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Farben und Mode meiner Jugend

Wenn ich an Nachkriegszeiten denke, an Herbst und Winter, sehe ich die Leute meistens in Schwarz, dunkelgrau, dunkelblau oder dunkelbraun gekleidet. Kein Wunder, bei dem Mangel an Geld, an Stoffen, der damals herrschte. Ein Mantel hat man für Jahrzehnte gemacht und der Mantel musste praktisch sein. Die Schuhe waren schwarz oder dunkelbraun, an frostigen Tagen trug man graue Filzstiefel – WalenkiWalenkiDer Name Walenki bedeutet wörtlich übersetzt hergestellt durch Filzen. Sie bestehen ausschließlich aus Filz und sind deshalb nicht wasserdicht, sie verfügen über keine Sohle oder Profil. Deshalb werden sie oft mit Galoschen getragen. Durch ihre hervorragende Wärmedämmung gehören Walenki zu den wenigen Stiefeln, die für Temperaturen unter −30 Grad Celsius geeignet sind. . Die Leute aus dem Dorf hatten Wattejacken, Watniki, getragen, es war auch eine Arbeiterbekleidung. Für Dorffrauen war eine Jacke aus schwarzem Plüsch die Sonntagskleidung, die man für die Stadt anzog. Manche Leute hatten noch Soldatenkleidung aus den Kriegszeiten getragen, die Militärfarbe war graugrün. Auch die Kinder hatten dunkle Mäntel an, weil man sie meistens aus alten Sachen umgeändert hat.

Auch die Farben von Kleidern, Röcken und Blusen waren nicht auffallend. Das Schulkleid war braun, die Schürze schwarz, die Jungs hatten eine dunkelblaue oder schwarze Uniform. Als ich fünfzehn Jahre alt war, hat man mir mein erstes Festkleid genäht, blau, mit einem weißen Spitzenkragen.

Im Sommer war es bunter. Kleider waren aus Kattun, Satin, Seide, besonders modern waren Blumenmuster. Zum Abitur hatten die meisten Mädchen neue Kleider bekommen, aber keine weißen, weil man die Kleider auch danach tragen wollte, ebenso stand es auch mit Hochzeitskleidern. Ich erinnere mich noch an mein Kleid aus geblümtem Crepe de Chine und Mutters weiße Schuhe mit hohen Absätzen, die ich zum ersten Mal trug und nicht beherrschte. Als ich am Morgen von der Party kam, waren meine Füße total kaputt.

Im Spätsommer 1951 sind wir zum Schwarzen Meer nach Sotschi gefahren. Im Zug hatten die meisten Männer sofort ihre blau-weiß-schwarz gestreiften Pyjamas angezogen. So sind sie auf Haltestellen aus dem Zug gestiegen und nachher in Sotschi überall herumspaziert. Solche Pyjamas haben die Militärpersonen als Schlafanzüge für den Urlaub bekommen. In Sotschi gab es viele Militärsanatorien. Einmal habe ich in der Nähe des Theaters eine Dame in einem wunderschönen rosa Ballkleid mit Rüschen und Spitzen gesehen und staunte, wieso der Mann an ihrer Hand einen Pyjama trägt. Mutter lachte: Es ist kein Ballkleid, es ist ein Nachthemd, wahrscheinlich eine Kriegstrophäe aus Deutschland!

Der Staat war prüde und intolerant, sogar in Modesachen. Mich hat man am Eingang des Cafés gestoppt, weil ich ein Trägerkleid (Sarafan)Ein Sarafan (russisch сарафан) ist eine traditionelle, russische Hoftracht. Ein Sarafan besteht aus einem langen, bis zu den Knöcheln reichenden Gewand in mehreren, oft kräftig gehaltenen Farben, das über einem weiten Hemd oder einer weiten Bluse getragen wird. Es besitzt Schultergurte, jedoch keine Ärmel oder Taille.So beschreibt es die Wikipedia…
In unsere Zeiten sagte man Sarafan zu einem Sommerkleidchen mit Trägern, nicht lang, aus Kattun oder Satin. Manchmal konnte man ein Sarafan mit einem Jäckchen kaufen, dass die Schultern bedeckte, es hieß Figaro.…und so die Autorin
trug und mit nackten Schultern durfte man nur am Strand sein.

Natürlich gab es keine FKK-Strände. Einmal hatte ich so eine Szene gesehen. Es war Sturm, recht große Wellen, das Publikum spazierte auf der Promenade. Ein junger Mann ist geschwommen und hat gegen die Wellen gekämpft. Als er zurück wollte, haben die Wellen ihn an die Mole geschlagen und er konnte nicht heraus, es dauerte sehr lange. Das Publikum hat geschrien, Ratschläge gegeben. Zwei Retter liefen zu ihm, dann haben sie ihm ein Handtuch gebracht und er war gerettet. Die Wellen hatten ihm die Hose heruntergezogen und er hat sich nicht getraut, sich dem Publikum nackt zu zeigen.

In der Hochschule waren die Studenten ärmlich gekleidet. Viele Jungen besaßen überhaupt keinen Anzug. Man hat zweifarbige Joppen getragen, aus alten Sachen umgeändert, Sporthosen im Winter aus Flausch, im Sommer aus Satin. Ein gestrickter Pullover mit weißem Muster war schon Luxus. Die Mädchen hatten Kleider, meistens dunkelfarbig. Hier, auf dem Foto, stehen wir in der Pause, es ist Frühling 1953, ich bin die dritte von links, mein Kleid ist blaugrau. Die Kleider wurden sehr selten gewechselt, die zwei Mädchen rechts kamen aus armen Verhältnissen und man sah sie immer in denselben schwarzen Sachen. Man hat mir ein neues Kleid aus Halbwolle, es hieß bei uns Kaschmir, genäht. Die Farbe war dunkelweinrot, unser Mathematiklehrer hat mich Fräulein in Rosa genannt. Fräulein in Rosa, haben sie schon eine Antwort gefunden? Und so wurde ich geneckt, die Farbe war schon auffallend.

Der Staat, die Partei hat nicht nur unsere Ideologie, sondern auch die Mode überwacht. Durch die Mode konnte man den Einfluss fremder Ideologien erkennen, man kämpfte gegen die Kriecherei gen Westen. Man kämpfte gegen lange Haare bei Jungen, gegen zu enge Hosen, zu breite oder karierte Sakkos, zu dünne Schlipse. Manche hatten selbstgebastelte Schuhe mit dicken geriffelten Sohlen, das war schon ein echtes Verbrechen. Bei Mädchen kämpfte man gegen den zu kurzen Rock und zu viel Schminke. Solche Personen wurden StiljagiStilyagiStilyagi gehörten in der Sowjetunion von Ende der 1940er bis Anfang der 1960er Jahre einer Jugendgegenkultur an.

Bild: Szenenfoto aus
dem 2008 gedrehten
russischen Film
Stilyagi
genannt und in der Presse verurteilt, man konnte aus dem Komsomol, von der Uni fliegen.

Aber allmählich wurde es bunter. Es kamen Waren aus den Ländern des Sozialistischen Lagers. Aus Polen und der Tschechoslowakei kam Kleidung, Mäntel, Jacken, schicke Strickwaren, die waren nicht teuer, aber man musste lange Schlange stehen. Es gab gute Schuhe aus Jugoslawien, aber schwer zu haben. Ich ergatterte mir hohe rote Stiefel aus Rumänien. Mutter war es gelungen, mir einen Mantel aus billiger Wolle zu kaufen. Er war breit, lang und kornblumenblau. Meine Oma hat 1937 aus Wien eine wollene Decke mitgebracht. Die Decke war braun und hatte ein gelbes, wollenes Futter, wie ein Dotter. Mama überredete die Oma, den gelben Stoff für mich zu spenden, und sie hat mir ein modernes Jäckchen daraus genäht. Ein Stück Stoff für einen Schal ist noch übriggeblieben. Ich hatte noch eine Mappe aus gelbem Wildleder gekauft. Als ich in diesem Outfit ausging, haben die Leute mich immer angeglotzt. Manche mit Anerkennung, manche mit Neid und manche mit Tadel – die Farben waren wirklich auffallend. Übrigens, die Parteiführung unserer Fakultät hat die Leitung unserer Kabarettgruppe beschuldigt, dass sie einen schlechten Einfluss auf jüngere Studenten ausübt und als Beispiel mich und mein gelbes Jäckchen genannt.