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Wie ich Fuhlsbüttel kennenlernte

Anfang der 1960er Jahre lernte ich den Stadtteil Fuhlsbüttel gut kennen. Er liegt im Bereich Hamburg-Nord und ist einer von 104 Hamburger Stadtteilen. Hier hatte mein Vater ein kleines Geschäft.

Privat wohnte er mit meiner Mutter, meinem jüngeren Bruder und mir in Hamburg-Barmbek. Jetzt sagt man Barmbek-Süd.

Er war Maßschneider und hatte eine Maß- und Änderungsschneiderei in Hamburg-Fuhlsbüttel unter der Adresse Am Hasenberge 25. Das Geschäft lag fast an der Ecke Rübenhofstraße in Richtung U- und S-Bahn Ohlsdorf. An der Ecke war eine Gastwirtschaft, Besitzerin war Thea Dorn. Dann kam das kleine Geschäft meines Vaters Alfred Scholz. Daneben war das Milch- und Feinkostgeschäft von Paul Staack. Später übernahm es sein Neffe Gerd Rübke. Der Laden war nicht groß. Wenn fünf Kunden und meine Mutter am Einkaufen waren, konnte keiner mehr vor oder zurück. Neben dem Milch- und Feinkostgeschäft gab es noch weitere Geschäfte in der Ladenzeile. Über den Geschäften waren viele Mietwohnungen. Später wurden auch die Geschäfte in Wohnungen umgebaut.

Sehr viele Kunden meines Vaters hatten schon einen Telefonanschluss, heute sagt man Festnetzanschluss. So konnte mein Vater Termine mit seinen Kunden vereinbaren. Es ging nämlich darum, die Textil-Änderung dem Kunden vorbeizubringen. Also packte mein Vater die Änderungen in eine große Tragetasche. Die Sachen sollten ja nicht kraus werden. Die Rechnung wurde mit in die Tragetasche gelegt. Dann nannte mein Vater mir Name und Adresse des Kunden. Es waren vielfach dieselben Kunden in Fuhlsbüttel und Umgebung. Ich kannte die Namen schon auswendig. Von den Kunden wurde ich immer freundlich empfangen. Das Geld hatten die Kunden abgezählt bereitgelegt. Ein Obolus oder Trinkgeld bekam ich immer, für das schnelle Bringen, sagten die Kunden. Über den Spruch freute ich mich immer sehr. Es handelte sich dann um 50 Pfennige, oder sogar eine D-Mark. Zu der Zeit war das viel Geld.

Dafür konnte ich mir auf dem Heimweg ein schönes Eis kaufen. Meistens in der Eisdiele auf dem Erdkampsweg. Zur kalten Jahreszeit sparte ich das Trinkgeld für meine Trix-Eisenbahn, Spur H-Null auf. Anregungen für meine Modelleisenbahn holte ich mir im Kaufhaus Deppe. Dieses Kaufhaus war in den 1960er Jahren an der Ecke Maienweg und Rathsmühlendamm. Im ersten Stock war die Modelleisenbahn-Abteilung. Die Verkäufer in der Abteilung konnte man immer fragen, auch ohne etwas zu kaufen. Das fand ich sehr nett.

Auf dem Rückweg kam ich bei der Produktion (PRO) vorbei. Dieser Lebensmittel-Markt hatte oft leere Obstkisten vor der Ladentür liegen, zum Mitnehmen. Das Angebot nahm ich immer an, denn Muskelarbeit schadet nicht. Im Geschäft angekommen, kamen die leeren Kisten in den Keller. Der Zugang zum Treppenhaus und zum Keller lag in der Rübenhofstraße. Hier waren im Keller das WC des Geschäfts und ein Lagerraum für feste Brennstoffe wie Briketts und Eierkohlen und das kleingemachte Kistenholz zum Anfeuern. Im hinteren Raum des Geschäftes Richtung Treppenhaus stand der Kohlenofen vom Typ Hamburger Ofen. Den musste mein Vater erst einmal mit festen Brennstoffen bestücken, um Wärme in das Geschäft zu bekommen. Denn die Kundschaft sollte ja nicht frieren, vor allem nicht bei der Anprobe.

Mutter Scholz

Meine Mutter vor der Maßschneiderei Am Hasenberge 25

Wenn ich zurück ins Geschäft kam, freute sich mein Vater, dass wieder Platz war für neue Reparaturen. Denn das Geschäft war nicht sehr groß, wie auch die anderen Geschäfte. Vorn war das Schaufenster, der Verkaufsraum und die Umkleidekabine. Im Verkaufsraum standen zwei kleine Sessel und ein kleiner Nierentisch – typisch für die 1960er Jahre. In einem Holzregal mit mehreren Borden lagen Stoffballen und Futterstoffe für die Kunden zur Ansicht. Mein Vater hatte immer den Weitblick, was seine Kunden haben wollten. An einer Wand hing eine lange Stange. Dort hingen die Stoffe auf Bügeln zum Verkauf. Quer vor der Ladentür stand sein Schreibtisch mit einer beschichteten Arbeitsplatte. Hier stand auch sein Telefon mit der schönen Wählscheibe. Er hatte auch viele Stoffbücher mit Proben im Verkaufsraum. An die Stoffnamen kann ich mich noch erinnern, wie Scabal und Schöning in München. Kamen die Vertreter für Stoffe zu meinem Vater, wussten sie, dass es immer zu einer Bestellung kam. Für hochwertige Futterstoffe hatte er einen Lieferanten, der war nur einige Straßen entfernt, am Kleekamp hatte er sein Lager.

Hinten war die Werkstatt mit zwei Arbeitstischen und einer großen Nähmaschine, viele Schnittmuster für die Maßanfertigung hingen an den Wänden, hier war auch die Tür zum Treppenhaus. Den Kohleofen in der Werkstatt darf man natürlich nicht vergessen. Mein Vater hatte viele Kunden wie Apotheker, Ärzte, Bankiers und Angehörige anderer Berufszweige, viele kamen auf Empfehlung.

Sah man aus seinem Schaufenster, befand sich gegenüber der Eingang des Zuchthauses Santa Fu, das heute Justizvollzugsanstalt Fuhlsbüttel heißt. In seinem Geschäft lernte man aber nur nette Kundschaft kennen. Wenn meine Mutter einkaufen ging, sagte sie Ich gehe ins Dorf. Und Fuhlsbüttel ist auch heute immer noch schön und gemütlich.