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Meine Kindheit an der Elbe

Manchmal tun sie mir etwas leid, die Kinder von heute. Sechs Stunden Schule, dann noch Schularbeiten, Musik-Unterricht, Training im Sportverein, Schwimmen, Reiten, und das alles mit einer Hand, weil in der anderen Hand ja immer das Smartphone gehalten werden muss. Auch das Tablet muss immer in Reichweite sein. Spielzeug ist nicht so wichtig, hat man ja sowieso im Überfluss. Selbst die Kleinsten passen kaum in ihr Bettchen zwischen all ihren Kuscheltieren.

Nicht alle, aber die meisten Kinder haben heute alles, was es zu kaufen gibt. Sie kaufen sich sogar Hosen, die schon zerrissen sind, denn sie selbst können ihr Zeug ja gar nicht auftragen. Ja, sie haben vermeintlich alles, nur eines haben sie nicht: Zeit.

Zeit zum Träumen, Zeit zum Toben, Zeit, um Bücher zu lesen, Zeit für Abenteuer, Zeit zum Sterne zählen, Zeit um im Gras zu liegen und den Wolken nachzuschauen, Zeit, um im Regen durch die Pfützen zu plantschen.

Von unserer Wohnung im Bahrenfelder Kirchenweg war es eine halbe Stunde zu Fuß zum Övelgönner Strand. Vorbei an der Adolf-Jäger-Kampfbahn des Fußballvereines Altona 93. Hier mussten wir erst einmal nachschauen, ob das Loch im Zaun hinter der Tribüne noch da war, durch das wir an den Sonntagen, wenn es ein Heimspiel gab, krochen, um die fünfzig Pfennig zu sparen, die wir sonst an der Kasse bezahlen müssten, oder ob der Platzwart es schon entdeckt hatte. Einmal, zum Glück war ich nicht dabei, hat er Hans und Herbert beim Durchkriechen erwischt, sie mussten die fünfzig Pfennig bezahlen und sich ein heftiges Geschimpfe anhören. Aber sie hatten ihr Loch im Zaun auch wirklich zu dicht am Kassenhäuschen gemacht.

Nun war es nicht mehr weit, nur noch die Treppen von Lüdemanns Weg hinunter und wir waren in unserer riesigen großen Sandkiste. Sie war, je nach Strandabschnitt oder nach Tidenstand zehn bis fünfzig Meter breit, aber zwei Kilometer lang, vom Fähranleger Övelgönne bis zum Anleger Teufelsbrück. Hier konnten wir mit anderen Kindern aus Neumühlen Fußball spielen, natürlich barfuß, die Schuhe dienten als Torpfosten. Das war für mich als einer der Kleinsten sehr anstrengend. Ein andermal konnte ich mich auch einfach in den warmen Sand legen und den Wolken nachschauen, mit den Möwen um die Wette schreien oder einfach nur träumen, Sandburgen bauen und spielen, sie gegen Störtebeker und seine Likedeeler zu verteidigen. Erwachsene konnten wir nicht stören, die mussten zu der Zeit noch mindestens achtundvierzig Stunden in der Woche arbeiten und hatten meistens noch einen langen Arbeitsweg zurückzulegen. Wenn es sehr warm war, plantschten wir manchmal entlang der Wassergrenze bis nach Teufelsbrück. Die Schuhe wurden an den Schnürsenkeln zusammengebunden und um den Hals gehängt, und manchmal fuhren wir mit der Fähre nach Övelgönne zurück.

Einmal wollte ich für den Fußmarsch besonders schlau sein und mich nicht mit den Schuhen abschleppen. Also habe ich ein Loch in den Sand gebuddelt, die Schuhe reingelegt und die Stelle mit einem Stock markiert, es war dort, wo heute das Lüftergebäude für den neuen Elbtunnel steht. Nachdem wir am späten Nachmittag von unserem Marsch zurück waren, konnte ich den Stock nicht wiederfinden. Entweder hatte mich jemand beim Einbuddeln der Schuhe beobachtet, denn in den 1950er Jahren waren Schuhe sehr begehrt und teuer, oder es war einfach nur der Stock aus dem Sand gezogen worden. Alles Suchen und Buddeln mit meinen Freunden waren vergeblich, sodass ich barfuß nach Hause gehen musste. Zum Glück waren es nur Turnschuhe, die ich von einem Nachbarjungen bekommen hatte, weil sie ihm zu klein geworden waren. Geschickt konnte ich den Verlust noch zwei Tage verbergen, bis mich meine Mutter fragte, warum ich immer die guten Lederschuhe anziehe. Da musste ich beichten und das anschließende Geschimpfe über mich ergehen lassen. – Heute ist der Fußmarsch dort nicht mehr möglich, da einige Gebäude bis an die Wasserkante gebaut wurden, oder der Strand mit Steinaufschüttungen geschützt wurde.

Meistens spielten wir zwischen dem Övelgönner Anleger und der heutigen Strandperle, hier gab es schon vor dem Ersten Weltkrieg eine kleine Trinkhalle.

Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahmen Eva und Max Lührs das Gelände und eröffneten hier Lührs Gaststätte. Neben der Gaststätte gab es auch noch Räume im Elbhang, die für den Bootsbau genutzt wurden. Hier hatte Herbert Lührs, der Bruder von Max Lührs, die Mütze auf. Ihm gehörte auch ein langer Steg, der zu einem Bootshaus in der Elbe führte. Zwischen den Stegpfeilern konnten wir bei Ebbe fangen spielen, auch dann, wenn wir schon bis zu den Knien im Wasser standen. Die Pfähle waren oft mit scharfkantigen Muscheln bewachsen, sodass man sich schnell mal eine Schramme an den Armen oder Beinen holen konnte. Uns machte es nichts aus, die Verletzung wurde mit salzhaltigem Elbwasser ausgewaschen, bis es nicht mehr blutete. Wichtig war, die Wunde nicht von Mutter entdecken zu lassen, sonst hätte es vielleicht ein Strandverbot gegeben. Aber nicht nur im Sommer, nein, auch im Winter hatten wir hier einen riesigen Spielplatz. Wenn die Elbe zugefroren war und nur die Fahrrinne von den Eisbrechern freigehalten wurde, die Tag und Nacht die Elbe rauf und runter fuhren, sprangen die großen Jungen auf den Eisschollen herum. Mit langen Stangen schoben sie sich von Scholle zu Scholle. Wir kleineren Kinder kletterten am Strand über die durch Ebbe und Flut aufgetürmten Eisberge, welche bis zu zwei Meter hoch sein konnten. Mit den ersten Frühlingsstürmen verschwand dann das Eis, und viel Holz wurde an den Strand gespült. Das Holz wurde nun eifrig gesammelt, es wurde für die Osterfeuer gebraucht. Es waren noch nicht so große Feuer wie heute, und schon gar nicht so eine Massenveranstaltung. Dafür waren es aber viele Feuer. An jedem Strandabschnitt entlang der Elbe von Neumühlen bis Rissen und auf der anderen Elbseite von Finkenwerder bis Stade brannten am Ostersonnabend die Feuer. Wir lütten Kinder waren stolz, wenn die großen Jungen uns erlaubten, das von uns gesammelte Holz auf ihren Aufbau zu legen.

Und dann war da noch der Fähranleger Neumühlen, wo wir auf dem Geländer saßen und Schiffe-raten spielten, bis wir Querrillen am Hintern hatten. Nuggis Fischbude gab es noch nicht, sodass wir freie Sicht zum aufkommenden Schiffsverkehr hatten. Die Fährschiffe waren noch nicht solche Schuhkartons wie heute, sondern hatten alle ihre individuelle Bauweise und waren nach Hamburger Stadtteilen benannt. Nur die Jan Molsen, als die größte der Fähren war leicht zu erkennen. Besonders spannend war es, wenn am Horizont nur eine Rauchwolke zu sehen war. Meistens war es dann ein englisches Dampfschiff, das mit Kohlen befeuert wurde. Mit den Länderflaggen kannten wir uns bestens aus, es gab ja auch noch nicht so viele. Die Skandinavier, die Trikolore der Franzosen, und den Union Jack der Engländer. Deutsche Schiffe gab es nur wenige. Schiffe mit Flaggen von Liberia oder Panama gab es noch nicht. An den kleinen Hafen Neumühlen habe ich aber noch andere Erinnerungen, teilweise auch durch Erzählungen. Der Hafen lag im Schatten des großen, mit Backsteinen erbauten Kühlhauses. Es ging das Gerücht um, dass hier während der Nazizeit tausende Tonnen Lebensmittel gehortet wurden, obwohl es in Hamburg nur noch Lebensmittel auf Marken gab. Heute befindet sich im Kühlhaus ein nobles Seniorenheim. Mein Vater hatte geschworen, als im strengen Winter 1947-1948 die Temperaturen bis auf minus zwanzig Grad sanken und die Fensterscheiben in unserem Schlafzimmer von innen und außen mit Eisblumen bedeckt waren: Meine Kinder sollen nie wieder so frieren. Mit seinen Bordkameraden stahlen sie im Neumühlener Hafen, der unter Bewachung der englischen Militärpolizei stand, eine ganze Schute Steinkohle, welche für die englischen Besatzer vorgesehen war, die in ganz Hamburg in beschlagnahmten Häusern wohnten. Da alle Fahrer der Lastwagen, welche die Kohlen vom Hafen zu deren Häusern bringen sollten, Deutsche waren, so auch unser Nachbar, kann ich mich an die Aufregung erinnern, als vor unserem Haus zwei Militärpolizisten erschienen und das Abladen der Kohle überwachten. Es war so viel Kohle, dass das ganze Haus noch 1954, als wir auszogen, damit beheizt wurde.

Ein ganz besonderes Erlebnis aus meiner Kindheit war ein Stapellauf, bei dem mein Bruder und ich dabei sein durften. Unser Vater war zu der Zeit technischer Inspektor bei der Reederei Gebrüder Ullmann. Diese ließ auf der Stülckenwerft, die dort war, wo heute die Theater stehen, zwei der ersten neuen, nach dem Krieg in See gehenden Schiffe bauen. Das erste Schiff St. Michael, benannt nach unserer Hamburger Hauptkirche, wurde im Dezember 1950 vom Stapel gelassen. Das zweite Schiff St. Katharina, auch benannt nach einer Hamburger Hauptkirche, wurde im März 1951 bei immer noch leicht vereister Elbe vom Stapel gelassen. Bei diesem Stapellauf durfte mein Bruder, sieben Jahre, und ich als Elfjähriger dabei sein. Beim Stapellauf selbst, wenn das Schiff von den Helgen gleitet, dürfen keine Gäste an Bord sein, sondern nur die verantwortlichen Werft-Arbeiter. Aber anschließend fuhr eine Barkasse mit Reederei-Angehörigen und Gästen zum Schiff, so auch wir Jungs mit unserem Vater. Nun wurde von oben eine Leiter heruntergelassen und in die Barkasse gestellt, von wo wir nach oben klettern mussten. Bei mir ging auch noch alles gut, aber bei meinem Bruder fing die Barkasse an abzutreiben und die Leiter geriet in eine Schräglage. Er hat sich nur noch festgeklammert und konnte sich vor Angst nicht mehr bewegen. Da kam von unten ein Werftarbeiter mit einer affenartigen Geschwindigkeit die Leiter hoch, packte ihn unter seinem Arm, reckte die andere Hand nach oben, wo sie ergriffen wurde, und die beiden wurden an Deck gehievt. Währenddessen klatschte die Leiter zwischen die Eisschollen in die Elbe.

Ich weiß nur noch von einem vielfachen Aufschrei und dann Applaus von den vielen Zuschauern. Aber auch das Geschimpfe der Werftarbeiter habe ich noch in Erinnerung. Eine Feier fand dann später im Hotel Atlantik statt, aber ohne uns Kinder.

Diesen Zwischenfall habe ich aber erst im Jahr 2016 von Herrn Peter Tamm erfahren, der meinen Bruder und mich in sein Büro im Schifffahrtsmuseum eingeladen hatte. Wir hatten dem Museum Unterlagen aus dem Nachlass unseres Vaters zur Verfügung gestellt und überlassen.

Unsere Schwester wurde im Jahr 1954 geboren und wurde auf den Namen Katharina getauft. Wenn es ein Junge geworden wäre, hätte er selbstverständlich Michael geheißen.