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Flucht vor der Wehrmacht
Zum Andenken an meine liebe Freundin

Meine Studentenjahre haben mir eine beste Freundin geschenkt. Wir beide, Tanja Bebtschuk und ich, studierten von 1952 bis 1957 am selben Lehrgang im Moskauer Energetischen Institut. Aus unserer Bekanntschaft wurde eine Freundschaft fürs Leben, sie dauerte bis zu Tanjas Tod im Jahr 2003. Sie war für mich mehr als eine Freundin, eine Schwester – wir waren ein Herz und eine Seele. Beide waren wir Zeugen unserer Zeit mit ihren grausamen und glücklichen Momenten.

Tanjas Eltern waren Ärzte, beide waren sie Juden. Als der Krieg begann, wurden beide als Ärzte sofort einberufen. Tanjas Vater fing an, in einem Moskauer Spital zu arbeiten und es wurde entschieden, dass die Mutter mit den beiden Kindern Tanja und Sascha, die damals acht und dreizehn Jahre alt waren, mit einem anderen Spital in die Evakuierung fährt. Moskau wurde schon bombardiert, das Spital wurde in den Nordkaukasus evakuiert. Man dachte, es wird im tiefen Hinterland sein, es ist aber ganz anders gekommen …

Tanja hat mir viel über die OkkupationDie militärische Besetzung eines fremden Hoheitsgebiets erzählt, ich will ihr aber selbst das Wort geben, ich habe es möglichst getreu übersetzt. Also, spricht Tanja:

Es ist Sommer 1942. Meine Mutter arbeitet im Kriegslazarett in Kislowodsk, im Kaukasus. Die deutsche Armee nähert sich der Station Mineralnyje Wody. Dort wird schon gekämpft, und Kislowodsk wird bald abgeschnitten werden und es bleibt als einziger Weg – zu Fuß durch die Berge.

Die leichtverwundeten Soldaten und ein Teil des Personals bilden eine Kolonne, um durch den Pass Richtung Kaspisches Meer zu gehen. Der Chef empfiehlt meiner Mutter, sich ihnen anzuschließen. Nein, unmöglich, Tanja wird es nicht schaffen, sagt Mutter. Zum Ärger habe ich eine schreckliche Angina, 39 °C Fieber. Sie verabschieden sich und gehen, wir bleiben in der Stadt. Dann gibt es noch einen Hoffnungsschimmer, ein Militärzug mit Schwerverwundeten wird zusammengestellt und Mutter ist als Begleitperson dabei. Spät am Abend, in der Dunkelheit, werden die Verwundeten auf Tragen in die Waggons geladen. Und plötzlich fängt der Bombenangriff an. In Dunkelheit und Durcheinander verliere ich meine Mutter. Danach gibt es noch viele ganz schlimme Minuten in unseren Erlebnissen, aber dieses Grauen werde ich niemals vergessen. Das Bombardement endete, wir fanden einander, aber die Gleise waren zerstört, der Zug konnte nicht abfahren. Wir schleppten uns nach Hause.

In der Stadt herrschte Anarchie, die sowjetische Armee war weg, die deutsche war noch nicht da. In diesen paar Tagen wurden die Geschäfte und Lager geplündert. Kislowodsk wurde ohne Kampf aufgegeben. Eine Kavalkade deutscher Motorräder ist durch die Hauptstraße gefahren und die Besatzung begann.

Nach ein paar Tagen wurde ein Dekret ausgehängt, dass alle Juden zur Registrierung kommen sollten. Mutter ist selbst nicht gegangen und riet manchen ihrer Bekannten ab. Stattdessen hat sie mit meinem Bruder Sascha die Papiere gefälscht. Von allen sowjetischen Dokumenten passte nur das Arbeitsbuch, denn erstens war dort die Nationalität nicht eingetragen, zweitens war es auf einfachem Papier ohne Wasserzeichen gedruckt. Lange hatten Mama und Sascha am Buch gezaubert, um den Nachnamen und Vatersnamen zu fälschen, dann habe ich auf das Buch Sand und Staub geschüttet und mit Füßen darauf herumgetrampelt. Nach unserer Version waren alle unsere Papiere während der Bombardierung verloren gegangen, nur das Arbeitsbuch hatten wir am Bahnhof im Dreck gefunden. Also, Abramowitsch Maria Moiseewna hat sich in Abramowa Maria Matweewna verwandelt. Aber für die Faschisten war das Aussehen wichtig und Mutter war blond und hatte blaue Augen, aber ich, mit meinen schwarzen, lockigen Haaren, konnte die ganze Familie in Gefahr bringen.

Außerdem konnte ich das R nicht aussprechen. Das war mehr als genug, um verdächtig zu werden. Mutter hat meine Haare nass in Zöpfchen eingeflochten, und der Bruder brauchte nur einen Tag, um mein R zu reparieren; Todesangst ist der beste Logopäde.

Bald wurde ein neuer Befehl ausgehängt: Alle Juden ohne Ausnahme sollten an einem bestimmten Tag am Sammelpunkt erscheinen, man sollte Papiere, Wertsachen, 20 Kilogramm Gepäck und Lebensmittel für zwei Tage bei sich haben, es geht um eine Übersiedlung in die Ukraine. Mutter hat es sofort abgelehnt zu gehen. Nach zwei Tagen waren Gerüchte im Umlauf, dass alle diese Juden in der Nähe der Stadt erschossen worden waren.

Es wurde gefährlich, in Kislowodsk zu bleiben, Razzien wurden gegen gebliebene Juden gemacht und es herrschten Denunziationen. In der Nacht sind wir heimlich in ein kleines Zimmerchen am Stadtrand verschwunden, aber dort waren wir auch nicht sicher. Zu der Zeit haben die Deutschen angefangen, einen Zug für den Transport der Schwerverwundeten aus den Lazaretten in die Ukraine zu formieren. Zum Geleit wurde medizinisches Personal gesucht. Mutter mit ihrem Arbeitsbuch hat sich beworben.

Die Verwundeten wurden in Güterwagen verfrachtet. Wir sind auch eingestiegen und die Fahrt begann. Es war der 23. September 1942. Siebzehn Tage dauerte diese Fahrt, in drückender Hitze, mit dem Stöhnen der Verwundeten, bei schrecklichem Gestank. Und der Hunger hat uns auch gequält. Mein Bruder und ich halfen Mutter beim Verbinden der Wunden, brachten Wasser von den Haltestellen. Endlich stand der Zug bei Schytomyr. In wenigen Kilometern war unser Ziel, das KZ Boguniya. In Schytomyr hat Mutter Sascha am Bahnhof zurückgelassen, sie hatte Angst gehabt, einen dreizehnjährigen Jungen ins KZ zu bringen. Und hinter uns hat sich das Tor des KZs geschlossen.

Das Personal wurde von Verwundeten, den Kriegsgefangenen getrennt. Im großen Zimmer haben uns junge Sanitäterinnen umringt, nach kurzem Bekanntmachen brachten sie uns zum Fenster, zeigten auf den Platz und erzählten, dass dort gestern kriegsgefangene Juden erschossen wurden. Warum hatten sie uns das erzählt? Plötzlich kam ein Mann herein und fragte: Wer ist hier aus Kislowodsk gekommen? Ich und meine Tochter, hat meine Mutter geantwortet. Der Mann erzählte, dass dort seine Frau mit dem Baby geblieben war, das er noch nie gesehen hat und dass seine Frau Olga Gontscharowa heißt. Ob wir zufällig etwas von ihr gehört haben? Aber Olga war doch meine liebste Lehrerin, ich war oft bei ihr zu Hause und hatte sein Baby geschaukelt. Das alles hatte ich ihm erzählt. Er hat meine Mutter genau angesehen und ging mit uns zum Flur. Ihr müsst das KZ so schnell wie möglich verlassen. Obwohl Sie Zivilangestellte sind, sie können aufgehalten werden, und man wird sie nicht mehr herauslassen. Ich bin auch ein Gefangener, aber arbeite hier als Wirtschaftsverwalter. Morgen früh muss ich nach Schytomyr fahren, um Lebensmittel zu kaufen. Ich werde Sie in meiner Fuhre unter leeren Säcken herausbringen. So passierte es auch, und in der Morgendämmerung waren wir in Schytomyr und haben dort Sascha gefunden, schmutzig und hungrig, aber lebendig und gesund.

In Schytomyr lebte eine Kollegin meiner Mutter, sie hat ihr geraten, zur Arbeitsbörse zu gehen. Nach dem Vorlegen ihres Arbeitsbuches, man kann sich vorstellen, wie sie dabei jedes Mal zittern musste, hat man ihr einen Platz als Ärztin, als Laborantin im Klinikum der Bezirksstadt Korosten angeboten. Es war ein Wunder, denn das war doch ihr Beruf! Man gab uns eine kleine Kammer im Klinikum, dort war es kalt und wir haben sehr an Hunger gelitten. Wir hatten keine Vorräte und auch keine Sachen, um sie auf dem Markt zu tauschen. Bis heute erinnere ich mich, wie wir die furchtbare Suppe aus Fischmehl aßen und uns einander von den exklusiven Speisen aus dem kulinarischen Buch erzählten. Ich weiß nicht, ob die Schulen in der Stadt noch funktionierten, ich blieb zu Hause, aber lernte jeden Tag. Spazieren bin ich nur selten gegangen, immer voller Angst.

Eines Tages, als wir draußen spielten, war ein deutscher Soldat stehen geblieben. Er hat uns beobachtet und dann hat er mich angesprochen. Ich konnte nicht gut deutsch sprechen, aber es reichte zur Verständigung, denn vor dem Krieg besuchte ich eine deutsche Gruppe. Er erzählte, dass er Albert Roos heißt, aus Stuttgart kommt und dort eine Tochter Ruth in meinem Alter hat, nach der er große Sehnsucht hat. Seitdem besuchte er uns oft zu Hause, brachte Essen in seinem Kochgeschirr und zeigte Fotos von Ruth. Dann hat er mich gebeten, an Ruth einen Brief zu schreiben. Bald bekam ich eine Antwort, wir befreundeten uns. Über diese Freundschaft habe ich in meinem Tagebuch geschrieben. Nach der Befreiung habe ich das Tagebuch verbrannt: Die Freundschaft und die Korrespondenz mit dem Feind war strafbar, obwohl der Feind ein Pazifist war.

Herbst 1943. Die deutsche Armee ist auf dem Rückzug. Nicht weit von unserem Haus befindet sich eine Eisenbahnbrücke, die wird stark gebombt. Wir haben uns mit einer Nachbarsfamilie in der Nähe, im Eichenhain, in eine kleine Erdhütte verzogen. Am 19. November 1943 wurde Korosten befreit. Aber es gab noch starke Kämpfe und Artilleriefeuer. Wir hatten noch niemandem erzählt, wer wir sind. Und am 28. November war die Stadt wieder von der deutschen Armee besetzt. Und dann mussten wir noch ein Grauen überleben. Alle – Alte, Frauen, Kinder wurden aus den Häusern und Hütten geholt und gen Westen getrieben. Wozu brauchte uns die deutsche Armee? Für mich ein Rätsel. Es war kalt und windig, Bruder Sascha schleppte sich in leichten Stoffschuhen durch den Schneematsch. Die unglückliche Menschenmenge wurde durch grobes Geschrei und Schüsse angetrieben, ich habe Mama angebettelt, sich in den Graben zu legen, ich war so müde und konnte nicht mehr gehen, aber Mama schleppte mich weiter. Und wieder ein Wunder, in der Dunkelheit der Nacht ist es uns gelungen, in einem Schuppen ein Versteck zu finden. Nach einem Tag, auch wieder nachts, sind wir zurück nach Korosten gegangen. Die Stadt war leer, unsere Bleibe ausgeraubt und von den Lebensmitteln, die Mutter für morgen gespart hatte, kein Krümchen. In den hungrigen Nachkriegsjahren war unsere Parole Lass nicht für morgen, was du heute aufessen kannst …

Dann kam die Befreiung, die Briefe meines Vaters, der unser Zurückkommen von Jenseits als Wunder empfand und die giftigen Fragen der Damen aus dem Gesundheitsministerium: Wie ist es Ihnen denn gelungen, am Leben zu bleiben?
Ja, wie? …

Tanja wollte eigentlich Physik studieren. Sie machte ihr Abitur mit einer goldenen Medaille und hatte das Recht, ohne Prüfungen an die Uni zu kommen. Es war das Jahr 1950, die Zeit des starken staatlichen Antisemitismus, und ihre Bewerbung wurde abgelehnt. Tanjas Mutter stellte dem Prorektor eine Frage: Sagen Sie mir ehrlich, was war schlimmer, dass sie Jüdin ist, oder dass sie in der Okkupation war?Beides, antwortete der Prorektor.

Damals, und auch viele Jahre später, stand auf dem Personalbogen als Punkt fünf die Nationalität und als Punkt 31, waren Sie in der Okkupation? Leute, die in der Okkupation waren, waren verdächtig: Wieso sind sie beim Feind geblieben? Außerdem waren dort viele Bücher im Umlauf, die in der UdSSR verboten waren und man konnte viele Informationen über den Gulag, über den Hunger und gewaltsame Kollektivierung erhalten. Später hat Tanja diesen Teil ihrer Biografie geleugnet und unter Punkt 31 in Okkupation nicht gewesen geschrieben.