Einschulung Ostern 1939
Wir wohnten in der Altonaer Straße 66 im dritten Stock. Unter uns wohnte Tante Erna, Mutters Schwester, mit ihrem Mann Onkel Franz. Ich hatte Onkel Franz sehr gern. Er spielte mit mir und erzählte Geschichten, wenn ich bei ihnen schlafen durfte und er mich ins Bett brachte. Das geschah oft, da meine Eltern viel Zeit in ihrer Stammkneipe verbrachten. Mein Vater war ein leidenschaftlicher Skatspieler. Beim Preisskat gewann er häufig einen der Hauptpreise. An diesen Abenden wurde viel Bier getrunken, und ich weiß, dass mein Vater mit den Jahren ein zunehmendes Alkoholproblem hatte.
Ostern 1939 wurde ich in die Volksschule Schanzenstraße eingeschult. Die Rektorin Frau Lange trug immer knöchellange Seidenkleider in den Farben Grau oder Grün, dazu Stiefel, die mit unzähligen kleinen Knöpfen geschlossen wurden. Ihre Haare waren hochgesteckt mit einem Dutt in der Mitte. Schon damals hatte ich das Gefühl, sie stamme aus einem anderen Jahrhundert, aber sie hatte etwas Mütterliches an sich und strahlte eine unendliche Geduld und Ruhe aus. Meine Klassenlehrerin Frau Bolzmann habe ich in wenig guter Erinnerung, was nicht unbedingt an ihr gelegen hat. Wegen Schwatzens mit der Banknachbarin, in der Stunde oder Unaufmerksamkeit, verbrachte ich häufiger Zeit vor der Tür des Klassenzimmers. Es gab auch Ohrfeigen und Schläge mit dem Lineal auf die Fingerkuppen. Meine Mutter wurde hin und wieder in die Schule zwecks Rücksprache bestellt, aber ich musste sie immer wegen angeblicher Krankheit entschuldigen, sodass sie den Termin nicht wahrnehmen konnte. Es war verboten zu lügen, aber in diesen Fällen war es scheinbar erlaubt. Einmal ging mein Vater zu so einem Termin und erwischte mich prompt vor dem Klassenzimmer, weil ich wohl wieder einmal nicht aufmerksam war. Da meine Zensuren in den Hauptfächern gut ausfielen, außer im Betragen, meinte er nur: „Pass in der Stunde besser auf und lass keine weiteren Klagen kommen.“ Damit war für ihn die Sache erledigt. Kurz nach der Einschulung in Hamburg übersiedelten wir nach Krakow am See in Mecklenburg. Mein Vater war Polizist und wurde dorthin versetzt.
Heinz, mein Vetter, kam mit uns und so wurden wir in die dortige Dorfschule eingeschult. Neu war für uns, dass wir nun zusammen in eine Klasse kamen und der Unterricht nicht wie in Hamburg getrennt nach Jungen und Mädchen stattfand. Der Schulanfang begann hier nicht mit der ersten, sondern mit der achten Klasse.


