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Meine ideale Armbanduhr

Irgendwann in den 1950er Jahren muss ich meine erste Armbanduhr bekommen haben, eine dieser preiswerten Standard-Kinderuhren mit Leuchtzeigern. Sicherlich habe ich mich darüber gefreut, aber ein herausragendes Erlebnis meines Lebens kann es nicht gewesen sein, denn sonst würde ich mich daran erinnern. Für mich war eine Armbanduhr in erster Linie ein Zeitmesser denn ein Schmuckstück.

Etwa jedes Jahrzehnt war eine neue Armbanduhr fällig. Die Technik blieb lange gleich. Ein Ziffernblatt mit den Zahlen eins bis zwölf, darauf ein kleiner und ein großer Zeiger, und später auch ein schmaler Sekundenzeiger.

Dann tauchten aus Fernost plötzlich Uhren mit digitalen LED-Ziffern auf. Die Zeiger waren verschwunden, die Uhrzeit wurde in Zahlen angezeigt, Stunden und Minuten durch einen Doppelpunkt getrennt. Eine Datumsanzeige und eine Stoppuhr waren integriert. Das fand ich sehr schick, aber wie das so ist: Bald stellte ich fest, dass ich die Stoppuhr doch nicht nutzte. Meine Uhren blieben aber immer im Preissegment unter 50 D-Mark. Mir war es immer unverständlich, dass Menschen mehrere tausend D-Mark für eine Armbanduhr zahlten, die doch kaum genauer ging als meine preiswerte.

Der nächste Entwicklungsschritt folgte bald. Die Uhrzeit wurde nun wieder mit Zeigern angezeigt. Diese wurden anfangs mit LED-Zellen, später mit stromsparenderen Flüssigkristallen dargestellt. Die Zeiger fand ich besser, denn sie ersparten mir den gedanklichen Umsetzungsprozess von den Ziffern zu den Zeigern und damit zum Gefühl für die Zeit.

Meine Armbanduhr war nun batteriebetrieben. Das war erfreulich, denn ich musste meine Uhr nicht mehr aufziehen. So entfiel das lästige Drehen an der kleinen Krone, um die Uhr neu zu stellen, wenn sie einmal stehen geblieben war. Wenn das der Fall war, musste ich bis zu 24 Stunden vorwärts nudeln, denn rückwärts drehen schadete angeblich dem Uhrwerk.

Von meiner idealen Uhr war die Technik aber noch weit entfernt, denn ich musste die Uhrzeit gelegentlich korrigieren und etwa einmal im Jahr die Batterie wechseln.

Jahre später folgte der nächste evolutionäre Schritt, denn eine Uhr mit einem schwarzen Ziffernblatt kam auf den Markt. Das war genial, denn das Ziffernblatt war eine Solarzelle! Nun brauchte ich nicht einmal mehr die Batterie zu wechseln. Anfangs traute ich dem Braten aber noch nicht. Sicherheitshalber legte ich meine Solaruhr am Abend unter die Nachttischlampe, damit sie genügend Licht bekam. Denn tagsüber verschwand sie meist unter meinem Ärmel. Aber das Vertrauen wuchs recht schnell, da der Stromverbrauch wohl sehr niedrig war.

Von meiner idealen Uhr war die Technik aber immer noch entfernt, denn ich musste die Uhrzeit gelegentlich korrigieren. Wie toll wäre es, wenn das auch entfiele?

Im Jahr 1990 stellte Junghans die erste Funkarmbanduhr vor. Wenige Jahre später war sie auf dem Markt und dann auch an meinem Handgelenk. Nun musste ich meine Uhr nicht mehr stellen, und das war mir 30 D-Mark wert! Damit hatte die Technik zwar wieder einen Schritt vorwärts gemacht, aber auch einen zurück, denn nun hatte meine Armbanduhr wieder eine Batterie.

Es kam, was schließlich kommen musste: In der Adventszeit des Jahres 2010 entdeckten wir sie bei einem Einkaufsbummel, meine ideale Armbanduhr, die ich bis heute trage. Es ist eine Citizen-Funkuhr aus Edelstahl mit einem Solarziffernblatt. Sie gefiel mir auf Anhieb. Meine Frau überzeugte mich, sie zu kaufen und ich war gern bereit, dafür knapp 400 € zu zahlen. Endlich hatte ich meine ideale Uhr gefunden, kein Aufziehen mehr, kein Batteriewechsel und kein Nachstellen war mehr nötig. Sie ist völlig autark. Aber ist sie wirklich ideal?

Zwei Jahre später reisten wir nach Israel. Dort befindet man sich außerhalb des Funkbereiches der Atomuhr in der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig, die Signalgeber der Funkuhren ist. Das war undramatisch für meine Uhr, denn die Abweichung von wenigen Minuten, die die Uhr nach unserer Rückkehr gehabt hätte, wäre dann sofort wieder korrigiert worden. Leider liegt Israel aber in einer anderen Zeitzone. – Vielleicht hätte ich sie auch stellen können, aber Gebrauchsanweisungen lesen ist unsportlich, und außerdem lag die zuhause in der Nachttischschublade. So musste ich während der Reise darauf achten, die deutsche Zeit in Ortszeit umzurechnen.

Ich tröstete mich damit, dass ich nur sehr selten die Zeitzone wechsle und so konnte mich keiner von meiner Meinung abbringen: Ich hatte meine ideale Armbanduhr gefunden.