„Münze“ schmuggelt Ostgeld
Meinen Freunden ist bekannt, dass ich früher sehr sparsam – um nicht zu sagen geizig – war. Das wollte ich immer dann besonders deutlich machen, wenn ich um Alternativen wusste. Das schien hier der Fall zu sein.
In den 1970er-Jahren besuchte ich oft Ost-Berlin. Der Grenzübertritt war naturgemäß immer eine unangenehme, nervige Angelegenheit. Man musste Schlange stehen, seine Papiere vorzeigen und wurde von Leuten gemustert, deren Aufgabe es war, einen für alles Mögliche verdächtig zu halten. Erst dann durfte man in die „Hauptstadt der DDR“ einreisen, wie sie ihren Teil Berlins stolz nannten. Aber als gebürtiger Berliner wollte ich die Teilung der Stadt nie akzeptieren und so war ich oft „drüben“.
Bei einem dieser Besuche stieß ich auf ein Fachbuch, das ich unbedingt haben wollte. Es kostete 40 DDR-Mark. Ich hatte nur 25. Genau diesen Betrag mussten Besucher der DDR bei der Einreise umtauschen. Nun hätte ich einfach 40 Westmark auf den Tresen legen können. Die Verkäuferin hätte sie sicher angenommen, schließlich lehnten Ostdeutsche konvertierbare Währungen nicht ab. Damit wäre die Sache erledigt gewesen.
Aber, wie gesagt, ich war recht sparsam und schmiedete daher einen Plan: Ich würde an einem anderen Tag wiederkommen, diesmal aber mit Geld, das ich in einer Bank in West-Berlin eingetauscht hatte, wo der Wechselkurs eins zu vier betrug. Für zehn Mark (West)
bekam man 40 Mark (Ost)
.
Natürlich war das Einschmuggeln von Ostwährung in die DDR strengstens verboten, aber mir schien es das Risiko wert. Ich war zwar schon ein paar Mal etwas genauer kontrolliert worden, dabei war aber nie etwas gefunden worden.
Ein paar Tage später tauschte ich in der Wechselstube am Bahnhof Zoo in West-Berlin zehn D-Mark in vierzig Ostmark um, steckte die beiden frischen grünen Zwanzig-Mark-Scheine in meinen schmalen Hosengürtel und machte mich sofort auf den Weg zum Grenzübergang Friedrichstraße.
Doch diesmal verlief der Grenzübertritt anders als sonst. Statt wie üblich nach kurzer Kontrolle der Papiere einfach durchgewunken zu werden, forderte mich ein Grenzbeamter mit humorloser Miene auf, ihm in einen Nebenraum zu folgen. Es war so ein Raum, der einem unweigerlich das Gefühl gab, dass es diesmal etwas ernster wird. Da gab es ein Stehpult. Da war dieser Beamte. Und da war diese bedrückende Stille.
„Leeren Sie bitte Ihre Umhängetasche“, sagte er. Ich tat es. „Ihre Hosentaschen.“ Ich tat, wie mir befohlen. „Ihre Schuhe.“ Auch die. Alles wurde ausgebreitet und gründlich und systematisch inspiziert.
Dann kam er um das Pult herum und begann, mich abzutasten – Ärmel, Beine, Brust – mit der systematischen Effizienz eines Profis. Vielleicht genoss er seine Arbeit sogar. Schließlich glitten seine Hände in meinen Hosenbund. Als nächstes würde der Gürtel dran sein – genau dort, wo die beiden Geldscheine versteckt waren.
Was ich jetzt tat, war nicht das Ergebnis sorgfältiger strategischer Überlegungen. Es war ein Akt purer Verzweiflung. Ich entschied mich für den Angriff als beste Verteidigung. Als seine Hände von hinten nach vorne wanderten und meinen Bauch berührten, beugte ich mich leicht vor und flüsterte vielsagend: „Oh, das fühlt sich gut an!“
Der Grenzbeamte wirkte sichtlich erschüttert. Er zuckte zurück, als wäre er gestochen worden, und verschwand hinter seinem schützenden Schreibtisch. Sein Gesichtsausdruck verriet, dass ihm all das durch den Kopf ging, was man ihm über den moralischen Verfall des kapitalistischen Westens erzählt hatte – eine Welt voller solcher Auswüchse. Alles Theorie! Doch nun, hier, in einem Nebenraum des Grenzübergangs Friedrichstraße, hatte er den lebenden Beweis vor sich. Einen echten, leibhaftigen, voll funktionsfähigen westlichen Schwulen.
„Sie können jetzt einpacken“, sagte er mit der Kürze eines Mannes, der diese Episode seiner Karriere so schnell wie möglich hinter sich bringen wollte. Und das war’s. Ich packte meine Sachen – langsam, vorsichtig. Nicht, dass ich noch einmal Verdacht errege und er es sich anders überlegt! Aber dann konnte ich doch durch eine Seitentür hinaus.
Momente später stand ich in der Georgenstraße in Ost-Berlin. Meine Knie begannen zu zittern, und ich fragte mich, was mir da gerade widerfahren war. Immerhin, die beiden Geldscheine steckten noch in meinem Gürtel. Ob ich das Buch danach tatsächlich gekauft habe, kann ich mich allerdings nicht mehr erinnern.
Erst viel später wurde mir bewusst, wie naiv ich gewesen war. Die Wechselstube am Bahnhof Zoo wimmelte natürlich nur so von Stasi-Spionen. Sie wussten genau, wer dort Geld wechselte, wahrscheinlich fotografierten sie die Leute sogar. Ich wäre wohl ein leichter Fang gewesen – wenn mir diese Szene nicht eingefallen wäre.
Am Ende hatten mich nicht Klugheit, nicht Vorbereitung und schon gar nicht mein Mut gerettet. Gerettet hat mich die Tatsache, dass dieser Überwachungsstaat trotz seiner enormen Reichweite seine Beamten nicht auf solche Begegnungen vorbereitet hatte. Ja, sie waren im Umgang mit ihren Waffen geschult, wussten, wie man Ausweispapiere kontrolliert, und natürlich wussten sie, wo Schmuggelware versteckt sein könnte. Doch als ein junger West-Berliner aus purer Verzweiflung einen Schwulen vorspielte – das war zu viel!
Nachtrag: Ich hatte inzwischen die Gelegenheit, meine umfangreiche Stasi-Akte einzusehen. Mein Deckname war „Münze“Lesen Sie auch: „Münze“ schmuggelt Westgeld[Klick …], was ziemlich viel aussagt. Sie wussten sehr viel über mich. Umso überraschter war ich, dass ich keinen Eintrag zu diesem Vorfall finden konnte.


