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Ein Bauernhof ist kein Ponyhof

Die Schneide des Beils, das ich in der rechten Hand trug, war blutverschmiert. Aus dem Hals tropfte immer noch warmes Blut; auch auf meine nackten Beine. Das Huhn, welches ich an den Beinen in der linken Hand trug, flatterte immer noch mit den Flügeln. Neben mir ging Tante Lene. Sie hatte zwei weitere frisch geschlachtete Hühner in einer Hand, in der anderen den Korb mit ungefähr fünfzig Eiern. Heute war Donnerstag und morgen, freitagvormittags kam jede Woche der Großhändler, der Eier und Suppenhühner aufkaufte.

Woher Tante Lene wusste, dass es genau diese drei Hühner von ihren sechzig bis siebzig Hennen waren, die keine Eier mehr legten und daher als Suppenhühner Verwendung fanden, hat sich mir nie erschlossen. In der Küche wurden die Hühner dann in einem Blecheimer nacheinander mit heißem Wasser übergossen, damit sich die Federn leichter entfernen ließen, ohne die Haut zu verletzen. Nacheinander, weil es nur wenige Blecheimer auf dem Hof gab und jeder Eimer für eine besondere Verwendung vorgesehen war. Zum Beispiel einer für die Milch, einer zum Wasserholen von der Pumpe im Hof, für Futter oder als Trinkeimer für das Pferd ein weiterer. Kunststoffeimer gab es damals noch nicht. Von Keimen ahnte man durch Erfahrung wohl schon etwas. Aber Tante Lene hatte sicher in ihren sechs Jahren Dorfschule nichts darüber gelernt.

Als Tante Lene ihre beiden Hühner gerupft hatte, war ich gerade so mit einem fertig. Anschließend wurden die Innereien entfernt, welche ich dann zusammen mit den abgeschlagenen Köpfen auf den Komposthaufen bringen sollte. In Hamburg waren wieder Ferien, ich war inzwischen vierzehn Jahre alt und somit gerne gesehene Hilfe auf dem Hof. Auch mir hat es dort trotz der Arbeit immer gut gefallen. Aber ich hatte auch schon einen etwas kritischen Blick auf die Hofwirtschaft. Kritik war natürlich nicht gerne gesehen und wurde ignoriert. Warum wurden die Abfälle vom Hühnerschlachten auf den Kompost geworfen, wo sie doch die Ratten anlockten? Manchmal konnte man die sogar am Tage sehen und sie waren so groß wie halbjährige Kaninchen. Man hätte die Abfälle ja auch vergraben können. Um die Ratten kümmern sich schon die Katzen, bekam ich zur Antwort. Ja, Katzen gab es reichlich auf und um den Hof. Es gab so viele Katzen, dass Onkel August, der Alt-Bauer, immer nach frisch geborenen suchte. Hatte er ein Nest gefunden, nahm er den ganzen Wurf mit. Einmal konnte ich mit ansehen, wie er die Neugeborenen an die Wand schmiss. Aber mit seinen achtzig Jahren hatte er nicht mehr genug Kraft, um sie auf diese Weise zu töten. Er sammelte sie wieder auf und ertränkte sie dann in der Regentonne. Zu Fressen gab es für die Katzen nichts, es sei denn, sie waren Onkel August entkommen. Dann wurde für die Kleinen auch schon mal eine Schüssel Milch vor die Tür gestellt. Der Hofhund führte ein trauriges Leben. Auf dem Hof gab es zwar immer einen Hund, aber länger wie zwei bis drei Jahre war es nie derselbe. Zu Fressen gab es für ihn nur Abfälle oder das, was er sich selber suchte. Nachts kam er vor das Tor der Tenne an die Kette. Ins Haus kam weder Katze noch Hund.

Am Freitagvormittag kam dann der Eierhändler und ich half Tante Lene beim Tragen von ungefähr vierhundert Eiern der Woche in sein Auto. Er selbst tat keinen Handgriff, stöhnte nur über die schlechten Preise. Dabei bekam ich dann auch mit, dass Lene weniger als die Hälfte des Händlerpreises pro Ei bekam, den wir in Hamburg bezahlten. Es war Freitag und praktischerweise hatte der Eierhändler auch Fisch zu verkaufen, in Dosen oder eingelegt. Nach der christlichen Tradition kommt freitags Fisch auf den Tisch und er wusste ja, dass die gläubigen Bauern den Herrgott nicht erzürnen wollten und ihm den Fisch zu jedem Preis abkauften. Das Eiergeld kam in die gute Stube, in eine Blechkassette, die sich in der oberen Schublade des Stubenschranks befand. Den Schlüssel hierfür steckte Lene dann in ihre Kittelschürze. Vor wem sie es dort verschloss war mir nicht ganz klar, denn Haustür und die Tür zur Tenne waren immer offen, auch wenn sie mit ihrem Mann Emil auf dem Feld war. Emil war ein Flüchtling aus Pommern. Seinen Nachnamen habe ich nie erfahren, im Dorf wurde er immer als der Mann von der Mews, bezeichnet, deren Familie den Bauernhof seit zweihundert Jahren bewirtschaftete.

Es war wieder ein wunderschöner Morgen, nur ein paar Schäfchenwolken waren am strahlend blauen Himmel zu sehen. Darum habe ich wohl auch etwas bei meiner morgendlichen Tour zur Meierei gebummelt, bei der ich die Milch der drei umliegenden Bauernhöfe mit Lotte zur Meierei brachte. Lotte war eine wunderschöne Holsteiner Stute, mit seidigem hellbraunen Fell und weißem Haar. Emil wartete an diesem Morgen schon ungeduldig auf mich. Er brauchte Lotte zum Pflügen auf einem Acker, der für die Wintersaat vorbereitet werden musste. Denn die nächsten Tage konnte er wieder auf der Mühle arbeiten und so etwas Geld dazuverdienen. Also ab zum Pflügen, bei dem inzwischen schon sehr warmen Tag. Unermüdlich zogen Emil und Lotte die Furchen, nur unterbrochen von einer kurzen Mittagspause. Es wurde schon langsam Abendbrotzeit, als Tante Lene mich losschickte um mal zu sehen wo Emil bleibt. Auf dem Feld angekommen konnte ich sofort erkennen, dass beide vollkommen fertig waren. Emils Hemd war von Schweiß getränkt und er hielt sich mehr an dem Pflug fest, als dass er ihn führte. Auch auf Lottes Flanken stand der weiße Schweiß, ihre Hinterbeine zitterten und die Augen waren blutunterlaufen. Es war nur noch eine kleine Ecke zum Pflügen übrig, aber auch die wollte Emil noch unbedingt bearbeiten. Jedes Mal, wenn Lotte in den Schatten des Knicks kam, blieb sie vor Erschöpfung stehen. Dann schlug Emil mit einem Knüppel auf sie ein, um auch noch die letzte Furche zu Pflügen. Endlich war es geschafft, ich durfte Lotte ausspannen und nach Hause führen. Unterwegs wollte ich sie noch ein wenig grasen lassen, aber Lotte wollte nur nach Hause. Auf dem Hof sagte mir Emil, bring den Lorbass auf die Koppel und gib ihm einen Eimer Wasser. Ich suchte den besten der vorhandenen Blecheimer aus, reinigte ihn sorgfältig, denn Lotte war da sehr empfindlich und trank einfach nicht, wenn das Wasser schmutzig war. Dann stellte ich den Eimer mit frischem, kaltem Wasser aus der Hofpumpe an den Rand der Wiese. Lotte kam auch sogleich langsam heran. Kurz bevor sie den Eimer erreichte, drehte sie sich blitzschnell um und schlug mit den beiden Hinterbeinen gegen den Eimer, sodass er haarscharf an meinem Kopf vorbeiflog, so wütend war sie. Ich habe ihr dann noch einen frischen Eimer mit Wasser hingestellt, den sie auch in einem Zug aussoff, nachdem sie sich etwas beruhigt hatte.

In dem Schweinestall des Hofes, der sich auf der anderen Straßenseite in einer Scheune befand, gab es vier Boxen. In zwei der Boxen waren jeweils zwei Schweine zusammen untergebracht. Zwei Schweine, damit sie aus Futterneid besonders viel fraßen. Die Tiere hatten auch einen Ausgang auf eine Wiese mit einem schlammigen Tümpel, in dem sie sich auch ausgiebig suhlten. Es wurden jedes Jahr Jungschweine mit einem Gewicht von achtundzwanzig bis dreißig Kilo gekauft, die dann mit Futter aus eigener Herstellung, wie Kartoffeln, Rüben, Hafer, Brennnessel und Molke in einem Jahr auf hundertzwanzig bis hundertfünfzig Kilo gemästet wurden. Dann wurden sie an einen Schlachter verkauft. Geld gab es aber nur für ein Schwein, für das andere bekam Tante Lene Rindfleisch, Hammelfleisch und Wurst. Leberwurst, Blutwurst und Mettwurst gab es in Einmachgläsern. Damit war die Bezahlung des Schlachters abgegolten.

In einer Box von drei mal drei Metern war eine riesige Zuchtsau untergebracht. Das arme Tier war sehr aggressiv und für mich vollkommen tabu. Nur Emil traute sich zum Ausmisten in die Box, wobei er zur Sicherheit immer ein Gitter zwischen sich und das Tier schob. Zur Optimierung der Ferkelzucht wurde die Sau dreimal im Jahr gedeckt, um dann jeweils sechzehn bis zwanzig Ferkel zu gebären. Zum Schutz der Ferkel waren an allen Wänden der Box starke Holzgatter angebracht, hinter denen sich die Kleinen in Sicherheit bringen konnten. Denn wenn das Säugen der Ferkel beendet war passierte es, dass die Mutter eines ihrer Kinder fraß. Nach drei bis vier Wochen wurden die Ferkel dann an einen Händler verkauft. Man musste kein Mathematikgenie sein, um zu sehen, dass sich die ganze Arbeit mit den Schweinen nicht lohnte, denn es kamen ja auch noch die Kosten für die Impfungen der Ferkel und der Mastschweine durch den Tierarzt dazu. Dat lodt man so, dat häft wie jömmers so mockt antwortete Tante Lene, wenn ich sie darauf ansprach.

Man mag sich heute über solche Zustände empören. Aber es war zu einer Zeit, als einige Kinder selbst im Winter noch barfuß in Schuhen aus aufgeschnittenen Autoreifen zur drei bis vier Kilometern entfernten vierklassigen Dorfschule gingen. Wohlgemerkt, alle in einem Raum! Heute gibt es zum Glück einen verbesserten Tierschutz, aber manchmal auch groteske Auswüchse.