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Frühjahr 1945
Prolog:
Barbara Dittrich wohnte mit ihren beiden kleinen Kindern Hermann (drei Jahre) und Martin (zwei Jahre) am Ende des Zweiten Weltkrieges im Pfarrhaus ihrer Eltern in Neuenkirchen, heute eingemeindet in Melle, wo ihr Vater Dorfpastor war. Ihr Mann Jochen war bis zum letzten Briefkontakt in Tabarz/Thüringen und arbeitete dort als Reichsbahnrat. Als keine Post mehr befördert wurde, schrieb sie alles, was sie Jochen mitteilen wollte, in eine Kladde. Die hier veröffentlichten Aufzeichnungen sind ein Auszug daraus.

Um es vorweg zu nehmen: Die Geschichte hatte ein Happy End.

Ungeschriebene Briefe - Frühjahr 1945

Neuenkirchen, 5. April 1945

Mein lieber Jochen!

Nun ist es tatsächlich so gekommen, wie ich es schon lange befürchtet hatte: dass wir nichts mehr voneinander hören. Ich hoffe aber bestimmt, dass es nur ein vorübergehender Zustand ist, und dass ich dir dies Heft einmal geben kann. Dann bist du im Bilde über alles, was mit uns geschehen ist.

Am Sonnabend, den 31. März, kriegte ich deinen Brief vom 15. März, den du Herrn Josten mit nach Kassel gegeben hattest. Er hat ihn aber keineswegs dort, sondern am 19. März in Wewelsburg bei Paderborn eingesteckt. Das war nun der letzte Brief von dir. Ich selbst habe dir am Freitag, den 30. März, zuletzt geschrieben. Nun weiß ich aber gar nicht, ob du diesen Brief noch gekriegt hast.

Was mich am meisten betrübt, ist, dass du nichts davon geschrieben hattest, dass wir womöglich mal für lange Zeit getrennt werden könnten. Das ist mir so, als wenn du auf einmal verschwunden gewesen wärest, ohne mir auf Wiedersehen zu sagen. Hast du denn tatsächlich nie mit dieser Möglichkeit gerechnet? Ich hätte so gern noch einen Brief von dir gehabt, in dem du davon schreibst, und dass du hoffst, dass wir uns bald wiedersehen. So etwas, woran ich mich jetzt ein wenig trösten könnte! Ich hatte dich ja auch vor längerer Zeit schon mal gebeten, mir doch auch noch etwas aufzuschreiben, wie ich dir im August 1939 aufgeschrieben habe. Aber ob du den Brief, den ich nach Berlin geschrieben hatte, gar nicht gekriegt hast, oder ob ich Recht hatte mit meiner Befürchtung, dass du meine Briefe nur unvollständig beantwortest?

6. April

Nun will ich der Reihe nach erzählen. Sonnabend, den 31. März, war plötzlich große Aufregung im Dorf, alle sicherten ihre Vorräte, wir backten Kuchen, Plätzchen, Zwiebacke, kauften ein; kurz, es war ein großes Durcheinander. Nachmittags ging ich nach Suttorf, wo uns von einem Bauern Milch versprochen worden war. Unterwegs begegneten uns deutsche Soldaten, eine ganze Menge. Sie sahen traurig aus, ohne Waffen, müde, richtig im aufgelösten Zustand. Es ging uns schrecklich nahe.

Am Ostersonntag [1. April] predigte Vater. Es war ein merkwürdiger Gottesdienst, während draußen ununterbrochen Autos vorbeifuhren und lange Kolonnen marschierten. Als wir aus der Kirche kamen, zog gerade ein trostloser Zug Russen an uns vorbei. An der Kirchhofsmauer, dem Gemeindehaus gegenüber, hockten zwei Männer, zwei Frauen und zwei Kinder mit Kinderwagen und anderem Gepäck. Wir holten sie ins Gemeindehaus und gaben ihnen zu essen. Mittags gingen sie dann weiter, als der Regen aufgehört hatte. Sie wollten beim Bauern Arbeit suchen. Ob sie welche gefunden haben?

Nachmittags waren wir vom Kirchenchor bei Hanna Wiendiecks Trauung, um zu singen. Als wir nach Haus gehen wollten, begegnete uns auf der Kleinen Straße ein entsetzlich langer Zug von Gefangenen, die alle ostwärts geführt wurden. Wie weit sie wohl noch gekommen sind? Denn 40 Stunden später rollten die amerikanischen Panzer dieselbe Straße in Richtung Osten!

Was für ein schreckliches Durcheinander herrscht jetzt in unserem Land! Wie sollen alle die fremden Menschen wieder in ihre Heimat kommen!

Gestern Abend machte ich einen Besuch bei Schieles. Es war alles noch ganz friedlich. Am Ostermontag, Martins Geburtstag, war morgens um acht Uhr Konfirmation. Als wir beim Essen saßen, kam Hermann Uffmann, ohne anzuklopfen, rein und sagte, in einer Stunde wären die Amerikaner hier. Die Panzersperren wären geschlossen. Wir schleppten alles Wichtige in den Keller, ich zog die Kinder an und packte ihre Wäsche und Anzüge zusammen. Wir mussten alle fürchten, dass das Dorf in Klumpen geschossen würde. Denn am Vormittag waren Flugblätter abgeworfen worden, in denen die Bevölkerung aufgefordert wurde, keinen Widerstand zu leisten, andernfalls würde das Dorf zerstört werden. Wir warteten in großer Unruhe den ganzen Nachmittag. Abends fütterte ich wie gewöhnlich die Kinder und brachte sie auch zu Bett. Da kam Vater nach Haus und sagte, die Panzersperren wären wieder geöffnet und es würde auch kein Widerstand geleistet werden. Da waren wir alle sehr erleichtert. Nach dem Abendbrot schrieb ich noch einen Brief an dich, und als ich den zum Briefkasten bringen wollte, wurde ich ihn gar nicht mehr los. Der Deckel vom Briefkasten war mit Draht festgemacht. Es geht keine Post mehr weg und kommt auch keine mehr an. Den Brief hebe ich mit diesem Heft zusammen auf.

9. April

Es tut mir richtig leid, dass ich auf den Gedanken, in ein Heft zu schreiben, nicht schon früher gekommen bin. Dann hätte ich mit dir zusammen ausmachen können, dass wir uns ein Heft voll Briefe schreiben bis zum Wiedersehen. Wenn wir mal wieder zusammen sind, wollen wir dies Heft zusammen lesen. Und dann kannst du mir gleich alles beantworten, was etwa zu beantworten ist!

In der Nacht vom 2. zum 3. April schlief ich also ganz gut, denn ich verließ mich auf Mutters gutes Gehör. Ich selbst höre seit der Lungenentzündung wieder schlechter. Wenn ich man eines Tages nicht ganz taub werde!

Am 3. April morgens fuhr ich im Regen nach Bäcker Riemann oben im Dorf. Unterwegs hörte ich, die Panzer wären in Küingdorf. Der Müller Riemann hatte im Dorf angerufen, als sie bei ihm vorbeigerollt waren. Ich fuhr wieder nach Haus, nachdem ich Brot gekriegt hatte. Alle Leute standen vor ihren Türen, und bei Tischler Brandhorst sah ich in der Veranda eine Bohnenstange lehnen mit einem weißen Laken daran. Als ich das Brot abgeliefert hatte, ging ich wieder ins Dorf, denn ich wollte selbst sehen, ob die Yankees kommen würden, nachdem wir sie tagelang erwartet hatten. Ich stand bei Voß. Da sah ich sie beim Lindenplatz die Dorfstraße herunterkommen und in die kleine Straße einbiegen. Da hatte ich genug gesehen.

Von unserer Waschküchentür aus konnte ich die Panzer und großen Lastautos und Raupenschlepper die Straße nach Ostenfelde fahren sehen. Das ging den ganzen Vormittag und dröhnte fürchterlich. Die Straße sollen sie auch ganz kaputt gefahren haben.

Beim Bürgermeister waren dann welche und forderten ihn mit der Pistole auf der Brust auf, alle Waffen und Fotoapparate im Dorf bis ein Uhr in der Schule abzuliefern. Da ging ich selbst zur Schule. Als wir bei Voß waren, kam die Straße von Bielefeld her ein Auto, darauf saßen Yankees, das Gewehr im Anschlag, einer an einem Maschinengewehr, und vor ihnen saßen deutsche Soldaten, die sie wohl unterwegs geschnappt hatten. Das konnte ich zunächst nicht fassen, es ging mir doch schrecklich nahe. An der Schule mussten sie aussteigen und sich in einer Reihe aufstellen, die Hände an den Hinterkopf gelegt. Wahrscheinlich wurden sie nach Waffen durchsucht. Ich mochte das nicht sehen, wir gaben nur schnell unsere Apparate ab. Die Soldaten waren recht manierlich, sie beachteten uns gar nicht, und das ist auch das Beste. Als ich zu Hause war, fiel mir ein, dass dein Dolch noch in meinem Wäscheschrank lag. Den holte ich schnell. Als ich ihn zur Schule brachte, waren keine Yankees mehr zu sehen. Alma Bührmann stand an ihrer Haustür mit dickverweintem Gesicht. Am 28. März hatte sie noch zu mir gesagt: Ich glaube fest, dass wir diesen Krieg gewinnen.

Unsereiner hatte ja vorausgesehen, was jetzt gekommen ist. Aber Alma und solchen Leuten ist natürlich der Himmel eingestürzt. Zwar gibt es immer noch unentwegt Hoffende. Es gibt auch andere, die es feige finden, dass das ganze Oben-Dorf weiße Fahnen rausgesteckt hat. Dabei ist das nur vernünftig und bedeutet durchaus nicht, dass wir die Feinde mit offenen Armen empfangen. Wir können Gott danken, dass sie nicht schon am 31. März gekommen sind. Dann wäre von unserem Dorf wohl nicht mehr viel da. Wenn man diese Riesenpanzer sieht, merkt man, dass man dagegen mit einer Handvoll Volkssturmmännern, zwei Panzerfäusten und vier alten Gewehren nichts ausrichten kann.

Der 4., 5. und 6. April vergingen mit Einkaufen. Butter, Zucker, Mehl wurden in großen Mengen verkauft, es ging alles in Ruhe und Gerechtigkeit zu, soweit ich gemerkt habe. Auch Reis gab es bei Gemüse-Meyer. Hier im Dorf bei Nolte war ein Lager einer Bielefelder Schuhfabrik. Dort wurden 5.000 Paar Schuhe an die Bevölkerung verkauft, da standen furchtbar viele Menschen vor den Schuhgeschäften. Wir kriegten auch jeder ein paar neue Schuhe.

Am 6. April fuhr Vater nach Spenge und machte Großeinkäufe an Zigarren. An dem Tag fing es an, dass viele Ausländer, vor allem Polen, bösartig wurden. Bei Frommeyer haben sie fürchterlich eingekauft. Alles, was wir zum Volksopfer gegeben haben, haben sie ihnen verkaufen müssen. Mit Schmerzen denke ich an deinen Smoking. Dafür haben wir ihn nicht abgegeben!

Seit dem 4. April sitzen wir ohne Strom. In Osnabrück gab es Straßenkämpfe, ehe die Stadt übergeben wurde. Da ist wohl die Leitung gestört worden. In Bielefeld soll es ohne wesentliche Kämpfe abgegangen sein. Wir wohnen ja wie auf einer Insel, ohne Post, Eisenbahn und Radio. Nur mein Herz ist immer noch auf Wanderschaft und möchte was von dir wissen! Bei euch ist es hoffentlich auch schnell und ruhig zugegangen! Was macht ihr wohl! Es beruhigt mich, dass du nicht allein bist. Hoffentlich war auch Dr. Nießen gerade da. Arbeit werdet ihr wohl gar nicht mehr haben, und das mag ein schrecklicher Zustand für euch sein. Um uns machst du dir hoffentlich keine Sorgen. Bei uns geht das Leben weiter, die Kinder, das Haus und der Garten verlangen täglich ihr Recht, und Gott sei Dank wohnen wir nicht so direkt im Dorf. Es geschehen aber jeden Tag neue Dinge, sodass man nie aus der Aufregung raus kam.

Als ich Sonnabendvormittag (7. April) im Krankenhaus Else Budschinski besuchte, die am 3. eine kleine Tochter bekommen hat, hörte ich, dass Yankees ins Dorf gezogen wären und viele Häuser beschlagnahmt hätten. Fast alles um die Kirche herum, auch oben im Dorf noch Lammerschmidts z. B., und auch unsere Nachbarn Hellmann-Vornbrocks. Die ganze Belegschaft von nebenan, auch Frau Nau mit ihren beiden Kindern, ist ins Gemeindehaus gezogen. Nebenan hausen die Yankees, essen alles Eingemachte, schlachten das Federvieh – bis auf einen Hahn und ein Huhn! – laufen überall herum, schießen Spatzen, sitzen auf Frau Hellmanns heiligem Rasen, den noch nie eines Menschen Fuß betreten hat, usw. Gestern Abend gingen zwei von ihnen mehrere Male hinter unserem Essstubenfenster vorbei. Vater machte auf und fragte, ob sie was wollten. Sie fragten, ob wir Ei hätten. Ich holte für jeden zwei. Da waren sie auch schon durch die Hintertür ins Haus gekommen. Vater und [Schwager] Peterder Schwager unterhielten sich mit ihnen auf dem Flur. Sie wunderten sich, dass die Deutschen die Terrorangriffe ausgehalten hätten und trotzdem noch Krieg führten. Schließlich gaben sie Peter Schokolade for the girls, they were so afraid. Denn [das Dienstmädchen] Loredas Dienstmädchen hatte am Fenster gesessen und war entsetzt zurückgefahren, und mir hatten sie gerade in mein erschrecktes Gesicht geleuchtet.

Man muss sich in Acht nehmen, denn man hört an verschiedenen Stellen, dass sie hinter den Frauen und Mädchen her sind.

Unsere beiden Jungens kriegten heute auch jeder ein Stück von der Schokolade. Hermann sagte: Die Yankees schenken die Schokolade, die sind doch lieb. Ich glaube, er behält das jetzt schon. Neulich, als ich mit ihnen beiden im Dorf war, zeigte ich ihm auch die Autos mit den fremden Soldaten drin. Er war sehr aufmerksam.

Martin ist noch zu unbewusst. Er plappert zwar alles nach, spricht wie Hermann von Panzern und Panzerfäusten, aber das sind ihm nur Spielzeuge wie Sandschippe oder Förmchen. Am liebsten wühlt er still für sich im Sandhaufen herum.

10. April

Gestern Mittag ließ Frau Nau mich rufen. Die Besatzung des Hellmannschen Hauses war abgezogen, und sie wollten sich nun wieder alle dort einrichten. Es sah unbeschreiblich aus. Wir halfen Frau Nau, oben Ordnung zu machen. Bis sieben Uhr waren wir dabei, und dann war auch nur oberflächlich alles geordnet. Alle ausgewühlten Schubladen muss Frau Nau selbst noch einräumen. Sie ist eine tapfere und vernünftige Frau und nimmt solche Dinge als sie wert sind, genommen zu werden. Frau Hellmann und Frau Flohre dagegen stellten sich entsetzlich an.

Ein Beispiel nur: Zwischen zwei Bücherborde, die über Eck an zwei Wänden standen, hatten die Herren Yankees zwei volle Weckgläser geschmissen, so dass man auf dem Fußboden vor Birnen, Kirschen und Glassplittern nicht aus noch ein wusste.

Ein Witz war aber dabei: Als der Küchenschrank geöffnet wurde, stellte Frau Nau fest, dass sie reicher war als zuvor! Es fanden sich vier runde Kochwürste, ein Riesenstück Speck, ein Topf mit ausgelassenem Fett und ein großes Wasserglas voll gemahlenem Bohnenkaffee. Dann gingen wir oben auf den Boden und fanden dort noch, in ein Handtuch von Frau Nau eingewickelt, einen großen Rest eines Schinkens.

Solche Sachen sind harmlos. Weniger schön ist, was bei Schmied Nollkämper passiert ist. Nachts sind Yankees ins Schlafzimmer der jungen Leute eingebrochen und haben die junge Frau – sie ist erst 19 Jahre alt – aus dem Bett gerissen. In ihrer Angst ist sie nach nebenan ins Schlafzimmer ihrer Schwiegereltern geflüchtet. Der Alte hat sich vor sie gestellt und die Yankees haben ihn mit der Pistole bedroht. Die arme kleine Frau ist aus dem Fenster gesprungen und im Nachthemd in den nahen Wald gelaufen. Dann erst haben sich die besoffenen Kerle verzogen. Etwas später ist die Rundedie Militärpolizei [der Militärpolizei] gekommen und hat die aufgeregten Leute wieder beruhigt. Es muss furchtbar gewesen sein.

Unsere Kinder sehen nun auch endlich ein, dass sie sich nicht unnötig draußen sehen lassen und sich nicht auffällig benehmen dürfen.

Heute ist friedliche Stille im Dorf, bis auf einige Ausländer, die Ärgernis erregen. Der Bürgermeister Lagemann hat auch zu viel Angst und wagt gegen diese nichts zu unternehmen. Seit heute Morgen ist auch der elektrische Strom wieder da.

Heute Mittag wurde bei Tisch über die Parteileute gesprochen. Es war die Rede gegangen, dass deren Vermögen (vom Ortsgruppenleiter an aufwärts) eingezogen werden sollte. Dabei meinte jemand, es wäre doch nicht recht, dass jetzt niemand mehr was mit der Partei zu tun haben wollte und dass alle ihre Papiere verbrannten. Sie müssten nun doch eigentlich zu ihrer Überzeugung stehen.

11. April

Liebster Jochen, ich muss so oft an dich denken! Wenn ich nur wüsste, wo du bist! Womöglich seid ihr gar nicht mehr in Tabarz, sondern seid in eurem Zug irgendwohin ausgewichen. Es sind nun bald vier Monate, seit du nach Weihnachten von mir weggingst. Von Mitte September bis Weihnachten waren es vier Monate, die wir nicht zusammen waren. Das war bis jetzt die längste Trennungszeit. Wir haben es noch sehr gut gehabt, wenn wir an andere Leute denken. Wie lange wir uns jetzt wohl nicht sehen? Für mich geht die Zeit jetzt sehr schnell um. Wir haben viel Arbeit in unserem Garten. Es geht uns auch ganz gut nach den unruhigen Tagen um Ostern herum. Ein großes Glück ist es, dass es keinen Alarm mehr gibt und dass die Tiefflieger uns in Ruhe lassen.

In Melle ist schon Besatzung. Es geht aber alles unverändert weiter. Die endgültige Besatzung ist es aber nicht. In Melle wären Plakate angeschlagen gewesen, auf denen gestanden hätte, dass nördlich der Else (der kleine Fluss, der durch Melle fließt) der Kreis Melle von Engländern, südlich der Else von Amerikanern besetzt werden würde. Wir kommen dann unter die Herrschaft der Yankees. Es wäre mir ja viel lieber, du wärest noch in Tabarz, das es wahrscheinlich schon hinter sich hat. Dann hätte ich doch die Hoffnung, dass du eines Tages hier ankämest. Was es für eine schreckliche Sache sein muss für Euch, bedenke ich zwar auch.

12. April

Was Neues ist nicht passiert. Ich vergaß nur zu schreiben, dass die Tochter des Gärtners, ein hübsches blondes Mädchen, mit einem Serben durchgegangen ist. Und gestern ist Gertrud Hackbarth mit einem Holländer ebenfalls durchgegangen. Es passieren Romane!

Yankees sind auch heute nicht im Dorf gesehen worden, und auf die Besatzung wird weiter gewartet!

13. April

Im Dorf ist es, bis auf herumstrolchende Ausländertrupps, ruhig. Es hieß heute, Roosevelt wäre gestorben.

Abends: Ich gehe jetzt zu Bett, denn ich bin sehr müde. Übrigens soll Roosevelt tatsächlich tot sein. Eine Frau, die ich heute traf, hatte es morgens um sieben Uhr im Radio gehört. Ob das wohl irgendwelchen Einfluss hat? Womöglich auf den Friedensschluss? Frieden kann man das wohl kaum nennen. Aber irgendwas müssen sie ja mit uns vorhaben.

17. April

Die letzten Tage ist nichts Besonderes passiert, außer dass gestern Nacht der Ortsgruppenleiter Reineking abgeholt worden ist. Gestern Mittag wurden bei Lagemann allerlei Bekanntmachungen in deutscher und englischer Sprache angeschlagen. Ich habe sie noch nicht alle gelesen. Wir haben Ausgang von morgens sieben bis abends zehn Uhr. Um zehn Uhr abends muss verdunkelt werden.

10. Mai

Ich habe so lange nichts geschrieben, weil ich mir so viel Sorgen gemacht habe, die ich nicht gerne alle zu Papier bringen wollte. Hier bei uns ist es nach wie vor friedlich. Wir dürfen jetzt bis 22:15 draußen bleiben. Auch das Radfahren bis 30 km vom Heimatort entfernt ist erlaubt. Gestern musste ich mit vielen anderen im Dorf sammeln. Es musste für ein Russenlager in Melle allerlei abgegeben werden: Bettstellen mit Matratzen, Wolldecken, Bettwäsche, Unterwäsche. Wir sind bis jetzt gut weggekommen, wir brauchten nur eine Wolldecke zu liefern.

Der Krieg ist nun also aus. Hitler und Göbbels sind ausgestiegen, wie wir ja immer gesagt haben. Und Göring ist mit Familie gestern in Bayern gegriffen worden. Er ist doch noch der Anständigste von allen. Wenn er etwas befürchtet hätte, wäre er wohl enthüpft oder hätte sich selbst das Leben genommen, wie die anderen. Was machen sie nun wohl mit ihm?

Heute vor fünf Jahren begann der Frankreichfeldzug. Wie anders sieht es jetzt bei uns aus! Ich kann gar nicht darüber nachdenken. Auch an die Zukunft mag ich nicht denken. Was soll man auch denken? Man weiß ja nichts! Ich hoffe nur so sehr, dass du bald einmal kommen kannst. Und ich denke so oft an dich, wie es dir wohl gehen mag, ob ihr alle noch zusammen seid, und wo? Wenn ich genau wüsste, dass du noch in Tabarz bist, würde ich mich aufs Rad setzen und dich besuchen. Es ist ja gar nicht so weit, und in sechs Tagen müsste ich es bequem schaffen. Ich glaube aber, es wäre dir nicht recht. Und vielleicht ist es auch zu gefährlich. Am meisten fürchte ich, dass wir aneinander vorbeilaufen könnten, wenn du womöglich auch unterwegs zu mir wärest. Ich würde so gerne bei dir sein, weil ich mir so gut denken kann, wie du dich sorgst um deine und unsere Zukunft. Wir müssen uns jetzt genau an das Wort aus der Bergpredigt halten: Sorget nicht für den anderen Morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass ein jeder Tag seine eigene Plage habe.

18. Mai

Heute war ich in Bielefeld. Es bot sich die Gelegenheit, mit hinzufahren. Es war eine lange Fahrt, über drei Stunden im Pferdewagen. In Bielefeld ging ich zum Bahnhofsvorsteher, einem Amtmann Witte. Ich fragte ihn nach den jetzigen Zuständen auf der Bahn. Er wusste aber auch nichts, außer, dass wieder Verbindung mit Kassel und auch mit dem linksrheinischen Gebiet hergestellt wäre.

Auf der Rückfahrt dachte ich so viel daran, wie du vor bald einem Jahr hier warst. Es kam wohl daher, dass die Margeriten überall schon blühen. Voriges Jahr Anfang Juni waren wir doch zusammen auf der Margeritenwiese. Ich dachte, wie schön es doch wäre, wenn du jetzt in Neuenkirchen auf mich wartetest. Meine Vernunft wollte mir das immer ausreden. Ich hatte solche Sehnsucht nach dir, dass ich von dem Gedanken gar nicht mehr los kam und ganz sicher war, dass zu Hause eine gute Nachricht für mich wäre. Ich dachte daran, wie sehr gut wir es doch immer gehabt haben, wie uns doch wirklich immer alle Dinge zum Besten dienen mussten. Und auch der Spruch fiel mir ein: Ehe sie rufen, will ich antworten. Die Antwort kam dann bei Panhorsts Hof. Dort erfuhr ich, dass durch Herrn Frommeyer über ein durch Thüringen gereistes Ehepaar Nachricht gekommen ist, du wärest unterwegs und hofftest bald hier zu sein mit einem guten Rad. Ach Jochen, wenn du es doch wärest! Jetzt will ich auf dich warten, und nur um Geduld bitten, und dass du auf der weiteren Fahrt behütet wirst!

Welt, geh nicht unter, Himmel fall nicht ein,
eh ich mag bei meinem Liebsten sein !