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Wie ich die Beamtenlaufbahn verpasste

Bis Anfang der 1970er Jahre herrschte in Westdeutschland Vollbeschäftigung und man meinte, die Arbeitsämter abschaffen zu können. Dann verfiel die deutsche Wirtschaft 1973 mit dem ÖlschockLesen Sie auch:
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in die größte Krise der Nachkriegszeit. Was man bis dahin nicht mehr für möglich gehalten hatte, die Angst vor Arbeitslosigkeit, wurde wieder Wirklichkeit und bereits 1975 gab es eine Million Arbeitslose in der Bundesrepublik Deutschland.

Ich war zu dieser Zeit alleinerziehende Mutter und hatte einen guten Job in der Industrie. Durch meine Arbeit in der Personalabteilung konnte ich sehr gut beobachten, dass für die Beschäftigten ein neuer Wind wehte. Der amerikanische Begriff: Hire and FireHire and Fire (englisch: Heuern und Feuern) ist ein im deutschsprachigen Raum bekannter Begriff für eine flexible Personalpolitik, bei Bedarf (zum Beispiel in Zeiten eines Konjunkturaufschwungs oder wegen eines Großauftrags) Arbeitskräfte zusätzlich einzustellen und diese schnell wieder zu entlassen, wenn der Bedarf nachlässt bzw. endet.Siehe auch Wikipedia.org war kein Fremdwort mehr.

Ich hatte eine feste Vorstellung von der Zukunft: Auf keinen Fall wollte ich jemals von irgendwem finanziell abhängig sein, weder von den Eltern, noch von einem Mann oder vom Staat. Da ich sah, wie schnell auf allen Ebenen der Arbeitsplatz unsicher werden konnte, dachte ich, dass ich mir einen sicheren Job suchen sollte. Am besten im öffentlichen Dienst und dort als Beamtin. Das wäre ein sicherer Hafen in den Turbulenzen des Arbeitsmarktes.

Deshalb bewarb ich mich um eine ausgeschriebene Stelle bei der Stadt Frankfurt und wurde auch gleich zum Vorstellungsgespräch in das Personalamt gebeten, in den altehrwürdigen Römer, dem alten und geschichtsträchtigen Rathaus der Stadt. Hier sollte auch mein Arbeitsplatz sein.

Man signalisierte mir sofort die Bereitschaft zur Einstellung. Dass ich alleinerziehend war, wurde nicht thematisiert. Dieses Thema war und ist leider oft ein Grund zur Absage bei einer Bewerbung um einen Arbeitsplatz. Kurz nach meiner ersten Vorstellung bekam ich die Zusage und man bat mich um einen erneuten Besuch, um noch einige Formalitäten zu erledigen und um mir den Vertrag auszuhändigen. Man zeigte mir meinen Arbeitsplatz, ein eigenes Büro mit einer Sitzecke für Besucher. Ich sollte die Vergütungen der Hinterbliebenen von Pensionären bearbeiten. Zuerst als Angestellte, mit späterer Übernahme in das Beamtenverhältnis und guten Aussichten auf einen weiteren Aufstieg innerhalb des Personalamtes. Hurra, genau das hatte ich gesucht!

Vorher sollte ich mich aber noch beim Personalrat vorstellen, der meiner Einstellung zustimmen musste. Man begleitete mich zu seinem Büro und ich trat in einen total verräucherten Raum, in dem ein korpulenter älterer Herr mich zigarrenrauchend und lässig hinter dem Schreibtisch sitzend, jovial begrüßte: Mädsche, wolle se werklich, de ganze Daach mit heulende Witwe verbringe? Ich sagte ihm, dass ich mich professionell genug fühlte, um auch mit trauernden Hinterbliebenen ein angemessenes Gespräch führen zu können. Außerdem wäre das sicher nicht den ganzen Tag der Fall. Nachdem er mir noch ein paarmal vergeblich diesen Job ausreden wollte, sprang er plötzlich vom Tisch auf, umarmte mich und hieß mich herzlich willkommen.

Nun war die Einstellung in trockenen Tüchern, es fehlte nur noch meine Unterschrift unter den Vertrag. Erst jetzt wurde ich meinen zukünftigen Kollegen vorgestellt.
Es waren ausschließlich Männer und Frauen, die wesentlich älter waren als ich. Sie blickten kaum vom Schreibtisch hoch, als ich ihnen vorgestellt wurde. Dann kam mein direkter Vorgesetzter, der die Abteilung für die Pensionen leitete. Ich weiß nicht mehr wie er aussah, aber ich muss auf seine Kleidung gestarrt haben wie Evelyn Hamann auf die Nudel im Gesicht von Loriot. Er trug ein weißes Hemd ohne Krawatte, aber den obersten Knopf geschlossen. Und dann kam es: An beiden Armen hatte er dunkelgraue Ärmelschoner!

Ich konnte es nicht glauben, aber vor mir stand die leibhaftige Karikatur eines Beamten.
Beim Verabschieden sagte ich, dass ich mir den Vertrag zu Hause nochmal durchlesen und ihn dann unterschrieben wieder zurückschicken würde.

Als ich den Seitenbau des Rathauses durch das Personaltreppenhaus verließ, roch ich den Mief von Bohnerwachs und Spießigkeit (Udo Jürgens), denn der Personalaufgang war mit Linoleum belegt und nicht so prächtig, wie es die Außenfassade des Römers erwarten ließ.

Draußen in der Sonne, auf dem Römerberg, atmete ich tief durch und dachte: Hier sollst du arbeiten, mit diesen Miesepetern? Mit dieser Karikatur als Vorgesetzten? Kein Spaß in der Mittagspause und kein Witz zum Auflockern zwischendurch? Nur weil du später unkündbar sein wirst und in etwa hundert Jahren mal eine gesicherte Pension haben willst? Du bist noch so jung, du kannst dich doch hier in diesem alten Gemäuer nicht lebendig begraben.

Erleichtert fasste ich den Entschluss, auf meine Beamtenlaufbahn zu verzichten. – Ich habe diese Entscheidung nie bereut, bis ich gefühlte zehn Jahre später meinen Rentenbescheid bekam. Da dachte ich an diese missglückte Bewerbung zurück. Ob ich vielleicht doch…? Aber nein, ich konnte noch auf reale 35 weitere Jahre Berufstätigkeit in der Wirtschaft zurückblicken, in denen ich immer Freude an meiner Arbeit hatte, und auf überwiegend nette Kollegen, mit denen man auch mal Spaß haben und lachen konnte.