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Freud und Leid eines Einzelhändlers

Dann begann eine neue Zeit! Die Gemeinden Garstedt, Harksheide, Friedrichsgabe und Glashütte wurden am 1. Januar 1970 zur Stadt Norderstedt zusammengefasst und hat heute 80.000 Einwohner.

Die Baufirma Edmund Plambeck baute an der Ochsenzoller Straße ihr eigenes großes Verwaltungszentrum, im Erdgeschoss entstanden Läden. Die U-Bahn-Linie U1 wurde von Ochsenzoll nach Garstedt weitergebaut. In der Halle der ehemaligen Keksfabrik Seidel am Ochsenzoll eröffnete ein erster großer SB-Baumarkt. An den Namen erinnere ich mich nicht mehr, ich glaube, seine Firmenfarbe war ein kräftiges Blau und der Name begann mit RDas Langenhorn-Archiv, Erwin Möller weiß zu berichten: Die Firma Ferdinand Rathjens eröffnete im Jahre 1978 dort einen Holz- und Baumarkt. Später wurde daraus ein Stinnes-Baumarkt..

Noch eine weitere große Veränderung entwickelte sich. Das Herold-Center, etwa 500 bis 600 Meter vom Plambeck-Haus entfernt an der Europa-Allee. Der Name für die Straße war schon da, aber sie musste erst noch gebaut werden.

Fragen über Fragen – wie sollte man mit diesen vielen Neuerungen umgehen? Was wird aus dem Schmuggelstieg, wenn die U-Bahn bis Garstedt fährt und die Stadt Hamburg weiter drängt, die Läden abzureißen? Wie entwickelt sich der SB-Baumarkt, welche Auswirkungen hat das auf uns? Ist das Herold-Center eventuell ein Vorteil für uns? Nach langem Überlegen und Abwägung trafen wir eine Entscheidung, die uns wirklich nicht leichtgefallen ist. Wir mieteten im Plambeck-Haus einen Laden für Farben, Tapeten und Bodenbeläge, Dekos, das gesamte Sortiment wie am Schmuggelstieg, behielten auch den Laden am Schmuggelstieg und gaben den Seifenladen auf, um uns nicht zu verzetteln. Der leere Laden wurde sogar noch mal für ein Schuhgeschäft vermietet.

Den Laden im Plambeck-Haus statteten wir nach den damals neuesten Erkenntnissen der Tapeten- und Teppichboden-Einrichter aus: Tapeten-Selbstbedienung, Sitzmöbel für den Verkauf über Musterbücher und ausgelegt mit einem orangefarbenen Teppichboden. Das machte was her. Bald hatten wir auch einen neuen Nachbarn im Plambeck-Haus, die Firma Interlübke-Möbel. Das könnte eine gute Ergänzung werden.

Die Anbindung der Europa-Allee an das Center ließ allerdings lange auf sich warten. Wir erlebten es nicht mehr. Nach nicht einmal zwei Jahren gaben wir bei Plambeck wieder auf und schmissen das Handtuch. Herr Plambeck war uns in dieser Situation sehr entgegenkommend. Er entließ uns aus dem Mietvertrag und die aufgelaufene Mietschuld durften wir in erträglich festgesetzten Raten zinsfrei abtragen. Frau Hoppe und Herr Stock verloren leider beide ihren Arbeitsplatz. Ich selbst musste mich nun allein um den verbliebenen Tapetenladen am Schmuggelstieg kümmern.

Bis zum endgültigen AUS waren noch viele Stolpersteine zu überwinden. Da wir weder über Haus, noch Grund und Boden, oder sonstige Besitztümer verfügten, musste alles, was zum Lebensunterhalt sowie zum Abtragen der Schulden erforderlich war, erarbeitet werden. Miete für den Grund, auf dem der Laden steht, sowie Strom und Gas für die Heizung waren wichtig, um den Betrieb aufrecht zu erhalten. Beim Telefon ging das immer im Wechsel. Mal wurde es mir in der Firma abgestellt, hatte ich das bezahlt, wurde wieder zu Hause abgestellt. Ich musste lernen, damit umzugehen. Heute ist so etwas gar nicht mehr denkbar.

Für das Finanzamt kam die Gerichtsvollzieherin mit ihrem erwachsenen Sohn, um Abschläge auf die Vorsteuer einzutreiben. Sie kam mehrere Male, um mir dann die Möglichkeit zu geben, in regelmäßigen Abständen die festgesetzten Beträge persönlich in bar bei ihr zu Hause in Wandsbek vorbei zu bringen. Immer, wenn jetzt ein Mensch mit einem Aktenkoffer im Laden stand, bekam ich ein mulmiges Gefühl. Ich wusste nie, was auf mich zukam.

Es gab aber auch noch größere Stolpersteine. Ich war nicht krankenversichert, kam aber in die Lage, ärztliche Hilfe zu benötigen. Unser alter Hausarzt in Hamburg-Fuhlsbüttel hatte sich zwischenzeitlich zur Ruhe gesetzt. Einen Neuen hatten wir noch nicht, es ergab sich nicht. Ich fragte bei einem Arzt im Max-und-Moritz-Hochhaus an der Segeberger Chaussee und schilderte meine Lage. Er war sofort bereit, mich zu behandeln. Beworben habe ich mich in der Zeit auch immer wieder. Einmal sogar bei einem Beerdigungsunternehmen, dann bei einem Baumarkt mit mehreren Filialen. Die hatten Interesse, suchten aber einen Springer, heute hier, morgen dort, mal in Bremen, mal in Kiel und so fort. Aber verschlechtern wollte ich mich nicht.

Dann im Mai 1988 bekamen wir einen großen Auftrag. Ein bekannter Kunde bestellte für seine Villa in Meeschensee an der Alster-Nord-Bahn Korb-Markisen rund ums Haus. WOW – das haute mich um, mir blieb die Luft weg und das im wahrsten Sinne des Wortes. Ich kam ins Krankenhaus Heidberg in Hamburg-Langenhorn. Es waren die Nerven. Da lag ich nun, ohne krankenversichert zu sein. Jetzt musste meine Frau den Laden schmeißen, und das machte sie richtig gut.

Und wieder kam von irgendwo ein Lichtlein her! Der Sohn der Firma Landahl + Kröger, einem Großhändler, der einmal die Woche lieferte, sah gerade, wie die große Lieferung der Markisen erfolgte. Er sprach meine Frau darauf an und sie erzählte ihm von ihren Schwierigkeiten, die mit diesem tollen Auftrag verbunden seien. Herr Landahl hörte sich alles an, überlegte und sagte dann: Machen Sie sich keine Sorgen, ich hole sie hier ab, bringe sie hin und montiere Ihnen alles. Grüßen Sie Ihren Mann. Der enorme psychische Druck war fort. Ich wurde wieder gesund und konnte von dem Auftragserlös auch noch meine Krankenhausrechnung bezahlen.

Im August des gleichen Jahres ein weiterer Glücksfall. Ich bekam eine Zusage auf eine Bewerbung:

– Abteilungsleiter für unseren Baumarkt gesucht –
– Domäne-Einrichtungsmärkte Hamburg-Harburg –

Ich bekam einen Vorstellungstermin, hatte Glück und erhielt die Stelle, erst mal als ganz normaler Mitarbeiter. Anfangen sollte ich am 15. November, um gleich die Inventurvorbereitungen mitzumachen. Ich war glücklich. Wir besiegelten die Absprache mündlich und mit Handschlag. Der 15. November fiel auf einen Montag. In Hamburg sagt man: Montag wird nicht wochenalt bei Antritt einer neuen Stelle. Deshalb begann ich schon am Sonnabend.

Mein türkischer Gemüsenachbar interessierte sich für unseren Laden und wollte auch Sorge für den Abriss tragen. Das hat alles geklappt.

Nach einer Einarbeitung wurde ich Abteilungsleiter, später noch stellvertretender Filialleiter und danach noch Filialleiter. Unsere Verbindlichkeiten gegenüber Vermietern, Banken, Ämtern und Lieferanten haben wir über Jahre hin abgearbeitet. Dann sind wir das erste Mal nach Dänemark-Sonderburg in die Ferien gefahren.

Fast auf den Tag genau waren wir zwanzig Jahre selbstständig.