Als Spion in Wustermark
Ich wusste, dass es eine Stasi-Akte über mich gab. Als ich sie kürzlich einsehen durfte, fehlte jedoch ausgerechnet jene Geschichte, die mich 1978 in Angst und Schrecken versetzt hatte.
Der Pufferknutscher
Ich bin ein bekennender „Pufferknutscher“ – so nennen wir Eisenbahnenthusiasten uns selbst. Seit meiner Jugend stelle ich Lokomotiven nach, meist bewaffnet mit einem Fotoapparat. Während man im Westen mit dem Slogan „Unsere Loks gewöhnen sich das Rauchen ab“ die letzten Dampflokomotiven aufs Abstellgleis schickte, wurde die DDR für mich zum Eldorado. Als West-Berliner nutzte ich seit 1972 sehr oft die Möglichkeit, mit einem Tagesvisum in die umliegende DDR zu reisen, um dort noch in Betrieb befindlichen dampfenden, schnaufenden und fauchenden Stahlrössern nachzujagen.
September 1978
An einem sonnigen Tag im September 1978 hatte ich mir den Rangierbahnhof Wustermark als Ziel ausgesucht. Er lag nur wenige Kilometer westlich der Berliner Stadtgrenze und war somit perfekt für einen Halbtagesausflug geeignet. Ich nahm den Grenzübergang Staaken, der hauptsächlich für den Transitverkehr nach Hamburg genutzt wurde. Als Fußgänger war ich an diesem Tag ein Exot.
Bei der Einreise erfolgte der obligatorische Geldumtausch: Für 13 D-Mark erhielt ich 13 Mark der DDR, ordentlich im Plastikbeutel verpackt.
Vom Bahnhof Staaken aus fuhr ich mit dem Schienenbus – in der DDR liebevoll-spöttisch als „Ferkeltaxe“ bezeichnet – die wenigen Stationen bis Wustermark. Schon als sich der Triebwagen dem Rangierbahnhof näherte, stiegen hinter den Güterzügen Dampfschwaden auf, und als ich das heisere Pfeifen von Lokomotiven vernahm, hüpfte mein Herz vor Freude. Meine Finger umgriffen schon ungeduldig die Kamera. Ich wusste: Hier bin ich heute richtig!
Die perfekte Jagd
In Wustermark fand ich schnell die ideale Position: die lange Fußgängerbrücke über den Bahnanlagen, von der aus man das gesamte Betriebswerk überblicken konnte. Von dort aus waren die Drehscheibe, der Ringschuppen und einige Loks gut zu sehen, die am Nachmittag einsatzbereit vor sich hinschnauften und Dampfwolken in den blauen Himmel schickten. Es waren nur Maschinen der Baureihe 52, keine der begehrten schweren Güterzugloks der Baureihe 44, aber man kann ja nicht immer „Zwölfender“ erlegen.
Dafür gab es wunderschönes Licht, dramatische Dampfschwaden – einfach eine perfekte Komposition. Freudig schoss ich ein Bild nach dem anderen. Diese wurden – so dachte ich damals und denke es noch heute – die besten Fotos meines Lebens. Es sollten allerdings die letzten an diesem Nachmittag bleiben.
Das Unheil naht
Aus den Augenwinkeln sah ich ihn kommen: einen Transportpolizisten, der sich mir mit jener Mischung aus preußisch-sozialistischem Pflichteifer und prinzipienfester Humorlosigkeit näherte, wie sie den uniformierten Autoritätsträgern in der DDR zu eigen waren. Mein Herz rutschte in die Hose.
Mit einer knappen militärischen Geste verlangte er meinen Ausweis und belehrte mich, dass das Fotografieren von Bahnanlagen ohne Genehmigung verboten sei.
Nun – das wusste ich. Oder auch nicht. Unter westlichen Eisenbahnfreunden kursierte immerhin die Fotokopie eines Rundschreibens, nach dem dies eben nicht verboten war. Im Westen hätte ich dieses Dokument triumphierend hervorgeholt und den Polizisten eines Besseren belehrt. Aber hier? Man widersprach in der DDR grundsätzlich keinem Uniformträger. Und ich, als „ausländischer“ West-Berliner im Besitz eines internen DDR-Dokuments? Bei dem hypertrophen Sicherheitsdenken in diesem Land war das undenkbar. Da musste doch mehr dahinterstecken, hätte man argwöhnt.
Das Verhör
Ich musste dem Transportpolizisten ins Betriebsgebäude folgen. In einem linoleumcharmanten Büro nahm er meine Personalien auf und vernahm mich zu den Motiven meines Tuns.
Mit einem spöttischen Lächeln quittierte er meine Begründung, ich sei ein Dampflok-Enthusiast und würde aus rein privaten Gründen die Loks auf den Film bannen. Vielleicht glaubte er sogar, mit mir einen weiteren Gary Powers abgeschossen zu haben – jenen amerikanischen U-2-Spionagepiloten, den die Sowjets 1960 vom hohen Himmel geholt hatten.
Dann kam der vernichtende Satz: „Ich werde den Film in Verwahrung nehmen.“
Nein! Das durfte nicht sein. Nicht nur wegen der Wustermark-Fotos – so schön sie auch waren. Sondern auch wegen all der anderen Aufnahmen auf diesem Film. Die 52er mit dem langen Güterzug in Eberswalde zum Beispiel. Die 44er mit Ölfeuerung in Angermünde. Alles im schönsten Sonnenlicht. Dutzende Aufnahmen von mehreren DDR-Besuchen. Alles futsch.
Mit der Mahnung, mich zukünftig an die Gesetze der DDR zu halten, wurde ich entlassen.
Die Erkenntnis
Wie ein geprügelter Hund schlich ich davon, voller Ärger, Wut und Hilflosigkeit. In der „Ferkeltaxe“ zurück nach Staaken saß ich stumm am Fenster und starrte ins Leere.
Eine andere Sorge zog in mir auf: Ich hatte dem Transportpolizisten gesagt, dass ich nur zwei oder drei Lokomotiven fotografiert hatte. Auf dem Film waren aber viel mehr – von den vorherigen Besuchen!
Was würden sie denken, wenn sie den Film entwickelten?
Plötzlich sah ich vor meinem inneren Auge meinen Onkel. Er war 1950 wegen Spionage für die westlichen Besatzungsmächte in der stalinistischen DDR zu 25 Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Zwar war er 1957 amnestiert worden – aber auch nur sieben Jahre wollte ich wahrlich nicht in Bautzen verbringen.
Mit diesen deprimierenden Gedanken ging ich wie benommen zur Filiale der DDR-Staatsbank am Grenzübergang Staaken, um meine restlichen Mark zu deponieren. Von den 13 Mark hatte ich kaum etwas ausgegeben. Man durfte keine DDR-Mark ausführen, konnte aber nicht ausgegebenes Geld einzahlen und erhielt eine Bescheinigung für spätere Besuche.
Spätere Besuche? Würde es die für mich überhaupt noch geben?
Ich trottete zum Grenzübergang, immer noch in missmutiger – nein, mittlerweile in niedergeschlagener Stimmung. Was für ein beknackter Tag! Wieder war ich der einzige Fußgänger. Vorkontrolle: glatt. Zollkontrolle: glatt. Dann kam die Passkontrolle.
Noch bevor ich meinen Ausweis präsentieren konnte, sprach mich der Grenzer bereits an: „Sie sind also der Herr Lubjahn.“
Der Moment der Wahrheit
In diesem Moment erstarrte alles in mir. Die Zeit. Mein Atem. Mein Herz. Panische Gedanken schossen mir durch den Kopf: Die Bahnpolizei hatte den Film bereits entwickelt. Sie hatten die anderen Fotos entdeckt. Sie wussten, dass ich geschwindelt hatte. Jetzt würde ich festgenommen, verhört und wegen Spionage angeklagt werden. Jahre im Knast. Bautzen. Wie mein Onkel. Fünfundzwanzig Jahre? Sieben Jahre? Egal wie lange – meine Zukunft war dahin.
Im günstigsten Fall würde es bei einem Einreiseverbot bleiben. Keine Dampfloks mehr. Keine Opern und Theater in Ost-Berlin mehr. Keine Besuche bei Verwandten, Bekannten und Freunden in der DDR mehr.
Der Grenzer hielt inne. Sein Gesichtsausdruck war nicht zu deuten. Dann grinste er und sagte: „Sie müssen noch mal zurück zur Staatsbank. Sie haben da Ihre Bescheinigung vergessen.“
Freiheit
Ich murmelte ein „Danke“ und ging benommen zurück zur Baracke, um die Bescheinigung zu holen. Die Ausreise verlief dann erstaunlich zügig. Der Passkontrolleur, der mich eben noch so erschreckt hatte, lächelte nun sogar, als er meine Papiere prüfte und wünschte mir dann noch freundlich einen guten Heimweg – als wäre nichts gewesen.
Mit immer noch weichen Knien lief ich durch das letzte Tor. Ich war in West-Berlin.
Wie fast alle atmete ich immer auf, wenn man alle Kontrollen bei der Ausreise passiert hatte und wohlbehalten wieder „im Westen“ war. Es war seltsam. In der DDR hatte man stets ein schlechtes Gewissen, selbst wenn man sich nichts hatte zuschulden kommen lassen. Diese Ohnmacht, sich nicht gegen die Staatsmacht wehren zu können – sie kroch einem in die Knochen und ließ einen nicht los, bis man wieder westlichen Boden unter den Füßen hatte.
An diesem Tag war ich jedoch besonders erleichtert, denn ich hatte ja etwas „ausgefressen“ und war froh, nach meiner „Spionagetat“ noch einmal davongekommen zu sein.
Epilog
Zurück zu meiner Stasi-Akte: Diese Begebenheit ist nicht dokumentiert. Schade eigentlich. Denn insgeheim hatte ich gehofft, all die tollen Fotos wiederzubekommen, die ich damals an jenem Septembertag in Wustermark aufgenommen hatte.
Die besten Fotos meines Lebens bleiben bleiben für immer in den Archiven eines untergegangenen Staates verschollen.
Fotos, Quellen und Anmerkungen:
Die Grenzübergangsstelle Staaken: Eine Luftbildaufnahme der Staatssicherheit der DDR zeigt die Grenzübergangsstelle Staaken an der Berliner Heerstraße (siehe: https://www.stasi-mediathek.de/medien/luftbildaufnahmen-der-grenzuebergangsstelle-staaken-an-der-heerstrasse/blatt/67/). Im Vordergrund links ist die kleine Baracke zu erkennen, in der die Staatsbank der DDR ihre Filiale unterhielt. Hinter dem Grenzstreifen und der Mauer zeichnet sich auf West-Berliner Seite am Horizont unscharf der Grunewald mit dem Teufelsberg ab.
Die Fußgängerbrücke: Die besagte Fußgängerbrücke über dem Bahngelände stammte noch aus den Anfangsjahren des Verschiebebahnhofs vor dem Ersten Weltkrieg. Nach der Wende wurde sie durch diese moderne Konstruktion ersetzt: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Wustermark-bruecke.JPG
Vom Schicksal der Fotos
Von dem Ereignis meiner Festnahme kann ich naturgemäß keine eigenen Fotos beisteuern. Bei der Recherche stieß ich jedoch auf ein Bild von Karl-Heinz Siebke aus der Altmark (http://www.altmarkdampf.de/agm.htm), das die Szenerie dokumentiert.
Ich bat ihn um die Nutzung seines Fotos und erhielt eine interessante Antwort, die zeigt, dass ich keineswegs ein Einzelfall war:
Hallo Herr Lubjahn,
gerne dürfen Sie mein Bild verwenden. Auch ich habe die Fußgängerbrücke als Holzbrücke in Erinnerung.
Übrigens ging es mir als DDR-Bürger nicht besser – mit diesem exotischen Hobby bewegte man sich in einer Grauzone, und missmutige Uniformträger konnten einen jederzeit zum Verhör wegfangen. Ich war nur ein einziges Mal in Wustermark, mit einem Kumpel und motorisiert: er mit S50, ich mit einem Star. Wir fuhren sogar überfallartig in das Bw hinein, um die dort stehende 44 2989 besser drauf zu kriegen. Klick und nichts wie weg. Jugendlicher Leichtsinn halt, ist aber gutgegangen.
Grüße aus der Altmark, Karl-Heinz Siebke:
Für nicht eingeweihte Leser: Bei S50 und Star handelte es sich um Mopeds aus der DDR, die auch heute noch Kultstatus besitzen – und das nicht nur aus nostalgischen Gründen.
Die beiden jungen DDR-Bürger waren bei ihrer Blitzaktion damals erfolgreicher als ich. Wie sich herausstellte, waren wir keine Einzelfälle.
Andere Pufferknutscher in Wustermark
Kurz bevor ich meinen Beitrag abschloss, stieß ich auf das umfangreich recherchierte und liebevoll geschriebene Buch „Der Rangierbahnhof Wustermark und die Eisenbahnersiedlung Elstal“ von Christian Bedeschinski und Bernd Neddermeyer (VBN Verlag B. Neddermeyer, Berlin, 2004).
Im Prolog schildern die Autoren ein ähnliches Erlebnis: Im Oktober 1977 wurden sie als West-Berliner Oberschüler ebenfalls von der Transportpolizei in Wustermark festgenommen. Anders als mir gelang es den beiden Eisenbahnfreunden jedoch, durch Tricks zumindest jeweils einen ihrer Filme vor dem Zugriff der Arbeiter- und Bauernmacht zu retten. Danach wurden sie von einem Transportpolizisten sogar recht wohlwollend aus der Gefahrenzone bis zur Siedlung Elstal begleitet.
Das ist mir nicht widerfahren. Auch der Schreck, den ich erlebte, als mich der Grenzpolizist unvermittelt beim Namen ansprach, blieb den beiden offenbar erspart.


