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Kinderlandverschickung
oder:
Unsere Zeit in Gestungshausen bei Coburg 1941-42

Als sich die Luftangriffe 1941 auf Hamburg verstärkten, entschloss sich die Regierung, die Kinder mit der Kinderlandverschickung aus der Gefahrenzone zu bringen.

Zunächst wollte unsere Mutter mich und Werner nicht reisen lassen. Erst als vor dem Erdbunker, in den wir gegangen waren, nach der Entwarnung ein Blindgänger gefunden wurde, stimmte unsere Mutter schweren Herzens dem Aufruf zu. Sie meldete meinen Bruder Werner und mich zum Verschicken an.

Es dauerte nicht lange, bis die Genehmigung zur Abreise kam. Mit der Straßenbahn fuhren wir zum Hamburger Hauptbahnhof. Dort war der Bahnsteig voller Kinder, die wie wir verschickt wurden, viele in Jungvolk-Uniform. Wir beide hatten unsere Zivilkleidung an.

Im Zug fuhren zur Begleitung der Kinder Schwestern des Deutschen Roten Kreuzes mit. Es ging in Richtung Süden. Von uns Kindern wusste keines, wohin es ging. Eines wussten wir aber doch, nämlich, dass viele Kinder nach Böhmen und Mähren (das heutige Tschechien) oder in die Ostmark (das heutige Österreich) in Lager gebracht wurden. Diese Lager wurden meistens von Führern der Hitlerjugend verwaltet.

Zu unserer Überraschung hielt der Zug in Coburg (Franken) und etwa zehn Hamburger mussten aussteigen, Werner und ich gehörten dazu. Auf uns wartete ein Bus, der mit uns in Begleitung einer DRK-Schwester nach Gestungshausen, das ist ein Dorf im Bezirk Coburg, fuhr.  Als wir auf dem Dorfplatz ankamen, erwarteten uns dort die Bauern mit ihren Frauen, die uns Kinder aufnehmen sollten. Nun ging es an das Verteilen der Kinder auf die Bauernhöfe. Mein Bruder Werner kam auf einen großen Hof. Ich wurde sehr freundlich von der Bauernfamilie Fugmann aufgenommen. Die Familie hatte einen kleinen Bauernhof. Für mich gab es in einem Anbau des Hauses ein schönes Zimmer mit einem Bett mit einem Unterfederbett, in das ich ganz tief einsackte. So etwas kannte ich aus Hamburg nicht, es war herrlich! Am nächsten Morgen beim Frühstück war alles auf dem Tisch, was ich zu Hause schon lange vermisst hatte. Nun wollte ich mir Butter und Wurst auf mein Brot legen, aber das wurde mir verboten. Ich durfte mir entweder Butter oder Wurst nehmen. Beides aufs Brot zu legen, wurde mir untersagt. Am Vormittag besuchte ich meinen Bruder und lernte die Familie Motschmann mit ihren zwei Töchtern kennen. Auf dem Hof gab es drei Pferde, zwei Zuchtbullen, vierzig Milchkühe und zehn Schweine, es war der größte Hof im Dorf.

Nach einer Eingewöhnungszeit von ein paar Tagen ging es zur Schule. Es gab nur einen Lehrer für alle Schüler, Einheimische und die Hamburger Kinder in Klassen eins bis vier und fünf bis acht. Wöchentlich wechselte die Unterrichtszeit in Vormittags- und Nachmittagsunterricht. Daher hatten wir täglich nur vier Stunden Schule.

Ich wurde in den Alltag des Bauernbetriebs mit eingebunden. Des Öfteren bin ich mit dem Kuhgespann vor Schulbeginn zum Bauern auf das Feld gefahren, um das Futter für die Kühe im Stall zu holen. Das Gras hatte der Bauer frühmorgens gemäht. Auch musste ich die gemolkene Milch, wenn ich morgens keine Schule hatte, mit einem Handwagen zur Milchsammelstelle bringen. Nicht immer hatte die Milch die volle Fettstufe, da die Bäuerin heimlich die Zentrifuge benutzte, um Butter herzustellen. Das durfte ich natürlich nicht wissen.

Für uns Dorfkinder, zu denen ich mich sehr bald auch zählte, war es immer ein Ereignis, wenn ein Schwein geschlachtet wurde. Die Kinder, die beim Schlachten anwesend waren, bekamen von dem Kesselfleisch so viel wie sie essen konnten.

Wir wurden von den einheimischen Kindern, wie man heute sagt, integriert. Ein Junge aus Polen gehörte wie selbstverständlich zu uns. Seine Eltern waren als Zwangsarbeiter im Dorf. Auch Kriegsgefangene mussten im Dorf in der Landwirtschaft mitarbeiten.

Eines Tages kam vom Militär eine Kommission ins Dorf, baute vor dem Gasthof Tisch und Stühle auf und befahl den Bauern, ihre Pferde zur Musterung vorzuführen. Der Bauer, bei dem Werner wohnte, musste zwei Pferde abgeben. Bei meinem Bauern war kein Pferd zu holen, denn er hatte keine.

Auf dem Hof Fugmann gab es nur sechs Kühe, davon zwei, die als Zugtiere eingesetzt wurden. Ich lernte, dass Kühe beharrlicher im Ziehen von schweren Lasten sind als Pferde. Das zeigte sich, als ein mit Kohle beladener Wagen auf einer bergauf führenden Straße gezogen werden musste. Die zunächst eingesetzten Pferde blieben stehen, weil die Last für sie zu schwer war. Aber unsere zwei Kühe mit Kopfgeschirr, die man gegen die Pferde austauschte, haben den Wagen Schritt für Schritt den Berg hochgezogen.

Ich habe in den zwei Jahren bei der Familie Fugmann sehr viel über die Landwirtschaft gelernt. Es war die beste Zeit, die ich als Kind in Gestungshausen verbracht habe. Ich könnte noch sehr viel von dieser Zeit schreiben, denn ich habe daran noch sehr viele schöne Erinnerungen.

Leider mussten mein Bruder und ich 1943 wieder zurück nach Hamburg, da meine Zähne gerichtet werden sollten. Das war damals nur bis zum dreizehnten Lebensjahr möglich. Dadurch haben wir die schweren Luftangriffe im Juli 1943Lesen Sie auch:
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und die letzten Kriegsjahre in der Heimat miterleben müssen. Diese Zeit steht im vollen Kontrast zu den schönen Jahren in Franken.