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Wo steckt Werner bloß?

Hier geht es nicht um den Star Werner Brösel bei Film und Comedy, sondern um einen durch und durch echten Landwirt aus dem Kreis Uelzen. Als ich Werner kennen lernte, dachte ich nicht, dass seine ältere Schwester später meine Frau werden sollte, aber das ist ein anderes Kapitel. Das alles war um 1971 herum.

Mit Ackerschleppern und Ackergeräten kennt sich Werner gut aus. Auch die PS-Stärken sämtlicher Treckermodelle hat er im Kopf. Es musste bei ihm immer alles schnell gehen bei der Arbeit. Am Anfang wollte er Rom an einem Tag erbauen mit seiner Arbeitskraft. Das geschah zu der Zeit, wo Schwiegervater noch auf dem Hof das Sagen hatte. Ende der 1970er Jahre wurde der Hof auf Werner Junior umgeschrieben. Schwiegervater und Schwiegermutter gingen auf das Altenteil des Hofes. Beim Notar wurde schriftlich niedergelegt, dass der Hoferbe für freies Wohnen, Verpflegung und Geldmittel der Altenteiler zu sorgen hat.

Mit Hindernissen hat er die Hofübernahme gemeistert. Der Weg für ihn war schwierig. Es wurden neue Geräte und ein neuer Ackerschlepper der Marke Zetor angeschafft. Auf dem Deutschen Markt war es der Preisgünstigste dieser Art. Die alten orangefarbenen Güldner-Güldner 14 PS Güldner Traktor, 14 PS und Fiat-TreckerFiat 35 PSFiat 411 R 35 PS wurden abgeschafft. Sie hatten zu wenig PS und waren in die Jahre gekommen, hatten auch viele Reparaturen.

Die landwirtschaftlichen Flächen waren in allen Himmelsrichtungen verstreut. Selbst an der innerdeutschen Grenze zur damals noch existierenden DDR, lagen die Flächen. Deshalb musste Werner einige Kilometer fahren um auf seine Äcker zu kommen. Es war das letzte Dorf vor der DDR-Grenze. Deshalb war nicht viel Autoverkehr auf den Dorfstraßen in den 1970er Jahren. Vielfach sah man den Zoll, oder den Bundesgrenzschutz (heute Bundespolizei) durch das Dorf in Richtung Grenze fahren.

Werner hatte auch Moorboden zu bewirtschaften. Wenn dort Kartoffeln geerntet wurden, sahen sie aus wie Moorkluten. Regnete es acht Tage am Stück, kam er nicht auf den Acker. Dann war er immer schnell am putern(schimpfen). Wenn dann ein Nachbar kam, sagte Schwiegermutter: Uns Werner… und so weiter.
Waren Vertreter auf dem Hof, so mussten sie erst einmal auf der gepolsterten Küchenbank Platz nehmen. Dann wurden Viehhändler, Futtermittelvertreter, Kartoffelhändler, Kraftstoffhändler von Schwiegermutter immer befragt. Da wurden Neuigkeiten über Nachbarn und so weiter ausgetauscht. Über Umwege wurde gefragt, kennst du den und den? Das passierte dann, wenn Werner auf dem Acker war, heute sagt man Landwirtschaftliche Flächen dazu. Dann sagte Schwiegermutter zu Schwiegervater; Wo Werner jetzt wohl steckt?

Natürlich kam es vor, dass an den Maschinen etwas kaputt ging. So musste er zurück auf den Hof fahren. Dann versuchte er mit seinem Werkzeugpark im Maschinenschuppen die Störung zu beheben. Es kam aber auch vor, dass er die Landmaschinenfirma in Suhlendorf über das Telefonnetz der PostDie Deutsche Bundespost (DBP) war ein staatseigenes Post-, Logistik- und Fernmeldeunternehmen der Bundesrepublik Deutschland und Träger der zivilen Fernmeldehoheit. Sie wurde 1950 als nicht rechtsfähiges Sondervermögen des Bundes eingerichtet und mit Wirkung vom 2. Januar 1995 im Rahmen des Gesetzespaketes der zweiten Postreform in die privatrechtlichen Aktiengesellschaften Deutsche Post AG, Deutsche Telekom AG und Deutsche Postbank AG übergeleitet. anrufen musste. Die Firma hat sich spezialisiert auf landwirtschaftliche Dienstleistungen und Landtechnik. Der Slogan der Firma lautete: Service ist unsere Stärke seit 1947. Dann wurde ein spezieller Monteur an das Telefon gerufen. Jeder Mitarbeiter hat ja sein Fachbereich im Ersatzteillager. Es kam auch vor, dass er zu der Firma mit seinem defekten Teil fahren musste. Das waren dann über zehn Kilometer. Schlimm war es, wenn das Ersatzteil erst bestellt werden musste. Das konnte dann bis zu zwei Tagen dauern. Es kam auch auf dem Firmengelände vor, dass er einen Landwirt kannte, dann kam er mit ihm ins Gespräch. Dann vergingen zehn Minuten wie im Fluge für Werner. Kam er zurück auf den Hof, hörte man schon: Wo steckt Werner bloß? Nur hatte Werner noch kein Handy in der Tasche. Zu der Zeit gab es gelbe Telefonhäuschen, aber keine Handys. Heute ist es umgekehrt, fast jeder hat ein Handy, Telefonhäuschen sind sehr selten geworden.

Kam Werner mal unverhofft mit seinem Trecker auf den Hof gefahren, dann erzählte Schwiegermutter, was alles in seiner Abwesenheit gelaufen war. Auch welcher Vertreter angerufen hatte und was er wollte. So kam es vor, dass er im nächstgrößeren Ort etwa fünf Kilometer zur Kreissparkasse oder Raiffeisenbank musste. Dort gab er schnell seine Überweisungsträger ab. Dass man am Bankschalter ein wenig warten musste, konnte Schwiegermutter nicht verstehen. Auch hier traf er Bankkunden, die er kannte. Dann waren schon mal zehn Minuten mit Klönen verstrichen. Mitunter musste er dann noch beim Landhändler am Bahnhof vorbei. Das dauerte natürlich auch seine Zeit. Dann kam der gleiche Spruch, wie vom Tonband. Wo steckt Werner bloß?

Waren die 15 Milchkühe von Frühjahr bis Herbst auf Weidegang, so gab es viele Vorbereitungen. Aufpassen musste man, weil zwei Nachbarn zur gleichen Zeit die Tiere raustrieben. Sie wurden morgens und abends auf der Dorfstraße Richtung Weide gebracht. Kamen die Kühe von Schwiegervater noch dazu, hatte man es schwer, sie auseinanderzuhalten. Aber mit Geduld ging alles gut. Es gab wohl mehr Kühe als Autos auf der wenig befahrenen Dorfstraße in den 1970-er Jahren. Nach der Grenzöffnung 1989 gab es nur noch einen großen Landwirt, der Milchvieh hatte. Kühe treiben auf der Dorfstraße, das geht seitdem nicht mehr.

Arbeit auf dem Hof gab es auch reichlich, wenn die Kühe aus dem Stall waren. Kraftfutter und gemahlenes Schrot in Eimer füllen, Mist im Kuhstall mit der Mistforke entfernen, natürlich ging das nur mit Gummistiefeln. Neues Stroh ausstreuen im Kuhstall, Bullenstall, Kälberstall und im Schweinestall. Heu und Stroh vom Scheunen-Dachboden durch die Bodenluke in das Erdgeschoss werfen. Natürlich mit dem Ruf Vorsicht von oben. Die Heubunde waren rechteckig etwa 50 mal 40 cm groß. Die Maße konnten an der Maschine eingestellt werden. Es staubte heftig auf der Diele. Der Besen war wieder im Einsatz, beim Zusammenfegen. Beim Verlassen und Zurückkommen der Kühe war auf dem Hofplatz vor dem Kuhstall immer viel Kuhschiete. Die wurde immer schnell mit einem Hofkratzer beseitigt.

War Werner auf dem Hof am Arbeiten, so konnte Schwiegermutter nie ihren Spruch sagen. Suchte sie Werner, so rief sie laut: Werner über den Hof, das konnten sogar die Nachbarn hören.

Seit vielen Jahren hat Werner sein Handy immer griffbereit, auch auf dem Trecker und im Auto. Er könnte es sich nicht vorstellen, ohne Mobiltelefon zu sein. Auch wenn das Handy nur für den Notfall ist.

Er ist bis heute ein Landwirt durch und durch geblieben – obwohl sich alles verändert hat.

Zum Abschluss möchte ich noch sagen: Schön das es solche netten Schwiegereltern gab. Danke.