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Auslandserfahrung in Argentinien

Als ich 1969 mit meinen beiden Kindern nach Argentinien aufbrach, war mein Mann schon dort. Ich musste also allein den Umzug von München nach Buenos Aires erledigen und wohnte zwischen leerer Wohnung in München und Aufbruch in Genua per Schiff noch einige Zeit in Hamburg bei meiner Mutter. Mein Vater war schon verstorben.

Auf dem italienischen Schiff lernte ich im Eiltempo wenigstens die Zahlen auf Spanisch, kam aber immer mit den italienischen durcheinander. Meinen fünf- und achtjährigen Kindern hatte ich die vierstellige Kabinennummer auf Italienisch eingepaukt, falls wir uns mal auf dem Schiff verlaufen sollten.

Mein Mann hatte in einem vornehmen Villenviertel von Buenos Aires bereits ein großzügiges Haus gemietet, und unsere Möbel sollten rechtzeitig ankommen. Denkste! Wir bewohnten drei Wochen lang ein leeres Haus, wurden aber großzügig von Deutschen unterstützt. Das ging von der Bratpfanne über Handtücher bis zum Matratzenlager, und die Schmutzwäsche konnte ich in einer privaten Waschmaschine waschen. Vor offiziellen Waschanstalten wurde gewarnt, – da würde die Wäsche verfärbt und erstaunlich klein herauskommen.

Mit dem Haus wurde sozusagen auch eine Köchin, Putzfrau von den deutschen Vorgängern mit gemietet. Als einziges lehnte sie Bügeln und Einkaufen ab, aber sie schlief im Haus in einem Sechs-Quadratmeter-Zimmerchen hinter der Küche mit eigenem Eingang. In Häusern mit Wohnungen gibt es grundsätzlich zwei Treppenaufgänge, damit das Personal nicht mit der Herrschaft zusammentreffen muss. Ich habe meine Guadaloupe, die der Einfachheit halber Lala genannt wurde, immer als Menschen behandelt, so dass sie sich beim Abschied nach knapp drei Jahren mit Tränen in den Augen bedankte: Sie waren wie eine Mutter für mich. Sie war gut zwanzig Jahre älter als ich.

Da mein Spanisch noch sehr mäßig war, gab es wochenlang nur Steak mit Salat. Natürlich hieß das Steak nicht so, und leider hießen auch fast alle Gemüse und viel Obst in Argentinien anders als im Langenscheidt. Wenigstens kam einmal wöchentlich ein Gemüsehändler mit seinem Eselskarren in unserer Villengegend vorbei, und ich kaufte grundsätzlich mit Zeigefinger un kilo. Beim ersten Einkauf wollte er mich übers Ohr hauen und verlangte fünfhundert statt fünfzig Pesos. Aber mein Lernen auf dem Schiff zahlte sich aus, – er hat mich nie wieder betrogen. Lala war so ehrlich und integer, dass ich sie fragen konnte, wo wohl mein Portemonnaie liegen könnte. Nie fehlte ein Peso.

Wie eine Verrückte lernte ich jeden Tag vier Stunden spanisch, denn die Kinder waren im Ganztagskindergarten beziehungsweise in der Ganztagsschule. Am dritten Tag forderte meine kleine Tochter lautstark: Ich brauch ein delantal. Was war das nun wieder? Sie wusste kein deutsches Wort für Schürze. Es waren Kittelchen für die Kleinen, während die Schüler Uniformen trugen, strenge Vorschrift.

Nach vier Wochen traute ich mich, den Metzger nach dem Wort für Rouladen zu fragen, aber auch bei dreimaligem Nachfragen verstand ich ihn nicht. Ein Jahr später wusste ich es: Eingewickelte Kinder! Ich konnte dann endlich ihm auch sagen, dass ich gedacht hatte, er wollte mich veräppeln. Ein Kilo Rinderfilet kostete übrigens vier D-Mark. Das war das teuerste Fleisch, Suppenknochen gab es fast umsonst, wurden aber auch nur für Hunde gekauft.

Für den mittelgroßen Garten mit Schwimmbad musste ich einen Gärtner beschäftigen. Ich hatte mit einer Heckenschere versucht, die Hecke zu kürzen. Aber argentinische Qualität ist das Gegenteil von Made in Germany. Missbilligend fragte der Gärtner, wer denn die Hecke so verdorben hätte, und ich gab es zu. Darauf er: Für die Señora ist das recht gut! – So ein lieber Kerl.

Buenos Aires ist ein Häusermeer mit damals 13 Millionen Einwohnern, man braucht von West nach Ost ohne Stau über drei Stunden. Rote Ampeln werden möglichst ignoriert. Als mein Mann mal an einer roten Ampel hielt, fuhr ihm von hinten einer drauf. Mein Mann kannte bereits die einschlägigen Schimpfwörter, die ich nicht einmal auf Deutsch schreiben möchte. Aber der Autofahrer: Tut mir leid, das war nicht ich, war mein Auto, die Bremsen gehen nicht. Da musste sogar mein Mann lachen, zumal alle Autos verstärkte Stoßstangenhaben, mit denen man dicht aneinander parkt.

Meine schönsten Erinnerungen sind unsere Ferienaufenthalte im Norden Argentiniens. Da gibt es in den Anden ein Dorf, von Süddeutschen und Schweizern gegründet. Wir brauchten für die 2.000 Kilometer mehrere Tage mit 400 Kilometern Pampa und Hotels mit Kakerlaken in der Dusche. Und die nichtgepflasterte Serpentinenstraße zum Bergdorf wollte kein Ende nehmen! Dann plötzlich nach der gefühlt hundertsten Serpentine: Eine Fata Morgana. Eingebettet zwischen kahlen Felsen schmiegten sich Fachwerkhäuschen mit blühenden Gärten, schönen Bäumen und überbordendem Blumenschmuck an den Balkons in die Hänge eines Tales, ein Bächlein mit Stegen plätscherte: Uns kamen die Tränen vor lauter Glück und Heimweh. In Tante Lisbeths Café gab es selbst gebackenen Kuchen, die Betten im kleinen Hotel waren nach deutscher Art bezogen, im kleinen Natursee fühlten wir uns wie im Zipfel des Starnberger Sees, wir waren zu Hause. Nur die Silhouette eines Indios mit seinem Esel auf dem Grat der kahlen Felsen erinnerte uns an Südamerika.

Als wir nach Deutschland zurückkehrten, sprach meine Tochter lieber spanisch als deutsch, während mein Sohn nur notgedrungen die zweisprachige Schule besucht hatte. Während wir ins Flugzeug stiegen um noch eine Rundreise durch Amerika zu machen, bevor wir dann von New York nach Frankfurt flogen, sagte mein Elfjähriger: Und jetzt spreche ich kein Wort spanisch mehr.

Aber zwischen Frankfurt und München kam das Flugzeug in starke Turbulenzen, so dass wir angeschnallt bleiben mussten, und mein Sohn durfte nicht zur Toilette. In München war dann schon höchste Not, und ich lief mit ihm zur Herrentoilette, weil ich nicht wusste, kostet das was? Und ich hatte kein deutsches Geld. Mein Sohn sah die Toilettenfrau und wollte wohl fragen: Ist hier die Toilette? Aber sein erster Satz auf deutschem Boden war spanisch: Donde está el baño, por favor?Wo ist bitte das Badezimmer? Die korpulente bayerische Klofrau: Haa? Später hat mein Sohn sogar japanisch und arabisch gelernt.