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Die Boxbude

Neulich wurde Klein Erna 13 Jahre alt, und da kam Mamma mit'n ganz furchbaar ernsten Gesicht bei sie bei und sagte:

Tja, Klein Erna, nu bis du ja ne große Deern, und denn muss ich dir wohl mal erzähl'n, wie dein Pappa umgekommen is, das war ja ganz schrecklich:
Ein Tag ging dein Pappa auf'n Dom, ohne mir, sons wär ihn dascha nich passiert, und denn ging er auch zu die Riesendame Ada. Und was meins du, mittenmang die Vorstellung platzt ihr das Trikot vorne in die Mitte, und da sagt sie: Nu komm mal einer von die Herrn mit ne Sicherheitsnadel her und steck mir das mal eigenhändig zu!
Und in den Gedränge, was da entstanden is, da is dein Pappa in umgekommen!

Ja, damals gab es noch sehr skurrile Menschen auf Jahrmärkten zu bestaunen: Siamesische Zwillinge, sehr gelenkige oder besonders kleine oder große Menschen wie eben die Riesendame Ada.

Ich erinnere mich an eine andere Jahrmarkt-Attraktion, die ich seitdem nicht mehr gesehen habe. Es muss Ende der 1950er Jahre gewesen sein. Meine Familie war zu Besuch bei meiner Tante und ihrer Familie in Düsseldorf. Aber die Wohnung war zu klein für vier Gäste und zu allem Überfluss wohnte auch die böse Schwiegermutter mit in der Wohnung, der alle gern aus dem Weg gingen. Deshalb wurde ich zum Schlafen ausquartiert: Die Sitze unseres Käfers, der vor dem Haus auf der Graf-Recke-Straße geparkt war, wurden heruntergeklappt und so zu meinem Nachtlager umfunktioniert. Ich weiß noch, dass die Scheiben am Morgen durch meinen Atem total beschlagen waren.

Mein Bruder Thomas und ich verstanden uns sehr gut mit unseren beiden Vettern Hermann und Martin, die etwas älter waren als wir. Sie nahmen uns mit auf einen kleinen Jahrmarkt nicht weit von dort auf dem Staufenplatz. Der Rummel war natürlich nichts im Vergleich mit unserem Hamburger Dom, aber immerhin gab es dort ein Karussell, eine Schiffschaukel, einen Autoscooter, Buden mit Zuckerwatte und Liebesäpfeln, einen Schießstand und sicherlich auch einen Hau den Lukas.

Vor einem Zelt stand eine Traube von Menschen. Irgendetwas spielte sich dort ab, was uns magisch anzog. Schon von weitem sahen wir, dass auf einer erhöhten Plattform vor dem Zelt zwei Männer standen. Einer der beiden war sehr muskulös und bald war mir klar, dass er ein Boxer sein musste. Er war mit einem gutaussehenden, gut gekleideten, kräftigen jungen Mann aus dem Publikum in ein Wortgefecht verwickelt. Sie waren überhaupt nicht gut aufeinander zu sprechen. Im Gegenteil, sie pöbelten sich an und beide drohten dem anderen, ihm die Fresse zu polieren. Ich war eindeutig auf der Seite des Mannes aus dem Publikum. So ging es auch den anderen Zuschauern. Er war der Sympathieträger und einer der Ihren.

Als der Streit seinen Höhepunkt erreichte, trat der andere Mann auf der Plattform nach vorn, der sich im Hintergrund gehalten hatte. Er bot an, dass die beiden Kontrahenten doch ihre Meinungsverschiedenheiten in einem Boxwettkampf austragen sollten. Er bot dazu sein Zelt an. Aber eine Bedingung stellte er: Da es um die Ehre gehe, müsse fair gekämpft werden. Er würde gern der Ringrichter sein. Die beiden Männer willigten ein und begaben sich ins Zelt. Das Publikum strömte hinterher und zahlte den Eintrittspreis.

Für mich war damit die Show beendet, denn ich war zu jung und durfte nicht in die Boxbude. Aber in meiner Phantasie war ich mitten im Publikum und erlebte, wie der Gute über den Bösen siegt. So muss es sein, das Gute muss immer siegen.

Später wurde mir klar, dass es sich um ein abgekartetes Spiel handelte. Beide Kampfhähne gehörten zur selben Truppe, die von Jahrmarkt zu Jahrmarkt tingelte. Der eine durfte die Rolle des Guten spielen, mit dem sich das Publikum identifizieren konnte, der andere musste der Böse sein. Ein tolles Geschäftsmodell. Als ich mich an dieses Ereignis erinnerte und Vetter Martin anrief, der mir meine Erinnerungen bestätigte, erzählte er mir, dass er einmal mit schlechtem Gewissen in einen Boxbudenkampf gegangen sei, obwohl seine Eltern ihm dies strikt untersagt hatten. Er habe damals auch zwei Schwarzafrikaner gegeneinander kämpfen sehen.