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Die Deutsche Mutter und ihr erstes KindNS-Erziehungsratgeber „Die Deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ von Johanna Haarer, Erstausgabe, 1934

Zum Buch der Johanna Haarer

Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind ist der Titel eines Ratgebers für Frauen in der Zeit des Nationalsozialismus über Schwangerschaft und Entbindung, das Wochenbett sowie die Säuglingspflege im ersten Lebensjahr des Kindes. Es wurde von der Lungenfachärztin Johanna Haarer (1900–1988) verfasst und ein Jahr nach der Machtergreifung 1934 in erster Auflage veröffentlicht. Zusammen mit ihren Publikationen Unsere kleinen Kinder (1936) und Mutter, erzähl von Adolf Hitler! (1939) verfasste Haarer die bekanntesten Erziehungsbücher im sogenannten Dritten Reich und prägte die Erziehung im Nationalsozialismus.

Publikationen:

Johanna Haarer: Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind. Erstausgabe: Lehmanns, München 1934
Lehmanns, München, Berlin 1938 (266.–307. Tausend).
J.F. Lehmanns Verlag, München und Berlin 1941 (338.–440. Tausend).

Johanna Haarer: Die Mutter und ihr erstes Kind. Völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage, 1222.–1231. Tausend der Gesamtauflage. Gerber, München 1987, ISBN 3-87249-158-X

In der 1949 gegründeten DDR wurde Haarers Buch nicht verlegt.

Die Autorin Annette Schlemm, 1961 in der DDR geboren, fand ein in ihrem Geburtsjahr in einem VEB-Verlag erschienenes Buch mit dem Titel Kleine Enzyklopädie. Die Frau. Darin werde betont, dass bei der Säuglingspflege neben größter Sauberkeit auch Regelmäßigkeit besonders wichtig sei.

Schlemm zitiert: Schon der Säugling muß erfahren, daß er durch noch so kräftiges Schreien nicht die Erfüllung seiner Wünsche erzwingen kann – und quittiert dieses Zitat mit der Bemerkung Johanna Haarer läßt grüßen. Sie zitiert weiter: Durch die Erziehungsmaßnahmen soll das Kind bei voller Entfaltung seiner persönlichen Eigenart lernen, daß es sich seiner Umgebung anzupassen hat und daß das Leben in Gemeinschaft nicht nur Vorteile, sondern auch Pflichten und Verzichte mit sich bringt, die das Kind nicht widerwillig, sondern freiwillig und freudig auf sich nehmen muß. Zum Ende ihrer vergleichenden Betrachtung von Erziehungsbüchern gibt Schlemm ihrer Hoffnung Ausdruck, dass wenigstens die hier genannte Härte und Gefühllosigkeit als Ursache von gestörter Freude- und Lebensfähigkeit endgültig der Vergangenheit angehöre.

Die Soziologin Sigrid Chamberlain beschäftigte sich ausführlich mit den Publikationen der Johanna Haarer. In ihrem Buch Adolf Hitler, die Mutter und ihr erstes Kind schreibt sie u.a.:

Trotz der Jahre, die ins Land gingen, seien Haarers Bücher noch kaum wirklich kritisch analysiert worden, obwohl vereinzelt durchaus die propagierten Erziehungspraktiken in den Blick genommen wurden. Dies sei jedoch meist im Rahmen psychoanalytischer Erwägungen geschehen. Beispielsweise zitiert sie den Psychoanalytiker Lutz Rosenkötter aus dem Jahr 1979: Von besonderer pathogener Bedeutung ist die Identifizierung von Müttern mit einer Weltanschauung der Härte und Unnachsichtigkeit gegenüber Schwachen.

In ihrem ersten Kapitel, das umfangreicher als alle anderen ist, entfaltet Chamberlain die Haltung, mit der Mütter ihren Kindern nach Haarer zu begegnen hätten, um das Ziel bedingungslosen Gehorsams zu erreichen. Das Kind solle seiner Unvollkommenheit entkommen und sich dem nationalsozialistischen Ideal der Vollkommenheit annähern.

Vier Kinder solle eine Mutter bekommen und bei der Wahl des Ehemannes auf das gesunde Erbgut achten. Ein rassebewusstes Ehepaar entsprach dem Ideal. Einen Wert an sich vermochte Haarer einem Kind nicht beizumessen. Die Mutter schenkte es dem Führer. Weil die Kinder keine Wertschätzung als Person erfuhren und nach dem Krieg durch ihre bloße Existenz an die beschämende Vergangenheit erinnerten, hätten nicht wenige von ihnen ein drängendes Gefühl entwickelt, sich permanent entschuldigen zu müssen, ohne zu wissen, wofür. Kinder, die zur Anpassung nicht bereit waren, wurden in Heimerziehung gegeben – auch nach dem Krieg und dann fast immer in die Hände desselben Personals wie zuvor.

Die Empfehlung Haarers, Mutter und Kind nach der Geburt für 24 Stunden zu trennen, habe für beide gravierende Folgen. Das Neugeborene, taktiler Reize dringend bedürftig, laufe Gefahr zu sterben. Der Saugreflex, etwa 20 Minuten nach der Geburt am stärksten ausgeprägt, lasse nach, wenn das Baby nicht gesäugt werde, und so könne es Schwierigkeiten bei der Nahrungsaufnahme entwickeln. Darüber hinaus hätten Säuglingsforscher herausgefunden, dass sich ein Neugeborenes etwa eine Stunde nach der Geburt für die Dauer von etwa einer Stunde in einem besonderen Zustand der ruhigen Aufmerksamkeit befinde, in dem es Kontakt zur Mutter aufnehme, um danach in einen tiefen Schlaf von etwa drei bis vier Stunden zu fallen. Werde diese – einer Prägung ähnlichen – Phase nicht genutzt, bleibe das für die Beziehung zwischen Mutter und Kind nicht ohne Folgen. Bei der Mutter fördere frühes Anlegen die Milchbildung. Darüber hinaus habe sich gezeigt, dass Mütter, die nach der Geburt vom Kind getrennt wurden, später wenig einfühlsam auf das Kind reagierten.

Haarers Anleitung, wie der Säugling zu tragen sei – nämlich möglichst körperfern –, ziele auf die Absicht, den sowohl für die körperliche wie auch die seelische Entwicklung so wichtigen Körperkontakt zwischen Mutter und Kind weitestgehend zu unterbinden. Für die Mutter sei er lästig, für das Kind schädlich. Dieser Überzeugung Haarers stellt Chamberlain die Erkenntnisse des Bindungsforschers Daniel Stern gegenüber, der allgemein auf die lebenswichtige Funktion des Körperkontaktes hinwies und im Besonderen mitteilte, dass direkter Bauchkontakt ein beunruhigtes Kind am besten beruhigen und trösten könne. Umarmungen, die Haarer ablehne, weil sie der Verweichlichung dienten, würden, so Stern, für das Baby die Welt begrenzen, es auch seiner eigenen Grenzen immer wieder versichern, ihm Halt und Orientierung geben und es als Person konstituieren. Was Haarer dem Kind vorenthalte, bereite laut Chamberlain einen Typus vor, der aufgrund der eigenen unsicheren Grenzen und des immer fragmentarisch gebliebenen Selbst nie den Anderen, gar den Fremden, neben sich wird bestehen lassen können.

Weinen sei das wichtigste Signal, das ein Baby aussenden könne. Es werde von Haarer ausschließlich als Geschrei entwertet, das – vorausgesetzt, es lägen keine Pflegefehler der Mutter vor – nur dem Zeitvertreib oder einem Kräftemessen diene, dem keinesfalls nachzugeben sei, weil sich das Kind andernfalls zu einem Tyrannen entwickle. Dass ein Baby schreien könnte, weil es vielleicht beunruhigt, erschreckt, verstört, einsam, traurig oder trostbedürftig sei, finde bei Haarer mit keinem Wort Erwähnung. Da das Kind in solchen Fällen allein gelassen werden solle, werde es von Anbeginn seines Lebens einer Todesangst ausgesetzt, wie der Schweizer Familientherapeut Franz Renggli in seinem Buch Angst und Geborgenheit beschrieben habe.

Zu den Techniken, mit denen das Kind zu einem Menschen erzogen werden solle, der sich später ohne Störung in den Volkskörper eingliedert, gehörten spezifische Anweisungen zur Verweigerung von Beziehung und Kommunikation. In diesem Zusammenhang handelt Chamberlain die Themen Blickkontakt, Sprechen, Gesten und den Geruch des Babys ab.Siehe Sigrid Chamberlain, Adolf Hitler, die Mutter und ihr erstes Kind


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Hartmut Kennhöfer

Prolog

Irgendwann kam sie in die Welt, die sogenannte schwarze Pädagogik, die Vorstellung, man könne Kinder durch Prügel und Demütigung zu aufrechten und selbstbewussten Menschen erziehen. Im Buch Jesus Sirach, Kapitel 30, liest es sich so: Wer seinen Sohn liebt, hält den Stock für ihn bereit, / damit er später Freude erleben kann. Jesus Sirach oder Ben Sira, der Siracide, das Sirachbuch, gehört zu den sogenannten Spätschriften des Alten Testaments. Es ist nach seinem Autor benannt, der um 190/180 v.Chr. in Jerusalem die hebräische Urfassung niederschrieb. Seine erste Übersetzung erfuhr das Buch um 130/120 v. Chr. durch einen Enkel Ben Siras ins Griechische. Damit beginnt die Geschichte der Fortschreibung und Erweiterung des Werkes bis hin zur Übersetzung durch Martin Luther, der die Schrift allerdings aus dem Alten Testament verbannte und sie als Ratgeber mit den Worten Es ist ein nützlich Buch für den gemeinen Mann von der Bibel abtrennte.

Der Inhalt des Werkes ist sehr umstritten, viele glauben an eine fehlerhafte Übersetzung beziehungsweise Interpretation der Urschrift. So heißt es in der Bibel beispielsweise: Sein Stecken und sein Stab trösten mich und das wird nicht mit Prügel gleichgesetzt, sondern eher mit dem Bild eines guten Hirten, der seine Schafe zwar leitet, jedoch nicht mit seinem Hirtenstab schlägt. Die Übersetzungen der Worte Rute und Stab können durchaus falsch als Prügel interpretiert in den Übersetzungen fortgeschrieben sein. Es besteht auch die Auffassung, dass die Urfassung Erziehung durch Anleitung meinte und später gründlich missverstanden wurde, denn es heißt bei Ben Sira auch: Wer seinen Sohn unterweist, macht seinen Feind neidisch und kann vor den Freunden über ihn frohlocken, was dem Prinzip körperlicher Züchtigung widerspricht. Soweit die kleine Exkursion in alte Schriften zum Thema Erziehung.

Ein ganz anderes Werk erschien erstmals 1934 im Verlag J. F. Lehmanns. Es war das Werk der Lungenärztin Dr. Johanna Haarer und erweist sich bis heute als hartnäckig nachhaltiger Erziehungsratgeber. Und wie meistens lässt es sich nicht einfach in Schwarz oder Weiß einordnen, denn mit ihrer Anleitung zur Säuglingshygiene gelang es ihr tatsächlich, die damalige Säuglingssterblichkeit erheblich zu senken. Allerdings strotzt es nur so vor menschlicher Kälte und perfiden Ratschlägen.

Eltern werden ist nicht schwer …

Als mein Sohn geboren wurde, war ich mir nicht im Klaren darüber, dass die Entbindungsstation eines Krankenhauses immer noch die Erziehungsratschläge der Johanna Haarer aus dem Jahr 1934 befolgte, obwohl lange bekannt war, dass sie keinerlei Ausbildung in Pädiatrie (Kinderheilkunde) oder Pädagogik besaß. So habe ich es 1968 erlebt.

Es war Sonntagvormittag. Nach einem Telefonanruf aus der Klinik: „Sie haben einen dicken Sohn bekommen“, war mein erster Gang natürlich ins Krankenhaus, wo die Entbindung stattgefunden hatte. Oh, ihr glücklichen Väter heute, wie beneide ich euch um die inzwischen erworbenen Privilegien! Ihr dürft die werdende Mutter begleiten und sogar bei der Geburt dabei sein und das Neugeborene in den Armen halten.

Bei Haarer (Die Deutsche Mutter und ihr erstes Kind) heißt es dazu:

Ob der Ehemann bei der Entbindung anwesend sein darf oder nicht,- wird verschieden gehandhabt, je nachdem, was am Orte Brauch und Sitte ist und in den betreffenden Kreisen für schicklich gilt. […] Auch manche Frauen mögen entsetzt sein bei dem bloßen Gedanken, daß ihr Mann bei der Entbindung zugegen sein und sie in dieser Lage sehen könnte. […]

Besucher, die übrigens nicht vor dem 3. Tag zugelassen werden sollten, lassen wir das Kind nur kurz ansehen, falls es uns nicht gelingt, sie überhaupt von diesem fernzuhalten. Sie werden doch immer in erster Linie der Mutter gelten und sollen auch für sie nicht zu lang dauern. Niemals während der Stillzeit Besuche einlassen! […]

Ich habe es ganz anders erlebt: Im Krankenhaus auf der Geburtsstation, vor einer Glasscheibe stehend, einem Kasperletheater gleich, wurde ein Vorhang aufgezogen und eine Schwester in weißer Schwesternuniform mit Haube zeigte mir einen Säugling mit schwarzen Haaren. Im Hintergrund standen Reihen von Kinderbetten mit anderen Neugeborenen. Zu gerne hätte ich diese kleinen Händchen, diese kleinen Füßchen berührt, die sich anschickten, nun einen eigenen Lebensweg zu beschreiten. Aber in den Arm nehmen durfte ich es nicht, aus hygienischen Gründen, hieß es. Nur Minuten blieben, das Kind zu betrachten, dann wurde an der Schnur gezogen und der Vorhang geschlossen. Die Besuchszeit ist zu Ende, hieß das damals. Mir blieben die Wege zu Eltern, Schwiegereltern und montagmorgens zum Standesamt, um die frohe Kunde von der Geburt zu verbreiten.

Die junge Mutter aber hat es so erlebt: Gleich nach der Geburt wurde der Säugling abgenabelt, gewaschen und gewickelt, ihr dann für kurze Zeit in den Arm gelegt, sofort wieder entrissen und auf die Säuglingsstation zu den anderen Neugeborenen gebracht. Alle paar Stunden wurde ihr dann das Kind zum Stillen angelegt und gleich danach wieder zurück auf die Säuglichsstation gebracht. Oh, ihr glücklichen Mütter heute, die ihr euer Kind 24 Stunden bei euch behalten dürft, es berühren und so zu dem kleinen Wesen eine Bindung aufbauen könnt.

In Haarers Erziehungsratgeber heißt es zur Geburt:

Dann vor allem: Ruhe für die Mutter und das Kind, und nochmals Ruhe! […] Die ersten 12-24 Stunden nach der Geburt braucht das Kind keine Nahrung. Es ist aus dem Mutterleibe noch ausreichend mit Nährstoffen versorgt. Erst etwa 24 Stunden nach der Geburt bringt man dir zum erstenmal dein Kind, um es dir an die Brust zu legen. […]

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Haarers Bücher zunächst von den Alliierten verboten. Unter dem Titel Die Mutter und ihr erstes Kind wurde ihr erfolgreichstes Buch, nur grob vom Nazi-Jargon gereinigt, in überarbeiteter Fassung und ohne Hinweis auf die Erstausgabe später erneut herausgegeben, 1987 in letzter Auflage. Mit der Frage, wie diese Ratgeber noch heute Einfluss auf die Kriegskinder und deren Kinder nehmen, haben sich zahlreiche Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen befasst. Unter den vielen Veröffentlichungen hat das Buch der Soziologin Sigrid Chamberlain mit dem Titel Adolf Hitler, die deutsche Mutter und ihr erstes Kind besondere Beachtung gefunden.

So schreibt Chamberlain in ihrem Buch:

Die Empfehlung Haarers, Mutter und Kind nach der Geburt für 24 Stunden zu trennen, habe für beide gravierende Folgen. Das Neugeborene, taktiler Reize dringend bedürftig, laufe Gefahr zu sterben. Der Saugreflex, etwa 20 Minuten nach der Geburt am stärksten ausgeprägt, lasse nach, wenn das Baby nicht gesäugt werde, und so könne es Schwierigkeiten bei der Nahrungsaufnahme entwickeln. Darüber hinaus hätten Säuglingsforscher herausgefunden, dass sich ein Neugeborenes etwa eine Stunde nach der Geburt für die Dauer von etwa einer Stunde in einem besonderen Zustand der ruhigen Aufmerksamkeit befinde, in dem es Kontakt zur Mutter aufnehme, um danach in einen tiefen Schlaf von etwa drei bis vier Stunden zu fallen. Werde diese – einer Prägung ähnlichen – Phase nicht genutzt, bleibe das für die Beziehung zwischen Mutter und Kind nicht ohne Folgen. Bei der Mutter fördere frühes Anlegen die Milchbildung. Darüber hinaus habe sich gezeigt, dass Mütter, die nach der Geburt vom Kind getrennt wurden, später wenig einfühlsam auf das Kind reagierten.

Ich erinnere mich an meine eigene Kindheit und auch daran, dass unsere Eltern uns Kinder, meine Schwester und mich, nie herzlich in den Arm genommen haben. Kontrolle herrschte vor, wir hatten vor allem zu parieren und nicht allzu sehr zu stören. Freunde, die wir nach Hause mitbrachten, wurden von den Eltern begutachtet und genehmigt oder bei Nichtgefallen abgelehnt, dann durften wir nicht mehr mit ihnen spielen. Vergehen jeglicher Art wurden mit brutalster PrügelDazu auch den Artikel lesen: Vater und Sohn, ein schwieriges Verhältniss[Klick …] bestraft. Allerdings habe ich nie erlebt, dass meine Schwester geschlagen wurde, dafür bekam ich umso häufiger den Lederriemen mit Koppelschloss zu spüren, der immer einen festen Platz in der Küche hatte. Warte, bis dein Vater nach Hause kommt, höre ich heute noch meine Mutter sagen, wenn sie mit mir nicht zurechtkam. Und sie hat mir damit nicht nur den Tag verdorben, sie hat mich wirklich abends verraten, ich bekam meine Prügel und musste ohne Abendbrot zu Bett; das war das übliche Szenario. Sprüche wie Zur rechten Zeit erteilte Hiebe, erwecken Furcht, Vertrau’n und Liebe begleiten die Erziehungsmaßnahmen, und die Behauptung Danach war er für Wochen das liebste Kind legitimierten sie. Das ging bis zu meinem 13./14. Lebensjahr, dann rückte ich von zu Hause aus und wollte nie mehr dorthin zurückkehren. Als ich nach mehreren Tagen spät am Abend Kleidung holen wollte, lief ich meinen Eltern in die Arme und sie ließen mich nicht wieder gehen. Von da an hatten Drohungen wie Du kommst in ein Erziehungsheim ihre Wirkung verloren. Von nun an kehrte ich den Spieß um und ging bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit in Opposition, oft auch mit unhaltbaren Argumenten, nur um der Opposition willen. Dann knallten die Türen, und mein Vater ging ohne Abendbrot ins Bett! Aber geschlagen hat er mich nicht mehr, und stolz darauf bin ich auch nicht, das waren typische Pyrrhus-Siege.

Einmal erzählte mein Vater mir, wie er seine Eltern erlebt hatte. Vater Paul, mein Großvater, den ich nie kennengelernt habe, war in Ostpreußen Landbriefträger und ist auf seiner Zustellungstour oft zu einem Schnäpschen eingeladen worden. Kam er nach Hause, brauchte er seine Ruhe, um den Rausch auszuschlafen. Mein Vater erzählte davon, dass er dann oft in dieser Situation Prügel bezog.

Diesen unseligen Kreis von Gewalttätigkeiten wollte ich nicht weiterführen, und habe mich bewusst gegen Gewalt als Mittel der Erziehung entschieden. Als junge Eltern hatten wir aber Anfang der 1970er Jahre auch das Bedürfnis, Rat und Hilfe zu erhalten in einer Situation, der wir mit nur unzureichender Erfahrung gegenüberstanden. Wir abonnierten deshalb die Zeitschrift Eltern, herausgegeben vom Verlag Gruner + Jahr.

Einige der dort abgedruckten Erziehungstipps waren mir aus der eigenen Kindheit merkwürdig vertraut, andere Methoden wie die nun propagierte antiautoritäre Erziehung, lehnten wir ab. Die 68er-Generation probte gerade den Aufstand gegen Altnazis, die wieder zu Amt und Würden gekommen waren, und lebte mit ihren Kindern zusammen in Kommunen. Die Kinder sollten sich ausprobieren dürfen. Das war auch die Zeit, in der von fortschrittlichen neuen Parteien offen Sex zwischen Erwachsenen und Kindern propagiert wurde. Alles, was bisher als Zwang und schwarze Pädagogik gegolten hatte, wurde jetzt in sein genaues Gegenteil verkehrt und als das Nonplusultra der neuen Erziehungsmethoden propagiert. Das Zeitschriften-Abo haben wir nach einiger Zeit wieder gekündigt, die Ratschläge empfanden wir damals als nicht praktikabel, als Ratgeber taugte die Zeitschrift nicht.

Ich stellte mir aus der mit meinen Eltern gemachten leidvollen Erfahrung eher vor, der Freund meines Kindes zu werden, sanft lenkend und leitend. Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an eine Begebenheit, als mein Sohn mit dem f-Wort nach Hause kam, das er wohl im Kindergarten gehört haben muss. Beim abendlichen Bad, splitternackt in der Badewanne stehend, verkündete er, dass er jetzt über den Flur zur kleinen Freundin gehen würde, um sie zu f … Eine echte Herausforderung, mit der er mich konfrontierte und die eine Reaktion forderte. Gut, sagte ich zu ihm, hob ihn aus der Wanne und brachte ihn zur Haustür, öffnete diese und schob ihn sanft auf den Flur, damit er sein Vorhaben durchführen konnte. Zwei wenig entschlossene Schritte machte er in Richtung Wohnung der Freundin, kehrte um. Ich habe nie wieder von ihm das f-Wort gehört, die Sache war ausgestanden.

An eine andere Begebenheit erinnere ich mich gut, sie macht mich heute noch betroffen. Meine Frau und ich wollten abends noch einmal ausgehen, aber der kleine Mann kam nicht zur Ruhe. Als ich zu ihm ans Bett kam, um ihn zu beruhigen und zu fragen, warum er denn nicht schlafen könne, fing er an zu schluchzen: Ich will nicht, dass du gehst. Er sagte: Du, ich will nicht, dass du gehst. Ich habe das deutlich gehört und bis heute nicht vergessen. Hatte er damals meine Absicht durchschaut? Kinder haben sehr feinfühlige Antennen für anstehende Veränderungen. Ich war nämlich auf Wohnungssuche und auf dem Weg, Ehe und Familie aufzugeben. Ich hatte mich entschlossen, meine Frau zu verlassen und ein eigenes Leben, ohne sie, zu leben.

Sehr viel später, mein Sohn war schon im Erwachsenenalter, habe ich ihn einmal darauf angesprochen und ihn gefragt, ob er sich an die Situation erinnern könne. Ja, sagte er, ich wollte, das ihr zu Hause bleibt. Ich habe damals aber ein deutliches du gehört.

Die Erziehung meiner Eltern, 1920 und 1921 geboren, so weiß ich heute, wurde geprägt vom aufkeimenden Nationalsozialismus, dem Hass auf Andersdenkende, dem offenen Antisemitismus und der Vorstellung einer Welt aus Herren- und Untermenschen. Johanna Haarer hatte einen erheblichen Anteil daran und der wirkt bis heute nach.

Meine Schwester hat viel später, schon im Erwachsenenalter und selbst Mutter, meine Mutter auf die häuslichen Prügelattacken angesprochen, die der Bruder erleiden und sie mit ansehen musste. Und? Hat es ihm geschadet?, bekam sie zur Antwort.

Die Kindeserziehung, damals Aufzucht genannt, basierte auf Nichtbeachtung, Lieblosigkeit und Bestrafung des Nachwuchses. Das erzeugte Verhaltensweisen, die in Nazi-Deutschland als Tugend eingestuft wurden, denn der Staat brauchte Soldaten.

Haarers Ratschläge trugen die herrschende Ideologie in die Kinderstuben, wurden von den Nationalsozialisten gefördert und in den sogenannten Reichsmütterschulen gelehrt – beispielsweise in der Reichsmütterschule Wedding und anderen Mütterschulen. Bis April 1943 hatten bereits drei Millionen Frauen an solchen Schulungen der NS-Frauenschaft teilgenommen. Auch in Kindergärten und Heimen war Haarers Ratgeber Grundlage der Erziehung.

Die Journalistin Anne Kratzer schrieb über Haarers Buch 2018 in der Wochenzeitung Die Zeit:

Das Kind wird gefüttert, gebadet und trockengelegt, im Übrigen aber vollkommen in Ruhe gelassen, riet damals Johanna Haarer. Sie schilderte detailreich körperliche Aspekte, ignorierte aber alles Psychische – und warnte geradezu vor äffischer Zuneigung: Die Überschüttung des Kindes mit Zärtlichkeiten, etwa gar von Dritten, kann verderblich sein und muss auf die Dauer verweichlichen. Eine gewisse Sparsamkeit in diesen Dingen ist der deutschen Mutter und dem deutschen Kinde sicherlich angemessen. […] statt in einer läppisch-verballhornten Kindersprache solle die Mutter ausschließlich in vernünftigem Deutsch mit ihm sprechen, und wenn es schreie, solle man es schreien lassen. Das kräftige die Lungen und härte ab. – Anne Kratzer: Zeit Online

Vier Kinder solle eine Mutter bekommen und bei der Wahl des Ehemannes auf das gesunde Erbgut achten. Johanna Haarer [Die Deutsche Mutter und ihr erstes Kind]

So fanden sie zueinander, die Ideologie Hitlers, seiner Gefolgsleute und Dr. Johanna Haarer:

Er (der Staat, d.V.) hat seine Erziehungsarbeit so einzuteilen, dass die jungen Körper schon in ihrer frühesten Kindheit zweckentsprechend behandelt werden und die notwendige Stählung für das Leben erhalten. – Adolf Hitler: Mein Kampf

Meine Pädagogik ist hart. Das Schwache muß weggehämmert werden. In meinen Ordensburgen wird eine Jugend heranwachsen, vor der sich die Welt erschrecken wird. Eine gewalttätige, herrische, unerschrockene, grausame Jugend will ich. Jugend muß das alles sein. Schmerzen muß sie ertragen. Es darf nichts Schwaches und Zärtliches an ihr sein. Das freie, herrliche Raubtier muß erst wieder aus ihren Augen blitzen. Stark un schön will ich meine Jugend. Ich werde sie in allen Leibesübungen ausbilden lassen. Ich will eine athletische Jugend. Das ist das erste und wichtigste. So merze ich die tausende von Jahren der menschlichen Domestikation aus. So habe ich das reine, edle Material der Natur vor mir. So kann ich das Neue schaffen. Adolf Hitler, aus: Martin Bormann (gleichnamiger Sohn von Martin Bormann, Leiter der Partei-Kanzlei der NSDAP), ˍˍ»Analyse zur Sprache des Drittens Reiches«

1933 wählten in Ostpreußen mehr als 55 Prozent der Bevölkerung die NSDAP und ihr Führer Adolf Hitler wurde Reichskanzler. 1945 standen die Deutschen vor dem Scherbenhaufen seiner Politik, dem angezettelten Zweiten Weltkrieg und der ungeheuren Schuld am Holocaust, die bis heute auf den Schultern der Deutschen lastet. 14 Millionen Deutsche klagten über die verlorene Heimat und mussten als Vertriebene und Flüchtlinge in der Fremde heimisch werden. Die Gräber der Vorfahren sind im Osten geblieben, ihre Grabsteine wurden umgestürzt, ihre Namen ausgelöscht.

Und heute? Wieder werden Sprachbarrieren verschoben, Vertreibung euphemistisch als Remigration oder Rückführung bezeichnet. Der braune Dreck von damals wird wieder gesellschaftsfähig gemacht, diesmal blau angepinselt. Das vereinte Europa, die beste Idee seit Menschengedenken, denn sie hat uns lange Frieden auf dem Kontinent beschert, wird verteufelt und soll nach dem Willen der Rechtspopulisten eliminiert werden. Wenn die Wähler das zulassen, kann es nur wieder in Unterdrückung, Autokratie und Antisemitismus enden; am Ende verbrennen wir uns erneut die Finger – sind wir eigentlich unfähig, aus der Geschichte zu lernen?

Epilog

Dieser Artikel hat sich beim Schreiben verselbstständigt, und ist mir ein bisschen entglitten. Ich konnte meine Gedanken einfach nicht beim Thema halten, das ich mir gesetzt hatte. Grund dafür ist ein Buch, das ich gerade lese und zu dem Günter Wallraff schrieb: Dieses Buch war längst überfällig. Ein Buch von Ingrid Müller-Müch: Die geprügelte Generation, Rohrstock und die Folgen, ein Bericht aus den Kinderzimmern der Fünfziger und Sechzigerjahre.

Es zeigt, wie wichtig Zeitzeugenarbeit ist. Lange habe ich geglaubt, der einzige zu sein, dem das widerfahren ist, heute weiß ich, dass Prügel als Erziehungsmethode meiner Kindheit gang und gäbe waren. Und ich denke auch, dass den wenigsten Eltern damals klar war, dass ein Erziehungsratgeber aus der Nazizeit, nach dem Krieg vom gröbsten Nazijargon bereinigt, als Neuauflage weiter seine unheilvolle Wirkung entfalten konnte. Kinder hatten still am Katzentisch zu sitzen, brav und immer das tuend, was die Eltern gerade von ihnen verlangten. Wer einen eigenen Kopf hatte, wurde gebrochen oder entwickelte sich zu einem Rebell. Ich wählte Letzteres und tat, wenn ich auch nur den leisesten Zwang spürte, aus reiner Opposition immer genau das Gegenteil von dem, was man von mir verlangte. Und? Hat es ihm geschadet?, hatte meine Mutter meiner Schwester geantwortet.

Eine Episode erinnere ich noch: Mein Vater kurz vor seinem Tod und ich in der zweiten Lebenshälfte. Ich war bei meinen Eltern zu Besuch und mein Vater in seinem Rollstuhl hatte sich über irgendetwas geärgert. Ich schlag’ euch alle tot, schrie er plötzlich und fuchtelte mit seinem Gehstock herum. In mir fing es augenblicklich an zu kochen. Mit den Worten „Du schlägst niemanden mehr“ nahm ich ihm den Gehstock weg. Und damit der nicht auf seinem Schädel landete, brach ich ihn über meinen Oberschenkel in zwei Teile. Der Gehstock war aber aus Aluminium und ließ sich eben nicht zerbrechen. Wochenlang zierte ein sich farblich von dunkelblau nach pink wandelndes Hämatom meinen schmerzenden Oberschenkel und erinnerte mich daran, wie froh ich war, dass meine Sicherungen gehalten hatten.


  • Autor: Hartmut Kennhöfer, am 1. Advent 2025
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