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Spiele; damals und heute

Ich bin von Natur aus eine leidenschaftliche Spielerin. Schon als Kind wollte ich immer gewinnen, habe beim Verlieren bittere Tränen vergossen. Leider war ich als Sportlerin eine Null, keine Mannschaft wollte mich haben und meine Spiele hatten nichts mit Sport zu tun.

In der Schule liebte ich mathematische Spielchen, ereiferte mich, wenn es eine Möglichkeit gab, an einer Olympiade teilzunehmen. Aber sehr gerne habe ich auch Domino und Karten gespielt. Mit meiner Oma haben wir oft 66 oder den Narren (Schafskopf) gespielt und auch geschummelt, wenn es möglich war. Ich bin überzeugt, sie ging speziell kurz weg, um mir diese Möglichkeit zu schaffen. Als ich größer wurde, ließ man mich mit anderen Verwandten mitspielen. Sonntags nach dem Mittagsessen nahm man die Tischdecke ab, alle setzten sich zum Spiel. Wir spielten die Neun, der Name kam von der kürzeren Variante mit 36 Karten. Wir spielten aber mit 104 Karten. Auf den Tisch wurden acht Asse ausgelegt und jeder Spieler legte in die Kasse fünf Kopeken. Mir spendierte Mama das Geld. Alle Karten wurden verteilt. Das Ziel war, alle Karten zum Ass auszulegen. Der Gewinner bekam die ganze Kasse. Anekdoten und lustige Geschichten wurden erzählt und man lachte sehr viel. Dann, in den 1950ern, ist das Fernsehen ins Haus gekommen, und bei uns wurde nicht mehr Karten gespielt; die Gäste kamen wie früher und schauten dann in die Glotze. Schade eigentlich.

In der Hochschule bei den uninteressanten Vorlesungen, der Besuch war für uns Pflicht, haben wir Seeschlacht gespielt, man musste dabei fremde Schiffe erwischen und versenken. Oder wir spielten mit Worten, Reimen und so weiter, es durfte nur nicht laut werden.

In den Sommerferien im Studentenlager am Schwarzen Meer waren wilde Spiele im Gang. Am Strand spielte man Karten. Meistens war es der gleiche Narr, gespielt von vier Teilnehmern, zwei gegen zwei. Aber die Abrechnung war manchmal überwältigend. Im Meer hatten wir einen großen Felsen, er war oben flach und wir sind von dort ins Wasser gesprungen. Also, die vier Spieler stiegen herauf, ein Verlierer stellte sich mit dem Gesicht zum Meer, mit dem Po zum Publikum. Die Gewinner packten den zweiten Verlierer an Füßen und Händen, schlugen mit ihm auf den ersten, der ins Wasser flog, und schmissen den zweiten hinterher. Das ganze Publikum jubelte und klatschte Beifall. Das Wasser war warm, die Sonne strahlte, aber die Mädchen wurden von so einer Strafe befreit – aus ästhetischen Gründen.

In meinen ersten Berufsjahren spielten wir – junge Ingenieure und Techniker – in der Mittagspause begeistert Domino. In der Kantine nahm jeder nur einen Bissen zu sich. Dann stürmten wir zurück ins Labor, um den besten Tisch zu ergattern, es waren immer zwei bis drei Parteien. Es hieß den Ziegenbock erschlagen. Es spielten vier Personen, zwei gegen zwei. Die Dominosteine wurden mit aller Kraft auf den Tisch geschlagen. Die älteren Mitarbeiter suchten Zuflucht draußen oder in der Bibliothek. Übrigens, dreckiger, stinkiger, geiler Ziegenbock sind schlimme Schimpfwörter. Und enttäuschte Mädels oder Frauen sagten Ach, alle Männer sind Ziegenböcke!

Meine Mutter, auch eine eifrige Spielerin, ging in Rente, ich und meine Freunde leisteten ihr gerne Gesellschaft beim Spielen. Wir spielten Karten, meistens Canasta. Mein puritanischer Stiefvater verließ dabei das Zimmer, er hasste Karten, dieses Zeug der Bourgeoisie und Schmarotzer.

In den 1980er Jahren bekam unser Labor die ersten PCs. Bis dahin mussten wir unsere Lochkarten zum Hauptrechner des Instituts bringen. Die PCs waren nicht personal, es gab nur drei Stück für fünfzehn Nutzer, und jeder hatte nur zwei bis drei Stunden pro Tag. Und doch fanden wir für neue Spiele Zeit. Im PC waren Tetris, Digger, und Spiele, in denen man etwas finden musste, um von Level zu Level zu kommen. Wenn der Chef hereinkam und jemanden beim Spielen sah, verließ er taktvoll den Raum. Er war sehr gutherzig und verstand die menschlichen Schwächen.

Ich habe die Lage genutzt und mein eigenes Spielchen geschaffen. Eine Gruppe im Labor hatte ein Computerprogramm ausgearbeitet, das im Dialog mit dem Patienten dem Arzt dabei helfen sollte, eine Diagnose zu stellen. Im Wartezimmer einer Poliklinik wurden PCs aufgestellt und Omas und Opas, die Zeit hatten, mussten mit Hilfe unserer Informatiker auf die Tasten drücken. Viele waren sehr skeptisch, wer brauch so was, wer soll die Verantwortung tragen und so weiter. In meinem Programm gab es auch so einen Tastendialog. Der Patient wurde befragt über Alter, Größe, Gewicht, Alkoholkonsum, viel, oder wenig, Sex, mehrfach am Tag, einmal die Woche, einmal im Jahr, Schmerzen im Kopf, Bauch, am Rücken, Po und so weiter. Und dann stellte der PC die Diagnose. Er gab verschiedene Ratschläge mit üblichen Floskeln, zum Beispiel: Geh nach Hause, verschwende nicht unsere Zeit, Geh ins Irrenhaus oder: Alle Krankheiten kommen von den Nerven oder von der Liebe, In die Leichenhalle mit dir und so weiter.

Heute aber, wenn ich im Oktober einen Termin erst für März erhalte, denke ich, so ein Programm wäre vielleicht nützlich, aber seriös, im Internet zu haben. Du erzählst deine Sorgen, bekommst die Hinweise zur Therapie und per Post die Arzneimittel von der Online–Apotheke und brauchst nicht stundenlang im Wartezimmer zu sitzen!

Und jetzt …? Ich höre, wie meine Enkelin am Bildschirm sich sehr laut herumzankt mit Mitspielern, die vielleicht in einer anderen Stadt oder im Ausland wohnen. Das gute alte Mensch, ärgere dich nicht ist vergessen. Und ich sitze allein, auch am Bildschirm, und spiele Sudoku oder die unzähligen Patiencen. Meine Spielsucht ist nicht vergangen.