© Copyright by Erinnerungswerkstatt Norderstedt 2004 - 2020
https://ewnor.de / https://www.erinnerungswerkstatt-norderstedt.de
Ausdruck nur als Leseprobe zum persönlichen Gebrauch, weitergehende Nutzung oder Weitergabe in jeglicher Form nur mit dem schriftlichem Einverständnis der Urheber!
 zurück zur Normalansicht 

Amüsante Steuerberatung

In den achtziger Jahren arbeitete ich südlich von München in einer Steuerkanzlei. Wir hatten viele prominente Mandanten, die bis heute bekannt sind. Sie haben unsere Kanzlei wohl immer weiterempfohlen, so dass sich der Kreis kontinuierlich vergrößerte.

Besonders eindrucksvoll bleibt in meinem Gedächtnis eine bekannte Pianistin, die ihre Steuerunterlagen alljährlich in einer Schuhschachtel brachte, randvoll mit Kassenzetteln und Bankauszügen: Machen Sie mal was draus fürs Finanzamt! Es war dann ein echter Spaß, viele kleine Zettelhäufchen auf dem Schreibtisch zu schichten, um endgültig zu einem akzeptablen Ergebnis im Sinne des deutschen Steuerrechts zu kommen.

Da sie einmal kurz nach einem ihrer Konzerte bei mir war, erwähnte ich nicht nur voll Bewunderung, wie sehr mir der Kammermusikabend gefallen hatte, sondern erzählte beiläufig, dass ich die beiden Schubert-Trios D 898 und D 929 auch schon gespielt hätte. Zur Erläuterung: Das D steht für Deutschverzeichnis und hat seinen Namen nach dem Musikologen Otto Erich Deutsch, der Schuberts Werke katalogisierte.

Das Gesicht meiner Mandantin sprach Bände. Was hatte das kleine Zahlenmonster ihr gegenüber da eben behauptet? Sie brauchte ewig, ihr Gesicht wieder zusammen zu falten, fand aber nach wie vor keine Worte. Ich habe wohl ihr Weltbild für immer durcheinandergebracht.

Eines Tages bat mich die Chefin, sie bei einem neuen Mandanten vom Bayerischen Rundfunk zu vertreten, denn sie hätte einen Auswärtstermin. Ich saß damals im ersten Stock als Büroleiterin mit der Chefin und unserer gemeinsamen Sekretärin, die übrigens bis heute meine liebe Freundin ist. Im Erdgeschoß arbeiteten die Buchhalter und die Azubis.

Nun kam also der Neue zu mir hinaufgestiefelt. Seine Kleidung stach geradezu ins Auge: Rosa gestreiftes Oberhemd, lila Krawatte, rosa Brille, tadelloser Anzug. Selbst sein Aktenordner war pink. Als ich in seinen Unterlagen blätterte, um mir ein erstes Bild zu machen, stieß ich auf bemerkenswert hohe Einnahmen, unterhielt mich aber mit den üblichen Fragen mit ihm und machte mir Notizen. Auch von ihm kam die von Künstlern oft gestellte Frage nach der Absetzbarkeit von Kleidung als Betriebsausgabe.

In meiner etwas flapsigen Art nannte ich ihm zwei Beispiele: Petra Schürmann, die Fernsehansagerin und Moderatorin, kann ihre Abendkleider nicht absetzen, weil sie ihre Roben auch privat tragen kann. Ein Sargträger dagegen wird seinen schwarzen Anzug wohl kaum zu einer oder seiner Hochzeit anziehen; also wird seine schwarze Kleidung beruflich anerkannt.

Mein Gegenüber nahm das lächelnd zur Kenntnis, und wir unterhielten uns angeregt. Mir fiel dabei auf, dass er mich manchmal verwundert fixierte. Hatte ich einen Krümel im Gesicht oder war der Lippenstift verschmiert? Ich wusste keinen Reim darauf.

Als ich ihn nach gut einer Stunde zur Haustür begleitet hatte, schoss das Lehrmädchen mit glänzenden Augen auf mich zu: Das war der LeoAndreas Lukoschik - LeoAndreas Lukoschik (* 31. Januar 1953) ist ein deutscher Fernsehmoderator, Schauspieler und Autor, bekannt auch unter dem Pseudonym Leo. Der Diplom-Psychologe erlangte von 1987 bis 1991 durch sein in der ARD ausgestrahltes Gesellschaftsmagazin "Leo's" bundesweite Bekanntheit. Dafür erhielt er 1989 zusammen mit Stephan Reichenberger den Adolf-Grimme-Preis mit Bronze.! Nein, der heißt Andreas. Ja, kennen Sie denn nicht den Leo? Der ist doch jeden Mittwoch um 23 Uhr im Fernsehen. Da schlafe ich längst.

Aber am darauffolgenden Mittwoch blieb ich auf, – und tatsächlich: Auf dem Bildschirm erschien diese bonbonfarbene Gestalt und interviewte charmant und launig interessante Persönlichkeiten.

Plötzlich wurde mir klar, warum er mich so angestarrt hatte. Weder war ich vor Ehrfurcht in den Boden versunken noch hatte ich ihn angehimmelt, sondern ihn als ganz normalen Menschen behandelt. Das war offensichtlich ungewohnt für ihn.