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Das Luftgewehr

Peng – aus dem kleinen Loch im Gefieder tropft etwas Blut und ich blicke betroffen auf die tote Amsel, die ich in der Hand halte. Das hatte ich nicht gewollt, mir steigen Tränen in die Augen, ich habe dem Vogel das Leben genommen. Hatte ich nicht zwei Jahre zuvor zwei Amselküken vor einer gefräßigen Elster gerettet, und sie als VogelvaterLesen Sie auch, wie ich unvermittelt zum Vogelvater wurde. mühevoll aufgezogen? Bin ich dafür nicht mit wunderbar flötendem Amselgesang morgens erwacht und abends ins Bett gebracht worden?

Anfang der 1960er Jahre hatten wir schon mal etwas Geld über für Kinkerlitzchen, wie meine Oma die weniger dringend benötigten Dinge des Lebens nannte. Mein Vater kam eines Tages vom Dienst mit einem langen Karton nach Hause. Erst nach dem Abendbrot durfte der ausgepackt werden, was die Spannung und meine Vorfreude fast ins Unerträgliche steigerte. Er hatte aber auch Bückel mitgebracht, Bücklinge, oder geräucherten Hering, der aus einer Altonaer Räucherei stammte und etwas billiger verkauft wurde, weil er etwas beschädigt war. Als Bruchbückel verkauft war es doch mit etwas Schwarzbrot ein willkommenes Abendbrot. Nach dem Abräumen der Teller und Tassen kam das Paket auf den Tisch, es passte in der Länge gerade drauf und wurde ausgepackt. Zum Vorschein kam ein Luftgewehr der Marke Diana 60 mit Knicklauf, zum Verschießen von Bolzen, Spitzkugeln oder Eierbechern. Diese Bleigeschosse hatten einen Durchmesser von viereinhalb Millimetern und waren wie Miniatureierbecher geformt. Eine runde Blechschachtel mit 50 Eierbechern lag dem Gewehr bei, auch diverse Zielscheiben und ein Zielscheibenhalter aus Blech.

Am Wochenende, gleich nach dem Frühstück, ging es in den Garten. An der Holztür von Vaters Werkstatt wurde der mit Hammerschlaglack grün lackierte Zielscheibenhalter angebracht und eine Zielscheibe aus Pappe hineingesteckt. Aus 20 Metern Entfernung schossen wir nun auf die Scheibe mit Eierbechern. Dazu wurde der Knicklauf als Hebel benutzt, um die Feder zu spannen, bis sie hörbar einrastete. Das Gewehr funktionierte ähnlich wie eine Luftpumpe, die Geschosse wurden durch die komprimierte Luft angetrieben. In das kleine nun sichtbare Loch im Lauf führte ich ein Bleigeschoss ein und klappte den Lauf wieder hoch. Über Kimme und Korn versuchte ich nun, die Mitte der Zielscheibe anzuvisieren, um genau ins Schwarze zu treffen. Die inneren Ringe waren schwarz mit weißen, die äußeren weiß mit schwarzen Ziffern. Je nach Entfernung zur Zielscheibe konnte die Kimme, das hintere Teil des Visiers, in der Höhe angepasst werden.

Das Zielscheibenschießen wurde in den folgenden Wochen zum Sport Nummer eins und ich verbesserte meine Schießkünste fast zur Perfektion. Liegend, stehend, aufgestützt oder freistehend traf ich fast immer die inneren schwarzen Ringe. Wir veranstalteten an den Wochenenden Familien-Wettschießen, was aber meiner Mutter und Schwester schnell zu viel wurde, die beiden hatten keinen Spaß daran. Das Luftgewehr wurde in der Woche in der Werkstatt eingeschlossen. Die Werkstatt meines Vaters war zuvor einige Jahre unser Hühnerstall gewesen. Da das Federvieh aber viel Arbeit machte und meine Mutter nur noch wenig Zeit dafür hatte, gaben meine Eltern die Hühnerhaltung auf und aus dem Hühnerstall wurde Vaters Werkstatt.

Ich hatte nach der Schule nach den Schularbeiten Zeit für das neue Hobby und die Zielscheiben am Ende des Gartens, gut 30 Meter von der Werkstatt entfernt, aufgehängt. Eigentlich war es mir verboten worden, das Gewehr ohne Aufsicht der Eltern zu benutzen. Aber ich fühlte mich schon recht erwachsen und verantwortungsbewusst, sodass ich mich über das Verbot hinwegsetzte. Um aber nicht gesehen zu werden, zog ich mich in die Werkstatt zurück, öffnete eines der Fenster und schoss von dort auf die Zielscheibe.

Im hinteren Teil des Gartens hatten meine Eltern Erdbeeren gepflanzt. Die Sorte Senga-Sengana wurde Ende Juli rot und war sehr ertragreich. Die großen süßen Erdbeeren konnten ab Mitte August geerntet werden und wurden gern auf der Obsttorte gesehen. Meine Mutter hatte um diese Zeit oft Kaffeebesuch, dazu gab es selbstgebackene Erdbeertorte mit unseren Gartenfrüchten. Zu erwähnen wäre hier noch der nicht so appetitliche Teil der Geschichte. Die ganze Siedlung war damals nicht an die Kanalisation angeschlossen und die Siedler behalfen sich mit gemauerten Sickergruben für das Abwasser. Waren diese voll, wurde die Gülle mit einer Handpumpe und einem Feuerwehrschlauch auf das Grabeland als Dünger gepumpt. Besonders bei warmem Sommerwetter war das für die Nachbarn nicht angenehm und führte auch zu Kommentaren. Ich erinnere mich, als mal wieder die Erdbeeren gedüngt wurden, dass unser Nachbar in seinem Garten nebenan auf und ab ging und sang: Die werden schmecken, die werden schmecken. Das taten sie auch, aber nach Erdbeeren!

Waren die Sommer nass, regnete es viel, verfaulten die Früchte noch grün an den Pflanzen. Mein Vater hatte sich beim Bauern in der Nähe etwas Stroh besorgt und unterfütterte die Stauden mit Stroh, sodass die Erdbeeren nicht auf dem nassen Boden lagen. Das verbesserte den Reifeprozess und unterband vorzeitige Fäulnis. Aber unsere Erdbeeren hatten einen Feind, das waren die gefräßigen Amseln. Die pickten an den noch grünen Früchten herum und sorgten dafür, dass sie trotz Strohbett faulten. Zielscheibe und Amseln befanden sich vor meinem Ansitz in der Werkstatt. Es lag daher nahe, die Schwarzdrosseln aus den Erdbeeren zu verscheuchen. Meine Schießkünste waren aber so gediehen, dass ich die arme Amsel mit einem Schuss traf. Aus dem kleinen Loch im Gefieder tropfte etwas Blut und ich blickte betroffen auf die tote Amsel, die ich in der Hand hielt. Ich war entsetzt über meine Tat, und dachte an die beiden Amselküken, die ich mühsam mit Regenwürmern aufgezogen hatte. Das Gewehr packte ich daraufhin am Lauf und knallte es auf die Werkbank. Mit einem Knall zersplitterte der Holzschaft.

Alle Versuche, den Schaft zu leimen und die ausgerissene Schraube zu ersetzen, waren vergeblich, das Gewehr stand von diesem Tag an nutzlos in der Werkstatt herum und wurde irgendwann entsorgt. Ein neues Gewehr wurde nie wieder angeschafft. Auf Fragen, wie das Gewehr so beschädigt werden konnte, habe ich nur ausweichend geantwortet, es könnte von der Werkbank gefallen sein. Weiteres Fragen wurde dann aufgegeben. Nach dieser negativen Erfahrung habe ich nie mehr ein Gewehr angefasst, ich habe durch den Vorfall gelernt, Gewehre sind zum Töten da. Und es kann nichts Gutes dabei herauskommen, wenn man einen so einen Schießprügel in die Hand nimmt. Bundeswehr und der Dienst an der Waffe sind mir Gott sei Dank erspart geblieben.