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Ein Flunky in Nöten

Es war einer dieser seltenen, unvergesslichen Sommertage im Hamburger Hafen! Im Westen bei Stade versank die Sonne rotglühend in der Elbe. Im Osten über der Speicherstadt war schon die Dunkelheit der Nacht an dem wolkenlosen Himmel zu erahnen. Eine leichte Brise vertrieb die Hitze des Tages.

Wir lagen mit der Elsa Essberger, einem 10.000-Bruttoregistertonnen-Tankschiff im Schwimmdock 11 von Blom & Voss. Es musste die sogenannte Klasse an Schiff und Maschine durch den Germanischen Lloyd gemacht werden. Der ist vergleichbar mit dem TÜV beim Auto, jedoch sehr viel aufwendiger. Außerdem musste der Schiffsboden von seinem Bewuchs durch Muscheln und Algen, welche durch die Fahrten in die Karibik besonders stark waren und die Fahrtgeschwindigkeit beeinträchtigen, entfernt werden und ein neuer Anstrich in vier Arbeitsgängen aufgetragen werden.

Es war Samstagabend. Karl, der dritte Offizier, der Nautiker und ich als vierter Offizier in der Maschine hatten Bordwache, da wir die jüngsten und unverheirateten Offiziere waren. Die anderen Besatzungsmitglieder hatten abgemustert oder nutzten die Werftliegezeit, um ihre Familien zu besuchen.

Karl und ich standen an der Reling unterhalb der Schiffsbrücke und genossen die fast schon gespenstische Ruhe. Weder auf dem Schiff noch auf der Werft wurde gearbeitet. Von den Landungsbrücken klang gedämpfte Partymusik herüber. Ab und zu war mal ein lautes he lücht zu hören, das vorbeifahrenden Barkassen mit Touristen zugerufen wurde. Es sollte wohl heißen er lügt. Aber die plietschen Barkassenführer konnten ihre Gäste natürlich aufklären und ihnen mitteilen, dass es bedeutet: er leuchtet oder er erleuchtet uns mit seinem Wissen.

Auch aus dem Kapitänssalon hörten wir Gesprächsfetzen oder gedämpftes Gelächter. Hier hatte die Reederei einige Direktoren von Firmen, mit denen sie zusammenarbeitete, zum Labskaus-Essen eingeladen. Nach gar nicht so langer Zeit bestellten die Herren Taxis, wohin wissen die Hamburger und die Quiddjes ahnen es, nach St.Pauli. Nun kamen die Herren an Karl und mir vorbei und der Kapitän sagte zu uns: Holen sie sich mal die Reste. Hierunter verstanden wir natürlich nicht das Labskaus, das kannten wir zur Genüge, sondern die Getränke und Zigarren. Wir kamen gerade noch rechtzeitig um die Ecke zum Kapitänssalon, um zu sehen, wie der Flunky, der die Herren bedient hatte, mit einigen Flaschen in seine Kammer verschwand und sich einschloss. Flunky wurden Stewards genannt, die als kleine Schlitzohren bekannt waren, kleine Geschäfte machten, auch mal mit Proviant, und für jede Intrige zu haben waren. Flunky war durch kein Hämmern an der Tür oder durch Drohungen bereit mit uns zu sprechen. Dann sahen wir, wie er fluchtartig das Schiff verließ.

Inzwischen hatte sich auch der Koch Peter, der das Labskaus-Essen zubereitet hatte, zu uns gesellt. Gemeinsam überlegten wir nun, wie wir dem Flunky die Suppe versalzen könnten. Der Karl hatte ja die Schlüssel zur Kommandobrücke und damit Zugriff auf den Zentralschlüssel des Schiffes. Und siehe da, Flunky hatte reichlich gebunkert. Da stand auf dem Schreibtisch eine Kiste mit einigen kubanischen Zigarren, eine fast leere Flasche russischer Wodka und eine halb volle Flasche mit feinstem französischen Cognac. Außerdem noch drei volle Flaschen, eine Cognac- und zwei Flaschen zwölf Jahre alter Malt-Whisky. Wir markierten die Standorte der vollen Flaschen und nahmen sie mit zu Peter dem Koch in die Kombüse. Ganz vorsichtig öffneten wir die Verschlüsse der Flaschen. Der hochprozentige Inhalt wurde nun in Plastikbehälter umgefüllt, welche dann ins Proviantlager verschwanden. Peter hatte inzwischen schwarzen Tee gekocht, der farblich noch etwas angepasst wurde, und dann kam er in die Flaschen. Die wurden wieder verschlossen und man musste schon sehr genau hinschauen, um das vorherige Öffnen zu bemerken. Die drei Flaschen brachten wir nun zurück in Flunkys Kabine.

Für uns drei wurde es dann noch ein feucht-fröhlicher Abend, an dem wir uns ausmalten, was in den nächsten Tagen passieren würde. Der Steward ließ sich am Sonntag nicht sehen, aber am Montagmorgen pünktlich um sechs Uhr war er wieder an Bord. Gespannt beobachteten wir unauffällig den Steward. Und siehe da, in der Frühstückspause der Werftarbeiter verschwand Flunky mit einem der Arbeiter in seiner Kabine. Für beide war es ja auch ein gutes Geschäft, die Flasche Cognac kostete normal dreißig Mark. Bei Flunky bezahlte er fünfzehn Mark. Dabei kostete die Flasche an Bord zollfrei für den Steward nur zwölf Mark. Aber er hatte die Flaschen ja geklaut und nun ein besonders gutes Geschäft gemacht. Mittags konnten wir beobachten, dass noch einmal zwei Werftarbeiter in seiner Kabine verschwanden. Nun wurde es spannend. Kurz vor Feierabend der Werftarbeiter kamen sie dann auch, die betrogenen Kunden von Flunky, bollerten an seine Tür und riefen lautstark nach ihm. Erst hat er sich ja noch kurz versteckt, aber sie hatten ihn schnell gefunden, und nachdem sie ihn mit ihren kräftigen Händen an seinem weißen Hemd gepackt und durchgeschüttelt hatten, gab er ihnen ihr Geld zurück, obwohl er ja gar nicht wusste, worum das Ganze ging. Einer der Werftarbeiter hatte aber wohl etwas von Tee gesagt und langsam schwante ihm, was da gelaufen war. Nun konnte er sich auch erklären, warum wir drei ihn seit heute Morgen immer so freundlich angrinsten, besonders Peter der Koch, mit dem er am meisten zu tun hatte. Flunky machte dann auch das einzig Richtige und musterte noch in der Werftzeit ab. Mit uns wollte er nicht auf die nächste Reise gehen.