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EDV-Steinzeit

Auch wenn die folgenden Erinnerungen noch keine 50 Jahre alt sind, kommt es mir wie eine gefühlte Ewigkeit vor. Ich meine die frühen Jahre der Elektronischen Datenverarbeitung (EDV) und meine Erfahrungen damit.

Bevor ich 1978 von Offenbach nach Norderstedt zog, hatte ich bereits die neumodische Datenverarbeitung kennen gelernt. In meiner damaligen Firma, einer großen Lederwarenfabrik mit ungefähr 1.000 Mitarbeitern, waren bereits Teile der Fertigung und die gesamte Verwaltung auf EDV umgestellt. Damals wurde noch ausschließlich mit Lochkarten gearbeitet. Ich erinnere mich noch an die ständigen Anzeigen in der Tagespresse: Hessen horcht auf: Locherinnen gesucht, die weibliche Form war die Regel. Hier wurde für Weiterbildungskurse in diesem neuen Beruf geworben, für den dringend Personal benötigt wurde. Wir hatten auch mehrere Locherinnen beschäftigt. Diese tippten die vorbereiteten Daten wie mit einer Schreibmaschine in den Lochkartenstanzer, der die fertigen Lochkarten aus Pappe in einen Sammelschacht auswarf. Diese gestanzten Lochkarten waren jetzt von der Maschine lesbar.

Ich war mit einem Kollegen und einer Halbtagskraft für die gesamte Lohn- und Gehaltsabrechnung zuständig. Ohne die Hilfe der EDV wären mindestens dreimal so viele Mitarbeiter nötig gewesen. Wir haben sämtliche, für die Berechnung relevanten Daten EDV-gerecht vorbereitet und an die Lochkartenabteilung weitergeleitet. Die fertigen Lochkarten brachten wir in das hausinterne Rechenzentrum.

Zu diesem Raum hatte nur ein ausgewählter Personenkreis Zugang. Ich musste erst an der Tür klingeln, wenn ich die Lochkarten brachte und später die Auswertung als dicke Stapel mit bedrucktem Endlospapier abholte.

Das Rechenzentrum war ein großer, klimatisierter Raum, er hatte einen extra Dämmboden, der alle Schwingungen abhalten sollte, die durch die Fabrikationsmaschinen im Haus entstehen konnten. Hier nahm der Computer der Marke Honeywell-Bull den größten Raum ein. Er bestand aus zwei Metallgehäusen, die so groß waren wie mein Kleiderschrank. Mehrere Lochkartensortiermaschinen, ein riesiger Drucker und zwei Monitore, die von den Operatoren bedient wurden, waren ebenfalls in dem Raum.

Die Arbeit mit dem Computer ging nicht nur schneller, sie hatte sich auch in der Ausführung total verändert. Die Skepsis meiner Kollegen gegenüber dieser neuen Technik war groß. Während in der Verwaltung fast alle Berechnungen automatisiert waren, konnte der Computer in der Fertigung nur für gewisse Aufgaben eingesetzt werden. Die Mitarbeiter in der Werkstatt sagten oft: Meine Arbeit kann ein Computer niemals ersetzten. Doch es kam bekanntlich anders.

Nach meinem Umzug nach Norderstedt arbeitete ich anfangs wieder als Lohnbuchhalterin, diesmal in einem Betrieb der chemischen Industrie, der etwa die gleiche Größe hatte, wie meine alte Firma in Offenbach. Auch hier liefen die Abrechnungen über die EDV. Allerdings waren wir hier mit sieben Mitarbeitern für die Lohn- und Gehaltsabrechnung zuständig. Ich hatte jetzt einen Vergleich und erkannte, dass der Computer hier weniger effizient eingesetzt wurde als in meiner alten Firma. Allerdings habe ich das Rechenzentrum nie gesehen, denn es war vollkommen abgeriegelt. Es gab hier ein Vorzimmer, in dem die Unterlagen entgegengenommen und die Auswertungen später ausgegeben wurden.

Ich wechselte nach kurzer Zeit die Firma und begann einen neuen Job bei einer Agrar-Genossenschaft in Hamburg-Altona, als alleinige Kraft im Personalbüro. Es wurden zwar nur ungefähr 100 Mitarbeiter beschäftigt, doch gab es hier eine mehrstufige Hierarchie, angefangen beim Vorstandsvorsitzenden bis zum Chauffeur in Uniform, auf deren Einhaltung streng geachtet wurde. Nach vielen Beschäftigungsjahren in der Industrie konnte ich nun mit großem Erstaunen feststellen, dass man mit Handel im großen Umfang und wenigen Mitarbeitern einen wesentlich größeren Umsatz und Gewinn machen kann, als mit der Herstellung von Waren.

Auch hier gab es ein Rechenzentrum, das alle Berechnungen der Firma übernahm. Da die Firma klein war, übernahm sie auch Fremdaufträge, um die EDV-Anlage auszulasten. Auch gab es jetzt keine Lochkarten mehr. Ich konnte die Eingaben für den Rechner selbst am Bildschirm machen und auch kleine Änderungen innerhalb des Programms vornehmen.

Ich hatte ein eigenes Büro, in das man nur über ein Vorzimmer kam. Hier saß der Vorzimmerdrache, offiziell die Sekretärin des Personalchefs. In diesem Raum war rechts die Tür zum Personalchef, links der Eingang zu meinem Büro. Anfangs war das Arbeitsverhältnis mit beiden noch gut, was sich aber mit der Zeit änderte. Der Personalchef, mein Vorgesetzter, konnte sich mit der neuen Technik der EDV nicht anfreunden und widersetzte sich mit allen Mitteln, die ihm zur Verfügung standen.

Zum Beispiel: Ich bereitete die Überweisung zur Zahlung der Gehälter für die Bank vor, die er unterschreiben musste. Dazu legte ich den EDV-Ausdruck mit den Einzelbeträgen und der Gesamtsumme vor. Aber das reichte ihm nicht, er wollte zusätzlich noch, dass ich die Summen von der Computerliste mit der Rechenmaschine abtippte und ihm den Tippstreifen vorlegte. Er hakte jeden Betrag einzeln ab und verglich das Ergebnis. O Wunder, es stimmte immer! Ich betrachtete es anfangs als Spleen, aber es gab noch weitere Begebenheiten, bei denen er Computerergebnisse abstritt. Darüber kam es oft zu lauten Streitigkeiten mit dem EDV-Leiter. Ich wiederum habe mich sehr gut mit diesem verstanden, vor allem, weil er merkte, dass ich großes Interesse an der neuen Technik hatte. Als der EDV-Leiter, der mit dem Personalleiter auf gleicher Hierarchiestufe stand, dann immer direkt, an der Sekretärin vorbei, zu mir ins Büro kam, und damit die Hierarchieordnung umging, war es aus mit dem Betriebsfrieden. Es begann eine Zeit, die man heute mit Mobbing von Seiten des Personalleiters und seiner Sekretärin bezeichnen würde. Ich konnte mich gut wehren, da ich immer den EDV-Leiter und sogar den Vorstandsvorsitzenden im Rücken hatte. Beide beabsichtigten wohl, den Personalchef loszuwerden. Ich wollte nicht dazu beitragen, musste mich aber wehren, um nicht zwischen den beiden Parteien aufgerieben zu werden. Die Atmosphäre war vergiftet.

Eines Tages lief das Fass über. Die Firma hatte einen Betriebsausflug geplant, zu dem die Mitarbeiter mit Kleinbussen oder Privatautos von ihren Wohnungen abgeholt und abends wieder nach Hause gebracht werden sollten. Der Grund war der zu erwartende Alkoholkonsum.

Ich sah, wie der Personalchef sich abmühte, die jeweiligen Routen der Kraftfahrzeuge zusammenzustellen. Ich bastelte ihm schnell eine Computerliste, indem ich die Mitarbeiter nach den Postleitzahlen ihrer Wohnung sortierte und ausdruckte. Ich hoffte, ihm die Arbeit zu erleichtern. Doch er schrie mich wütend an: Das habe ich ihnen nicht befohlen, nahm die Liste, steckte sie in den Reißwolf und brüllte triumphierend: So, jetzt sehen sie, was ich mit ihrer Liste mache!

Ich musste laut lachen, denn ich hätte die Liste ja sofort neu ausdrucken können. Nun gab ein Wort das andere, bis ich schließlich zu ihm sagte: Machen sie ihren Sch … doch alleine. Ich legte meine Firmenschlüssel auf den Schreibtisch und verließ das Haus ohne meine Arbeit zu beenden.

Dass ich mich aus der belastenden Situation befreit hatte, versetzte mich in eine Hochstimmung, an die ich mich noch sehr gut erinnern kann. Nach drei Tagen rief der EDV-Leiter an und bot mir eine Stelle in seiner Abteilung an. Ich wollte aber diese Firma nicht mehr betreten. So einigten wir uns auf eine fristgemäße Kündigung seitens der Firma mit sofortiger Freistellung und der Ausstellung eines guten Zeugnisses. Wie er den Personalchef zu dieser Vereinbarung gebracht hatte, ist mir ein Rätsel.

Durch die Firmenkündigung konnte ich mich beim Arbeitsamt arbeitslos melden. Ich hatte aber nicht vor, mir sofort wieder einen neuen Arbeitsplatz zu suchen. Da mich die EDV sehr interessierte, bewarb ich mich beim Arbeitsamt um eine Fortbildung in diesem Bereich.

Im Frühjahr 1986 belegte ich dann einen Einführungskurs in die EDV bei der Gesellschaft für Datenverarbeitung (GfD). Die Schulungsräume waren in der Nähe des Hamburger Hauptbahnhofs in der Adenauerallee 2.

Neben betriebswirtschaftlichen Grundkenntnissen wurden uns die Grundbegriffe der Elektronischen Datenverarbeitung erklärt. Bit, Byte, Binär, Hexadezimal und andere Begriffe waren nun keine Fremdwörter mehr. Für die Berechnungen musste ich mir einen Taschenrechner kaufen, der die Zahlensysteme umwandelte. Der kostete damals weit über 100 D-Mark. Die inzwischen ausgemusterte Lochkarte mussten wir ohne Beschriftung, nur anhand der Stanzlöcher entschlüsseln können. Der Aufbau der Lochkarte hatte Einfluss auf verschiedene Programmiersprachen .

Nach Ende dieses Einführungskurses bot die GfD einen sechsmonatigen Lehrgang zur Ausbildung zum Programmierer an. Hier war die männliche Form: Programmierer die Regel. Ich hatte Interesse daran und fragte den Dozenten, bei dem ich Unterricht hatte, ob ich Chancen bei dieser Ausbildung hätte. Er wusste zwar, dass ich bisher gute Leistung gebracht hatte, aber seine Antwort war: Frauen in ihrem Alter schaffen das nie. Ich war gerade erst 40 Jahre geworden ! Noch mehr Motivation hätte ich nicht gebraucht, mein Entschluss stand jetzt fest. Ich beantragte beim Arbeitsamt eine weitere Fortbildung für sechs Monate und bekam sie genehmigt.

Nun begann für mich eine Art Studentenzeit. Wir waren 14 Personen in dem Lehrgang, davon zwei Frauen. Die Männer waren überwiegend Zeitsoldaten, die vom Bund nach Ablauf ihrer Verpflichtung eine Aus- oder Weiterbildung bezahlt bekamen.

Der Kurs beinhaltete die Ausbildung in den Programmiersprachen Assembler, RPG II und Cobol. Es war aber nicht so, dass wir am Computer programmieren konnten. Wir saßen am Schreibtisch und erstellten zuerst einen Programmablaufplan. Dann wurden die Codes zuerst auf ein 80-Stellen-Formular eingetragen, erst dann konnten wir diese Daten am Bildschirm via Tastatur eingeben und ausprobieren, ob unsere Programme funktionierten. Der Computer, ein IBM System/36, stand in einem Extraraum. Hier waren acht Terminals angeschlossen.

Einmal bekamen wir folgende Aufgabe: Das Programm sollte fünf Ausrufungszeichen berechnen. Was soll das? Der Dozent klärte mich auf meine Frage hin auf: Das Ausrufezeichen bezeichnet in der Mathematik die Fakultät. Er erklärte auch die Berechnung und ich war erstaunt, wie einfach es war. Ich konnte zwar gut rechnen und mein Zahlenverständnis war auch nicht schlecht, aber Mathematik war für mich bisher fremd. Ich war mit meiner Nachfrage allein, aber ich merkte bald, dass viele der Herren Exsoldaten auch keine Ahnung hatten, sich aber nicht zu fragen trauten.

Trotz allen Ehrgeizes, denn der Kurs war alles andere als leicht, wurde aus den Kursteilnehmern eine lustige Truppe. Wie die Schulkinder versuchten wir, außerhalb der gestellten Aufgaben, eigene Spielchen zu machen. Uns Erwachsenen machte es einen Heidenspaß, wenn wir den Computer gezielt zum Absturz bringen konnten, um so eine Zigarettenpause herauszuschinden.

Auch in der Mittagspause, die eineinhalb Stunden dauerte, hatten wir viel Spaß. Bis auf ein paar Superehrgeizige, die durcharbeiteten oder zur Entspannung Schach spielten, gingen wir gemeinsam zum Essen. Wir waren oft im gegenüber liegenden McDonalds, wo man bei schönem Wetter auch draußen sitzen konnte. Heute ist hier der ZOB. Ein gutes und preiswertes Mittagessen bekam man in der Kantine des Deutschen Schauspielhauses. Hier trafen wir viele interessante Leute vom Theater, mit denen wir endlos klönen konnten und dadurch oft die Pause überzogen. In einer Pizzeria am Steindamm reservierten wir die Fensterplätze. Hier konnten wir beobachten, wie die Kundengespräche der gegenüber stehenden Damen abliefen und wie lange die Besuche dauerten.

Gegen Ende der Ausbildungszeit erneuerte die GfD ihre Hardware und wir arbeiteten nun mit einer IBM System/38. Außerdem gab es jetzt noch einen Ausbildungsraum für die neuen Personal Computer (PC). Hier durften wir am Commodore 64, außerhalb der regulären Ausbildungszeit, mit einem jungen Ausbilder üben. Die abfällige Meinung unserer Dozenten über die PC‘s von damals war, dass diese Dinger sich niemals durchsetzen würden. Das seien reine Spielecomputer, die niemals die Kapazität eines vollwertigen Computers haben würden. Welch eine Fehleinschätzung!

Ich wollte mich nicht noch zusätzlich mit den unnützen Spielcomputern beschäftigen und verpasste dadurch leider den Einstieg in die neue Welt der Personal Computer. Aber einigen der Jungs machte es Spaß, nach Feierabend noch ins Spielzimmer zu gehen. Meine berufliche Zukunft sah ich auch nicht in der EDV-Abteilung, trotz der Freude an der Thematik, doch ich wollte die Ausbildung erfolgreich abschließen. Ich machte einen guten Abschluss und bekam ein Diplom als Programmiererin. Ich habe es nie gebraucht.

Im Anschluss war ich über zwanzig Jahre bei einem Servicebetrieb der Metallbranche in der Personalabteilung beschäftigt. Die EDV-Arbeiten machten andere und nannten sich nun IT-Mitarbeiter (Informations-Technik), doch die Personalarbeit kann nach wie vor nicht durch den Computer ersetzt werden. Nach und nach bekamen alle Angestellten einen PC auf den Schreibtisch und auch ich bekam Internetzugang. Jeder, der dazu imstande war, bastelte sich eine eigene Homepage, jedoch die Geschäftsleitung fand einen Internetauftritt für die Firma nicht nötig, das sei etwas für Wichtigtuer. Heute hat der Betrieb eine aufwendige Webseite in mehreren Sprachen. Ich musste und muss mir oft Hilfe von Leuten holen, die damals der Spielzimmer-Fraktion angehörten. Noch immer ist für mich der heutige Computer wie ein Buch mit sieben Siegeln
Mein Diplom habe ich bisher verschwiegen, es wäre mir aufgrund meiner geringen PC-Kenntnisse zu peinlich gewesen. Es hatte ungefähr den Wert wie das Jodeldiplom von Loriot. Aber nachdem ich fast 15 Jahre nicht mehr berufstätig bin, ist es mir jetzt egal, wenn es veröffentlicht wird.

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