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Eine Wanderung vom Spitzkofel zur Seiseralm
oder:
Ein Unglück kommt selten allein

Im September 1993 sind wir mit unseren Freunden Ruth und Adolf nach Kastelruth in Südtirol gefahren. Dort bezog jedes Paar eine Ferienwohnung. Die Planung unserer Touren erfolgte dann gemeinsam. Weil wir schon mehrmals in Südtirol Urlaub gemacht hatten, kannten wir uns gut mit den öffentlichen Busverbindungen aus, so dass wir die Autos bei der Ferienwohnung stehen lassen konnten. Das erste Ziel war problemlos mit dem Bus zu erreichen. Wir wollten vom Sellajoch mit der Seilbahn auf die Spitzkofel-Scharte fahren. Von dort aus weiter zu Fuß über die Seiseralm nach Compatsch und dann mit dem Bus wieder zurück nach Kastelruth.

Es kam tatsächlich anders als geplant.

Problemlos fuhren wir mit dem Bus zum Sellajoch, das ist ein italienischer Gebirgspass in den Dolomiten auf 2.218 Meter Höhe. Wir kauften uns Fahrkarten für die Seilbahn, und mit viel Geschick sprangen wir in die laufende Gondel, die nur Platz für zwei Personen hatte. Gleichmäßig und ruhig ging es dann aufwärts zur Langkofelscharte [2.682 Meter ü.M.]. Hier, bei der Toni-Demetz-Hütte, endete die Fahrt. Von dort oben hatten wir einen fantastischen Rundblick auf die Berge der Dolomiten, besonders zur Sellagruppe und zur Marmolata. Nachdem wir uns sattgesehen hatten, begannen wir mit dem Abstieg zur Seiser Alm.

Am Anfang lagen links und rechts des Weges, der zwischen steilen Bergwänden hinab führte, viele Gesteinsbrocken und ein Schotterfeld. Wir waren fast 200 Meter abwärts gegangen und direkt im Schotterfeld, als meine Frau mit einem lauten Aufschrei zusammensackte. Wie sich herausstellte, hatte sie sich den Knöchel des rechten Fußes gebrochen. Fast das gleiche Schicksal wie bei dem Unfall in einem vorherigen UrlaubLesen Sie auch: Urlaub am Dachsteingebirge von Hans Claußen im Dachstein Gebirge, nur jetzt war der andere Fuß betroffen.

Um überhaupt etwas zu tun, habe ich ihr die Bergstiefel ausgezogen. Mehr ging in diesem Moment nicht. Mein Freund bat vorbeikommende Wanderer, in der Langkofelhütte um Hilfe zu bitten. Nach ungefähr 20 Minuten kam aus Richtung der Seiser Alm ein Hubschrauber angeflogen. Da das Gelände uneben war, konnte er nicht normal landen. So setzte er mit einer Kufe auf einem großen Felsen auf, die andere Kufe schwebte frei in der Luft. Die laufenden Rotorblätter dröhnten direkt über unseren Köpfen. Zwei Sanitäter stiegen aus und zogen aus dem Helikopter eine Trage. Danach hob der Helikopter wieder ab.

Das Bein meiner Frau wurde in einer aufblasbaren Schiene fixiert. Als meine Frau auf der Trage lag, flog der Hubschrauber wieder an, meine Frau, sowie die beiden Sanitäter wurden vom Helikopter aufgenommen. Ich fragte, wohin sie fliegen. Es geht nach Brixen ins Krankenhaus, war die Antwort. Da ich wegen der zu geringen Größe des Fluggeräts nicht mitgenommen werden konnte, mussten unsere Freunde und ich uns zwangsläufig zu Fuß auf den Rückweg machen. Ich nahm den Rucksack meiner Frau und ihre Bergstiefel auf, dann gingen wir über die Seiser Alm heimwärts ins Quartier nach Kastelruth. Nachdem wir dort gegen 18.00 Uhr eingetroffen waren, machte ich mich sofort auf den Weg ins Krankenhaus. Zu meiner durchaus positiven Überraschung war meine Frau bereits operiert worden. Die sofortige OP war ohne Komplikationen verlaufen, sie lag gut versorgt mit eingegipstem Bein völlig entspannt im Bett.

So weit, so gut. Ab diesem Zeitpunkt beschäftigte mich nun die Frage, wie wir zwei nach Norderstedt, unserem Wohnort, zurückkommen würden. Da ich vor Ort keine Möglichkeit hatte, einen Flug zu buchen, rief ich meinen Schwiegersohn in Norderstedt an und bat ihn, einen Flug an einem der folgenden Tage nachmittags von München nach Hamburg zu buchen. Außerdem musste sichergestellt werden, dass vom Flughafen ein Transport in eine Hamburger Klinik erfolgen würde. Das gelang damals tatsächlich auch ohne Internet. Wie mein Schwiegersohn mir später erzählte, waren alle angesprochenen Personen nach der Schilderung der misslichen Situation sehr hilfsbereit.

Nachdem das geklärt war, konnte ich nun mit meiner Frau in unserem Auto nach München zum Flughafen fahren. Die Brennerautobahn war, wie fast immer, so voll, dass ich Bedenken bekam, rechtzeitig zur Abflugzeit am Flughafen zu sein. Mit viel Glück kamen wir gerade noch rechtzeitig an. Ich besorgte einen Rollstuhl, und nachdem wir den Flugschein bekommen und den Zoll passiert hatten, wurde meine Frau von einer Mitarbeiterin des Roten Kreuzes direkt zum Flugzeug gefahren. Sie konnte sich in die erste Reihe setzen. Mit der Lufthansa ging‘s nun nach Hause und sie wurde wie geplant in Hamburg mit einem Krankentransport ins Krankenhaus gefahren.

Eigentlich hätte ich mich jetzt entspannt auf die Rückreise machen können. Da aber ein Unglück selten allein kommt, ging die Pechsträhne weiter. In der Hektik, die durch die Staus auf der Autobahn entstanden war und die dadurch bedingte Eile, habe ich mir nicht gemerkt, auf welchem Stellplatz in der riesigen Tiefgarage des Münchner Flughafens unser Auto abgestellt war. Dazu kam dann noch, dass ich auf dem Weg durch den Flughafen ein wenig die Orientierung verloren hatte. Es gelang mir erst nach langem Suchen, den Wagen wiederzufinden.

Ab da verlief die Heimfahrt für mich störungsfrei und ich kam noch am gleichen Tag spät in der Nacht in Norderstedt an. Weil ich durch die Informationen meiner Familie wusste, dass meine Frau gut betreut wurde, hat sich bei mir die ganze Anspannung gelegt.

Zum Glück verheilte dieser Bruch komplikationslos. Nach den beiden Katastrophen-Urlauben haben wir in den Jahren danach unsere Urlaube nicht mehr in den Bergen verbracht, sondern die gefahrloseren Strände Dänemarks bevorzugt.