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Vor fast genau einem Jahr traf ich einen jungen Mann aus dem Jemen. Wie viele tausend andere ist auch er vor Krieg und Hunger geflohen und so nach Deutschland gekommen. Ich bin Journalismus-Studentin und habe ihn eigentlich nur getroffen, um eine Reportage über ihn zu schreiben. Bekommen habe ich ehrliche Freundschaft und Erkenntnis.

Wie kann ich mich glücklich schätzen, dass ich ganz ohne Gewalt, Krieg, Hunger und Angst aufwachsen durfte.
So kam es, dass zwei sich völlig fremde Menschen aus unterschiedlichen Kulturen an einem eisigen Januar-Tag 2017 in einem Café in Eutin saßen. Entstanden ist daraus diese Geschichte. Bakrs Geschichte.Von Natalia Möbius

Wer leben will, muss sich hintenanstellen

Ein junger Mann aus dem Jemen macht sich auf den gefährlichen Weg in ein neues Leben in Deutschland. Er muss feststellen, dass er von nun an das Leben eines Wartenden führt.

Es ist nicht weit von der Türkei. Eine Stunde höchstens mit dem Boot bis zur ersten griechischen Insel. Aber für Bakr Moqbil wird es wahrscheinlich die längste Stunde seines Lebens werden. Der neunundzwanzigjährige Apotheker aus dem Jemen ist einer von Hunderttausenden, die sich in diesem Jahr auf dieser Route nach Europa aufgemacht haben. Tausend Dollar hat Bakr für die Überfahrt bezahlt. Tausend Dollar für eine Reise, die er mit seinem Leben bezahlen könnte. Im November 2015 steigt er mit neunundfünfzig anderen Menschen in ein eigentlich viel zu kleines Schlauchboot. Tausend Dollar für einen Platz in einem Boot, das mit sechzig Flüchtlingen wie ihm hoffnungslos überladen ist.

Das Novemberwasser vor der türkischen Küste ist eiskalt. Immer wieder schwappt es über die Bordkante des schwankenden Bootes. Dann fällt der Motor aus. Drei Mal wird die Nussschale kentern. Frauen und Kinder schreien in Panik. Die nasse Kleidung zieht Bakr nach unten. Jedes Mal schaffen sie es trotzdem, das Boot wiederaufzurichten und hineinzuklettern. Irgendwann sitzt eine Frau auf dem Fußboden. Der Motor stottert, verstummt, springt doch wieder an. Kochendheißes Öl läuft aus, verbrennt ihr die Beine. Das Salzwasser macht es nur schlimmer. Bakr gibt ihr seine Hose. Die Stunde wird immer länger…
Später, in Griechenland, wird er begreifen, dass es nicht alle geschafft haben. Wer nicht schwimmen konnte, hat verloren. Bakr wird die Schreie nicht vergessen, sie brennen sich für immer in sein Gedächtnis ein.

Im Januar 2017 sitzt Bakr Moqbil in einem kleinen Café in Eutin, trinkt einen Filterkaffee mit Milch und zupft den gelben Kragen zurecht, der aus dem braunen Pullover herausschaut. Der Jemenit hat alles aufgeschrieben. Seine ganze Geschichte. Alles auf Arabisch. Es in deutsche Worte zu fassen, fällt ihm noch schwer. Ich habe so viel zu sagen, aber ich kann nicht., lacht er und reibt sich mit den Händen übers Gesicht. Der heute dreißigjährige kommt aus Sanaa, der Hauptstadt des Jemen und lebt seit November 2015 in Deutschland. Seit November 2015 wartet er. Auf Anerkennung, auf Integration, darauf, endlich anzukommen.

Im Jemen herrscht Bürgerkrieg. Es ist ein Stellvertreterkrieg zwischen dem schiitischen Iran, der die Rebellengruppe der Huthis unterstützt, und dem wahabitisch-sunnitischen Saudi-Arabien. Die Huthi sind eine Volksgruppe aus dem Norden des Jemen, die gegen den amtierenden Präsidenten Abed Rabbo Mansur Hadi vorgehen. Dieser hatte 2012 den vorherigen Präsidenten Ali Abdullah Salih abgelöst. Der Diktator war zu dem Zeitpunkt über 30 Jahre im Amt und wurde im arabischen Frühling gestürzt. Der neue Präsident Hadi erbat sich Unterstützung von Saudi-Arabien gegen die Huthi-Rebellen. Saudi-Arabien startete daraufhin Luftangriffe auf den Jemen. Seither herrscht ein Krieg, dessen Ende nicht in Sicht ist.

Auch wenn ihn die vielen Fragen auf Deutsch verunsichern – Bakr ist bereit, seine Geschichte zu erzählen. Deshalb sitzt er hier, an diesem Freitagmittag im Januar, im gemütlichen Kellergewölbe des Cafés zwischen Bücherregalen und maritimen Bildern.
Hier, bei Kaffee und Kuchen, erzählt ein Mann seine Geschichte. Mit leuchtenden Augen, die Traurigkeit ganz hinten versteckt. Nur wer genau hinschaut, kann sie erahnen. Er erzählt von einem Krieg, der angesichts des Grauens von Aleppo, des Leids der Syrer und der Machenschaften des IS aus dem Blickfeld der Deutschen weitgehend verschwunden ist.

Ich war Mitglied der Revolution gegen Präsident Salih. Er war korrupt. Als er gestürzt war, schien das zunächst wie ein Erfolg. Wir mussten lernen, dass das ein Irrtum war. Der Krieg fing gerade erst an.

Irgendwann kam das Huthi-Militär in seine Apotheke in Sanaa. Sie hielten ihm eine Waffe an den Kopf und stellten ihn vor die Wahl: Mitkämpfen oder sterben. Sie zerstörten meine Apotheke. Danach hatte ich große Angst. Er lacht, aber seine Finger zittern. Ein Mann im Jemen ist entweder tot oder er muss kämpfen. Und dann ist er auch tot… Wieder lacht er und stützt sich dabei auf den Tisch, wie um sich festzuhalten. Der Tisch kippt. Bakr lacht verlegen und wird rot.

Du hast deine Frau im Jemen gelassen, warum?

Ich hatte Angst, dass ihr was Schlimmes passiert, vielleicht im Meer.

Aber ist es im Jemen nicht auch schlimm?

Ja, was soll ich machen…? Er sucht nach Worten. …Sie kann nicht schwimmen. Ich hätte sie im Meer nicht retten können. Er zuckt hilflos mit den Schultern.

Jetzt ist sie alleine, ohne dich…

…und ich bin alleine, ohne sie. Das ist schwer. Ich dachte nicht, dass alles so lange dauern würde. Ich habe ihr gesagt: Vielleicht dauert es 10 Tage, dann bin ich da, dann kann ich dich nachholen. Jetzt dauert es schon ein Jahr. Wenn sie jetzt krank würde, könnte ich nicht bei ihr sein. Sie würde mich sicher fragen, warum ich sie allein gelassen habe. Wieder lacht er unsicher, gestikuliert mit den Händen. Das ist so schwer. Er pocht auf den Tisch. Ich wusste nicht, dass das alles so lange dauert. Seine Frau lernt gerade Deutsch an der Universität in Sanaa. Sie tut alles, damit sie sich hier gut integrieren kann, wenn sie kommt. Aber es dauert. Wie die Stunde auf dem Meer. Wenn der junge Mann sich an das neun Meter lange Schlauchboot erinnert, kommt die Traurigkeit ein bisschen hervor. Aber nicht so weit, dass sie Besitz von ihm ergreifen würde. Denn auf Bakrs Lippen liegt immer ein Lächeln. Auch, wenn er sich gedanklich manchmal noch immer auf dem Meer befindet.

Er denkt an das kalte Wasser und zieht die Schultern hoch. Irgendwie treibt er noch immer auf dem Mittelmeer. Wer so eine Situation nicht erlebt hat, kann wohl auch nicht begreifen, wie ein Schlauchboot zu einer ganzen Welt werden kann. Das eigene Leben, abhängig von einem kaputten Motor, mehreren Kilo Gummi und Luft. Und er weiß: Für viele geht diese Welt einfach unter.
Allein 2015 starben offiziell 3771 Flüchtlinge auf dem Meer, die Dunkelziffer ist wesentlich höher.
Wieder denkt er daran: Drei Mal fiel der Motor aus. Drei Mal kenterte das Boot. Aber Bakr hat Glück. Irgendwann kommt die Küste Griechenlands in Sicht. Auf die gefährlichste Stunde seines Lebens folgt eine Reise durch Europa, die nur bedingt ungefährlicher ist.

Einen Tag verbringt er in Griechenland. Er bekommt Papiere, in denen steht, dass er nach Mazedonien muss. Da weiß er noch nicht, dass er noch zwei Wochen vor sich hat. Sein Hauptziel war nie Deutschland. Einfach in Europa ankommen und schauen, welches Land ihn aufnimmt. Von Mazedonien geht es weiter über die Balkanroute. Immer mit dem Bus. Bakr trifft einen Syrer und freundet sich mit ihm an. Wenn sie an eine Grenze kommen, heißt es warten. Bald wird es anstrengend, keine Privatsphäre zu haben. Immer mit 5.000 oder 10.000 Leuten in Busse verfrachtet zu werden. Weiter. Immer weiter. Es ist kalt. Vor allem nachts. In Serbien ist es besonders schlimm. Ein riesiges Flüchtlingslager an der Grenze. Menschen dicht an dicht und doch keine Wärme. Und dann kommen die Kämpfe. Syrer gegen Afghanen. Die Völker verstehen sich nicht, wollen nicht nebeneinander schlafen, essen, sitzen… Sie streiten, sie prügeln.

Bakr kämpft nicht mit. Ihm ist egal, wer neben ihm sitzt. Meist sind es Syrer oder andere Jemeniten. Die Afghanen versteht er nicht, sie sprechen kein Arabisch. Für ihn zählt nur das Weiterkommen. Immer weiter. Und wann darf er bleiben?

Ende November kommen Bakr und sein Freund endlich in Neumünster an. Sie werden weitergeschickt nach Eutin. Hier geht Bakr zur Ausländerbehörde, fragt, was er nun machen soll. Und endlich wird ihm gesagt: Du kannst hierbleiben.
Doch das Warten fängt jetzt erst an. Wer einen Asylantrag in Deutschland stellt, wird zu einer Erstanhörung geladen, wo der Befragte seine Gründe schildern kann, warum er geflohen ist. Diese erfolgt meist kurz nach der Registrierung in Deutschland. Später folgt in den meisten Fällen noch eine zweite Anhörung. Erst danach wird über den Asylantrag entschieden. Bakr hat sein erstes Interview, wie er es nennt, im Sommer 2016. Sein Freund aus Syrien auch. Über ein halbes Jahr mussten sie darauf warten. Deutschland ist überfordert mit den vielen Flüchtlingen. Nach dem Interview bekommen beide eine AufenthaltsgestattungDas Bundesamt erteilt Asylbewerberinnen und Asylbewerbern, die sich noch im Asylverfahren befinden, eine Aufenthaltsgestattung. Diese berechtigt sie bis zum Abschluss des Asylverfahrens, das heißt bis zur Entscheidung über den Asylantrag, in Deutschland zu leben und unter bestimmten Bedingungen zu arbeiten.Quelle: BAMF - Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, aber nur sein Freund darf auch Deutsch lernen und den Integrationskurs machen.

Noch während Bakr davon erzählt, wandern seine Gedanken zurück.
2015. Weiße Wände. Grauer Teppichfußboden. Alles ist sehr steril. Eine Ausländerbehörde, wie viele in Deutschland. Wartende Menschen. Auch Bakr wartet. Er will Deutsch lernen und den Integrationskurs machen. Er will weiterkommen. Vorerst muss er sich noch auf Englisch mit den Mitarbeitern der Behörde verständigen. Als er an die Reihe kommt, erwartet ihn die erste Hürde der deutschen Bürokratie. Ein Mitarbeiter erklärt ihm, dass er den Integrationskurs nicht machen darf. Und auch Deutsch darf er vorerst nicht lernen, es sei denn, er zahlt selbst für den Kurs. Bakr muss lernen, dass er aus einem B-Land kommt. Nur wer aus einem A-Land kommt, darf kostenfrei Deutsch lernen und hat gute Bleibechancen. Zu den A-Ländern zählen Syrien, Iran, Irak, Eritrea und Somalia. Bakr als Jemenit muss warten, bis über seinen Status als Flüchtling entschieden wurde. Nur mit einem gültigen Aufenthaltstitel werden ihm die Kurse bezahlt.

2017 sitzt er im Café und schaut noch immer ein bisschen ratlos drein.
Ich weiß nicht, warum mein Land nur ein B-Land ist. Ja vielleicht, weil… ich weiß nicht… Er schaut auf seinen Block mit seinen Notizen. Dann fällt ihm doch noch etwas ein.
Wir werden vergessen. So viele Leute sterben und das darf die Welt nicht vergessen. Das muss in Erinnerung bleiben! Das ist sehr schlimm. Bakr guckt zu Boden.

Aber wie funktioniert das Leben in Deutschland, ohne Deutschkurse und ohne Hilfe in der Integration?

Den Einstiegskurs A1 habe ich trotzdem gemacht. Hier an der Volkshochschule in Eutin. Danach saß ich nur zu Hause. Das ging so nicht. Ich wollte weiterkommen. Ich bin zur Migrationsberatung gegangen und habe dort Hilfe bekommen, einen Lebenslauf zu schreiben. Ich wollte ein Praktikum machen. Und dann hab’ ich meine Integration einfach selbst gemacht. Ich bin von Apotheke zu Apotheke gegangen und habe nach einem Praktikumsplatz gefragt. Und ich habe einen Platz bekommen. Bakr lächelt stolz, aber er muss viel Geld an seine Familie schicken.
Im Jemen wird alles teurer. Ohne mich könnte meine Familie nicht überleben.

Das Land gilt als humanitäre Katastrophe. Mehr als die Hälfte aller medizinischen Einrichtungen sind geschlossen. Laut UNICEF leiden über zwei Millionen Kinder im Jemen an Unterernährung. Am Flughafen in Sanaa starten und landen schon lange keine Flugzeuge mehr. Das Land ist abgeschottet von der Welt. Vergessen und sich selbst überlassen. Eine deutsche Botschaft gibt es schon seit Jahren nicht mehr. Der Krieg hat das Land zerstört.
Du weißt nie, wann du stirbst. Vielleicht schläfst du und wachst nicht mehr auf. So ist das. Bakr verschränkt die Finger. Auch wenn er viel lacht an diesem Tag im Café, die Sorge um seine Familie ist ihm anzusehen. Versteckt sitzt sie in seinen Augen.

Hier in Deutschland weiß kaum einer Bescheid über den Jemen. Saudi-Arabien hat so viel Geld und bezahlt für alles, bezahlt für den Krieg und der Iran auch. Das macht Probleme. Saudi-Arabien kämpft gegen den Iran. Aber wo? Im Jemen. In Saudi-Arabien ist alles gut, da gibt es so viel Geld und gute Wohnungen und viel zu essen. Aber uns geht’s nicht gut im Jemen! Sie haben alles zerstört.

Möchtest du irgendwann wieder zurück?

Wenn ich wieder zurückgehe, muss ich sterben. Selbst wenn der Krieg vorbei ist. Ich habe zwar Familie im Jemen, aber ich kann nicht wieder zurück, ich muss sie herholen. Bakr nickt bekräftigend.
Ich bin traurig, dass ich gehen musste. Ich wurde dort geboren, habe meine Familie, meine Frau dort, meine Freunde, meine Arbeit… ja… Mein Land ist mein Land. Er lacht unsicher. Aber was soll ich machen? Ich hatte nur die Wahl zwischen Tod oder Leben. Ich habe mich für das Leben entschieden. Sein Lächeln ist strahlend. Als würde der Lebenswille sich über seine Lippen ausbreiten.

Also wird Deutschland deine zweite Heimat?

Ja, zweite Heimat ist gut. Bakr grinst und nickt begeistert. Aber er weiß auch, dass die politische Einstellung gegenüber Flüchtlingen nicht immer positiv ist. Und er weiß, dass 2017 Bundestagswahlen sind. Die AfD bezeichnet er als die schlimmen Leute. Jeden Abend guckt er Nachrichten.

Sie schüren die Ängste. Sie sagen immer sofort, dass die Muslime schuld sind. Guckt mal, was die Ausländer wieder gemacht haben! Das ist schlimm…, er pocht auf den Tisch.
Und sie sagen, Angela Merkel muss weg. Und immer bekommen wir Flüchtlinge die Schuld. Nicht nur einer oder zwei, nein, alle sind immer schuld. Aber das ist nicht richtig! Es gibt auch so viele Flüchtlinge, die nett sind, die Hilfe haben möchten und sich integrieren möchten. Die auch studieren möchten und arbeiten und alles so machen wie die Deutschen. Bakr gestikuliert viel mit seinen Händen. Versucht dem Gesagten noch mehr Ausdruck zu verleihen.
Ich möchte auch wie Deutsche sprechen, wie Deutsche Steuern zahlen. Er lacht. Und ich möchte auch, wie die Deutschen, Kinder bekommen und meine Familie haben. Große Familie oder kleine Familie, das ist egal.
Er hat sich drei Bücher aus der Bibliothek ausgeliehen, um zu Hause Grammatik zu lernen.
Aber, wenn man immer Deutsch spricht und Kontakt hat, ist das viel besser!

Kennst du denn viele Deutsche?

Meine Kollegen in der Apotheke waren sehr nett und haben mir viel geholfen. Eine andere Frau trifft sich ab und zu mit mir, damit ich mehr Deutsch spreche. Sie muss sehr viel arbeiten und trotzdem nimmt sie sich Zeit für mich. Ich habe viel Glück. Bakr lächelt. Aber ich habe auch das Gefühl, dass die Deutschen Angst haben. Nicht nur vor mir, sondern vielleicht vor allen Ausländern. Jetzt lacht Bakr, wie so oft an diesem Tag im Café. Es ist immer schwierig, wenn man eine neue Sprache lernen muss, eine neue Kultur kennenlernt, neue Freunde finden muss. Manchmal habe ich Angst, aber die anderen haben ja auch Angst. Ich weiß, was meine Geschichte ist, was ich hinter mir habe, die anderen nicht.

Eine große kulturelle Schwierigkeit, die bei der Integration von Flüchtlingen entsteht, sieht er bei der Gleichstellung von Mann und Frau.
Im Jemen ist es verboten, dass Frauen den Männern gleichgestellt sind. Wenn meine Frau im Jemen auf die Straße geht, dann darf man nur ihre Augen sehen, sie trägt dann die Niqab. In Deutschland ist es egal, was die Frau trägt.

Ist es dir auch egal?

Ja. Meine Frau kann alles machen, was sie will, das ist egal. Wir sind in Deutschland, es ist besser wie die Deutschen zu sein. Ohne Kopftuch. Wenn meine Frau in Deutschland die Niqab trägt, macht das Probleme. Die Deutschen wollen das Gesicht sehen. Du hast hier in Deutschland zwar die Freiheit, das Kopftuch zu tragen oder auch nicht. Aber wenn es Probleme macht, warum soll sie es tragen? Integration ist ohne Kopftuch einfacher.

Das sehen aber nicht viele arabische Männer so, oder?

Das ist der Arabische Kopf. Der Jemenit lacht herzlich. Wir brauchen Zeit, um das zu verstehen. Aber die Europäer wissen das nicht. Der ‘Arabische Kopf‘ hat noch nicht so viel gelernt. Da ist noch so viel alte Kultur.

Ist der Arabische Kopf das einzige, was die Integration schwierig macht?

Nein. Wir heißen hier nur Flüchtling. Ich mag das nicht, so genannt zu werden. Wir sind einfach nur die Neuen Leute hier in Deutschland. Ja, das wäre gut, die Neuen Leute! Wenn sie uns Flüchtlinge nennen, ziehen die Leute immer eine Grenze zu uns. Ich möchte nur wie die Deutschen alles machen. Wir sind in Deutschland, das bedeutet, wir möchten Deutsche sein. Wieder lacht der fröhliche Jemenit. Ich bin noch nicht anerkannt, aber wenn, dann will ich gerne Staatsbürger werden. Und studieren. Ich möchte gerne später wieder eine Apotheke haben, am liebsten in Eutin. Hier sind nicht so viele Leute. Hier ist alles gut gegangen für mich und nichts ist schlimmer geworden. Das ist gut.

Ob er auch mal in Hamburg leben will? Bakr hat eine klare Meinung dazu. Ich mag Hamburg nicht. Am Hauptbahnhof trinken so viele Leute Alkohol und es gibt große Gruppen von Ausländern. Ich mag diese Gruppen nicht. Wissen die nicht, dass die Deutschen Angst vor solchen Gruppen haben? Es ist nicht gut, sie an Ereignisse wie Köln 2016 zu erinnern. Der junge Mann mit dem braunen Pullover schaut ernst drein. Es scheint, als verstehe er das deutsche Sozialgefüge besser, als mancher Deutsche selbst.

Wann Bakr seine zweite Anhörung hat, weiß er im Januar 2017 noch nicht. Es gab Probleme mit seinen Fingerabdrücken. Er soll sie noch in einem anderen Land als Griechenland und Deutschland abgegeben haben. Träfe das zu, müsste er in dieses Land zurück. Aber Bakr beteuert, nirgendwo seine Finger gegeben zu haben, wie er es nennt. Nur hier und in Griechenland. Vielleicht ist das wieder einer der vielen Fälle, bei denen es zu einer Namensverwechslung kam. Das passiert häufig. Die Behörden prüfen das jetzt. Und das dauert.

Und Bakr wartet. Seit November 2015.
Im Café nimmt er einen Schluck von seinem Kaffee, der mittlerweile kalt sein muss. Die Tische ringsherum haben sich gefüllt. Blicke huschen immer wieder zu dem jungen, dunkelhäutigen Mann. Er redet ein bisschen lauter, als Deutsche es vielleicht tun würden. Aber es stört ihn nicht, angesehen zu werden. Er ist daran gewöhnt. Sein Praktikum ist schon lange vorbei. Mittlerweile arbeitet er bei McDonalds.

Nachtrag Mai 2017: Vor zwei Wochen hat Bakr endlich seine Flüchtlingsanerkennung bekommen. Jetzt kann er seine Frau nachholen. Aber auch das kann nochmal bis zu einem Jahr dauern.