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Ausdruck nur als Leseprobe zum persönlichen Gebrauch, weitergehende Nutzung oder Weitergabe in jeglicher Form nur mit dem schriftlichem Einverständnis der Urheber!

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Unser Walter

Dies ist der Nachruf über seinen erstgeborenen Sohn Walter, den sich mein Urgroßvater Johannes Dittrich von der Seele geschrieben hat. Walter (15. März 1886 - 3. Februar 1893) starb nach wochenlangem Siechtum vermutlich an Typhus.

Dieser erschütternde Nachruf ist gleichzeitig ein Zeitzeugenbericht, der Einblicke in den Alltag der Erziehung Ende des 19. Jahrhunderts vermittelt. Walter erhielt liebevolle Zuwendung. Aber auch Liebesentzug und Prügelstrafe waren damals die gängigen Mittel der Disziplinierung, die im festen Glauben verwurzelt waren. (Heute ist wenigstens die Prügelstrafe verboten.)

Übrigens: Zur Lektüre dieses Berichts empfehle ich dringendst, ein Taschentuch bereitzulegen.Michael Malsch, Ostersonntag 2019


Walters Leben und sein Tod

Unser Walter war ein vom Herrn erbetenes Kind. Schon drei und ein halb Jahr waren wir verheiratet, als er uns in der Frühe des 15.März 1886 als unser erstes Kind geschenkt ward. Umso größer war die Freude über seine Geburt, und Freude und Sonnenschein hat sein ganzes nach Gottes Ratschluss nur so kurzes Leben umgeben. Am 28.März, dem 9. Jahrestag meiner Ordination zum heiligen Predigtamte, durfte ich ihn taufen. Meine Taufrede lehnte ich an das von seiner Mutter hierzu ausgewählte Wort des Herrn Johannes 10, 27-28: Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben; und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie mir aus meiner Hand reißen. Mehr und mehr wird mir's klar, wenn ich sein Leben überdenke, dass der Herr dies Wort an ihm hat wahr machen wollen. Ihm sei Lob und Dank dafür.

Bei seiner Geburt nicht übermäßig groß und kräftig entwickelte sich Walter doch ungewöhnlich schnell und glücklich an Leib und Seele. Zu seiner günstigen Entwicklung mag beigetragen haben, dass wir mit ihm als unserm ersten Kinde uns besonders viel beschäftigten. Vielleicht hat das aber auch den Keim zu seinem frühen Tode gelegt. Ich weiß noch, wie ich in dem ersten Sommer seines Lebens, wohl dem reichsten und glücklichsten, den ich erlebt, jedes Mal, wenn ich auswärts war, meine Schritte beschleunigte, um wo möglich den Jungen noch zu sehen. Und unvergesslich ist es mir, wie er - er war noch kein halbes Jahr alt - als ich einst von einer dreitägigen Abwesenheit zurückkehrte und er meiner auf der Diele unseres Hauses ansichtig ward, vor Freuden aufjauchzte und von dem Arm seiner Mutter auf den meinen hüpfte. Kurz darauf, als seine Mutter mit ihm zu den Großeltern gereist war, um mit Stolz den Erstgeborenen ihnen zu zeigen, riss er mir, als ich einige Tage später nachkam, in der Freude die Brille von der Nase, dass sie auf dem Boden zersplitterte. Und den folgenden Sommer, als er schon über ein Jahr war, laufen und die ersten Worte sprechen konnte, war ich auch einst auf einige Tage abwesend gewesen. Ich war früher wiedergekommen, als ich erwartet war, und der Junge wurde mir - er hatte, glaube ich, eben seinen Vormittagsschlaf beendet - auf den Schoß gesetzt. Da sehe ich noch, wie er mit seinen seelenvollen Augen mir glücklich ins Gesicht blickte und einmal über das andere aus der Tiefe des Herzens sprach: Papa. - Ich muss jetzt daran denken, dass ich damals auswärts in derselben Kammer übernachtet hatte, die seine Sterbekammer werden sollte, im Pfarrhause zu Barskamp, wohin ich auf ein Missionsfest geladen war. - Er hatte besonders ausdrucksvolle, leuchtende Augen, die seinem auch sonst hübschen und feinen Gesichtchen seinen eigentümlichen Reiz verliehen.

In der ersten Zeit seines Lebens liebte er mich ganz besonders Vater ist der Beste, sagte meine Frau mir oft mit einem Anfluge von scherzhafter Eifersucht. Und als er die ersten Worte zu sprechen anfing, sagte er wohl, wenn seine Mutter das Wort Mama von ihm hören wollte, stattdessen mit einem schelmischen lächeln: Papa. Am liebsten spielte er in meiner Stube, unter meinen Büchern kramend, die zum Teil die Spuren davon noch an sich tragen, und die er zum guten Teil, so wie er überhaupt sprechen konnte, mit Namen zu nennen wusste. Kant und Schelling kannte er ebenso gut als Homer und Bibil (Virgil) und Neanders Kirchengeschichte. Später schloss er sich mehr an die Mutter an, und es entwickelte sich früh zwischen ihr und dem sonst so wilden und ausgelassenen Knaben ein Verhältnis verständnisvoller Freundschaft. Doch blieb er darum nicht minder dem Vater zugetan. Vater, Vater, wie oft kam das Wort täglich über seine Lippen. Der Vater musste zu all seinen Beobachtungen seine Bestätigung geben. Besonders gern begleitete er mich auf meinen Gängen in die Gemeinde. Leichtfüßig wie ein Reh - Müdigkeit im Laufen kannte er nicht - hüpfte er neben mir her, sah alles, interessierte sich für alles und hörte nicht auf, in seiner einfältigen und doch so klugen Weise zu plaudern und mich nach tausend Dingen zu fragen, die ich wusste, und noch mehr nach solchen, die ich nicht wusste. Brach der Abend herein über unserm Gange, so freute er sich wohl, wie Stern und Stern am Himmel aufflammte. Am liebsten aber hörte er mich erzählen. Es war ein Vergnügen, mit ihm zu gehen oder zu fahren. Ging er nicht mit, so kam er mir wohl auf dem Heimwege mit seiner Mutter oder einem oder zwei seiner Geschwister entgegen. Und wie freute er sich, wenn er meiner ansichtig wurde!

Überhaupt hing er an seinen Eltern. Schon wenige Wochen alt freute er sich sichtlich, wenn er etwa im Steckkissen zwischen uns beide aufs Sofa gelegt wurde. Ich möchte behaupten: Die meisten seiner Unarten, und er war nicht selten unartig und hat wohl am meisten Schläge bekommen unter unsern Kindern, hingen mit seiner Anhänglichkeit an seine Eltern zusammen. Auf einer ziemlich weiten Eisenbahnreise, die wir bei großer Hitze zu Verwandten machten, als er etwas über zwei Jahre alt war, ging es auf der langen Fahrt weit besser als wir dachten. Er sah eben alles, woran wir vorbeifuhren, jede Windmühle, jeden Kirschbaum und Fabrikschornstein und weit geringfügigere Dinge. Das half ihm über das Stillsitzen hinweg und ließ ihn die Hitze vergessen. Aber als wir an Ort und Stelle waren, ging die Not an. Er konnte es nicht vertragen, dass wir von jemand anders in Anspruch genommen wurden als von ihm, und er wurde von den Verwandten nicht so liebenswürdig gefunden, wie wir gehofft.

Wie oft kam es auch vor, dass wir ihn nicht loswerden konnten, wenn wir einmal allein sein wollten, wenn die Mutter etwa sich zum Mittagsschläfchen niederlegte. Immer wieder hatte er etwas zu fragen, und immer noch einmal kehrte er in der Tür um, wenn wir ihn hatten hinausgehen heißen. Ohne Widerrede gehorchen war überhaupt seine Stärke nicht. Dagegen konnte man sich auf ihn verlassen, dass er hinter dem Rücken der Eltern nicht ungehorsam war. Was ein- für allemal befohlen war, das beachtete er mit der größten Gewissenhaftigkeit. Wahr und aufrichtig war er überhaupt. Als er größer und verständiger wurde, gab sich auch das an der Schürze hängen, und er zeigte sich gewöhnlich bei Fremden von seiner besten Seite. Seine Munterkeit machte ihn überall beliebt. Wenn er gestraft wurde, war ihm schmerzlicher als alle Schläge dies, dass seine Eltern ihn nicht lieb hatten. Besonders als er noch kleiner war, verlangte er nach jeder Execution: Lieb haben, und war der Friede wieder hergestellt.

Bei all seinen Fehlern und Unarten war er überhaupt ein frommes Kind. An den täglichen Andachten in seiner Weise teilzunehmen, war ihm Bedürfnis, und war er einmal zu spät aufgestanden, so war er unglücklich, dass er noch nicht Andacht gehalten. Nicht eher beruhigte er sich, als bis ich ihn dann etwa auf die Knie nahm und ein Vaterunser mit ihm betete. Sobald er sein Lieber Gott, mach mich fromm lallend sprechen konnte, meinte er, er müsste es stets sprechen, wenn überhaupt gebetet wurde, und sagte es z. B. während ich das Tischgebet sprach, und zwar so oft, bis ich mit Beten fertig war. Später gewöhnte er sich, es vorher zu sprechen und lernte dann auch das Komm, Herr Jesu, sei unser Gast mit Hinzufügung des Sprüchleins Hilf allezeit und (dies und fügte er stets hinzu) mach uns bereit zur ewgen Freud und Seligkeit. Und wie gewissenhaft hielt er bei sich und seinen Geschwistern aufs Gebet. Noch in seiner Krankheit, die zu seinem Tode führte, erinnerte er stets daran, dass sein Schwesterchen, das mit ihm in derselben Kammer schlief, auch des Morgens beim Aufstehn das Gebet nicht vergesse. Auch hatte er in seiner Weise Freude an den Gottesdiensten. Er war eben drei Jahre alt, als ich einmal nach beendigtem Fastengottesdienst eine Taufe zu halten hatte. Während ich zum Gebet dem Altar zugewendet bin, höre ich, wie jemand zur Kirche hereinkommt, und als ich mich wieder in die Kirche hineingewandet habe, sehe ich, wie mein Junge nicht weit hinter den Paten steht und mein Tun beobachtet. Auf seinem Gesicht drückte sich beides aus, die Freude, dass er mich belauschte, und die Besorgnis, mich zu stören. Seitdem sah er besonders gern bei Taufen zu. Auch sonst machte es ihm Freude, zu den Gottesdiensten mitgenommen zu werden. Wie schwer konnte er sich darein finden, dass er zum letzten Weihnachtsfest am Christabendgottesdienst nicht mehr teilnehmen konnte. Bittere Tränen kostete es ihn. Freilich darf ich dabei nicht verschweigen, dass ihm der Christabendgottesdienst besonders deshalb so sehr die Hauptsache war, dass auch die Bescherung ihn über die Versäumnis desselben nicht vollständig trösten konnte, weil in der Kirche zwei Christbäume angezündet waren, im Hause aber nur einer. Auch kann man nicht erwarten, dass er in der Kirche immer ein andächtiger Zuhörer war. Doch fasste er schon früh charakteristische Worte aus der Predigt auf und konnte sie nachher wiederholen. Es war im letzten Sommer, dass er häufig begehrte, zum Vormittagsgottesdienst mitgenommen zu werden. Nachmittags kam er längere Zeit regelmäßig. Er hatte übrigens bereits ein Bewusstsein davon, dass die Frömmigkeit sich auch im täglichen Leben beweisen musste. Als einst zwei seiner Geschwister sich zankten, sagte er altklug: Mutter, sie denken wieder nicht daran, dass der liebe Heiland sie immer sieht.

In der Schule, in die wir ihn schon nach vollendetem fünften Lebensjahr schickten - er selbst hatte, als der Lehrer, der ihn sehr liebte, ihn einst schon mit drei Jahren ins Schulzimmer nehmen wollte, energisch dagegen protestiert mit dem Bemerken: Ich bin noch nicht sechs Jahr alt - weil er uns gereift genug schien, das Stillsitzenlernen ihm heilsam war und er bei zwei Stunden täglich nicht überladen war, machte er anfangs im Lesen und Schreiben nicht so schnelle Fortschritte als wir erwarteten - teils infolge seiner eigenen Zerstreutheit, teils infolge der allzu zarten Nachsicht des Lehrers -, aber im Erzählen der biblischen Geschichte tat er es von vornherein allen Genossen desselben Cötus zuvor, und wusste er gewöhnlich auch auf unsere Fragen nach dem, was er in der Schule gelernt, nicht rechten Bescheid zu geben, so kam es doch des Abends zum Vorschein, wenn er seinen Geschwistern im Bett die biblischen Geschichten wiedererzählte, die er gelernt. Später kam er auch in den anderen Gegenständen rascher vorwärts und liebte es dann, mit seiner ungeübten Hand an die Großmutter oder eine Cousine, die er sehr liebte, obgleich er sie nur einmal gesehen und kaum eine wirkliche Erinnerung von ihr haben konnte, zum Geburtstag Briefe zu schreiben.

Seine sinnige Art zeigte sich auch in seiner Vorliebe für gemalte Sprüche und Bilder religiösen Inhalts. Eine größere Freude konnte man ihm gar nicht machen, als wenn man ihm etwas derartiges schenkte. Eine mütterliche Freundin schenkte ihm den letzten Sommer vor seinem Tode ein Öldruckbild, Johannes den Täufer als Kind darstellend, das Lamm in seinen Armen haltend. Das gab er mir gleich zum Aufheben und wünschte sich vom Christkind zu Weihnachten einen Rahmen darum. Unter den vielen Geschenken, die er von nah und fern erhalten, hatten wir vergessen, ihm das eingerahmte Bild auf den Tisch zu legen. Er freute sich wie ein Kind an seinen Sachen, war auch die Freude schon einigermaßen gedämpft und stiller als sonst durch seinen leidenden Zustand. Am ersten Festtage aber, als er wieder an seinen Platz gebracht worden war, fiel es ihm plötzlich ein: Nun hat mir Christkind doch nicht mein Bild eingerahmt. Das brachte uns selbst wieder darauf. Es wurde geholt und er freute sich daran. Zuerst musste es immer auf seinem Bett vor ihm liegen. Dann wurde es über demselben an die Wand gehängt. Bald freilich erlosch die Freude daran unter dem lähmenden Einfluss der Krankheit.

Mit besonderer Teilnahme nahm ich stets seine Freude an Türmen wahr, wohl weil ich darin auch ein Erbteil von mir erkannte. In Moisburg hatte die Kirche keinen Turm. Welches Interesse erweckte in dem Dritthalbjährigen, als ich von meiner Aufstellungspredigt in Barskamp zurückkehrte, die Mitteilung, dass daselbst ein doßer Turm sei. Wie schaute er nach ihm aus, als der Wagen, der uns an unsern neuen Wohnort brachte, sich demselben näherte! Wiederholt trat er dann in der ersten Zeit vor die Tür, in dem Anschaun des - mehr originellen als schönen - Turms versunken. Erzählte ich ihm von andern Türmen, die ich kannte, so verlangte er, dass ich ihm dieselben in Papier ausschneiden sollte. Und als er mir das abgesehen, tat er es mit unermüdlichem Eifer nach. Es war kaum Papier genug im Hause aufzutreiben. Er durchsuchte meine Bücher auf Abbildungen von Türmen, wollte die Namen wissen, und dann kamen die alten Forderungen: Ausschneiden, Papier geben, damit er sie selbst sich schneiden könne, von neuem. So lernte er eine Menge hervorragende Türme kennen. Seinem Lehrer imponierte er nicht wenig, als er bei der Erzählung vom babylonischen Turm von Walter unterbrochen wurde: War der noch höher als das Ulmer Münster? Später wollte er die Türme gezeichnet haben. Schließlich scheute ich mich ordentlich, ihm ein Bild von einem Turm zu zeigen, weil gleich die Bitte dahinter kam: Zeichne mir ihn. Wies ich ihn ab mit der Bemerkung, dass ich jetzt keine Zeit hätte, so fragt er: Wann? Er ließ nicht locker, bis man sein Begehren erfüllt. Wie oft habe ich ihn etwas unwirsch angelassen, wenn er mich zu sehr quälte, aber er ließ sich dadurch nicht abschrecken. Mit der Zeit lernte er selber die Bleifeder führen. Da war's denn bald geschehen um meine Bleifedern, um unbeschriebenes Papier. Die gütige Omama schenkte ihm Groschen um Groschen, und jeder wandert zum Krämer, von dem er mit einem stattlichen, neuen Notizbuch, etwa mit dem Bilde des Kaisers geschmückt, zurückkehrt, und dann ging es an ein Zeichnen und Anmalen mit Buntstift, und ehe man sich's versah, war das Notizbuch gefüllt mit gotischen und romanischen Domen - denn auch die Stilarten lernte er bald unterscheiden - und Schlössern, die mit der Zeit ganz nett aussahen, so dass die eine Omama - diese Sprechweise behielt er bei, auch als er längst richtig sprach, - der er solch einen gemalten Dom zum Geburtstag geschenkt, zurückschrieb: Der Junge hat Talent. Rührend war's, dass er zu einer Zeit, wo kurz nacheinander verschiedene Brände im Dorfe vorgekommen waren und er infolge dessen eine große Angst vor Feuer hatte, in sein Abendgebet, dass der liebe Gott unser Haus nicht möge abbrennen lassen, regelmäßig auch eine Anzahl ihm bekannter, großer Türme einschloss. Der Hamburger Brand, dessen Geschichte ihn sehr interessierte, mochte mit dazu beigetragen haben.

Dass auch die Spiele, die er mit seinen Geschwistern spielte, häufig auf den Gottesdienst sich bezogen, versteht sich von selbst. Natürlich war er dann der Pastor, der auf seiner Stuhlkanzel den andern vorpredigte. Das Singen wurde auch nicht unterlassen. Sangesfroh war er und hatte seine Lieblingslieder, die er dann wohl bei der Morgenandacht zu singen vorschlug. Mit welchem Eifer und welcher Begeisterung sang er z. B. in der letzten Passionszeit, die er erlebte, fast ein Jahr vor seinem Tode, mit seinem Bruder das Lied: O Welt, sieh hier dein Leben, das er besonders liebte. Wie gern stand er neben seiner Mutter, wenn dieselbe am Klavier saß, und den Kindern Lieder zum Singen vorspielte. Oft habe ich es bedauert, dass die Mutter bei der sonstigen Arbeit, die ihr die Kinder verursachten, nicht öfter zu solcher Sammlung ums Klavier kam.

Walters Verhalten zu den Geschwistern war nicht immer musterhaft. Er hatte etwas Herrisches gegen seine jüngeren Geschwister und war von seinen Vorrechten als Ältester sehr durchdrungen. Da fehlte es nicht an Zank, und die Mutter pflegte wohl zu sagen, man merke gleich, ob Walter unter den Geschwistern wäre, oder ob die jüngeren unter sich allein wären. Besonders der unmittelbar auf ihn folgende Bruder [Gerhard] musste sein Übergewicht empfinden. Den schien er anfangs überhaupt als einen Eindringling anzusehen. Zärtlich war er dagegen zu den Schwestern, besonders zu den jedesmal jüngsten. Die beanspruchte er jedesmal als die seinen, wenn er auch, nachdem das erste Schwesterchen angekommen war, den Bruder auf das vertröstete, das der liebe Gott noch schicken werde. Und er gebrauchte seine Autorität als Ältester doch auch zum Schutz der jüngeren Geschwister und erwies sich darin gar bald als recht brauchbar und zuverlässig. Er hatte etwas Ritterliches. Man merkte, es war ihm Ehrensache, dass seinen Geschwistern nichts geschah. Auch Gerhard konnte doch trotz aller Tyrannisierungen, die er sich musste gefallen lassen, ohne Walter nicht leben. Ausgehen wollte er nur, wenn Walter mit war. Noch sehe ich die beiden Jungen in den Garten oder über die Straße tollen, Walter munter voran, Gerhard hintendrein. In der ersten Zeit in Barskamp besuchten beide häufig einen freundlichen Nachbarn. Ich konnte den Weg dahin von meinem Fenster aus ganz überblicken. In den Hof desselben führte neben dem meist geschlossenen Tor ein Überstieg mit Trittbrett. Gerhard konnte in der ersten Zeit nicht hinüber und blieb deshalb geduldig draußen stehen, während Walter gelenkig hinüberkletterte. Dieser lief dann sofort zum Tor, riegelte das von innen auf und ließ den Bruder ein.

Früh selbstständig ließ er sich zur Ausrichtung kleiner Aufträge, mit denen man ihm Vertrauen erwies, gern gebrauchen und erledigte sie ganz verständig. Gern, liebe Mutter, war seine gewöhnliche Antwort, wenn diese ihm einen Auftrag gab. Einmal schickte ich ihn im letzten Sommer mit irgendeiner Kommission in ein Nachbardorf. Nachdem er eine Weile weg war, wurde mir doch etwas bange im Gedanken, was dem sechsjährigen Kinde, wenn es allein auf der Landstraße sei, begegnen könne. Ich machte mich also auf den Weg ihm entgegen. Wie freute ich mich, als ich ihn auf selbem Wege ganz vergnügt auf mich zukommen sah. Er hatte sich auf dem Rückwege an ein größeres Mädchen angeschlossen, das denselben Weg hatte.

Nicht unerwähnt bleiben darf seine Liebe zu Blumen. Die Blume ist ganz groß gewachsen, sagte er einst, als er drei Jahr alt war, voll Freude über eine Blume, die er begossen hatte: Das hat der liebe Gott getan, und ich habe ihm dabei geholfen. Mit seinen Bitten um Erlaubnis, sich Blumen aus dem Garten pflücken zu dürfen, konnte er bisweilen lästig werden. Aber nie hätte er sich auch ohne Erlaubnis eine gepflückt.

Seine Krankheit kam uns ganz überraschend, da er die Zeit vorher stets munter gewesen war und auch seine zuweilen an Nervosität grenzende Lebhaftigkeit uns in der letzten Zeit nicht so aufgefallen war. Die Adventszeit war herangekommen, und wie sonst sang die Mutter mit den Kindern Advents- und Weihnachtslieder. Sie musste hernach noch immer daran denken, wie jubelnd er das Freue, freue dich, o Christenheit gesungen. Überhaupt war seine Freude auf Weihnachten so groß als nur je. Seit dem letzten Weihnachtsfest war ihm und seinen Geschwistern ein Schrank zur Aufbewahrung ihrer Sachen überwiesen worden. Das hatte auf seine Ordnungsliebe einen wohltätigen Einfluss geübt. Einige Sachen, z. B. eine Trommel von dem letzt vergangenen Weihnachtsfest, die ihm trotz des Schrankes nicht sicher genug vor seinen Geschwistern waren, hatte er mir aufzuheben gegeben und bat mich unzählige Male, Christkind auch ja zu sagen, dass er sie noch hätte. - Montag hatte er die Mutter, die Einkäufe für Weihnachten besorgen wollte, noch zu Fuß nach Bleckede begleitet und hatte sich den Weg durch Singen von Weihnachtsliedern verkürzt. Ich kam nach und wir fuhren zusammen zurück; ich freute mich noch über ihn, wie er zwischen den Kindern unseres Superintendenten, zu denen er eine zärtliche Liebe hatte, obgleich beide Teile sich nur selten sahen, am Tische saß. Auch Frau Superintendent erzählte mir später, mit welchem Wohlgefallen sie ihn gerade diesen Tag betrachtet. Mittwoch begleitete er mich an die Elbe zu einer schwerkranken Frau - die er nur wenige Wochen überleben sollte. Auf dem Rückwege klagte er anfangs über Müdigkeit, kam aber durch die biblischen Geschichten, die ich ihm erzählte, darüber hinweg. Freitag, seinem letzten Schultag, erzählte er der Mutter noch die beiden Geschichten vom Jüngling zu Naïn und Lasset die Kindlein zu mir kommen, und die Mutter freute sich über den hübschen Ausdruck, mit dem er es tat. Daneben vergnügte er sich an diesem Tage auch noch mit einigen Schulkameraden auf dem Eise.

Sonnabend klagte er vormittags über Kopfweh und Müdigkeit. Bei Tisch kam die Krankheit zum Ausdruck. Er wurde zu Bett gebracht und fieberte stark. Als es Sonntags nicht besser, sondern schlimmer war, wurde an den Doktor telegraphiert. Derselbe nannte es ein gastrisches Fieber. Eine Woche lang stieg die Krankheit, und wir fürchteten schon ein gestörtes Weihnachtsfest. Anfangs sträubte er sich sehr gegen das Liegen und wollte möglichst viel auf sein. Er war das Kranksein nicht gewohnt. Eine neue Medizin, die der Arzt verordnete, schien Besserung herbeizuführen, so dass wir das Weihnachtsfest froh verleben konnten. Aber nach dem Fest verschlimmerte sich die Krankheit wieder, und so oft es auch noch besser zu werden schien, immer kam wieder eine Wendung zum Schlimmeren. Das Fieber war niemals besonders hoch, aber die lange Dauer zehrte allmählich die Kräfte auf. Schmerzen litt er nicht, und es war rührend, aber auch betrübend anzusehen, wie er, der immer Feuer und Flamme gewesen war, so still und geduldig litt. Fragte man ihn, wie es gehe, so antwortete er mit rührender Konsequenz bis zum vorletzten Tage: Besser. Freilich war er sehr empfindlich geworden. Seine Geschwister konnte er nicht um sich im Zimmer haben, höchstens über die beiden jüngsten Schwestern konnte er sich freuen, und als ich einmal einen Scherz mit ihm versuchte, brach er in Weinen aus. Seine Medizin nahm er sehr tapfer, wenn es ihn auch je länger je mehr Überwindung kostete. Essen durfte er fast gar nicht, und doch hatte er so oft Verlangen nach diesem oder jenem - freilich war es wohl mehr nur eingebildet, - aber wenn er sein Verlangen äußerte und das Abschlagen ihm schwer wurde, brauchte die Mutter nur zu sagen: Nicht wahr, du willst mein verständiger Junge sein? und er antwortete regelmäßig: Ja. Seine Mutter hatte gleich im Beginn der Krankheit ein unbestimmtes Vorgefühl davon, dass wir ihn nicht behalten würden. Ich, der ich ja nicht so viel um ihn sein konnte, glaubte nicht im Ernst an seinen Tod. War er doch stets gesund gewesen, und auch der Arzt machte fortgehend die besten Hoffnungen. Nur auf einsamen Wegen trat es mir zuweilen vor die Seele, wie es sein würde, wenn wir ihn hingeben müssten, und mein Herz zitterte. Wirklich Angst um ihn wurde mir erst, als er einmal aufgenommen werden musste und ich ihn in meinen Armen hielt. Da merkte ich erst, wie welk und abgefallen sein Körper sei.

Ich versuchte dann einmal, ihn auf den Himmel hinzuweisen. Ich fragte ihn, ob er wieder besser werden wollte. Das bejahte er. Als ich ihn dann fragte, ob er nicht gern in den Himmel möchte, wiederholte er: Nein lieber besser werden. Die Schrecklichkeit des Todes war ihm zum ersten Male zum Bewusstsein gekommen, als er dreijährig dem Begräbnis eines durch Überfahren verunglückten Kindes zugesehen hatte. Ein Jahr vor seinem Tode hatte er einmal seine Mutter gefragt: Mutter, warum läuten die Glocken immer so traurig, wenn jemand gestorben ist? Beiläufig auch ein Beweis, dass er nicht nur mit den Ohren, sondern auch mit dem Gemüt hörte.

Als seine Mutter am Tage vor seinem Tode noch einmal versuchte, ihn auf den Himmel hinzuweisen. war der Erfolg zuerst der gleiche als bei mir. Als sie dann hinzusetzte: Aber wenn der liebe Gott dich haben will, dann gehst du doch auch gern?, antwortete er mit etwas zaghaftem Ja. Dann fuhr sie fort: Sieh, der liebe Heiland hat dich noch viel lieber als dich Vater und Mutter haben, und du hast ihn doch auch lieb?, da kam es ihm ohne Besinnen aus tiefem Herzen: Ja.

Vierzehn Tage vor seinem Tode kam auf unsere Bitte eine liebe Freundin meiner Frau, ihr in der Pflege beizustehen. Man merkte, wie es ihm unter der linden und geübten Hand derselben wohl wurde. Damals ließ sich auch alles gut an. Das Eis, das der Arzt verordnet hatte, schien seine Wirkung zu üben. Mit den besten Hoffnungen reiste die Freundin nach zehn Tagen wieder ab, als nähere Pflichten sie abriefen. Aber gleich darauf erfolgte wieder ein Rückschlag. Das Fieber, das zwei Tage ganz weggeblieben war, stellte sich noch den Tag der Abreise wieder ein, ein Husten kam dazu. Noch einmal schien es einen Tag gut werden zu wollen. Dann aber trat eine bedenkliche Wendung ein, und was uns besonders schmerzlich war, es zeigten sich die ersten Anzeichen des Durchliegens. Der Arzt erklärte sich auf unsere Bitte bereit, einen zweiten Arzt zu Rate zu ziehen. Tage darauf trafen beide an Walters Krankenbette an, nachmittags um drei, nachdem den ganzen Vormittag über schon Symptome sich gezeigt, die uns bei seiner großen Schwachheit sehr besorgt machen mussten. Nach einer eingehenden Untersuchung, der er sich geduldig unterzog, und bei der er alle an ihn gerichteten Fragen klar und präzis beantwortete, zogen sich die Ärzte zu einer Beratung zurück. Als ich hinterher fragte: Glauben Sie, dass der Junge durchkommt?, antwortete der fremde Arzt: Es ist ja ein sehr schwieriger Fall. Versprechungen können wir Ihnen nicht machen, aber wir werden tun, was wir können. So deutlichen Bescheid hatten wir bisher noch nicht erhalten. Trotzdem glaubte ich nicht, dass sein Ende schon nahe sei. Nach der Untersuchung fiel Walter in einen Schlummer. Einmal ächzte er auf. Seine Mutter trat an sein Bett heran und fragte, ob ihm etwas wehe täte. Er antwortete: Nein. Dann kam ein Hustenanfall. Ich suchte Kopf und Oberleib in eine etwas erhöhte Lage zu bringen und sagte ihm, er solle nur aushusten. Er versuchte es, konnte aber nicht recht. Ich hatte eigentlich ausgehen wollen. Aber Briefe, die eben ankamen, hielten mich zurück. Wie gut, dass es so kam. Gegen fünf verließ meine Frau das Zimmer, um nach den andern Kindern zu sehen. Sie bat mich, inzwischen bei dem Jungen zu bleiben. Ich begriff die Bitte nicht recht, da sie ja doch gleich wieder kommen wollte, blieb aber. In der Kammer flackerte ein Licht. Ich wusste nicht, weshalb meine Frau es angezündet, da ja die Tür zur Stube, in der die Lampe brannte, weit offen stand, und wollte es auslöschen, tat es aber nicht, ich weiß selbst nicht, weshalb. Noch klingt mir die Betglocke in den Ohren, als es fünf geschlagen. Doch weiß ich mich der Aufeinanderfolge der Ereignisse nicht mehr recht zu entsinnen. Plötzlich erschreckte mich ein Knirschen seiner Zähne. Das hatte uns in den ersten Wochen seiner Krankheit so oft geängstigt, war aber in der letzten Zeit ganz ausgeblieben. Ich trat näher hinzu und rief: Walter, was ist dir? und sah noch, wie die Kinnladen sich bewegten. Er antwortete aber nicht. Mit weit geöffneten Augen lag er regungslos da. Mein erster Gedanke waren Krämpfe, und ich berührte seine Hände. Sie fühlten sich aber weich und lose an. Das beruhigte mich wieder etwas. Gleich darauf trat meine Frau wieder ein. Ich fühle noch, wie schwer mir's wurde, ihr zu sagen, dass er wieder mit den Zähnen geknirscht. Ich sah ihm wieder ins Gesicht, und als er noch so lag wie sonst, die Augen weit offen, starr und mit einem eigentümlichen Glanz, auch der Mund halb geöffnet, als ob er über etwas staune, dämmerte in mir der Gedanke, dass er vielleicht schon hinüber sein könne. Ich teilte es meiner Frau mit, wir horchten auf den Atem. Er stand still. Ich rief ihn bei Namen, er gab kein Zeichen von Verständnis. Meine Frau rief mir in größter Angst zu: Bete doch! Ich sank auf die Knie nieder und betete - ich wusste im Augenblick nichts anderes - das Kindergebet, das Walter so oft gebetet: Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich zu dir in den Himmel komme, vielleicht, dass er es noch verstände. Dann fügte ich noch hinzu: Durch deine heilige Geburt, durch deinen Todeskampf und blutigen Schweiß, durch dein Kreuz und Tod, durch dein heiliges Auferstehen und Himmelfahren, in unserer letzten Not, am jüngsten Gericht; hilf uns, lieber Herre Gott.

Schmerzlos und ohne Kampf war er hinübergegangen. Mit dem herzugerufenen Mädchen drückte ich ihm die Augen zu.

Nachdem die Leiche gewaschen war, wurde sie mit dem Bett in die gute Stube gebracht, wo noch der Christbaum stand, den wir in Hoffnung seiner Genesung hatten stehen lassen. Da lag die entseelte Hülle. Die große Abmagerung bewirkte einen schmerzlichen Zug auf dem bleichen Gesichtchen. Sonst aber sah er still und friedlich aus. Dort haben wir noch oft gestanden und gekniet - der erste Gang, wenn wir des Morgens aufgestanden waren, galt ihm - bis der Tag der Beerdigung kam. Da ward er im Sarge auf die Diele des Hauses gestellt, angetan mit dem weißen Sterbehemd kein schwarzer Faden an ihm zu sehen, - auf der Brust über den gefalteten Händen ein Blumenkreuz, das eine hochbetagte Freundin geschickt hatte. Unmittelbar vor der Feier wurde der Sarg geschlossen. Wir sangen: Wenn kleine Himmelserben in ihrer Unschuld sterben, so büßt man sie nicht ein. Der Superintendent sprach anknüpfend an das Psalmwort Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft tröstliche Worte. Dann wurde der Sarg unter den Klängen des Lasst mich gehen, das unser Walter so gern gesungen, hinausgetragen in seine kühle Grabeskammer, und da ruht er bis zum Auferstehungsmorgen. Soll ich seinem kurzen Leben eine Überschrift geben, so weiß ich keine andere als die: Sollt ich denn nicht fröhlich sein, / ich beglücktes Schäfelein? / Denn nach diesen schönen Tagen / werd ich endlich heimgetragen / in des Hirten Arm und Schoß, / Amen, ja mein Glück ist groß.


Großmutter Meta Dittrich geb. Rogge, Mutter des
Autors, mit ihren Enkeln 1888 in Swinemünde
Walter Dittrich †,
Johannes Dittrichs Sohn
Joachim Dittrich,
Alexander Dittrichs Sohn
Erika Dittrich,
Alexander Dittrichs Tochter
Susanne Dittrich,
Alexander Dittrichs Tochter
Gerhard Dittrich,
Johannes Dittrichs Sohn

Swinemünde 1888; Großmutter Meta Dittrich geb. Rogge (Mutter des Autors) mit ihren Enkeln

Einige Züge von Walters Aufrichtigkeit und Gewissenhaftigkeit muss ich noch aufzeichnen.

Im letzten Sommer erzählte er eines Tages, dass er mit einigen Schulkameraden die Felder entlang spazieren gegangen sei. Sie seien an ein Mohrrübenfeld gekommen und einer der Knaben, als ein ziemlicher Schlingel im Dorf bekannt, hätte gesagt: Dies ist unser Feld, hier darf sich jeder eine Wurzel ausziehen. Das hätten sie dann auch ganz unbefangen getan. Als sie aber im besten Besen gewesen wären, hätte der Junge gesagt, dass es gar nicht ihr Feld sei. - Mir war die Sache natürlich höchst unangenehm, und ich fragte Walter in strengem Ton: Da hast du doch nicht weiter gegessen? Da sah er mich ängstlich an und sagte in weinerlichem Ton: Einmal hab ich noch hineingebissen, dann aber hab ich sie weggeworfen. Ich befahl ihm in ärgerlichem Ton, jedenfalls nie wieder mit diesem Jungen umzugehen, und er fühlte sich etwas bedrückt. Die Mutter aber drückte ihren ehrlichen Jungen ans Herz.

Am neunten Tage nach der Geburt unserer Irmgard geriet unser Haus in Feuersgefahr. Im Hofe lag ein Haufen trockenes Reisig bis an das Strohdach des Nebengebäudes aufgeschichtet. Das Mädchen hatte dicht neben dem Hause die Asche vom Herd ausgeschüttet. In der Asche war noch einige Glut, und das Holz fing an zu brennen. Bei der Hitze und Trockenheit jener Tage hätte ohne Zweifel einige Minuten später das Nebenhaus in Flammen gestanden, und das Wohnhaus, das mit demselben verbunden ist, wäre dann auch nicht zu retten gewesen. Zum Glück bemerkten aber einige gerade vorübergehende Arbeiter von der Straße aus den aufsteigenden Rauch, und eilten herzu, das Feuer zu löschen. Ich hörte das Laufen im Hof und bemerkte dadurch erst die Gefahr. Als ich aus der Küche einen Eimer Wasser herbeiholte zum Löschen, kam Walter, durch das Hin- und Herlaufen aufmerksam gemacht, herbei, und wollte wissen, was es gäbe. Ich sagte es ihm, schärfte ihm aber ein, weder der Mutter noch den Geschwistern etwas davon zu sagen. Die Mutter würde sehr krank werden, wenn sie es hörte, sagte ich ihm.

Mehrere Wochen später, als meine Frau längst wieder hergestellt war, kam die Großmutter zum Besuch. Walter, der sich sehr an sie anschloss, begleitete sie zuweilen allein auf Spaziergängen. Da konnte er es doch nicht lassen, ihr sein sorgsam gehütetes Geheimnis anzuvertrauen. Nachdem er sich umgesehen, ob auch niemand in der Nähe, erzählte er ihr mit leiser Stimme die Geschichte, wie unser Haus beinah abgebrannt wäre, fügte aber gleich hinzu: Aber sagt's ja Mutter nicht und auch keinem von den Geschwistern. Denn wenn Mutter es hört, wird sie ganz krank. Als die Großmutter zu seiner Beerdigung kam, fiel ihr die Geschichte ein, und sie fragte, was eigentlich an der ganzen Sache sei. Dadurch erfuhr meine Frau erst die Gefahr, in der sie geschwebt. Walter hatte sein Geheimnis mit sich ins Grab genommen.

Einmal wurde seiner Schwester Thekla eine Bitte abgeschlagen, und sie weinte darüber. Walter, der dabei war, lachte sie aus. Eine Freundin, die gerade bei uns zum Besuch war, sprach missbilligend zu ihm: Sieh, wie schadenfroh du bist. Das Wort war ihm neu, er bat seine Mutter um Erklärung desselben. - Des Abends, als er im Bett sein Gebet sprach, flocht er - es waren Stunden darüber hingegangen - plötzlich ganz unaufgefordert in dasselbe die Worte ein: Lieber Gott, lass mich doch nicht wieder schadenfroh sein.

Anknüpfend an vorstehende Erzählung über seine Vorliebe für Türme möchte ich noch hinzufügen, dass dem eben zweijährigen Kinde bei seinem Aufenthalt in Swinemünde der dortige Turm auch einen großen Eindruck machte, sodass er fortan stets von Onkel Hämut und seinem doßen Turm sprach. Und als später sein Vater an letzteren schrieb und dabei sagte: Soll ich den Onkel Hellmuth grüßen?, Walter sofort erwiderte: Ja, aber den doßen Tum auch.