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Froschessen im Park – damals, 1944

Ein halbes Jahrhundert nach dem großen Zusammenbruch, sagten die meisten damals, nach der Befreiung sagen die meisten heute. Heute sind alle Medien erfüllt vom Damals. Sie berichten von Grausamkeiten und Ungerechtigkeiten, von Todesängsten, Terror, Rassenwahn und Massenmord – damals. Sie berichten vom Untergang der wunderschönen Barockstadt Dresden und von dem Flammentod hunderttausender unschuldiger Menschen in ihren Mauern – damals. Auch meine kleine, mittelalterliche Heimatstadt Dülmen ging unter in einem Flammeninferno – damals. Dass es auch ungewöhnliche, merkwürdige und einzigartige Erlebnisse gab, scheint vergessen. Oder habt Ihr schon einmal davon gehört, dass Kriegsgefangene Deutschen das Leben gerettet haben – damals?

Es war im letzten Kriegsjahr, als ich nach einer anstrengenden arbeitsreichen Woche, ich war Sozialarbeiterin in Münster, ein Wochenende in meiner kleinen Heimatstadt Dülmen verbrachte. Vater und ich machten einen Waldspaziergang durch unseren Park. Natürlich gehörte er nicht uns, sondern dem Herzog von Croy, aber da wir nur ein paar hundert Meter davon entfernt wohnten und den Park regelmäßig besuchten, war er so gut wie unser.

Ein wunderschöner Spätsommernachmittag lud zum Wandern ein. Die großen Kastanienbäume im Parkeingang prangten in sattem Grün. Auf die kleine Brücke mit dem grünen Holzgeländer warf die Sonne goldene Flecken und auf den ausgedehnten Wiesen lagen schon die langen Schatten der hohen Tannen. Irgendwo an dem letzten der Teiche sahen wir Rauch aufsteigen. War dort ein Lagerfeuer entzündet? Lagerfeuer waren im letzten Kriegsjahr gar nicht mehr üblich. Die Hitlerjugend, die so lange für Lagerfeuerromantik zuständig gewesen war, hatte sehr viel Wichtigeres zu tun. Neugierig schlenderten wir näher. Und richtig, da flackerte ein lustiges Feuer. Mehrere junge Männer hatten einen Reisighaufen aufgeschichtet und waren damit beschäftigt, Holz aufzulegen und das Feuer in Gang zu halten. Zudem sah ich einen Wassereimer und mehrere Konservendosen herumstehen. Wozu die wohl dienen? dachte ich. Bei den grau gekleideten jungen Männern handelte es sich offensichtlich um Kriegsgefangene. Und nun sah ich auch den Förster, in der Nähe unter einem Baum sitzend, gemütlich seine Pfeife rauchen. Sicherlich war er die Aufsichtsperson und für die Anleitung der Waldarbeiten zuständig. Wie sich bald herausstellte, waren die kriegsgefangenen Waldarbeiter Franzosen.

Ein besonders kesser junger Mann löste sich aus der Gruppe und trat uns entgegen. Er machte eine tiefe, etwas karikierende Verbeugung und sagte: Bon jour Mademoiselle, wollen Sie platzen? Wir laden Sie ein. Le déjeuner est très superb, très délicat! Dabei wies er mit einladender Gebärde, kein Kellner in einem Grand Hotel hätte die Einladung anmutiger zelebrieren können, auf einen Baumstumpf, von dem sich ein Kamerad höflich erhob. Ich zögerte. Sich mit Kriegsgefangenen zu unterhalten war verpönt. Möglicherweise war es sogar verboten. Andrerseits war meine Neugierde geweckt und die jungen Männer, vom Förster bewacht, außerordentlich höflich. Der Förster, der meinem Vater bekannt war, hatte sich ebenfalls erhoben und war hinzugetreten. Nachdem er den Förster begrüßt hatte, sagte mein Vater zu mir: Na, wenn du unbedingt erfahren musst, welche französischen Köstlichkeiten gebrutzelt werden, überzeuge dich! Ich hole dich in zehn Minuten hier wieder ab. Damit wandte er sich zum Gehen. Von den Anwesenden mit beifälligem Gemurmel begrüßt, ließ ich mich auf dem angebotenen Baumstumpf nieder und beäugte nun aufmerksam das malerische Lagerfeuer. Mit leichtem Schaudern stellte ich sodann fest, was sich in dem alten Zinkeimer und in den mit Wasser gefüllten Konserven im Feuer befand: Es waren Frösche! Ich kannte die Teiche seit meiner Kinderzeit. Im Frühjahr quollen die Uferränder über von dickem, schleimigem Froschlaich, und später wimmelte es von schwarzen, kleinen Kaulquappen. Jetzt war wohl gerade die Zeit gekommen, in der die Frösche ausgewachsen waren und sich zum Landspaziergang in die angrenzenden Wiesen und ins Unterholz aufmachten.

Nachdem ich den Inhalt des Zinkeimers besichtigt hatte, bedauerte ich, den Spaziergang nicht fortgesetzt zu haben. Mir fiel ein, dass Franzosen bei uns Froschfresser genannt wurden, was durchaus abwertend und diskriminierend gemeint war, wie wir heute sagen würden. Aber das half nun nichts. Mein Vater war hinter den Bäumen verschwunden und meine Neugierde hatte mir ja nun dieses Froschessen eingebrockt. Als dann die ersten Frösche gar waren, ich guckte nicht hin, wurde mir auf einem grünen Blatt ein Froschschenkelchen angeboten: Très délicat, Mademoiselle! und alle schauten mich erwartungsvoll an. Aber zum Essen konnte ich mich doch nicht überwinden. So schüttelte ich meinen Kopf, während ich merci murmelte und mich innerlich schüttelte, was den Appetit meiner Gastgeber aber nicht schmälerte.

Dreißig Jahre später, bei einem üppigen Büffet auf einer Schiffsreise, habe ich in Erinnerung an das kleine Erlebnis im Jahre 1944 nachgeprüft, ob das Urteil der jungen französischen Kriegsgefangenen über Froschschenkel von mir bestätigt werden könnte. Ich musste feststellen, die Froschschenkel schmeckten tatsächlich sehr delikat. Aber eine einmalige Probe aufs Exempel genügte mir dennoch.

Viel intensiver und noch nachdenklicher aber habe ich ein dreiviertel Jahr später an die Begegnung im Park zurückgedacht, als meine Heimatstadt am 22. März 1945 in einem Flammeninferno unterging. Viele Mitbürger, Frauen und Kinder fanden den Flammentod oder wurden verschüttet. Aber es hätte noch viel mehr Opfer gegeben, wenn nicht vor dem Angriff in Windeseile ein Gerücht die Stadt durchlaufen hätte. Das Gerücht besagte: Die Kriegsgefangenen wollen nicht in der Stadt bleiben. Sie meutern. Sie wissen von einem bevorstehenden Angriff auf die Stadt und haben auch ihnen bekannte Bürger aufgefordert, die Stadt zu verlassen. Selbst meine Eltern, eure Urgroßeltern, die von Gerüchten überhaupt nichts hielten und sich niemals danach richteten, was andere Menschen sagten und taten, entschlossen sich, an eben diesem Tage in aller Frühe eine Fahrradtour zu unternehmen, mit einem Koffer und einer Wolldecke auf dem Gepäckträger und einem Rucksack auf dem Rücken.

Aus einigen Kilometern Entfernung mussten sie hilflos mit ansehen, wie sich ein Verband englischer Bomber auf die kleine Stadt stürzte und sie in einen rauchenden Trümmerhaufen verwandelte. Als sie nach dem Angriff zwischen brennenden Häusern hindurch den Garten gefunden hatten, in dem unser Haus gestanden hatte, fanden sie nur noch ein Stück Außenmauer und einen qualmenden Steinhaufen, in dem keine Maus überlebt hätte. Und ich denke daran, dass eure Urgroßeltern und viele andere Einwohner der Stadt ihr Leben den französischen Kriegsgefangenen zu verdanken haben, die mich ein halbes Jahr zuvor, im Park, so liebenswürdig zum Frösche Essen eingeladen hatten.