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Ideologischer Drill

Jeder Mensch in der UdSSR brauchte eine Beurteilung, eine Charakteristik, vom Anfang an und bis zum Grab. Man brauchte sie, um die Schule zu wechseln, um in die Hochschule zu kommen, um in den KomsomolKomsomol war die Jugendorganisation der KPdSU. Der vollständige Name lautet deutsch Gesamtsowjetischer Leninscher Kommunistischer Jugendverband. Die sowjetische Massenorganisation wurde am 29. Oktober 1918 gegründet und hatte damals 22.000 Mitglieder.Klick für Wikipedia [1] oder in die Partei aufgenommen zu werden, in der Personalabteilung jeder Arbeitsstelle war sie dabei. Und um ins Ausland zu fahren, um in einer Laufbahn aufsteigen zu können, musste die Charakteristik dabei sein. Und dort musste stehen: politisch gebildet, moralisch stabil. Ohne diese Floskel hattest du überhaupt keine Chancen.

Die politische Bildung fing sehr früh an. Schon im Kindergarten lernten Kinder Lieder und Gedichte über das schöne Leben in der UdSSR und sie wussten, dass Stalin der beste Freund aller Kinder sei. Überall hingen Plakate, auf denen Stalin ein kasachisches Mädchen, MamlakatEngelsina Sergejewna Tscheschkowa, geborene Markisowa * 16. November 1928 in Wechneudinsk, Burjatische Autonome Sozialistische Sowjetrepublik; † 11. Mai 2004 in Antalya, Türkei) war eine burjatische Historikerin und Orientalistin. Ein Foto, das sie 1936 bei der Übergabe eines Blumenbouquets an Josef Stalin zeigte, wurde millionenfach gedruckt und in der Sowjetunion zur Propaganda genutzt. Ein Bildhauer schuf eine entsprechende Statue, die er Danke Genosse Stalin, für unsere glückliche Kindheit! nannte.Klick für Wikipedia [2], auf den Armen hielt, Mamlakat war die Heldin der Baumwollfelder. In der Vorschule waren Marx – Engels – Lenin – Stalin vertrauter als Schneewittchen und der Gestiefelte Kater, und man ehrte den Pionier, den Helden Pavlik MorosowPawel Trofimowitsch Morosow war ein sowjetischer Bauernjunge, der zusammen mit seinem Bruder Fjodor – so die offizielle sowjetische Lesart – von Verwandten seines reaktionären Vaters, eines Kulaken, erschlagen worden sein soll. Der Vater war inhaftiert worden, da Morosow ihn wegen Versteckens von Getreide angezeigt hatte.Klick für Wikipedia [3]>, der seinen Vater denunzierte.

In der Schule stand die politische Bildung auf hohem Niveau. Alle wurden wir Pioniere, man hat uns eingeprägt, dass alle Proletarier der Welt mit Hoffnung auf das Land des Sozialismus schauen. Dass im Kapitalismus die Arbeitslosen hungern, die Arbeiter kämpfen und streiken, und wir unter Leitung der Partei und des genialen Stalins glücklich leben. Diskutieren durfte man nicht, am besten den Mund halten. Das hatten wir schon als Kinder von den Eltern mitbekommen und wer seine blöden Ideen publik machte, konnte ganz schlimm enden.

Mit vierzehn Jahren hat man uns in den Komsomol aufgenommen. Man musste sich ordentlich vorbereiten, um im Rayon KomiteeRajon ist die Bezeichnung für eine Verwaltungseinheit in vielen Nachfolgestaaten der Sowjetunion, wie Aserbaidschan, Georgien (bis 2006), Lettland (bis 2009), Litauen, Moldau, Kirgisistan, Russland, der Ukraine und Weißrussland sowie in anderen Ländern, wie Bulgarien. Rajons entsprechen in etwa den deutschen Landkreisen bzw. den österreichischen Bezirken. [4] des Komsomol seine politische Bildung zu zeigen. Dort hat man oft die Frage gestellt, was ist der Demokratische ZentralismusAls Demokratischer Zentralismus wird das Organisations- und Führungsprinzip bezeichnet, welches von Lenin für die Kommunistischen Parteien entwickelt wurde und dadurch die Grundlage der Herrschaftssysteme der realsozialistischen Staaten wurde. Hauptpunkt des Demokratischen Zentralismus ist der hierarchisch-zentralistische Aufbau von Staat und Partei.Klick für Wikipedia [5]>? Man musste antworten, dass es die Unterordnung der Minderheit unter die Mehrheit ist, Wählbarkeit von unten nach oben, und die Berichterstattung von oben nach unten. Für uns waren die Begriffe abstrakt und schwer, wir zitterten vor der Tür des Komitees und hatten Angst zu verwechseln, was von oben nach unten, und was umgekehrt sein soll.

In der neunten Klasse hatten wir das Fach Konstitution. Dort mussten wir die Verfassung Stalins studieren. Nachher hat man das Fach in Gesellschaftskunde umbenannt. In dem Fach hatten wir schon die Grundlagen des Marxismus-Leninismus mitbekommen. Es war ein berühmtes Buch: Kurzer Kurs zur Geschichte der KPdSU/B/, das B stand für Bolschewiken. Und dort gab es ein Kapitel Über den dialektischen und historischen Materialismus. Man sagte, Stalin selbst habe es geschrieben. Eigentlich hatte Stalin nur ein paar Klassen des Priesterseminars absolviert und seine theoretischen Arbeiten waren nicht bekannt. Aber er gilt als Chefredakteur des Buches, und seine Idee war es, dass es für alle ein Ausbund von Weisheit sein sollte. Der Kurze Kurs war unser Evangelium, in jedem Haushalt hat man das Buch gehabt. Es war notwendig, weil alle – von ungelernten Arbeitern bis zum Akademiemitglied – jede Woche nach der Arbeit das Politseminar absitzen, einen hausgemachten KonspektZusammenfassung, Inhaltsangabe, Inhaltsübersicht mitbringen und dort zum Thema auftreten mussten. Schwänzen konnte man nicht.

Meine Freundin hat noch in der Schule für ihre Mama Referate aus dem Kurzen Kurs gemacht. Der Vater war im Gulag verschwunden und Mutter musste im Betrieb Loyalität beweisen, hatte einfach keine Kräfte mit zwei Kindern und Oma als Pflegefall. Und mein armer Großonkel, der im Volkskommissariat des Handels arbeitete, klagte über Albträume: Er steht auf bei dem Politseminar und kann kein Wort aussprechen. Übrigens, jeden Herbst hat man bei seinem Seminar dasselbe Thema durchgenommen: Lenins einen Schritt vorwärtsDie Broschüre Lenins beantworteten die Menschewiki in der Iskra mit den Artikeln Martows (Vorwärts oder rückwärts? – Nr. 67 und 69 vom 1. Juni und 10. Juli 1904) und der Sassulitsch (Organisation, Partei, Bewegung – Nr. 70 vom 25. Juli 1904), die voller persönlicher Ausfälle gegen Lenin waren. [6], zwei Schritte zurück.

Meine Mutter hatte 1948 ihre Doktorarbeit verteidigt. Zuvor musste man drei Prüfungen (das Kandidatenminimum) bestehen: Zwei in der Fachwissenschaft und ausländischer Sprache, und die dritte in Philosophie, was ihr am meisten Sorgen machte. Es waren schlimme Zeiten und in ideologischen Dingen musste man sehr vorsichtig sein. Es war ein sehr heißer Tag im Juni, über 30°C, Mutter war damals 45 Jahre alt. Sie hatte eine Kostümjacke angezogen und in die Taschen und Schlüpfer Spicker gesteckt. Sie hoffte auf ein befriedigend, hatte aber gut bekommen und kam schweißgebadet, aber überglücklich nach Hause. Zwanzig Jahre später machte ich auch die gleiche Prüfung in Philosophie und hatte einen Spicker über Anti-DüringHerrn Eugen Dühring's Umwälzung der Wissenschaft oder kurz: Anti-Dühring, ist eine von Friedrich Engels zuerst 1877 fortsetzungsweise im Vorwärts veröffentlichte Streitschrift gegen Eugen Dühring unter Mitarbeit von Karl Marx. Sie wird zu den einflussreichsten Texten des Marxismus gerechnet.Klick für Wikipedia [7] genutzt und nachher gezittert, weil der Spicker aufgeschlagen im Pult geblieben war, der Lehrer hätte ihn entdecken können.

Im Energetischen Institut, wo ich studierte, hatten wir die ersten drei Jahre das Fach Die Grundlagen des Marxismus-Leninismus (OML). Das Besuchen aller Vorlesungen war Pflicht. Ich aber konnte nicht mitschreiben, war an Bücher gewöhnt. Und meine beste Freundin, die in unserer Gruppe Agitator war, hat mir nicht erlaubt, bei OML Romane zu lesen. Also hatte ich mir angewöhnt, mit offenen Augen zu schlafen, was für das weitere Leben sehr nützlich war. Wir mussten für die Seminare einen Konspekt der Urquelle anfertigen. Aber es gab noch kein Internet, wo sollte man es abschreiben? Es gab aber verschiedene alte Konspekte, etwas hatte man sich daraus zusammengebastelt.

Im vierten Jahr hatten wir das Fach Politökonomie und im fünften Jahr Philosophie, Diamat und Historischer Materialismus. Außerdem mussten wir in der aktuellen Außen- und Innenpolitik der Partei gute Kenntnisse haben und immer den Kampf gegen Kosmopolitismus, Weismanismus – MorganismusDer Deutsche Friedrich Leopold August Weismann, Begründer des Neodarwinismus und der Amerikanische Zoologe und Genetiker Thomas Hunt Morgan waren doch die berühmten Genetiker, und die Genetik in Stalins Zeiten galt als Pseudowissenschaft im Dienst des Kapitalismus. Unser Held war Lysenko, der als Agrarwissenschaftler unter Stalin großen Einfluss hatte. [8], Formalismus in der Kunst, Kriecherei gen Westen usw. laut unterstützen.

Alle ideologischen Fächer standen auf den ersten Plätzen im Zeugnis zum Diplom, nur Diamat war durchgestrichen.  Stalin war tot und Chrustschow hatte schon den Kult um ihn kritisiert, also hatten die alten Lehrbücher nicht mehr getaugt.

Vor seinem Ableben hatte Stalin noch zwei seiner Arbeiten herausgegeben: Marxismus und die Grundlagen der Linguistik und Die ökonomischen Grundlagen des Sozialismus. Er galt doch als Koryphäe aller Wissenschaften. Und das mussten alle Leute ohne Ausnahme im politischen Unterricht durchnehmen.

Und auch nachher, als ich arbeitete, hatten wir jede Woche Stunden der politischen Bildung. Nur während der Ära Breschnew war der Unterricht nicht nach der Arbeit, sondern in der Mittagspause. Und immer mussten wir in unseren jährlichen Tätigkeitsberichten, egal auf welchem Gebiet, mit der Einleitung anfangen: Begründet auf den letzten … Erlassen der Partei und Regierung, Beschlüssen des Parteitages, Auftreten des Staatsoberhaupts… unsere Wissenschaftler bemühen sich… usw. auf zwei Seiten wenigstens.

Noch in Zeiten der Perestroika hatten wir sogenannte Politinformationen. Also, mein ganzes Leben lang in der UdSSR wurde ich politisch ausgebildet – und was ist geblieben? Nur solche Floskeln - Drei Quellen und drei Komponenten des Marxismus - welche? Keine Ahnung. Hegels Dialektik. Schritt vorwärts, zwei zurück. Und noch von oben nach unten und umgekehrt. Und Lenins Zitat: Marx' Lehre ist allmächtig, weil sie wahr ist. Jetzt lachen die Humoristen: Marx' Lehre ist ohnmächtig, weil sie falsch ist.

[1] Komsomol (russisch Комсомол) war die Jugendorganisation der KPdSU. Das Silbenkurzwort wird aus den Anfangssilben der Wörter Коммунистический союз молодёжи (Kommunistischer Jugendverband) gebildet. Der vollständige Name lautet Всесоюзный ленинский коммунистический союз молодёжи, deutsch Gesamtsowjetischer Leninscher Kommunistischer Jugendverband. Die sowjetische Massenorganisation wurde am 29. Oktober 1918 gegründet und hatte damals 22.000 Mitglieder.
[2] Engelsina Sergejewna Tscheschkowa (russisch Энгельсина Сергеевна Чешкова, geborene Markisowa (Маркизова); * 16. November 1928 in Wechneudinsk, Burjatische Autonome Sozialistische Sowjetrepublik; † 11. Mai 2004 in Antalya, Türkei) war eine burjatische Historikerin und Orientalistin. Ein Foto, das sie 1936 bei der Übergabe eines Blumenbouquets an Josef Stalin zeigte, wurde millionenfach gedruckt und in der Sowjetunion zur Propaganda genutzt. Ein Bildhauer schuf eine entsprechende Statue, die er Danke Genosse Stalin, für unsere glückliche Kindheit! nannte. Engelsinas Vater, der Volkskommissar für Landwirtschaft der Burjatischen Sowjetrepublik, Ardan Markisow (Ардан Ангадыкович Маркизов), wurde im folgenden Jahr Opfer der Stalinschen Säuberungen, woraufhin ihr Familien- und Vatersname geändert wurde.
[3] Pawel Trofimowitsch Morosow (auch bekannt als Pawlik Morosow; russ. Павел Трофимович Морозов bzw. Павлик Морозов; * 14. November 1918 im Dorf Gerassimowka in der Oblast Swerdlowsk, Ural; † 3. September 1932 ebenda) war ein sowjetischer Bauernjunge, der zusammen mit seinem Bruder Fjodor – so die offizielle sowjetische Lesart – von Verwandten seines reaktionären Vaters, eines Kulaken, erschlagen worden sein soll. Der Vater war inhaftiert worden, da Morosow ihn wegen Versteckens von Getreide angezeigt hatte.
[4] Rajon ist die Bezeichnung für eine Verwaltungseinheit in vielen Nachfolgestaaten der Sowjetunion, wie Aserbaidschan, Georgien (bis 2006), Lettland (bis 2009), Litauen, Moldau, Kirgisistan, Russland, der Ukraine und Weißrussland sowie in anderen Ländern, wie Bulgarien. Rajons entsprechen in etwa den deutschen Landkreisen bzw. den österreichischen Bezirken.
[5] Als Demokratischer Zentralismus wird das Organisations- und Führungsprinzip bezeichnet, welches von Lenin für die Kommunistischen Parteien entwickelt wurde und dadurch die Grundlage der Herrschaftssysteme der realsozialistischen Staaten wurde. Hauptpunkt des Demokratischen Zentralismus ist der hierarchisch-zentralistische Aufbau von Staat und Partei. Durch die starke Disziplinierung nachgeordneter Stellen, die an Entscheidungen höherer Instanzen streng gebunden waren, entwickelte sich der Demokratische Zentralismus zu einem autokratischen System.
[6] Die Broschüre Lenins beantworteten die Menschewiki in der Iskra mit den Artikeln Martows (Vorwärts oder rückwärts? – Nr. 67 und 69 vom 1. Juni und 10. Juli 1904) und der Sassulitsch (Organisation, Partei, Bewegung – Nr. 70 vom 25. Juli 1904), die voller persönlicher Ausfälle gegen Lenin waren. Der Artikel der Sassulitsch schloss z. B. mit folgenden Worten: Die Partei ist für Lenin sein Plan, sein Wille, der die Verwirklichung des Planes leitet. Das ist die Idee Ludwigs XIV: L'etat c'est moi – die Partei das bin ich, Lenin.
[7] Herrn Eugen Dühring's Umwälzung der Wissenschaft oder kurz: Anti-Dühring, ist eine von Friedrich Engels zuerst 1877 fortsetzungsweise im Vorwärts veröffentlichte Streitschrift gegen Eugen Dühring unter Mitarbeit von Karl Marx. Sie wird zu den einflussreichsten Texten des Marxismus gerechnet.
[8] Weisman und Morgan waren doch die berühmten Genetiker, und die Genetik in Stalins Zeiten galt als Pseudowissenschaft im Dienst des Kapitalismus. Unser Held war Lysenko. (Trofim Denissowitsch Lyssenko (russisch Трофим Денисович Лысенко, wiss. Transliteration Trofim Denisovič Lysenko; * 17. Septemberjul./ 29. September 1898greg. in Karlowka, Gouvernement Poltawa, Russisches Kaiserreich; † 20. November 1976 in Moskau) war ein sowjetischer Agrarwissenschaftler, der unter Josef Stalin großen politischen Einfluss erlangte. Seine Theorie des Lyssenkoismus, nach der die Eigenschaften von Lebewesen nicht durch Gene, sondern durch Umweltbedingungen bestimmt werden, war wissenschaftlich unhaltbar und widersprach den zu Lyssenkos Zeiten bekannten Grundlagen der Genetik. Einige seiner Forschungsergebnisse wurden als Fälschungen entlarvt.)
(Friedrich Leopold August Weismann (* 17. Januar 1834 in Frankfurt am Main; † 5. November 1914 in Freiburg im Breisgau) war ein deutscher Arzt, Histologe und Zoologe. Ernst Mayr stuft ihn als den bedeutendsten Evolutionstheoretiker des 19. Jahrhunderts nach Charles Darwin ein. Er gilt als Begründer des Neodarwinismus.
Thomas Hunt Morgan (* 25. September 1866 in Lexington, Kentucky; † 4. Dezember 1945 in Pasadena, Kalifornien) war ein US-amerikanischer Zoologe und Genetiker, der durch Kreuzungsversuche mit der Taufliege Drosophila melanogaster die grundlegende Struktur der Chromosomen aufklärte. Er entdeckte, dass die Gene (Erbanlagen) nacheinander auf den Chromosomen liegen und ermittelte ihre Reihenfolge und Abstände zueinander. Seine Ergebnisse fasste er in Chromosomenkarten (Genkarten) zusammen. Er führte somit die Arbeit von Edmund B. Wilson und Nettie Stevens fort. 1933 erhielt er den Nobelpreis für Medizin. Er gilt als einer der führenden Biologen des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Nach ihm ist die Einheit centiMorgan benannt. - Siehe Wikipedia.org)