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Die letzte Kurve

Es war im Frühjahr 1985, die Seglergemeinschaft meines Vaters Kurt hatte sich durch Krankheit und Alter aufgelöst. Unsere Kinder waren auch nicht mehr so begeistert, an der alljährlichen Woche Familiensegeln mitzumachen. Die Große wollte lieber in ein Ferienlager und der Kleine lieber zu Oma. Also verabredeten wir mit Kurt einen einwöchigen Segeltörn. Seine Frau Leni war von dem Vorschlag nicht entzückt. Sie hatte doch schon mal einen Segeltörn im Limfjord mit uns gemacht, wobei sie sich, sobald das Schiff etwas schräg lag, mit einer Schwimmweste nach unten in die Kajüte verzogen hatte. Da sie aber bei diesem Urlaub unbedingt dabei sein wollte, planten wir eine Woche zu den Ostfriesischen Inseln. Von Insel zu Insel, abends essen gehen und immer Land in Sicht, das gefiel ihr. Wo die wirklichen Gefahren waren, erzählten wir natürlich nicht.

Erfahrung mit Ebbe und Flut in der Nordsee hatte ich durch zahlreiche Überführungen von Schiffen in die Ostsee. Im Frühjahr wurden die Schiffe von Hamburg via Helgoland, daselbst für die Saison betankt, da hier steuerfrei. Auch steuerfreier Proviant wurde hier gekauft. Wunderschöne argentinische Rindersteaks und natürlich reichlich Spirituosen! Man musste den Proviant aber für eine Reise ins Ausland kaufen, sonst hätte man im nächsten deutschen Hafen die Einkäufe versteuern müssen. Also, wat mook wi nu? Von Helgoland nach Esbjerg in Dänemark segeln, einklarieren (beim Zoll an und abmelden) und dann vom Ausland kommend, mit unserem steuerfreien Proviant nach Eiderstedt schippern. Das war natürlich alles vor der segensreichen Einführung der Europäischen Union!

Im Winter hatte ich noch das Patent zum Führen von Yachten in küstennahen Gewässern erworben. Dies umfasste die Seegebiete gesamte Ostsee, Nordsee, einschließlich der Gewässer rund um England und das Mittelmeer. Aber das ostfriesische Wattenmeer, mit seinen starken Gezeiten, Sandbänken, sich ständig verändernden Prielen, den Seegatten, so nennt man die Durchfahrten zwischen den Inseln, und die dort herrschenden Grundseen war dennoch eine Herausforderung.

Nun ging es an die Auswahl des zu charternden Schiffes. Es sollte ein solides, stabil gebautes Schiff sein, auch wenn die etwas teurer waren. Ich entschied mich für eine in England gebaute Westerly. Gerne hätte ich einen Kimmkieler, ein Boot mit zwei Kielen gehabt, weil man damit im Wattenmeer trockenfallen kann und das Boot geradesteht. Aber ich war wohl mit meiner Buchung etwas spät dran. Wir wollten ja in der letzten Maiwoche buchen, da die Tage schon sehr lang waren und die Charterkosten sich im Juni erhöhten. In Bensersiel fand ich dann noch eine Westerly, allerdings ein Kielschiff mit einem einundvierzig Zentimeter langen Kiel.

In der letzten Maiwoche reisten wir dann nach Bensersiel. Kurt und Leni aus dem schönen Hessen, Petra und ich aus dem noch schöneren Hamburg! Die Einweisung und Übergabe des Schiffes erfolgten norddeutsch, schnell und unkompliziert, sodass wir schon mittags mit unseren persönlichen Einrichtungen fertig waren. So konnten wir unseren Törn beginnen. Wir hatten auflaufend Wasser, also nichts wie los. Der nächste Hafen wäre in Langeoog gewesen, aber dort wären wir trotz der drei Kilometer langen Anfahrt durch den Priel schon in drei Stunden angekommen. Wir entschlossen uns daher nach Baltrum zu fahren.

Es war auflaufend Wasser und der Tidenhub lag hier zwischen zweimeterfünfzig und dreimeterfünfzig, je nach Wind- und Mondstellung. Es gab Nipp- und Springtiden, in denen das Wasser besonders niedrig oder hoch ausfiel. Die achtzehn Kilometer bis Baltrum hätten wir also mit unserem Tiefgang von einmetervierzig problemlos segeln können. Ich hielt mich aber, am ersten Tag unseres Törns, an das durch Pricken gekennzeichnete Fahrwasser. Das sind etwa fünf bis sieben Meter hohe Birken oder Stangen mit Zweigbüscheln, die meistens nur auf einer Seite des Fahrwassers stehen. Gegen achtzehn Uhr erreichten wir dann den an der Ostseite gelegenen Hafen von Baltrum. In Hafennähe gab es ein nettes Restaurant, mit viel Fisch auf der Speisekarte. Ich bestellte mir Finkenwerder Scholle mit einer extra Portion Krabben. Als die schöne große Scholle mit den vielen Krabben dann vor mir stand, kam mir der Gedanke, ob die Krabben wohl hier gepult werden, oder schon tausend Kilometer von Marokko hinter sich haben. Egal, es hat geschmeckt.

Am nächsten Morgen wurde ich durch das Plätschern des auflaufenden Wassers an der Bordwand geweckt. Kurz danach kam auch Kurt an Deck. Es war ein wunderbarer Sonnenaufgang. Wir hörten über UKW den Wetterbericht von Radio Norddeich ab. Ein umfangreiches Hoch, mit Windstärken drei bis vier aus Südost, wurde angekündigt. Kaiserwetter für uns! Leni versuchte angesichts unserer Begeisterung gar nicht erst zu protestieren. Natürlich musste an so einem Tag gesegelt werden!

Nach fünf Kilometern Prickenweg zwischen Baltrum und Norderney waren wir in der Nordsee, auf dem Weg nach Wangerooge. Nach einem wunderschönen Segeltag genossen wir bei einem oder zwei Sundownern den Sonnenuntergang. Am dritten Tag fuhren wir dann durchs Watt nach Spiekeroog. Am nächsten Tag ging es weiter nach Langeoog. Da wieder herrliches Segelwetter war, segelten wir nach Norderney. Unser Urlaub nährte sich langsam dem Ende. So fuhren wir durchs Watt nach Langeoog. Von hier aus waren es nur zehn Kilometer bis Bensersiel, wo wir das Schiff am nächsten Tag wieder abgeben mussten.

Wir hatten nun den ganzen Tag Zeit, um uns auf der Insel umzusehen. Mit der Schmalspurbahn konnten wir direkt vom Hafen in den Ortskern fahren. Mit schönem Essen und etwas Shoppen verbrachten wir den sonnigen Tag. Ob es an dem schönen Essen oder an den Getränken lag, mit denen wir unseren Urlaub in dem schönen Lokal feierten, weiß ich nicht mehr, aber auf jeden Fall waren wir zu spät dran, für die zehn Kilometer lange Fahrt nach Bensersiel. Die Ebbe hatte schon eingesetzt, sodass wir nun gegen das ablaufende Wasser anfahren mussten. Aus den geplanten drei Stunden wurden mehrere! Außerdem war es nun stark bewölkt, auch Gewitter war angekündigt worden. Bei der Einfahrt in den drei Kilometer langen Priel nach Bensersiel wurde es schon recht dunkel, so dunkel, dass man sich von Pricke zu Pricke tasten musste. Petra stand hinten mit einer starken Taschenlampe und rief Kurt zu, wenn sie die letzte Pricke gesehen hatte, Kurt stand mit dem Bordscheinwerfer vorn und bestätigte dann, dass er die nächste Pricke sehen konnte.

Wir waren nur noch dreihundert Meter von der hell erleuchteten Promenade entfernt. Dann passierte es. Mit einem leichten Knirschen saßen wir fest! Vollgas, vorwärts oder rückwärts fahren nützte nichts, das Schiff saß fest. Es war klar, dass es sich im Laufe der nächsten Stunde auf die Seite legen würde. Wichtig war nun, nach welcher Seite. Wäre es die Seite zum Priel, würde es gefährlich werden, denn dann könnte die Neigung neunzig Grad oder mehr werden. Also mit dem Bootshaken erst mal die Tiefe loten. Auf der Steuerbordseite war der Tiefgang bedeutend niedriger. Kurt und ich brachten den Anker mit dem Schlauchboot in zwanzig Meter Entfernung auf der Steuerbordseite aus, verbanden ihn dann mit einer Leine, welche am Mast befestigt und unter Spannung gehalten wurde, damit das Schiff nach dieser, der flacheren Seite kippte.

Petra kochte in der Kajüte eine große Kanne Kaffee und schmierte Brote für die Nacht. Sie räumte auch alle Sachen aus den Seitentaschen an Backbord, welche herausfallen konnten, auf die Steuerbordseite. Leni saß, in ihre Schwimmweste und eine Wolldecke eingemummelt, in der Ecke und starrte auf die Blitze aus den schwarzen Gewitterwolken im Westen. Dies soll keine herabwürdige Aussage sein. Auch in anderen Situationen hatte ich es schon erlebt, dass Menschen in vermeintlich gefährlichen Situationen in eine Schockstarre verfallen. In meinen Seglerlehrgängen wurde auch über dieses Thema gesprochen.

Von Minute zu Minute legte sich das Schiff nunmehr auf die Seite, bis wir mit etwa vierzig Grad auf der Sandbank lagen. Das Gewitter zog zum Glück nach Westen ab, nur noch Wetterleuchten war am schwarzen Himmel zu sehen. Wir vertrieben uns die Nacht mit Geschichtenerzählen, bis nach sechs Stunden der Morgen graute. Als das Wasser wieder auflief und sanft gegen den Rumpf plätscherte, sahen wir die Ursache unseres Auflaufens. Kurt hatte mit seinem Scheinwerfer schon die übernächste Pricke gesehen. Die nächste stand nämlich in neunzig Grad zum bisherigen Fahrwasser. Ein gemeiner Schlenker des Priels, so kurz vor dem Hafen. Zentimeter für Zentimeter richtete sich das Schiff nun wieder auf. Ein Schaden war nicht entstanden, nur an der Steuerbordseite klebte noch etwas Schlick. Der Hafenmeister empfing uns mit den Worten Jo, im Watt musst immer bis zur letzten Kurve aufpassen.

Leni ist nie wieder mit uns gesegelt. Aber mit meinem Vater haben Petra und ich noch einige schöne Törns gemacht.