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Erinnerungen an Oma Berta und Opa Wilhelm

Oma Berta war eine starke Persönlichkeit. Groß gewachsen, immer mit aufrechtem Gang, die Haut leicht gebräunt. In jungen Jahren mit pechschwarzem vollem Haar hatte sie die ganze Aufmerksamkeit, wenn sie einen Raum betrat. Geboren ist Oma am 1. März 1887 in Ammendorf, einem kleinen Dorf zwischen Halle und dem Fluss „Weiße Elster“ in Sachsen-Anhalt, als zweite Tochter eines Zimmermanns und einer Hausfrau. Sie erzählte immer, dass eine ihrer Urgroßmütter eines der 354 leiblichen Kinder war, die „August dem Starken“, Kurfürst von Sachsen nachgesagt wurden.

Sie muss mit ihrer Schwester Minna, die ihr im Aussehen ähnlich war, sehr behütet aufgewachsen sein. Die Familie hatte ein eigenes Haus mit Garten, was in der Zeit schon außergewöhnlich war. Oma erzählte immer sehr viel von ihrem Vater, der in Leipzig als Zimmermann arbeitete und nur am Samstag nach Hause kam. In der Nacht von Sonntag auf Montag machten sich die Handwerker dann schon wieder auf den Weg, da sie die 35 Kilometer nach Leipzig zu Fuß gingen. Ihre Mutter bekam dann am Samstag sieben Mark fünfzig Haushaltsgeld.

Nach Abschluss der Dorfschule ging sie beim örtlichen Schlachter als Hausmädchen in „Stellung“. Irgendwann, hier fehlt mir die Erinnerung, kam sie dann nach Berlin und wurde Krankenpflegeschwester in dem Krankenhaus „Charité“.

Opa Wilhelm wurde am 24. November 1881 im Kreis Lebus bei Brandenburg geboren. Über seine Jugend ist mir nichts bekannt. In meiner Erinnerung war er sehr belesen, ruhig und bedächtig. Ein Kreuzworträtselheft füllte er von der ersten bis zur letzten Seite aus, ohne einmal zu stocken. Beeindruckt hat mich auch immer, dass er die Geschichte der kaiserlichen Familie mit allen Daten über deren Geburten, Hochzeiten und Sterbedaten auswendig aufsagen konnte. Dabei setzte er sich immer gerade hin, strich sich über seinen Kaiser-Wilhelm-Bart, den er ein Leben lang sorgfältig pflegte und nachts mit einer Bartbinde in Form hielt. Nach seiner Lehre als Stellmacher ging Opa sieben Jahre auf Wanderschaft durch ganz Deutschland. 1905 wurde er dann aufgefordert, endlich seinen allgemeinen Wehrdienst abzuleisten. Ihm boten sich nun drei Möglichkeiten. Er konnte seinen dreijährigen Wehrdienst ableisten, sich für zwölf Jahre als Berufssoldat zu melden und anschließend Beamter werden, oder zwei Jahre als Freiwilliger nach Deutsch-Südwest-Afrika gehen, wo der Herero-Aufstand seinem Höhepunkt zustrebte, um dann eine Beamtenlaufbahn anzustreben.

Opa entschied sich für Afrika. Nach einer Grundausbildung wurde er 1906 von der Reederei Woermann, die das Monopol für die Truppentransporte nach Afrika hatte, vom Hamburger Baakenhafen nach Swakopmund, dem Hafen von Deutsch-Südwest-Afrika gebracht. Bei der gleichen Reederei fuhr sein Enkel, ich, sechzig Jahre später auch im Afrika-Dienst.

Schon im ersten Jahr in Afrika erhielt er bei Kämpfen mit den Hereros einen Pfeildurchschuss im rechten Unterarm, außerdem bekam er Malaria. Diese Verwundung sollte sich in seinem weiteren Leben als Glück im Unglück erweisen. Nach seinem Rücktransport wurde er in die Charité in Berlin gebracht, um die Wunde auszuheilen. Er behielt jedoch eine große Narbe am ganzen rechten Unterarm. Auch bekam er fast jedes Jahr bis zu seinem Lebensende einen Malariarückfall. Nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus bekam er nun die angestrebte Anstellung als Beamter. Er wurde als Justizbeamter ausgebildet und der Haftanstalt Charlottenburg zugewiesen, in der er sein ganzes weiteres Berufsleben blieb. Wegen seines Berufes und der Verwundung brauchte er weder im Ersten, noch im Zweiten Weltkrieg Soldat werden. Die Kriegsjahre konnte er daher in Berlin bei seiner Familie bleiben.

Oma und Opa lernten sich also in der Charité kennen. Opa als Patient, Oma als seine Pflegeschwester. 1908 wurde dann geheiratet. Sie bekamen auch gleich eine Beamtenwohnung im Horstweg in Charlottenburg, im sogenannten „Gartenhaus“. Das war das zweite viergeschossige Haus hinter dem Vorderhaus an der Straße. Meistens mit vier bis sechs großen Zimmern, die an die kaiserlichen Offiziere vergeben wurden. Zum Gartenhaus gab es einen Durchgang durch das Vorderhaus. Die Wohnung bestand aus zwei Zimmern, mit Balkon, wie Oma immer betonte. 1909 kam dann der erste Sohn, Rudi, zur Welt. Ein Jahr später mein Vater Kurt. 1915 kam dann noch der dritte Junge, Willi, dazu. In dieser Wohnung wohnten sie 52 Jahre und zogen drei Jungen zu tüchtigen Männern groß.

Zwei Jahre nach ihrer Diamantenen Hochzeit ist Opa mit 89 Jahren ganz friedlich in seinem Bett gestorben. Oma lebte danach noch acht Jahre bei ihrem Sohn Kurt in Hessen. Sie reiste viel und besuchte ihre Enkelkinder. Bei uns war sie das letzte Mal mit 89 Jahren. 1978 starb dann auch Oma mit 91 Jahren nach einem langen und erfüllten Leben.