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Mit dem Fahrrad auf der Reeperbahn

Im Jahre 1964 fand ich ein altes schwarzes Fahrrad auf dem Sperrmüll, in der Nähe des Straßburger Platzes in Hamburg. Zu der Zeit türmten sich Berge von Sperrmüll an den Straßenrändern. Es war ein altes schwarzes 28er-Herrenfahrrad mit einer Stempelbremse , aber ohne Gangschaltung. Das Rad stellte ich vorerst bei einem Klassenkameraden im Keller ab. Nach der Schule bekamen beide Reifen erst mal Luft mit einer Metallluftpumpe. Ich schätze mal, das alte Fahrrad stand wohl zehn Jahre beim Vorbesitzer im Keller. Jetzt konnte ich damit vom Straßburger Platz durch die Seitenstraße nach Hause nach Barmbek in die Mozartstraße fahren. Aber ich musste ständig auf meine Schultasche aufpassen, die ich auf dem Gepäckträger festgemacht hatte, denn einige Straßen hatten noch Kopfsteinpflaster und keine ausgebauten Fahrradwege.

In der Mozartstraße angekommen, schleppte ich das Fahrrad in den dritten Stock des Mietshauses, 60 Treppenstufen nach oben. Unten im Treppenhaus stand nämlich: Das Abstellen von Gegenständen sowie von Fahrrädern ist nicht gestattet. Als meine Mutter die Wohnungstür öffnete, war sie ganz erstaunt. Jetzt musste ich ihr erst einmal die Geschichte vom Sperrmüll-Fahrrad erzählen. Leider konnte im Treppenhaus das Fahrrad nicht abgestellt werden, denn im vierten Stock wohnte die Schwester des Hauseigentümers die immer was zu meckern hatte. So erlaubte Mutter, dass ich das Fahrrad in unserer Wohnung abstellen durfte, aber nur für kurze Zeit.

Sah ich mir im Schaufenster des technischen Kaufhauses Brinkmann, in der Hamburger Spitalerstraße, die Räder an, so war mein Fahrrad damals schon ein Oldie. Für ein Neues hatte ich kein Geld, mein Taschengeld reichte nicht. Auch der Fahrradladen Möller in der Mozartstraße, Ecke Humboldtstraße, hatte tolle Räder im Schaufenster. Aber das waren für mich nur Träume.

Mein altes Fahrrad musste ich immer die Treppen rauf oder runter tragen, denn im Keller war kein Platz. Dort lagerten die festen Brennstoffe wie Briketts, Eierkohlen oder Steinkohlen sowie das Anmachholz für die Kohleöfen in der Wohnung. Auf dem Boden im vierten Stock war auch wenig Platz. Aber ich war jung und konnte das Rad recht gut stemmen. So schleppte ich mein Fahrrad für jeden kleinen Ausflug nach unten.

Es ging über den Winterhuder Weg, Schenkendorfstraße zum Hofweg, dann zur Adolfstraße und zur Schönen Aussicht. Hier konnte man gut mit dem Rad fahren. Auch an der Straße An der Alster. Dann ging es über die Lombardsbrücke mit den gusseisernen Kandelabern, die noch mit Gas betrieben wurden. Dann fuhr ich weiter über die Esplanade, Gorch-Fock-Wall, Karl-Muck-Platz Richtung Holstenwall. Am Ende des Holstenwalls rechts rum, und gleich war ich an der U-Bahn-Station St. Pauli. Viele Menschen kamen hier die Treppen hoch, zu der Zeit war es der einzige U-Bahn-Ausgang. Heute gibt es noch einen zweiten für die Dombesucher auf dem Heiligengeistfeld.

Am Anfang der Budapester Straße war für die Straßenbahn-Linie 14 Endstation. Dann fuhr sie wieder auf die Reeperbahn und bog rechts in die Hein-Hoyer-Straße ein, fuhr weiter Richtung Veddel. Auf der Reeperbahn versuchte ich eine Wettfahrt mit der Straßenbahn. Aber ich war leider immer der Verlierer. Es wimmelte von Lieferanten auf der Straße, die die Lokale mit flüssigem Nachschub versorgten. Ob Astra-, Holsten- oder Elbschlossbier, in Glasflaschen oder in Fässern, alles wurde in die Lagerkeller transportiert. Natürlich auch Hochprozentiges in Kartons voller Flaschen. Für die Stehbierhalle Lemitz, das Café Keese, für die Mädchen dort hatte ich keinen Blick. Ich wusste damals weder, was ein Rotlichtmilieu ist, noch dass diese Mädchen hier ihrem Beruf nachgingen und auf Freier warteten. Das verstand ich erst viel später, als sogenannter Spätzünder.

In der Hein-Hoyer-Straße fuhr die Straßenbahn. Die Straße hatte Kopfsteinpflaster und war eng. Deshalb musste man aufpassen, dass man nicht mit den Rädern in das Gleis kam und war gezwungen immer vorausschauend zu fahren.

Am Ende der Straße auf der linken Seite war die Kfz-Werkstatt meines Onkels, im Hinterhof der Hein-Hoyer-Straße 69. Mein Opa war in der Werkstatt und sah sich mein altes Fahrrad an. Gleichzeitig sagte ich Opa, er solle Oma bitte nichts vom Fahrrad erzählen. Oma hatte immer viel Angst um mich, ihren ersten Enkel. Opa hielt Wort und Oma wusste nichts von meinem Glück. Zu einem späteren Zeitpunkt wurde sie darüber aufgeklärt und nahm es gelassen hin. In der Kfz-Werkstatt standen einige Autos. Ich fragte, warum sie hier sind und Opa erklärte mir, was daran zu machen sei. Am Waschbecken in der Werkstatt lernte ich die Handwaschpaste kennen. Es handelt sich um einen Handreiniger für stark verschmutzte Hände. Handwaschpaste mit Wasser in den Händen verreiben, bis der Schmutz gelöst ist. Dann gründlich mit Wasser abspülen. So lernte ich eine andere Form von Seife kennen. Auch das Werkzeug für die Kfz lernte ich kennen: Maul-, Ringschlüssel und vieles mehr. Ich kannte bis dahin nur meinen Fahrradknochen zum Festziehen der Muttern am Fahrrad. Jetzt verabschiedete ich mich von Opa mit einem Tschüss Opa, wie es in Hamburg üblich ist.

Dann sah ich mir noch ein paar andere Straßen an. In der Wohlwillstraße hatte eine Bekannte meines Onkels eine Gaststätte, die ich mir leider nur von außen ansehen konnte, denn sie öffnete erst am Abend. Die Gaststätte hieß Taverne und hatte Astra-Bier im Ausschank. Zwischen der Paul-Roosen-Straße und der Talstraße an der Ecke war ein toller Konditor. Von Weitem kam mir schon der Kuchengeruch in die Nase. Einfach toll, ein Geruch weckt Erinnerungen.

Auf der Reeperbahn gab es einige Kinos, den Bierpalast Zillertal links von der Davidwache, und der Wienerwald war in der Davidstraße Ecke Reeperbahn zu finden. Hier konnte man die Brathähnchen im Sitzen und mit den Fingern verzehren. In der ganzen Straße roch es auch nach der Astra-Brauerei.

Dann gab es dort noch Seefahrer und Touristen, die schon viel Alkohol in sich hatten und schwankend daherkamen. War ich am Fahrradfahren auf St. Pauli und ein Fußgänger tauchte vor mir auf, klingelte ich mit meiner großen Klingel. Sie hatte den Durchmesser einer Untertasse und der Klang war schön laut. Dann sahen die Passanten auf mein altes Fahrrad und lachten laut.

Natürlich hätte ich ganz gerne eine Sturmklingel gehabt, aber die war zu teuer, heute gibt es die schon lange nicht mehr zu kaufen. Schön war es auch, sich die alten Hinterhöfe anzusehen. Einige davon gibt es immer noch, sie wurden in den 1980er und 1990er Jahren restauriert. Aber leider wurde auf St. Pauli vieles abgerissen und durch neue höhere Häuser ersetzt.

Jetzt musste ich aber wieder den Heimweg nach Barmbek antreten, denn die Schularbeiten warteten noch auf mich. Mit den vielen Eindrücken von St. Pauli erledigte ich meine Schularbeiten viel schneller als gewohnt.