Meine Freundin Petra
Ich muss es eingestehen: Ich bin in der sechsten Klasse hängen geblieben und musste sie wiederholen. Dementsprechend kam ich am 1. September 1961 in eine andere Klasse. Nun hieß es, neue Schüler kennenzulernen, was nicht einfach war. Ich als Fremde musste mich nun neu integrieren. Petra nahm mich dann gleich unter ihre Fittiche und lud mich zu sich ein.
Ich erfuhr von ihr, dass ihre Mutter, ihr Zwillingsbruder und ihre ältere Schwester in West-Berlin Wilmersdorf wohnen. Sie wohnt bei ihrem Vater. Eigentlich wollte sie, als sich ihre Eltern scheiden ließen, bei ihrer Oma (Mutters Mutter) bleiben. Das Gericht hat aber anders entschieden, sie musste zu Oma (Vaters Mutter) und Vater.
Sie ist dann zwei bis viermal am Tag zu ihrer geliebten Omi 15 Minuten herübergegangen. Vater und Schwiegermutter wohnten nicht weit auseinander, sprachen aber nicht miteinander, und Petra hatte Verbot, zur Oma zu gehen. Als sie sich dem Verbot widersetzte, wurden vom Vater diese Kurzbesuche übersehen, zumal er ja sowieso nie da war und es meist nicht mitbekam. Die Oma war, wie der Doktor meinte, verkalkt, heute würde man Demenz dazu sagen.
Petras Vater hatte in Rangsdorf einen Garten mit Laube und gegenüber in einem Einfamilienhaus eine Freundin. Als wir uns kennenlernten, erfuhr ich, dass Mutter mit den Geschwistern in den Westen gegangen war und Petra am Tag des Mauerbaus auch zu ihrer Mutter wollte, was nun nicht mehr ging.
Die Mutter war Verkäuferin in Wilmersdorf in einem Markt, in dem die Schlagersänger der Hitparade einkauften. So hatte sie mit allen Schlagerstars von damals Kontakt. Sie schrieb an die Stars immer, wenn sie an der Kasse Dienst hatte. Howard Carpendale, Christian Anders und Chris Roberts waren dabei, nur Peter Alexander nicht. Der kam mit seiner Hilde, und die passte ja auf ihn auf. Ich glaube nicht, dass er einmal einen Kaugummi selbst gekauft hat. Die Eltern von Petras Mutter, Familie Winkler, hatten ein Gemüsegeschäft im Vorderhaus ihrer Wohnung. Die Gasses hatten Lebensmittelgeschäfte, die sie durch Enteignung verloren hatten. Petras Vater blieb aber als Buchhalter selbstständig. Seine Schwiegermutter arbeitete als Pförtnerin. Jetzt habe ich doch wirklich vergessen, was das für ein Werk war, wahrscheinlich Gebäudewirtschaft, so habe ich es in meiner Erinnerung. Da gingen wir manchmal beide hin, weil sie sehen wollte, wie es ihrer Omi ging, die Herzprobleme hatte. Ihre Oma hatte noch einmal geheiratet, und so hatten Petra und ich einen ungeliebten Stiefopa.
Petras Vater war die meiste Zeit, vielleicht bis zu zwölf Wochen im Jahr, nicht zu Hause. Er verbrachte die ganze Zeit bei seiner Freundin in Rangsdorf, die dort ein Häuschen hatte. Sie war Witwe, und weil der Vater von Petra einen Garten gegenüber hatte, sind sie sich nähergekommen. Während Petras Vater bei Freundin Rosi wohnte, lebten in der Köpenicker Wohnung Mutter und Tochter alleine. Petras Vater kam nur nach Berlin, um sich honorieren zu lassen. Einmal im Monat bekam er von seinen Kunden pro Rechnungsbuch Hundert Mark. Das war dann sein Gehalt.
In der Wohnung in Berlin wohnte seine Mutter und Petra wir gingen ja damals noch in die Schule. Petras Oma hatte nach ärzlichrn Angaben Verkalkung im Gehrin, heute sagt man dazu Demenz und Alzheimer. Diese Worte kannten wir damals noch nicht da war es Verkalkung.Im Hause wohnte noch seine Mutter, also Petras Oma, die nicht mehr ganz in Ordnung war. Sie litt, wie der Arzt sagte, an Verkalkung, heute würde man Demenz dazu sagen. Alzheimer im herkömmlichen Sinne war es nicht, die wirkte sich anders aus, das habe ich bei meinen Eltern und meinem Mann erlebt. Als es schlimmer wurde, musste die Oma dann in ein Pflegeheim nach Zossen, etwa 50 Kilometer von Berlin entfernt. Den Pflegeplatz erhielt Petras Vater über den Bruder seiner Freundin, der einen Rang in der Volksarmee der DDR hatte. Es war ohne Beziehungen nicht leicht, einen Pflegeplatz zu bekommen.
In den Ferien fuhren wir per Anhalter nach Rangsdorf, was damals auch in der alten DDR sehr gefährlich war. Aber wir nahmen es in unserem jugendlichen Leichtsinn auf die leichte Schulter. Unser Gedanke war: Wir sind ja zu zweit, und da traut sich keiner ran. Wir sind dann auf die Autobahn und haben am Rand gewinkt. Ab und an hat jemand angehalten. Einmal sogar ein Ehepaar. Ansonsten immer Männer. Einmal hielten Russen an und nahmen uns mit. Mir war mulmig zumute. Petra saß vorn und ich hinten auf irgendwelchen Kisten. Als wir dann dort waren, wo wir aussteigen wollten, fuhr der Fahrer auf eine Abzweigung zur nächsten Autobahn. Ich hielt die Luft an. Aber bevor er sich in die Autobahn einfädelte, hielt er an und ließ uns aussteigen. Erleichtert, es war inzwischen schon dunkel, gingen wir wieder zurück zur anderen Autobahn.
Nun war es nicht mehr lustig, im Dunkeln auf der Autobahn zu stehen und nicht sehen zu können, was für ein Auto vorbeikam, das wir heranwinkten. Das haben wir dann auch nicht mehr gemacht, wir sind immer nur bei Tageslicht gefahren und mitgenommen worden. Wir waren dann so gegen 21 Uhr in Rangsdorf. Eine Sommerzeit gab es damals nicht.
Die Laube in Rangsdorf bestand aus einer Veranda, einem kleinen Zimmer, einer drei Quadratmeter großen Küche und einem Holzhäuschen mit Herzchen. Wir waren dort glücklich. Petra hatte ihr Bett, ich ein altes Sofa mit Sprungfedern im Po. Tagsüber meldeten wir uns bei Petras Vater und seiner Freundin. Unsere Verpflegung bestand aus Brot und Kuchen. Petra war gerade dabei, ein paar Gitarrenstunden zunehmen. Ihre Familie war musikalisch. Der Vater spielte in einem Sinfonieorchester Geige, einem privaten Orchester, das auch oft engagiert wurde.
Wir waren auch einmal bei einem Konzert mit dabei, wo er spielte. Nun hatte sich Petra in den Kopf gesetzt, Gitarre zu lernen. Die Grundgriffe konnte sie bereits. So saßen wir in der Veranda in Rangsdorf und sangen Lieder, die Petra mit der Gitarre zupfend begleitete. Unser Lieblingslied war „Es gibt kein Bier auf Hawaii, kein kühler Platz, und nur vom Hula-hula geht der Durst nicht weg“. Paulchen Kuhn sang das damals. Wir sangen dann natürlich auch andere Schlager mit leisem Gitarrenzupfen. Damit es nicht zu trocken wurde, suchten wir unsere letzten Taler zusammen und holten uns eine Flasche Bowle-Wein, die wir mit Obst und Selters verfeinerten. Es gab da einen kleinen Weinladen, der einer alten Dame gehörte. Wir wussten, dass sie bald aufhören und in Rente gehen würde, nicht ganz freiwillig, staatlich geschubst. Sie war sehr nett und kannte im Laufe der Jahre Petra genau, darum sah sie auch großzügig darüber hinweg, dass eine Mark fehlte, als wir die Flasche Wein kaufen wollten. Natürlich versprachen wir, das fehlende Geld bald zu bringen. Mea culpa, Schande über uns, wir haben vergessen, die Schulden zu begleichen.
Wenn das Wetter schön war, sind wir mit geborgten Rädern zum Rangsdorfer See gefahren. Zu dieser Zeit konnte ich noch nicht gut fahren, eben nur lenken und treten, wusste aber nicht, wie ich bremsen sollte. Dass es einen Rücktritt gab, hat mir dann erst Petra erklärt. Wenn sie rechts um die Ecke fuhr, radelte ich geradeaus weiter, sprang vom Rad und drehte es, um zurückzurasen. Das war für uns natürlich wieder eine Lachnummer, und so erfuhr ich vom Rücktritt. Nun lernte ich, zu bremsen und normal abzusteigen.
Es war nicht mein Fahrrad und ich musste aufpassen, dass es unbeschädigt war bei der Rückgabe. Nun, wir sind am Rangsdorfer See angekommen und gingen ins Bootshaus. Petras Vater hatte dort ein Schlauchboot zu stehen, was wir nun herausschleppten, um es zu Wasser zu lassen. Auch das sieht leichter aus, als es ist. Wir waren beide nur eineinhalb Meter groß und das Schlauchboot war ziemlich schwer. Wir versuchten, es ins Wasser zu hieven, schafften es aber nicht, es glitt uns aus den Händen und platschte ins Wasser. Inzwischen waren auch noch zwei Jungen gekommen, die ganz leicht in ihr Schlauchboot kamen, während wir – wie konnte es auch anders sein – daneben traten und im Wasser landeten. Die Jungs klatschten vor Freude in die Hände und blieben natürlich stehen, um zu sehen, wie wir paddeln wollten.
Als wir dann richtig im Boot saßen, nicht ohne vorher mit den Beinen im Wasser gelandet zu sein beim Ins-Boot-klettern, spritzten uns die Bengel mit Wasser. Wir waren sauer und versuchten, wieder zurückzuspritzen, mit den Paddeln, die nach Petras Aussage Petscheln heißen sollen. Schnaubend vor Wut ruderten oder petschelten wir los, und was passierte? Wir drehten uns im Kreis. Darüber haben wir natürlich auch gelacht, aber irgendwie konnten wir dann ein Stückchen rudern, und die Bengels paddelten auch los. Sie waren aber immer nicht weit weg, um uns weiter zu beobachten. Als wir dann ein paar Meter geradeaus gerudert waren, drehte sich der Kahn wieder im Kreis. Fazit: „Komm, wir machen Schluss.“ Kommando zurück: nach vorne, nach links, im Kreis und einen Meter geradeaus. Da wir die Sache auch nicht so ernst nahmen, lachten wir natürlich bei dieser ganzen Aktion. Am Ufer angekommen, mussten wir nun wieder aus dem wackeligen Schlauchboot auf den Steg an Land. Diesmal landete ich im Wasser und kletterte dann auf den Steg, dito, kann ich nur sagen, auch Petra erwartete das gleiche Schicksal. Klatsch, mit den Füßen im Wasser, aber das machte alles nichts, wir waren im Badeanzug und barfuß. Für die Jungs jedenfalls gaben wir eine wunderbare kostenlose Show. Jetzt hieß es, wieder das schwere Schlauchboot ins Bootshaus in den Stand zu bringen. Danach zogen wir uns an und fuhren mit dem Fahrrad wieder zurück. Zu dieser Zeit hieß ein Fahrrad noch Fahrrad oder Drahtesel. Die Fremdwörter „Bike“ oder „Mountainbike“ hatten wir nie gehört, sie waren im DDR-Deutsch unbekannt.
Wir hatten damals eine Lachzeit und lachten über alles, so war auch der Heimweg für uns lächerlich. Es gab immer was zu lachen, ich denke gerne an diese Zeit zurück, wie unbeschwert wir doch waren.
Der Tag ging dann, wie alle Tage, zu Ende und wir sangen unser Repertoire ab. Dann überlegten wir, wohin unsere nächste Fahrt gehen sollte. Wir entschlossen uns, nach Döbberin zu Tante Gertrud zu fahren. Am nächsten Tag gingen wir zu Papa und sagten ihm, was wir vorhatten, nämlich nach Hause zu fahren. Wieder per Anhalter natürlich, aber diesmal passten wir auf, dass wir nicht wieder im Dunkeln auf der Autobahn standen. Ich meldete mich bei meiner Mutter und sagte ihr, dass wir als Nächstes zu Tante Gertrud nach Döbberin fahren wollten. Meine Mutter hatte nichts dagegen, sie fragte auch nicht, wie wir fahren wollen. Ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern, was wir für Gepäck mitnahmen.
Wir hätten erst mit der Bahn und dann mit einem Bus fahren müssen, aber wir wollten Abenteuer und entschlossen uns, wie in den 50er Jahren nach Döbberin zu fahren, per Anhalter natürlich. Damals mussten wir bis Erkner mit der S-Bahn fahren, dann mit einem Vorstadtzug bis Fürstenwalde und von dort mit einem Bummelzug nach Falkenhagen, von dort dann sechs Kilometer durch den Wald laufen. Wenn ich heute daran zurückdenke, weiß ich gar nicht, was uns da geritten hat, diese Strecke zu nehmen. Es gab auch von Falkenhagen eine Straße nach Döbberin, die aber von den Russen gekappt wurde. Heute ist sie wieder frei, aber damals war sie gesperrt, und in den ersten Jahren mussten wir immer durch den Wald laufen, bis in den 60er Jahren eine Fahrverbindung per Umweg nach Döbberin bestand. Wir landeten jedenfalls zu Fuß an der gesperrten Chaussee.
Gerade als wir in den Wald einbiegen wollten, überholten uns zwei Jungs, nicht älter als wir, 15 oder 16 Jahre, mit einem Moped. Sie hielten an und kamen zu uns. Das heißt, sie wollten kommen. Einer stakte auch auf uns zu, aber der andere musste sein Moped erst einmal abstellen. In dieser Zeit wollte uns der andere angreifen, wir stießen ihn aber erfolgreich zurück. Nun kam der andere Stratege seinem Freund zu Hilfe. Bevor es hätte schlimmer werden können, kippte das Moped auf den sandigen Waldboden um. Das veranlasste dann den Fahrer des Mopeds, seinen Freund zurückzurufen und das Weite zu suchen. So konnten wir in Frieden nach Döbberin wandern. Als wir dann endlich das Dorf sahen, waren wir froh. Nun mussten wir noch den Sandberg erklimmen, auf dem das Haus von Tante Gertrud stand.
Als die Tante uns sah, hielt sich ihre Begeisterung in Grenzen. Als sie dann erfuhr, dass wir per Anhalter gefahren sind, meckerte sie erst richtig los. Der Besuch war dann auch nur kurz. Wir fuhren mit Bus und Bahn am dritten Tag zurück. Der Aufenthalt war deshalb nur so kurz, weil wir eingeschnappt waren. Tante Gertrud meckerte uns auch an, als wir sie von der Arbeit abholen wollten.
Oma wartete auf Gertrud nach Feierabend, aber ihre Tochter kam nicht, weil sie mit den anderen Kollegen lieber auf dem Heuschober saß, um den Staub des Heus hinunterzuspülen. Um uns zu beschäftigen, bot Oma an, mal nachzusehen, wo die Tante bleibt. Oh, wie wütend wurde Tante Gertrud, als wir dort, wie immer lachend, erschienen. „Was fällt euch ein, hierherzukommen, ihr habt hier nichts verloren, ich kann sein und bleiben, wo ich will, macht, dass ihr wegkommt!“ Jetzt ist uns doch tatsächlich das Lachen vergangen. Wir zogen eine Flunsch und zogen ab. Damit war beschlossen, am nächsten Tag die Heimreise anzutreten. Als die Schule dann wieder begann, versuchten wir, sie so gut wie eben möglich zu umgehen.
In den nächsten großen Ferien kam Petra mit in die Tschechoslowakei. Wir fuhren mehrere Jahre nacheinander nach Tschechien und in die Slowakei. Damals eben noch Tschechoslowakei. Ich erinnere mich daran, dass wir die ersten Jahre eine Genehmigung einreichen und eine Adresse angeben mussten, wo wir hinfahren wollten.
1962 oder 1963 kam mein Vater von der Arbeit nach Hause und erzählte freudestrahlend, er wäre Mitglied im ADMVDer Allgemeine Deutsche Motorsport Verband (ADMV) ist ein seit Juni 1957 bestehender Motorsportverband mit Sitz in Berlin.Gegründet wurde der ADMV am 2. Juni 1957 im damaligen Ost-Berlin als Dachverband für den Motorsport in der DDR. geworden. Der Verein war eng mit dem RFT-FunkwerkRundfunk- und Fernmelde-Technik (RFT) war der Name eines Herstellerverbundes von verschiedenen Unternehmen der Nachrichtentechnik in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). verknüpft und hätte einen Zeltplatz in KörbiskrugKörbiskrug ist ein Gemeindeteil von Zeesen, das wiederum ein Ortsteil von Königs Wusterhausen in Brandenburg ist. zugesprochen bekommen. Da können nun alle Mitglieder zelten. Wir hatten nun aber kein Zelt. Am nächsten Wochenende sollte es schon losgehen. Meine Mutter war begeistert, ich nicht so sehr. Papa lieh sich von irgendwoher ein Zelt, da sollte ich drin schlafen. Meine Eltern wollten in ihrem Auto, einem Škoda Octavia,
Der Škoda 440 (in der Volkssprache auch Spartak genannt) und Škoda Octavia (ab 1959) war ein von 1955 bis 1971 hergestelltes Automobil des tschechoslowakischen Automobilherstellers AZNP (Škoda), das teilweise im Hauptwerk Mladá Boleslav produziert wurde. schlafen. Man konnte die Bänke umklappen. Es war Sommer und das Wetter spielte mit. Papas Arbeitskollege Harry, seine Frau mit Sohn, damals drei Jahre alt, zelteten genau neben uns im alten Zelt der Oma. Irgendwie waren wir alle, sogar ich, vom Zelten begeistert. Harry, Karla und meine Eltern setzten sich zusammen und schmiedeten Zukunftspläne. Als da mussten zwei Zelte gekauft werden, zwei Vorzelte wollte Karla nähen, Campinggeschirr musste her, ein Gaskocher und eine Gasflasche mit Propan gefüllt. Luftmatratzen und Schlafsäcke, Kopfkissen und Campingmöbel wurden angeschafft.
Nun wurden die beiden Zelte nebeneinander aufgestellt. Die Überzelte, die Karla gut genäht hatte, hielten von 1964 bis 1970, und auch da waren sie noch nicht kaputt, wurden aber nicht mehr gebraucht, weil die beiden Parteien sich Bungalows gebaut hatten.
Im nächsten Sommer dann kam es zu der Freundschaftsgenossenschaft zwischen den Motorclubs der DDR und der ČSSR. Die Vorsitzenden trafen sich und klärten alles ab, welche Familie aus Deutschland welche tschechische Familie in Příbram besuchen sollte. Hinterher besuchten uns die Tschechen in Körbiskrug.
Da lud uns der technische Motorclub zum Gegenbesuch ein. Alle wollten ja in den Urlaub fahren. Wir fuhren nach dem Besuch in die Niedere TatraTatra (slowakisch und polnisch Tatry) ist der Name eines Gebirgskomplexes des geologischen Fatra-Tatra-Gebietes in den Karpaten, das außer der Tatra die Große und die Kleine Fatra umfasst. Zwei Drittel des Gebietes der Tatra liegen in der Slowakei und ein Drittel in Polen (der Rysy mit 2503 m n.m. auf slowakischer Seite ist mit 2499,6 m n.p.m. der höchste Gipfel Polens)., die Hohe Tatra. Reisen in Niedere und Hohe Tatra, das waren unsere ersten „Bruderlandreisen“. Die Campingplätze waren alle toll ausgerüstet und manchmal auch mit einem Pool, wenn ein Hotel in der Nähe war. Meine Eltern, Karla und Harry, sind über sämtliche Berge gekraxelt. Ich bin lieber im Zelt geblieben.
Die Reiseerleichterungen der Staatsführung zerschlugen die Clubfreundschaft. Hüben und drüben durfte nun jeder nach seinem Wunsch den Urlaub verbringen. Da kam es auch schon mal vor, dass ab und an einer eine Urlaubsreise nach Ungarn machte.
In dieser Zeit war es dann so, dass meine Freundin Petra mitkommen durfte. Damals gab es Postkarten mit Lex Barker und Kollegen zu kaufen. Das war die Zeit von Winnetou und Old Shatterhand, ich war ganz verrückt danach. Ich ging damals in die Lehre und habe mein ganzes Lehrlingsgeld in Kronen umgetauscht.
Ich wusste ja von den vorangegangenen Urlauben, was es alles Schönes in der Tschechoslowakei gab, wovon wir in der DDR nur träumen konnten. Es gab Westzeitungen, Illustrierte, Kaffee, der schmeckte, Knödel, Tomatenketchup, Ölsardinen, Schokolade, die schmeckte. Das haben wir dann alles gekauft und mit nach Hause geschmuggelt, als ich mit meiner Familie in Urlaub gefahren bin.
Auf den Campingplätzen gab es tausende von Feldmäusen. Unser Nachbarzelter, ein junger Mann, der in Leipzig Assessor war, warf immer seinen Spaten nach den Nagern. Ab und zu traf er auch mal einen Übeltäter. Es gab dort in der Malá Fatra, wo wir auf dem Zeltplatz waren, einen Kiosk. Da konnte man sich einiges kaufen oder etwas essen. Petra und ich verliebten uns in die beiden jungen Verkäufer und verbrachten Stunden dort mit unserer Fassbrause. Natürlich sind wir aufgefallen, mein Favorit hieß Stefan, darum heißt meine Tochter Steffi. Petras Liebster hieß Luca – wie schön. Nun saßen wir täglich stundenlang am Tisch und schauten zu, wie die beiden die Gäste bedienten. Wir haben natürlich mitbekommen, wie sie sich über uns amüsiert haben, leider konnten sie kein Deutsch.
Sie waren ja nicht viel älter als wir, so etwa 17 Jahre, vielleicht auch schon 18, aber nicht älter. Wenn wir uns den Hintern plattgesessen hatten und es Zeit war, sich mal wieder bei der Familie sehen zu lassen, standen wir auf und gingen los. „NACH LINKS, NACH RECHTS, NACH GERADEAUS“, das sagten wir laut vor uns hin und taten es auch. Es war komisch, wir sind nicht besonders aufgefallen, was wir eigentlich wollten. Am Ziel angekommen, warf Assessorchen, wie wir ihn nannten, wieder den Spaten nach den Nagern. Nicht weit entfernt war dort ein Hotel. Wir sind auch zum Pool, um uns abzukühlen, denn es war sehr heiß. Dort angekommen war der Pool leer. Er wurde gerade gesäubert, das nennt man dann Pech.
Auf einem anderen Campingplatz der Veľká Fatra, wir waren auf dem Heimweg, kam es für uns beide zu einer angstvollen Situation. Harry, Karla und meine Eltern wollten nicht auf dem Campingplatz herumsitzen und entschlossen sich, mit dem Auto in die Stadt zu fahren, wie immer sie auch hieß, etwas zu sehen gab es ja immer. Petra und ich hatten keine Lust, mitzufahren, und wollten am Zelt bleiben. Der Campingplatz war nicht so schön wie der vorhergehende. Es gab keinen großen Kiosk, keine Jungs, keinen Pool, und Mäuse wie überall. Das machte uns aber nicht viel aus, weil die Familie nicht lange wegbleiben und zum Kaffee wieder zurück sein wollte. So kamen wir auf den Gedanken, eine Kaffeestube zu eröffnen. Wir bereiteten alles vor, deckten den Tisch schön mit Kerzen und Servietten und einem weißen Tischtuch. Dann verkleideten wir uns als Serviererinnen. Statt Häubchen, was damals das weibliche Personal in Gaststätten trug, nahmen wir Servietten, die wir uns am Kopf befestigten, und ein Geschirrhandtuch wurde zur Schürze. So warteten wir, aber niemand kam. Die Kaffeezeit war vorbei, es schlich sich langsam die Abendbrotzeit ein und wir räumten unser Angebot wieder weg. Unser „Restaurant“ wurde geschlossen. Es wurde immer später, 20 Uhr, dann 21 Uhr, und niemand kam zurück. Jetzt wurden wir unruhig. Um 22 Uhr wollten wir an der Rezeption den Elternverlust melden. Kurz vorher kamen sie dann endlich zurück, es war alles in Ordnung, kein Unfall, wie wir vermuteten. Harry, Karla und der kleine Sohn waren in den Bergen spazieren gegangen, um einen Wasserfall zu finden, den sie aber nicht gefunden haben. Dann fing es auch noch an zu regnen und sie weichten auf, gaben aber nicht auf, den Wasserfall zu finden. Es wurde dunkel und sie mussten in der Dämmerung absteigen, haben sich dabei verlaufen. Wie üblich in solchen Situationen sind sie im Kreis gelaufen und haben den Abstieg nicht gefunden. Deshalb landeten sie erst um 22 Uhr auf dem Zeltplatz. Uns fiel ein Stein vom Herzen.
Am nächsten Tag war Ruhetag angesagt. Der kleine Uwe (drei Jahre) hat nicht geweint und war tapfer auf der Tour, die eigentlich gar nicht geplant war. Aber das war noch nicht alles. Noch weiter auf dem Heimweg fuhren wir auf der Landstraße, als etwas Schreckliches passierte. Harry fuhr mit seinem Trabant vor, wir hatten einen Wartburg und gondelten hinterher, weil er das Tempo angab. Uns überholten ständig Autos. Dann tauchte hinter uns ein Motorrad mit zwei Frauen auf, die wie wild fuhren. Die Fahrerin musste uns und dann noch Harry überholen. Als sie zum Überholen ansetzte, kam ihnen ein Auto entgegen. Sie konnten nicht mehr ausweichen und Harry ist in den Graben gefahren, wurde dazu gedrängt, weil die Motorradfahrerin nicht ausweichen wollte. Es gab einen Knall, es machte nur Rums, und wir sahen beide Frauen, wie sie über die Straße mindestens zehn bis zwölf Meter durch die Luft katapultiert wurden. Hinter uns hielten noch Fahrzeuge, es war wie im Zirkus, wenn ein Artist einen dreifachen Salto schlägt. Die Polizei kam, ich denke, sie waren beide tot. Ein Polizist trug eine der beiden Frauen auf dem Arm, sie hing nur. Was mit der anderen war, weiß ich nicht. Da waren noch Sanitäter, aber sie hat es bestimmt auch nicht geschafft. Es ist tatsächlich so, dass ich im Zirkus noch nie so eine fliegende Nummer gesehen habe. Ich denke heute noch an den Unfall. Harry, Karla und Sohn mussten mit zur Polizei fürs Protokoll, sie waren ja direkte mitbeteiligte Zeugen.
Aber auch noch was Lustiges gibt’s zu erzählen: Harrys Sohn Uwe war fahruntüchtig. Er musste immer brechen, wenn er im Auto fuhr. Später wurde er Polizist, ist nun in Rente. Jedenfalls übergab sich der Kleine im Trabant seiner Eltern, dann auch mal ab und zu bei uns. Die Tabletten, die es für Reisekrankheit gab, halfen nicht immer. Trotzdem war es aber eine schöne Zeit. Als wir später einen Zwergschnauzer hatten, hatten wir einen zweiten Uwe. Auch bei Charly halfen die Tabletten nicht immer, und auf dem Weg in die damalige ČSSR kotzte er uns das Auto mehrmals voll.
Als der Urlaub vorbei war, begann für mich das zweite Lehrjahr.


