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Ein Sommer auf dem Bauernhof

Es waren wieder große Sommerferien und ich wollte sie auf dem Bauernhof meiner Tante Lene in Schleswig-Holstein verbringen. Das uralte, reetgedeckte Fachwerkhaus wurde seit zweihundert Jahren von meiner Verwandtschaft, der Familie Mews, bewohnt. Wie alt das Haus wirklich war, konnte keiner sagen. Es stand hinter drei riesigen Kastanienbäumen, deren Stämme so dick waren, dass mindestens zwei Kinder sie umfassen konnten. Die Kronen der Bäume ragten noch über das Dach des Hauses hinaus. Das Reetdach wurde immer wieder aufgepolstert und hatte eine Stärke von dreißig bis fünfzig Zentimetern. Es war so tief herabgezogen, dass ich es mit der ausgestreckten Hand berühren konnte. Es war wohl mehr eine Bauernkate als ein Bauernhaus. Die Eingangstür in der Mitte des Hauses führte direkt in die Küche, von hier aus waren auf der linken Hälfte die Wohnräume, auf der rechten Seite die Tenne und die Stallungen. In der Wohnküche stand ein Tisch mit vier Stühlen, ein großer Eisenherd und ein gusseisernes Wasserbecken. Wasser gab es aber im Haus nicht, es musste eimerweise von der Wasserpumpe im Hof geholt werden. Darum stand auch immer ein großer Kessel mit Wasser auf dem Herd. Direkt an der Küche war dann noch die Speisekammer, in der auf etlichen Regalen Gläser mit Eingemachtem standen. Nicht nur Obst und Gemüse waren hier zu finden, sondern auch Leberwurst, Blutwurst, Sülze und Gartengewürze.

Dann gab es noch die Kammer. Hier waren Pött und Pann untergebracht, aber auch die Räucherwaren, ganze Schinken und Mettwürste. Das roch so herrlich, dass ich auch sechzig Jahre später den Geruch noch in der Nase habe. Von der Küche aus ging es in die Gute Stube. Dort durfte man aber nur auf Socken herein oder wenn es Besuch gab, was aber sehr selten der Fall war. Nur Onkel Emil machte dort seine halbe Stunde Mittagspause und ich schlief in den Ferien dort auf dem Sofa, da ich inzwischen 14 Jahre alt war.

In früheren Jahren habe ich mit im Schlafzimmer, welches vom Wohnzimmer abging, auf der sogenannten Besucherritze im Ehebett geschlafen. Im Schlafzimmer stand auch noch das Bett des fast achtzigjährigen Vaters von Tante Lene und ich war froh, das Geröchel von Onkel August nicht mehr hören zu müssen. Auf der andern Seite des Hauses waren, von der Tenne aus gesehen rechts, die Ställe für die Kühe. Meistens waren es sieben Milchkühe, die hier standen, obwohl für zehn Tiere Platz gewesen wäre. Aber Tante Lene wollte nicht noch mehr Tiere, da das Melken, das ja von Hand gemacht werden musste, meistens von ihr alleine zu erledigen war. Die Kühe wurden alle Lieschen genannt.

Im Kuhstall war auch die Toilette, ein sogenanntes Plumpsklo, das heißt: Ein Eimer mit einer darüber gebauten Holz-Sitzfläche, an der Wand ein Nagel mit kleingeschnittenem Zeitungspapier vom Landboten, der einmal die Woche ausgetragen wurde. Links der Tenne war der Pferdestall, hier war Lotte, eine kräftige Holsteiner Stute, untergebracht. Über dem Ganzen war der Heuboden, mit einem Zugang von der Tenne aus zu erreichen. Heu und Stroh für das Vieh wurden hier gelagert, aber auch drei bis vier geräucherte Schinken hingen hier, manchmal über Jahre. Hinter dem Haus war der Obst- und Gemüsegarten angelegt. Von Stachelbeeren bis zu Äpfeln, von Küchenkräutern bis zum Spargel war hier alles angepflanzt, was die Familie über das Jahr brauchte, denn gekauft wurde nur sehr wenig, wie zum Beispiel Salz, Essig, Mehl, Kaffee oder einmal die Woche Fisch von einem fahrenden Händler.

In einem großen Freigehege hielt Tante Lene auch noch sechzig bis achtzig Hühner und immer einen Hahn. Die Hühnereier wurden einmal die Woche von einem Händler aufgekauft und waren neben dem Milchgeld von der Meierei die einzige bescheidene, regelmäßige Bareinnahme. Am Ende des Gartens standen in einem großen Brennnesselfeld, das für Schweinefutter angelegt war, noch drei Bienenstöcke. Der Schweinestall war auf der gegenüber liegenden Straßenseite des Hauses in einer Remise zum Unterstellen der landwirtschaftlichen Geräte wie Egge, Pflug, Heuwender oder verschiedene Pferdewagen. Im Schweinestall gab es vier Boxen, in dreien davon waren jeweils zwei Schweine untergebracht. Immer in fortlaufenden Gewichtsklassen, so dass jedes Jahr zwei Schweine geschlachtet werden konnten. In der vierten Box war die riesige Zuchtsau untergebracht. Das Tier war äußerst aggressiv und die Tür der Box war mit einem Schloss extra gesichert. Ich wurde auch jedes Jahr aufs Neue gewarnt, ja niemals in die Box zu gehen. Sicher war das Verhalten des Tieres darauf zurückzuführen, dass es dreimal im Jahr sechzehn bis zwanzig Ferkel werfen musste. An den Außenwänden der Box waren starke Holzgitter angebracht, hinter denen sich die Ferkel nach dem Säugen in Sicherheit bringen konnten, denn es kam vor, dass die Sau ihre eigenen Kinder auffraß.

Tante Lene war klein und schmal, ihre spitze Nase stach aus den eingefallenen Wangen hervor und das ehemals blonde Haar wurde auch schon langsam grau. Aber sie hatte trotzdem sehr viel Kraft, besonders in den Armen. Sie war zäh und ausdauernd bei ihrer vielen Arbeit. Ja, Arbeit hatte Tante Lene immer und immer sehr viel. Wenn ich um sechs Uhr aufstand, hatte sie schon das Frühstück fertig. Jeder hatte ja auf dem Hof seine Arbeiten zu machen, aber ich glaube, Lene hatte die meiste Arbeit. Da war nicht nur das Melken der sieben Kühe zweimal am Tag, von Hand, was ich zum Beispiel nicht schaffte, bei mir musste sie immer nachmelken, wenn ich ihr mal half. Der gesamte Haushalt, der Garten, die Hühner, das Schleppen der Wassereimer von der Wasserpumpe in die Küche und natürlich musste sie während der Erntezeit auch mit auf die Felder. Ich habe Tante Lene niemals lachen oder lächeln gesehen, aber sie hat sich auch nie beschwert. Wie auch, es wurde im Haus kaum einmal gesprochen und Kinder gab es auch nicht. Lene war die letzte geborene Mews in der zweihundertjährigen Familiengeschichte.

Ihr Mann, Onkel Emil, war auf einem Gutshof in Pommern aufgewachsen. Er wollte, dass ich ihn nur Emil nannte, sonst kommt er sich so alt vor, sagte er. Emil erzählte immer gerne und viel, er war für jeden Spaß zu haben. Seine Eltern waren in Pommern noch LeibeigeneDie Leibeigenschaft oder Eigenbehörigkeit bezeichnet eine vom Mittelalter bis in die Neuzeit verbreitete persönliche Verfügungsbefugnis eines Leibherrn über einen Leibeigenen. Leibeigene waren zu Frondiensten verpflichtet und durften nicht vom Gutshof des Leibherrn wegziehen. Sie durften nur mit Genehmigung des Leibherrn heiraten und unterlagen seiner Gerichtsbarkeit. bei den Gutsherren gewesen. Emil war schon früh Soldat geworden und hatte den ganzen Russland-Feldzug mitgemacht. Auf dem Rückzug der Wehrmacht war er in Königsberg gelandet. Hier ließ er sich von einem Kameraden in die linke Wade schießen, sodass er ins Lazarett kam, wo er aber nur ein paar Tage blieb, um sich dann von Königsberg zu Fuß, teilweise über die zugefrorene Ostsee, bis nach Schleswig-Holstein durchzuschlagen. Neben der Feldarbeit und dem Ausmisten der Ställe nutzte Emil jede Gelegenheit, auf der Mühle im Dorf ein paar Mark mit Hilfsarbeiten zu verdienen, denn von dem, was sie auf dem Hof erwirtschafteten, konnten sie kaum leben.

Dann war da noch der Altbauer Onkel August, der in diesem Sommer achtzig Jahre alt wurde. Er war hauptsächlich für die Versorgung der Schweine zuständig. Dazu kochte er jeden Morgen einen Zwanzigliter-Kübel voll Kartoffeln. Wasser, Schrot, Stroh, Häcksel und die Kartoffeln schleppte er dann über die Straße zum Schweinestall. Auch eine Karre voll Brennnesseln rupfte er jeden Morgen mit nackten Händen und Armen für die Schweine aus. Mich juckten schon vom Zusehen die Arme, aber ich hatte ja auch nicht so eine Lederhaut wie Onkel August. Meine Hauptaufgabe in den sechs Wochen Ferien war das Milchfahren, für die drei nebeneinander liegenden Bauernhöfe, zu der vier Kilometer entfernten Meierei.

Normalerweise machten das die drei Höfe im wöchentlichen Wechsel. Es wurde zwar nie gesagt, aber ich konnte doch merken, dass alle ganz froh waren, dass sie die zeitaufwendige Arbeit gerade in der Erntezeit nicht belastete. Es war natürlich nicht nur das Fahren zur Meierei, sondern es begann um sechs Uhr mit dem Füttern von Lotte. Lotte bekam eine Kiepe voll Heu, einen Eimer Häcksel und Hafer sowie einen Eimer voll sauberes Wasser. Wenn ich mal den Wassereimer nicht richtig sauber gemacht hatte trank Lotte einfach nicht, sondern sah mich mit ihren großen braunen Augen nur an und schüttelte sich mit dem ganzen Körper. Anschließend wurde sie vom Kopf bis zu den Beinen gestriegelt, der Stall ausgemistet und frisches Stroh eingestreut. Schließlich war Lotte der wertvollste Besitz auf dem Hof. Nach dem Anlegen des Zuggeschirrs konnte ich Lotte nun vor den Milchwagen spannen und ab ging die Fahrt zum abgelegensten der drei Höfe, zu Bauer Harms. Bauer Harms war noch nicht lange verheiratet, er hatte eine Frau aus der Stadt genommen. Im Dorf wurde sie nur die Städt’sche genannt. Unerhörterweise trug sie nämlich bei der Arbeit lange Hosen und nicht wie die anderen Frauen eine dunkle Kittelschürze. Außerdem wurde sie manchmal beim Reiten gesehen, auf dem einzigen Pferd, das Bauer Harms noch hatte, nur so zum Vergnügen. Harms hatte schon einen Trecker für die Feldarbeit, er stellte seinen Hof langsam auf den Anbau von Gemüse um, weg von der zeitaufwendigen Viehwirtschaft.

Weiter ging es zum Hof der lautstarken großen Anna und ihrem sechzehnjährigen Sohn Arne. Annas Mann war im Krieg geblieben, wie es ausgedrückt wurde, sodass der Arne schon mit seinen sechzehn Jahren die gesamte Landwirtschaft machen musste. Anna hatte den größten der drei Höfe, zwei Knechte, zwei Mägde, vier Pferde, dreißig Kühe und verschiedenes Federvieh gehörten zum Hof. Die vielen Milchkannen waren auf Böcken an der Straße abgestellt, so dass es kein Problem war, sie auf den Wagen umzuladen. Als letzte Station war Tante Lene dran, bevor ich nun zur Meierei im Dorf fuhr. Dort wurde ich mit einem lauten de Hamburger is wedder dor begrüßt und man half mir beim Abladen der Milchkannen. Mit ein paar Kannen voll Molke für das Jungvieh und die Schweine, Butter- und Käsebestellungen machte ich mich dann auf den Rückweg. Emil war in der Zwischenzeit schon einige Stunden auf dem Feld beim Rübenverziehen, das bedeutete, mit einer Hacke rund um jede Pflanze die Erde auflockern, das Unkraut entfernen und für einen Zwischenraum zur nächsten Pflanze sorgen. Sobald Tante Lene ihrem Vater geholfen hatte, den schweren Topf mit Kartoffeln für die Schweine vom Herd zu nehmen, und eine Pfanne mit Bratkartoffeln und fettem Speck aufgesetzt hatte, die gab es nämlich jeden Mittag mit einer Scheibe Schinken oder einmal die Woche mit Fisch, folgten wir Emil aufs Feld. Es schien mir unmöglich, das riesige Feld mit seinen endlosen Reihen kleiner Pflanzen jemals fertig zu bearbeiten. Aber nach drei Tagen hatten wir drei auch das erledigt.

Am nächsten Tag hatte Onkel August seinen achtzigsten Geburtstag. Schon am Vormittag kamen die ersten Gratulanten, darunter auch der Bürgermeister des kleinen Dorfes. Die Nachbarn, sowie ein paar Verwandte aus Kiel wurden am Nachmittag erwartet. Tante Lene hatte zwei große, dreischichtige Sahnetorten mit verschiedenen Früchten gemacht. Sie muss das wohl irgendwann in der Nacht gemacht haben, denn morgens standen sie schon in der Speisekammer. Nie wieder in meinem Leben habe ich eine bessere Torte gegessen, auch nicht beim Konditor. Am Nachmittag war dann auch die gute Stube voller Gratulanten, Onkel August saß in seinem Lehnstuhl, nahm die Glückwünsche mit einem Nicken entgegen und betrachtete das Gewusel in der Stube. Gesagt hat er nichts und ich hatte schon länger den Verdacht, dass er gar nicht mehr Sprechen konnte, jedenfalls habe ich nie ein Wort von ihm gehört. Plötzlich stand er jedoch auf und bat mit seinen Händen um Ruhe. Als auch die Letzten das mitbekommen hatten, begann Onkel August mit klarer Stimme im schönsten Holsteiner Platt das Gedicht De Pingstour aufzusagen.

To Pingsten, ach wie scheun, ‒ wenn de Natur so greun,
un all’ns na buten geiht, dat is een wohre Freid!
besünners vör de Göörn, ‒ de heurt man räsoneern:
Weur Pingstn doch erst bloß ‒ denn goht wie los!
Kümmt nu Pingstobend ran, ‒ denn geiht’n Leben an,
de Mudder seept de Görn ‒ vun achtern un vun vörn,
sünds wuschen nu un kämmt, ‒ denn kreegt se ’n reinet Hemd,
un denn geiht mit Gejuch ‒ rin in de Puch!
De Vadder nu ton anner'n Morg'n ‒ deit sick mit Proviant versorg’n:
Eier, Käs, Wust un Schinken, ‒ ook verschiedenerlee to drinken.
Dormit keen Minsch de Tied verslopt, ‒ treckt he noch den Wecker op,
un anner'n Morgen gegen soß, ‒ dor schippert los de Troß.
De Vadder geiht voran, ‒ een witte Maibüx an,
sien Jung kummt in de Mitt, ‒ natürlich ook in Witt,
dorbi hebbts op den Kopp ‒ een fien'n Strohhoot op,
all’ns sauber un mit Schick, ‒ grood wie gelickt.
Un nu kummt achterher ‒ mit’t allerlüttste Göör,
in groot’n Kinnerwog’n ‒ de Mudder angeschob’n.
De Dochter mookt den Sluß, ‒ stolt, voller Hochgenuß,
in Arm mit ehren Freier, ‒ een Piependreiher.
Een jeder, wehrnd se nu marscheert, op eeg’ne Fuust sick amüseert:
De Vadder vör, de kippt sick een, ‒ de Jung dor achter grapst Sireen,
de Mudder mutt so in’ Gedräng’n - den Lüttsten öfter dreug mol legg’n,
dat Liebespoor kummt achterher, de snackt von em un ehr.

Es war nun mittlerweile fast Ende August und der Roggen erntereif, da aber so schönes Wetter war, sollte er noch ein bisschen Sonne bekommen. Nach einem schwülen, heißen Tag, der Mensch und Tier erschlaffen ließ, zog von Westen her eine schwarze Wand am Himmel hoch. Mit fernem Grollen kündigte sich ein Gewitter an. Und dann war es über uns, es blitzte und krachte in unmittelbarer Nähe, stundenlang, es kam wohl nicht über den nur wenige Kilometer entfernte Nord-Ostsee-Kanal. Tante Lene saß schreckensbleich in der Küche und klammerte sich an einen kleinen Koffer, in dem alle wichtigen Papiere aufbewahrt wurden. Emil war im Kuhstall, wo er beruhigend auf die Kühe einwirkte, indem er laut redete oder sang. Erst wollte ich ja nicht aufstehen, war ich doch ein cooler Junge aus der Großstadt, aber langsam wurde es auch mir unheimlich, solche Gewitter gab es in der Stadt nicht. Dann erzählte Tante Lene auch noch Gruselgeschichten von Kugelblitzen, die durch Fenster und Türen schlugen und Häuser wie dieses, mit Reetdach und Heuboden nach einem Blitzeinschlag in Minuten abbrannten. Endlich setzte der Regen ein, aber gleich so stark, dass der ganze Hof zu einem See wurde. Mit dem Regen zog nun auch das Gewitter weiter und ein sonniger Morgen zog auf. Emil war schon früh auf das Roggenfeld gegangen, er ahnte wohl schon, was passiert war. Er kam dann auch mit der für den Hof katastrophalen Nachricht zurück, dass das gesamte Roggenfeld platt auf dem Boden lag. Mit der Maschine konnte man es nun nicht mehr ernten, aber hauptsächlich das Stroh wurde ja dringend für die Tiere gebraucht. Also musste das ganze große Feld von Hand gemäht werden. Emil mähte von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang mit der Sense, Tante Lene und ich bündelten die Halme, immer einen Arm voll, dann wurden die Bündel mit ein paar Halmen zusammen gebunden und in Hocken zum Trocknen aufgestellt. Die Hocken mussten jeden Tag umgestellt werden, damit sie richtig trocknen konnten. Für eine Mittagspause war keine Zeit, es gab ein paar Brote und einen Milchkaffee, die unter einem schattigen Baum eingenommen wurden. Nach einer Woche waren wir dann mit der Schinderei in der Augusthitze durch, sodass nun der Roggen auf den Dachboden gebracht werden konnte.

An einem Sonntag besuchte ich nach der Milchtour Arne auf dem Nachbarhof. Arne war der einzige Junge in der Umgebung, der ungefähr in meinem Alter war. Er sah wütend und hilflos aus, hatte sich hinter den Holzschuppen verzogen, schmiss mit kleinen Kieselsteinen nach den Enten und sagte hau bloß ab. Tat ich aber nicht, sondern setzte mich ganz still neben ihn. Ich hatte das Gefühl, dass der große, kräftige Arne gleich weinen würde. Erst stockend dann immer genauer erzählte er die Erlebnisse der vergangenen Nacht. Seine Mutter, die Kriegerwitwe Anna, hatte einen Liebhaber aus dem Dorf, und der war in der Nacht bei ihr im Bett an einem Herzinfarkt gestorben. Anna weckte ihren Sohn und einen Knecht, die mussten den Toten erst einmal anziehen, dann musste Arne die Kutsche anspannen, auf der sie den Toten ins Dorf zu seiner Frau brachten und in sein Bett legten, sodass diese am nächsten Tag den Arzt rufen konnte.

Aber es gab auch fröhliche Ereignisse wie das Ringreiten. Es fand auf einer Wiese hinter dem Dorfkrug statt. Beim Ringreiten musste eine ca. zehn Zentimeter große Scheibe mit einem drei Zentimeter großen Loch, welche an einem Galgen aufgehängt war, mit einer kleinen Lanze im Galopp aufgespießt werden. Es beteiligten sich auch Bauern aus den umliegenden Dörfern daran. Das Schwierigste war bei den meisten, ihre Pferde in einen Galopp zu bringen, denn es waren ja alles schwere Arbeitstiere, die das Reiten und Galoppieren nicht gewohnt waren. Rund um die Festwiese waren verschiedene Buden aufgebaut, es gab dort Dosenwerfen, Schießstände, Wurst- und Bonbonbuden. Abends war dann im Dorfkrug ein großes Tanzfest. Tante Lene hatte aber nur am Nachmittag mal kurz Zeit, sich das Ganze zu betrachten, denn um 18 Uhr musste sie ja schon wieder melken. Für mich war es eine schöne Gelegenheit, die Dorfjugend kennen zu lernen, wenn ich auch immer nur de Hamborger genannt wurde.

Meine Ferien waren nun bald zu Ende. Wieder beim Rübenverziehen sagte Emil am Nachmittag zu mir: Du kennst doch Bauer Siems, fahr mal zu ihm und sage ihm Bescheid, dass er mal mit seinem Eber vorbeikommen soll. Mir war, auch wenn ich aus der Stadt kam und auf eine reine Jungenschule ging, schon klar, was der Eber machen sollte. Hatten doch ein paar kluge Jungs aus meiner Klasse mich in dunklen Ecken aufgeklärt, was man mit Mädchen so alles machen kann.

Bei Bauer Siems auf dem Hof war kein Mensch zu sehen, auch auf mein Rufen ins Haus meldete sich niemand. Dann kam Heike, die Tochter, die etwa so alt wie ich war, um die Ecke geradelt. Wat wullt du denn fragte sie mich. Din Vatter wat bestellen sagte ich. De is nicht dor. Na denn dien Moder ging unsere Unterhaltung weiter. De is ok nicht dor, aber du kannst mi dat jo ok vertellen. Ne ‒ dat kann ik nur dien Vatter bestellen, sagte ich schon mit einem roten Kopf, ich brachte es einfach nicht fertig, Heike das zu erzählen, obwohl es für sie als Mädchen auf einem Bauernhof wahrscheinlich die natürlichste Sache der Welt war. Emil wollte sich totlachen, als ich ihm erzählte, dass ich nichts bestellt hatte.

Obwohl es bei Tante Lene immer viel Arbeit gab, habe ich meine Ferien dort sehr gerne verbracht.
Vielleicht, weil man dort mit seiner Arbeit anerkannt wurde oder weil man einfach noch nichts anderes kannte als Ferien bei den Verwandten.