besucht und ergötzten uns an den berühmten Bildern, die aus Moskau zurückgekommen waren.

Nun war die Zeit gekommen, um die Valuta – auch die DDR-Währung war für uns Valuta! – vernünftig auszugeben, aber das war eine schwierige Aufgabe. Im Vergleich mit der UdSSR hat für uns die DDR wie ein Schlaraffenland des Überflusses ausgesehen. Ach, was für Gemüseläden waren in Leipzig, welch Blumenkohl, weiß und knackig, wurde dort verkauft, und in Moskau musste man stundenlang Schlange stehen, um Welkes und Schwarzes zu ergattern. Wie sollte man bei dem Warenüberfluss unsere bescheidenen Mittel ausgeben? Mit der Aufgabe sind wir einigermaßen fertig geworden. Aber zum Schluss sind wir in einem Laden gelandet, wo man Strickwolle verkaufte. So was Schönes habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen! Die Wollknäuel lagen in großen, gläsernen, runden Vasen. Und welche Farben! Welche Qualität! Damals waren Mama und ich begeisterte Strickerinnen. Ich habe angefangen, mich von Vase zu Vase zu werfen — ich wollte alles kaufen, hatte aber so wenig Geld. Die Entscheidung fiel mir schwer, und mein Kollege Vasilij hat mich in ohnmächtigem Zustand aus dem Laden herausgeführt.

Den letzten Tag verbrachte unsere Gruppe in Berlin. Ein wenig Geld hatten wir für Berlin übriggelassen, außerdem mussten wir dort noch Reisegeld für den letzten Tag bekommen. Wir kamen nach Berlin am Abend, übernachteten im Hotel in der Nähe des Fernsehturms. Am Morgen mussten wir die Hotelzimmer räumen. Zum Glück war es erlaubt das Gepäck in der Rezeption zu lassen. Der Zug nach Moskau fuhr erst spät am Abend und da sind wir in eine ärgerliche Lage geraten. Es stellte sich nämlich heraus, dass wir das Reisegeld erst am Abend im Zug bekommen sollten. Wir mussten den Tag in Berlin als mittellose Obdachlose verbringen.

Es war leichter Frost und es schneite ein wenig. Zuerst gingen wir in das Pergamonmuseum, bewunderten den berühmten Altar, dann ging Vasilij in das Historische Museum, um sich dort alte Münzen anzuschauen und ich zum Fernsehturm. Damals hatte die DDR für Museen und andere Sehenswürdigkeiten niedrige Preise und unser Geld reichte dafür aus. Ich wollte wenigstens von oben und von Weitem in den kapitalistischen Westen hineinschauen, wohin der Weg für einfache sowjetische Touristen gesperrt war. Oben am Turm drängten sich alle Leute auf der Westseite und ich bekam Angst, der Turm würde gleich umstürzen. Ich sah den ungenutzten Reichstag, das Brandenburger Tor, wo Posten Wache standen, denn dort war Sperrgebiet, und den Tiergarten. Weiter weg war der Kurfürstendamm, aber kaum zu sehen. Und sehr gut sah man die Mauer. Ich nahm meinen Stadtplan heraus, und ein junger deutscher Bursche neben mir sagte: Was gibts hier zu gucken? — hier sind wir, und dort — der Westen!

Später traf ich mich mit Vasilij. Es dämmerte, wir waren sehr hungrig und hatten nur noch ganz wenig Geld. Wir gingen in eine Kantine mit Selbstbedienung, dort sollte ich allein mit dem ganzen Geld etwas ganz Billiges aussuchen. Wenn das Geld reicht, wird Vasilij dasselbe nehmen, wenn nicht, teilen wir die Portion. Ich nahm eine Nudelsuppe, das Geld reichte auch für eine zweite Portion. Vor Hunger haben wir die heiße Nudelsuppe entzückend gefunden. Wie wenig brauchten eigentlich zwei wissenschaftliche Touristen im Ausland für ein vollständiges Glück!

Erwärmt gingen wir spazieren. Mich hat die Mauer sehr angezogen, dort standen sowjetische Soldaten Posten, ich wollte dort entlanglaufen. Bist du ganz verrückt?, zerrte mich Vasilij erschrocken fort. Die Posten werden uns stoppen, den Fall an unsere Personalabteilung melden und man wird uns niemals mehr ins Ausland lassen. Das fehlt uns noch! So ein Unsinn, aber wir alle waren so eingeschüchtert!

Es war kalt und dunkel, und noch vier Stunden bis zur Abfahrt des Zuges. Wir wollten irgendwo hin in die Wärme und sahen offene Türen im Palast der Republik. Heute sagt man, er wurde schlecht gebaut, mit Asbest verseucht usw. Aber damals haben wir den Palast als Achtes Weltwunder empfunden. Luxusgemächer, Marmor, große Bilder, sozialistischer Realismus, aber sehr malerisch. Es spielte ein Orchester, man durfte tanzen, am Buffet konnte man Kaffee und Kuchen bestellen, aber leider hatten wir kein Geld! Alles war nicht schlechter als im Kongresspalast des Kremls, mit dem Unterschied, dass es für alle geöffnet war und keine Wache davorstand.

Im Zug haben wir unser Restgeld endlich bekommen und es im Zugrestaurant für Süßigkeiten und Alkohol ausgegeben, die auch als Souvenir aus dem Westen dienen konnten.