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Eine wahre Schreckschraube

Nachdem unsere geliebte Lehrerin Fräulein SchumacherLesen Sie auch die Vorgeschichte:
Für fünf Mark Eis
in der Kreuzkirche in Hamburg-Altona geheiratet hat, zu ihrer Hochzeit hatte sie die ganze Klasse in die Kirche eingeladen und ihre Mutter bewirtete uns mit vielen Bonbons, zog sie leider mit ihrem Mann nach Fallingbostel.

Mit Beginn der dritten Klasse bekamen wir nun eine neue Lehrerin. Fräulein Kramer hieß sie. Fräulein? Wieso Fräulein, die war doch so alt wie meine Oma! Auch ihre Haare waren ascheimerblond, so nannten wir die grauen Haare älterer Frauen, da sie die gleiche Farbe wie die aus verzinktem Blech gefertigten Ascheimer hatten. Ihre Haare hatte sie immer zu einem Dutt hochgesteckt. Sehr groß war sie nicht, aber recht pummelig. Auch immer dunkel gekleidet, meistens mit einem schwarzen Rock.

Eine ihrer ersten Äußerungen habe ich noch gut im Gedächtnis: Euch muss ich ja erst mal Ordnung beibringen. Das ging dann auch zügig voran. Als Erstes mussten wir die Plätze tauschen. Sie hatte sich nämlich schon nach wenigen Tagen einige Lieblinge ausgesucht, wie den dicken Sohn vom Schlachter und ein paar andere Jungen von umliegenden Geschäftsleuten. Die kamen in die erste Reihe. Ich gehörte nicht dazu, durfte aber auch nicht bei meinem Freund sitzen bleiben, sondern bekam einen Platz in der hinteren Reihe. Das war mir aber ganz recht, so konnte ich mich leichter hinter den anderen vierzig Schülern verstecken.

Den Schülern aus der ersten Reihe wurde eine besondere Aufgabe zugeteilt. Sie durften abwechselnd kurz vor der Stunde an der Tür stehen und sie für Fräulein Kramer öffnen und schließen. Zum Glück saß ich ganz weit hinten, sodass mir diese Ehre erspart blieb. Wenn sie dann in die Klasse kam, hatten wir alle aufzustehen und gemeinsam Guten Morgen, Fräulein Kramer zu sagen. Die Reaktion darauf war sehr unterschiedlich, mal tänzelte sie herein und lies den Rock schwingen und antwortete Guten Morgen Jungs sodass wir dachten nu is se mall. Oder sie knallte ohne ein Wort ihre Aktentasche auf das erhöhte Lehrerpult, dass die Ängstlicheren unter uns zusammenzuckten. Besonders, wenn es Diktate oder Mathearbeiten zurück gab, schimpfte sie los: Das kann doch wohl nicht wahr sein, siebzig Prozent haben eine Vier. Das kann wirklich nicht angehen, dachte ich bei mir, so viele Jungen sind wir doch gar nicht. Auch ihre Strafen waren unangenehm. Hatte man etwas fallen lassen oder war zappelig, dann musste man die Hände falten und auf die gefalteten Hände wurde nun ein Bleistift gelegt. Sollte der herunterfallen, gab es in der Ecke stehen oder Schläge auf die Fingerkuppen. Dazu musste man sich vor das Lehrerpult stellen, das einem bis zur Nase reichte, nun die Hände auf das Pult legen, auf die Fräulein Kramer dann mit einem Lineal schlug. Sehr unangenehm und schmerzhaft, wie ich einige Male erfahren durfte. Meine Rechtschreibung und die mathematischen Kenntnisse wurden dadurch aber nicht besser.

Nach so bummeligen sechs Wochen gab es den ersten Elternabend. Ich brauchte mir aber keine Sorgen darum zu machen, die Kramer kannte mich ja kaum. Am nächsten Morgen tänzelte Fräulein Kramer wieder mit ihrem albernen Getue in die Klasse.

Im Laufe der Stunde lächelte sie mich an. Die Kramer lächelte mich an! Erschrocken drehte ich mich um, aber da war nur die mit dunkelgrüner Lackfarbe gestrichene Wand. Einige Tage später erhielten wir unsere Aufsatzhefte zurück. Die Kramer schmiss nicht, sondern legte mein Heft auf mein Pult. Wird schon, Bernd, sagte sie dazu. Donnerwetter – sie kannte meinen Namen! Obwohl in dem Aufsatz genauso viel mit rot angestrichene Fehler waren wie sonst auch, hatte ich trotzdem eine Drei bekommen. Da stimmte was nicht, da war was im Busch, aber ich würde das schon rausbekommen.

Zuhause fiel mir nur auf, dass meine Mutter mit der Nachbarin noch mehr tuschelte und gaggerte wie sonst. Aber dann kam Mutters beste Freundin, Tante Lotti zu Besuch. Tante, weil sie mich schon als Baby betreut hatte und meine Patentante war. Mutter hatte Plätzchen gebacken und ich musste eine Achtzig-Gramm-Tüte Bohnenkaffee vom Krämer holen. Die beiden machten es sich im Wohnzimmer gemütlich. Da es ein sehr schöner Sommertag war, standen Fenster und Türen offen. Ich setzte mich in die daneben liegende Küche, damit die beiden mich nicht sehen konnten. Tat so, als ob ich Schularbeiten machte und sperrte die Ohren ganz weit auf.

Also: Zu der Zeit wohnte mein Onkel Willi, Vaters Bruder und ehemals schneidiger Leutnant der großdeutschen Wehrmacht, bei uns. Er war zwar aus der englischen Kriegsgefangenschaft entlassen, durfte aber nicht nach Berlin zu seiner Frau ausreisen. So wohnte er dann bei uns und schlief im Wohnzimmer auf dem Sofa. Da er wohl nicht viel Abwechslung hatte, war er mit meinen Eltern auf den bewussten Elternabend gegangen. Einige Eltern waren anschließend noch mit Fräulein Kramer auf ein Bier in eine Kneipe gegangen, so auch meine Eltern und Onkel Willi. Jetzt fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Onkel Willi war an dem Morgen nach dem Elternabend gar nicht zu Hause gewesen! Auch war er jetzt immer schon nachmittags verschwunden. Das Ganze ging so vier Wochen, dann bekam Onkel Willi die Genehmigung, nach Berlin ausreisen zu dürfen.

Das Fazit der Geschichte: Willi hatte seinen Spaß, meine Mutter viel zu erzählen und ich den Schwarzen Peter! Zum Glück bekamen wir noch im gleichen Jahr eine Wohnung auf der Uhlenhorst, ich kam in eine neue Klasse einer anderen Schule mit einer besseren Lehrerin. Weit weg von Fräulein Kramer.