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Das Haus in der Provence

Wie es dazu kam

Ein Vorurteil über Hamburg besagt, dass hier ewiges Schmuddelwetter mit den meisten Regentagen Deutschlands herrschen würde. Das ist zwar nachweislich falschRegentage HamburgQuelle: Eurostat (Urban Audit), dennoch sind wir Hamburger nicht sonnenverwöhnt.

Bis zu seiner Pensionierung hatte mein Vater immer eine Dienstwohnung. Der Begriff trifft es aber nicht ganz, denn bis auf die ersten Nachkriegsjahre war es immer ein Pastorat mit Garten, und letzterer hatte bei meiner Mutter immer einen hohen Stellenwert. Als mein Vater 1981 emeritierte, war mit der Dienstwohnung Schluss. Meine Eltern zogen in eine Mietwohnung nach Eppendorf in den ersten Stock und ohne Garten.

Der Ruhestand und die gute Pension brachten es mit sich, dass meine Eltern oft reisen konnten. Freunde von ihnen hatten ein Haus in der Provence. Es war ein typisch provenzalisches Haus in einem kleinen typisch provenzalischen Nest auf einer Bergkuppe mit engen Gassen und einem weiten Blick ins Land auf unendliche Weinberge und Lavendelfelder. Meine Eltern nutzten das Angebot der Freunde, dort Urlaub zu machen. Sie begannen die Landschaft zu lieben – wie schon viele vor ihnen, zum Beispiel die Maler, die von dem besonderen Licht der Landschaft schwärmten.

Nach ihrem dritten Aufenthalt wurde der Wunsch meiner Eltern immer stärker, dort ein eigenes Feriendomizil zu besitzen, um ein Drittel des Jahres dort verbringen zu können. Sie begaben sich auf die Suche. Durch ihre Aufenthalte im Haus der Freunde hatten sie bereits eine genaue Vorstellung. Eine Wohnung kam für sie nicht in Frage, denn ein Garten musste unbedingt dabei sein. Zweitens sollte es in kurzer Zeit bewohnbar gemacht werden. Drittens sollte das Haus nicht einsam liegen, sondern Nachbarn und Einkaufsmöglichkeiten in der Nähe haben. Damit stand schon fest, dass es nicht – eingerahmt von schlanken Zypressen – inmitten von Weinbergen und Lavendelfeldern liegen konnte. Viertens sollte das Haus eine ruhige Lage haben, und fünftens musste es finanzierbar sein.

Zwischen dem Rhône-Delta (Bouches-du-Rhône) und dem malerischen Städtchen Aix-en-Provence liegt ein Binnensee, der mit dem Mittelmeer durch einen Kanal verbunden ist. Er heißt Étang de Berre und hat eine Fläche von etwa 150 Quadratkilometern. An seinem nördlichen Ende liegt das Städtchen Saint-Chamas mit damals etwa 5.500 Einwohnern. Dort wurden meine Eltern schließlich fündig. Im Februar 1985 kauften sie für 145.000 D-Mark ein Haus. Gleichzeitig zogen sie in Hamburg in eine Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung, was ihre Miete halbierte und damit den Hauskauf ermöglichte.

Unsere ersten Ferien

Im Juli 1985 reisten wir mit unseren Kindern (acht, sechs und ein Jahr alt) zum ersten Mal für drei Wochen nach Saint-Chamas. Man hatte uns empfohlen, den Autoreisezug von Hamburg-Altona nach Avignon zu nehmen. Es war genau die richtige Entscheidung, um dort entspannt anzukommen. Ich hatte schließlich bis kurz vor Reiseantritt gearbeitet.

Auf der Fahrt von Avignon nach Saint-Chamas konnten wir bereits den Reiz der Provence erahnen. Nun standen wir vor dem Haus in der Avenue des 53, die zum Gedenken an 53 Tote so benannt wurde, die bei einer Explosion in der damaligen Pulverfabrik ums Leben kamen. Das Haus kannten wir bisher nur von Fotos. Es liegt am Fuß eines Kalkberges, von dem man einen weiten Blick über den Étang de Berre hat. Es ist kein Haus im Stil der Provence und könnte auch irgendwo in Deutschland stehen. Am Giebel unter dem vorstehenden Dach prangt eine Tafel mit der Zahl 1910. Die hohen Fenster sind mit rostroten soliden Fensterläden versehen.

Julian mit Weinbergschnecke
Julian mit Weinbergschnecke - Foto: Malsch 1985

Vor dem Haus liegt ein kleiner Vorgarten, der durch eine Mauer zur Straße hin abgegrenzt wird. Zwischen der Mauer und dem Nachbarn zur Linken, der eine kleine Autowerkstatt betreibt, befindet sich ein großes eisernes Tor. Als wir es öffnen, sehen wir, wie schmal die Einfahrt zwischen unserem und dem Nachbarhaus ist. Ob wir dort mit unserem Passat Variant durchkommen? – meine Frau Barbara weist mich ein und es klappt, an beiden Seiten sind noch zwei Zentimeter Platz. Nun stehen wir auf einem kleinen Hof, etwa acht Meter tief und von einer großen Kastanie überschattet. Links, etwas zurückliegend, gibt es eine kleine Remise mit Abstellraum, Dusche und WC. Zur Bergseite hin türmt sich eine drei Meter hohe Mauer aus Natursteinen, an der Wein hinaufklettert.

Vom Hof führt eine kleine Treppe zur Küchentür. Wir machen uns zuerst mit den Räumlichkeiten vertraut. Im Parterre sind zwei Zimmer mit gefliesten Fußböden und Marmor-Kaminen. Wir öffnen die schweren Fensterläden und lassen das Licht herein. Im ersten Stock gibt es zweieinhalb Zimmer, Bad und Dusche. Alle Räume haben eine Höhe von drei Metern dreißig. Im Gewölbekeller, den wir vom Hof aus erreichen können, ist die Decke nur eineinhalb Meter hoch, sodass wir dort nicht aufrecht stehen können.

Nachdem wir das Auto ausgeladen haben, müssen wir noch den Garten erkunden. Gegenüber der Küchentür führt die Treppe weiter auf die erste Terrasse, die auch etwa acht Meter tief ist. Dort blühen zwei Yucca-Palmen, aber ansonsten ist die Vegetation noch ziemlich verwildert und entsprechend der Jahreszeit recht trocken. Kein Wunder, denn in den vier Jahren, in denen das Haus leer stand, haben sich die Hühner des Nachbarn zur Linken dort ausgetobt.

Zur zweiten Terrasse kommt man über eine Treppe, die in die drei Meter hohe Mauer eingelassen ist. Dort hatten sich die Wildkräuter der Provence breit gemacht. Die dritte Terrasse ist fast vollständig mit riesigem Schilf und wilden Feigenbüschen zugewachsen, ein kleiner Urwald. Dort gibt es eine Zisterne, die von einer römischen Wasserleitung gespeist wird. Ihr Wasser dient der Bewässerung des Gartens.

Der Ort

Da wir noch einkaufen wollen, erkunden wir anschließend den Ort. Wo liegen die nächsten Einkaufsmöglichkeiten und was gibt es in Saint-Chamas zu sehen?

Der alte Stadtkern liegt nur etwa 300 Meter entfernt. Die Ausfallstraße, an der das Haus liegt, ist ziemlich laut. Eine ruhige Lage war der einzige Wunsch meiner Eltern, der sich nicht realisieren ließ. Da ist der gelegentliche Lärm aus der Autowerkstatt und der Straßenlärm. Letzterer wird allerdings etwas gemildert, denn auf der Straße liegen ein paar Tote Polizisten – so nannten wir die SchwellenEine Bremsschwelle oder häufiger Rüttelschwelle (auch Speedbump oder Ralentisseur) ist eine quer zur Fahrtrichtung angeordnete bauliche Erhebung auf der Fahrbahn, die zu einer Geschwindigkeitsdämpfung führt und damit zur Verkehrsberuhigung beitragen soll.Klick für Wikipedia.org, die die Fahrzeuge zum Langsamfahren zwingen. Ich kann mich nicht erinnern, woher wir diese Bezeichnung hatten – ist sie vielleicht aus dem Französischen entlehnt?

Glücklicherweise hat der Ort keinen Durchgangsverkehr. Einen Kilometer entfernt verläuft die Umgehungsstraße, die von Miramas im Norden nach Aix-en-Provence und weiter nach Marseille führt. Sie ist so weit entfernt, dass man vom dortigen Autoverkehr nichts hört. Aber dahinter verläuft ein sehr imposantes Eisenbahn-Viadukt. Auf ihr verkehrt der TGV von Paris über Avignon nach Marseille, außerdem der Regionalverkehr. Und nachts klappern dort Güterzüge, die schier unendlich lang sind und durch die Stille der Nacht besonders laut wirken. Zum Glück kann man sich an monotone Zuggeräusche leichter gewöhnen.

An der nächsten Straßenbiegung sitzt eine Frau auf dem Trottoir. Wie wir bald feststellen werden, sitzt sie täglich dort. Vor ihr steht ein großer flacher Korb, gefüllt mit saftigen Feigen. An den Feigen kann ich nicht vorbeigehen. Ich kaufe ihr eine Tüte voll ab.

Wir gehen weiter, die Straße wird enger. Rechts liegt die Kirche Saint-Léger aus dem 17. Jahrhundert. Dann öffnet sich der Blick nach links auf ein hohes, die Straße überspannendes Aquädukt mit einem Glockenturm. Hier gibt es viele kleine Läden. Wenn man das Aquädukt unterquert, kommt man runter ins Algerische Viertel und zum kleinen Fischereihafen.

Zum Einkaufen muss man schon ein paar Brocken Französisch können. Dafür reicht es bei mir gerade. Aber für größere Einkäufe zogen wir es doch vor, zum nächsten Supermarché in das Städtchen Salon-de-Provence zu fahren, wo uns niemand nach unseren Wünschen fragt.

Ausflüge

Jedes zweite Jahr waren wir nun mit unseren Kindern in Saint-Chamas und unternahmen von dort aus viele Ausflüge zu den touristischen Attraktionen der Provence. Schon ganz in unserer Nähe, etwa 300 Meter entfernt am südlichen Ortsausgang, gab es etwas zu bestaunen. Dort hatten die Römer vor 2000 Jahren eine Brücke über den Touloubre gebaut, den Pont Flavien. Außerdem sahen wir die Flamingos und die Wildpferde in der Camargue, bewunderten die Stadtmauer von Aigues-Mortes, besuchten einen Stierkampf in einem Dorf in der Crau, bei dem die Dorfjugend einem Jungbullen Kokarden pflücken musste, die an den Hörnern befestigt waren, und wir mussten mit ansehen, wie ein toter Stier aus der Arena in Arles herausgeschleift wurde. Wir gingen durch die Wasserleitung des Pont du Gard, waren auf der Brücke von Avignon und in der Burg von Tarascon, bestiegen den Felsen von Les Baux, promenierten unter den Platanen des Cours Mirabeau in Aix-en-Provence, besichtigten die Ausgrabungen in Glanum und suchten nach Spuren von Nostradamus und Vincent van Gogh in Saint-Rémy.

Aquädukt bei Pont du Gard
Römisches Aquädukt, Pont du Gard - Foto: Kennhöfer 2003

Oder wir fuhren an die Mittelmeerküste nach Fos-sur-Mer. Dort gab es eine Badestelle. Allerdings war sie sehr überlaufen. Außerdem lag sie nahe am Hafen und dem angrenzenden Industriegebiet. Die Franzosen hatten es damals noch nicht so mit dem Umweltschutz.

Garten und Hof

Meine Eltern, die mehrere Monate des Jahres dort ihr Leben genossen, hatten den verwilderten Terrassengarten mit viel Freude und Mühe gestaltet. Die alten Mauern berankten sie mit Wein, Rosen und Clematis. Auf die erste Terrasse, wo sich der wuchernde Lavendel schon über die Mauer beugte, hatten sie eine schattenspendende Maulbeerplatane gepflanzt, außerdem eine Mimose, eine Zypresse, einen Lorbeerbusch und einen Aprikosenbaum. Auf der mittleren Terrasse wuchsen Thymian, Rosmarin und Gemüse, und ganz oben wucherten die verwilderten Feigen vor sich hin. Im Frühling quaken dort die Laubfrösche und im Sommer zirpen Tag und Nacht die Zikaden.

Wenn wir also mal keine Lust auf kaputte Steine hatten, konnten wir auch einfach die Ruhe des Gartens genießen. Morgens ging ich dann zur Boulangerie und kaufte Baguette und Croissants und für die Kinder pain au chocolat, während Barbara den Frühstückstisch unter der Kastanie deckte. Dort war es noch angenehm kühl. In der Mittagshitze zogen wir uns hinter die Fensterläden zurück oder erfrischten uns in der Dusche der Remise. Während Julian mit den Weinbergschnecken Wettrennen veranstaltete, ernteten die beiden Großen die Feigen auf der oberen Terrasse. Und gegen Abend wehten die Gerüche von gegrilltem Fisch herüber, den die Nachbarin zur Rechten hinter der großen Knöterichhecke täglich auf dem Rost hatte.

Eines Tages wollten die Kinder wissen, wie ich ohne Bart aussehen würde. Sie hatten mich nie ohne gesehen, selbst Barbara kannte mich nur mit Bart. Ich schlug vor, ihn abzurasieren, warnte aber vor dem Babyface, das dann zum Vorschein kommen würde. Wir gingen nun alle auf die Terrasse und Benjamin durfte mich rasieren. Vom Ergebnis waren alle gleichermaßen entsetzt und so beschloss der Familienrat: Sofort wieder wachsen lassen!

Zwei weitere Erlebnisse sind mir noch in Erinnerung.

Wir planten einen Ausflug und wollten nicht zu spät los. So räumten wir noch schnell das Frühstücksgeschirr zusammen und verließen das Haus. Als wir am Abend zurückkamen, zog sich ein schwarzes Band quer durch die Küche bis zur Spüle hinauf. Die fleißigen Ameisen hatten eine Straße gebildet, über die sie nun unsere Frühstückskrümel nach draußen abtransportierten. Wir waren ziemlich entsetzt. Seitdem wuschen wir das Geschirr sofort nach jeder Mahlzeit ab.

Ein anderes Erlebnis war ein Gewitter, das sich direkt über dem Haus entlud. Es war am Kalkberg hängengeblieben und konnte nicht weiterziehen. Eine Viertelstunde lang peitschte der Regen, und Blitz und Donner kamen gleichzeitig. Wir kauerten uns alle auf einem Bett zusammen. Es war ein richtig angsteinflößendes Erlebnis. – Als wir am nächsten Morgen in den Hof kamen, sahen wir, was das Gewitter angerichtet hatte. Der Regen hatte alles weggespült, was nicht fest war. Der Hof war voller Schlamm, der sich bis auf die Straße ergossen hatte.

Im Oktober 1994 verkauften meine Eltern das Haus wieder. Wir haben dort fünf wundervolle Urlaube erlebt. Und jedes Mal brachten wir die Wohlgerüche der Provence mit nach Hause. Unser Auto war dann vollbepackt mit Honigmelonen und leckeren Früchten der Provence, nach denen das Auto noch tagelang duftete. Und in unserem Garten wachsen seitdem Lorbeer, Rosmarin, Oregano und Thymian.