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Urlaub am Dachsteingebirge in der Ramsau (Österreich)

Meine Frau und ich hatten im September 1973 dreizehn sehr schöne Ferientage mit Wandern im Dachsteingebirge und im steirischen Ennstal verbracht. Am vierzehnten Tag, es war unser letzter Ferientag, wir waren schon beim Kofferpacken, hat uns ein Ehepaar aus Wien, das auch Feriengast in unserer Pension war, gebeten, doch mit ihnen eine Bergtour zum Guttenberghaus [2.145 m ü. M.], der am höchsten gelegenen Alpenvereinshütte der Steiermark, zu machen.

Wir sagten zu und kramten unsere Bergstiefel und die Wanderkleidung wieder aus dem Koffer heraus. Und los ging es. Immer weiter aufwärts, durch die Silberkarklamm mit vielen Stiegen [1.125 m ü. M.], dann weiter aufwärts an der Silberkarhütte [1.250 m ü. M.] vorbei, bis wir nach etwa fünf Stunden auf schmalen Bergwegen und unter starker Sonneneinstrahlung das Guttenberghaus erreichten.

Dort machten wir eine längere Pause und verzehrten unseren Proviant. Das Wiener Ehepaar entschloss sich, einen anderen Abstieg zu nehmen. Somit waren wir beide allein und begannen mit dem Abstieg zur Silberkarhütte. Auf den Wegen, die keine hohen Anforderungen stellten, mussten wir nur auf den losen Splitt, der dort lag, achtgeben. Wenn man auf so einem Untergrund unaufmerksam ist, kann man sehr leicht ins Rutschen kommen. Bei einem steilen Teil des Weges kam meine Frau trotz aller Vorsicht ins Schlittern. Dann ging alles sehr schnell. Sie kam ins Stolpern, stürzte und schrie auf. Ich hörte ein Knacken, als ob man einen Stock zerbricht. Wie sich später herausstellte, hatte sie sich das linke Sprunggelenk gebrochen.

Es fiel mir sehr schwer ruhig zu bleiben, denn ich wusste nicht, was zu tun war. Wir waren ganz allein, ich schätzte in 1.400 Metern Höhe. Weit und breit niemand zu sehen und von Handys konnten wir damals noch nicht einmal träumen. Spontan wollte ich meine Frau auf meinen Rücken nehmen und sie den Berg hinuntertragen. Der Versuch scheiterte jedoch, weil meine Kraft dafür nicht ausreichte. Nach einer längeren Zeit, in der wir unschlüssig dasaßen, kam eine Wanderin, die auch bergab ging. Sie fragte uns, was passiert sei. Ich erklärte ihr, dass wir Hilfe benötigen. Sie versprach uns, den Unfall in der Silberkarhütte zu melden. Wir waren erleichtert, denn nun waren wir sicher, Hilfe zu bekommen.

Wir warteten bestimmt drei Stunden. Erst gegen 18 Uhr sah ich sieben Mann mit viel Gepäck den Berg heraufkommen. Bei uns angekommen, erklärten sie uns, wie es zu der langen Wartezeit gekommen war. Weil die Silberkarhütte damals kein Telefon hatte, musste die Wanderin ins Tal bis nach Schladming laufen, um die Bergretter zu alarmieren.

Zunächst wurde eine Metallwanne aus zwei Teilen zusammengesteckt und meine Frau in Decken gehüllt. Anschließend wurde sie vorsichtig in die Wanne gelegt. An den vier Holmen der Wanne war je ein Mann als Träger, ein Mann zur Sicherung mit Seil am Ende der Wanne und zwei Männer haben die Rucksäcke der Kameraden getragen. Ich kümmerte mich um unsere Rucksäcke.

Nun ging es langsam abwärts. Da es September war, wurde es schon  gegen 19 Uhr dunkel und wir mussten noch durch die Silberkarklamm. Weil es dort stockfinster war, zündeten die Männer Fackeln an, um die Stiegen besser erkennen zu können. Da die Stiegen in der Klamm zu schmal für die Tragewanne waren, mussten sie diese hochstemmen und über dem reißenden Bach balancieren. Gott sei Dank hat meine Frau davon nichts mitbekommen, denn sie war ja fest eingepackt und konnte nicht sehen, was genau mit ihr passierte. Ich konnte nur die Daumen drücken, dass alles gut geht.

Bei einer Pause in der Silberkarhütte spendierte ich den Helfern einen Obstler. Dann erklärten mir die Männer der Bergwacht, dass ich, wenn wir auf dem Parkplatz, auf dem unser Auto stand, angekommen sind, den Transport ins Schladminger Krankenhaus mit unserem Auto durchführen müsse, da diese Leistung von den Rettern nicht abgerechnet werden könne.

Am Parkplatz angekommen habe ich die erforderlichen Papiere für die Bergwacht unterschrieben, ein Trinkgeld gegeben und mich für ihre Hilfe bedankt. Wir verabschiedeten uns von den Helfern und ich bin dann, wie mir gesagt wurde, mit meiner Frau zum Krankenhaus gefahren. Da es nun aber schon Freitag 22 Uhr war, gab es in dem kleinen Krankenhaus in Schladming nur noch einen diensthabenden Arzt, aber kein Orthopäde war mehr zugegen.

Erst am Sonnabend konnte ich dann mit dem Chefarzt sprechen, der mir erklärte, dass sie so einen komplizierten Knöchelbruch dort nicht operieren können. Das konnte ich nicht verstehen. Gerade in den Wintersportgebieten, zu denen auch Schladming [Planai] gehört, sollte für solche Verletzungen immer ausreichend Kompetenz vorhanden sein. Da hatte ich mich leider geirrt.

Das war ein großer Schock für meine Frau und mich. Nun wollte sie aber unbedingt nach Hause, um sich in Hamburg operieren zu lassen. Ich habe mich von ihr dazu überreden lassen, den Transport mit unserem PKW durchzuführen. Die Ärzte hatten das Bein mit einem Transportgips versehen und uns so entlassen. Wir fuhren dann erst einmal in die Pension und verbrachten dort noch eine Nacht. Am Sonntag machte ich das Auto für den Rücktransport bereit. Ich habe die Lehne des Vordersitzes nach hinten umgeklappt, damit meine Frau sich auf den Rücksitz setzen und ihre Beine hochlegen konnte. So reisten wir zurück nach Hamburg. Fast ohne Pausen bin ich ungefähr eintausend Kilometer durchgefahren, aber trotzdem kamen wir erst sehr spät zu Hause an.

Am Montagmorgen habe ich meine Frau ins Krankenhaus Heidberg, heute Asklepios Nord, gefahren. Mittags bekam ich einen Anruf vom Krankenhaus, dass der Bruch auch dort, weil er sehr kompliziert ist, nicht operiert werden kann. Zur weiteren Behandlung wurde meine Frau deshalb in das ehemalige Krankenhaus Ochsenzoll zu einem Spezialisten verlegt. Dort wurde sie endlich, nach viertägiger Liegezeit, operiert, insgesamt sieben Tage nach dem Unfall.

Der Arzt erklärte mir nach der OP, dass diese nicht mit vollem Heilungserfolg abgeschlossen werden konnte, da viel zu spät gehandelt wurde, und der Muskel sich deshalb zurückgebildet hatte. Das war nicht mehr zu korrigieren. Dadurch würde das Sprunggelenk später versteifen. So ist es leider auch gekommen.

So endeten unsere schönen Ferientage mit einem spektakulären Abstieg vom Berg, und einem Krankentransport im eigenen Auto. Das hielt uns aber nicht davon ab, Jahre später wieder in den Bergen UrlaubLesen Sie wie es weiterging, ein Unglück kommt selten allein: Wanderung zur Seiseralm von Hans Claußen. zu machen.