TimetunnelEine Zeitreise in die Vergangenheit … die Zeittafel der Machtergreifung 1933 … Parallelen zum Heute entdecken
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Amerikanischer Soldat 1945Amerikanischer Soldat verschenkt Schokolade an Kinder, 1945 – [Bildquelle:© bpk Bundesministerium für Arbeit und Soziales 2016] Luftbrücke Berlin 19481948, Berlin während der Blockade, Landung eines „Rosinenbombers“ auf dem Flughafen Tempelhof [Wikimedia, Fotografie von Henry Ries] Kennedy in Berlin 1963Kennedy in Berlin 1963 (Ich bin ein Berliner) [Bundesarchiv, UFA-Wochenschau 361/1963 vom 28. Juni 1963] Kennedy in Berlin 196310. November 1989: Feiernde Menschen auf der Mauer am Brandenburger Tor [Lear 21 at English Wikipedia, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons] Grönland als US-BundesstaatDonald J. Trump 2026 – @realDonaldTrump [Truth Social]

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Detlev Lubjahn

Vom großen Bruder zur Ent-Täuschung

Eine persönliche Amerika-Bilanz im Spiegel von 77 Jahren Zeitgeschichte.

Nach Vera F. Birkenbihl bedeutet das Wort „Enttäuschung“ das Ende einer Täuschung. Wenn man von einem Menschen ent-täuscht ist, bricht eine falsche Vorstellung weg. Statt zu trauern, so Birkenbihl, solle man dankbar sein, weil man nun die nackte Realität sieht.

Ich nehme diese Definition als Ausgangspunkt für eine Bestandsaufnahme: Im Alter von 77 Jahren reflektiere ich mein persönliches Verhältnis zu den USA.

Geboren 1949 und aufgewachsen in West-Berlin, war mein Bild von „Amerika“ stets von den meist freundlichen Soldaten geprägt. Aus Besatzern wurden Schutzmächte, die uns davor bewahrten, vom „Osten“ geschluckt zu werden.

Mir und der Mehrheit meiner Zeitgenossen wurde das Bild eines reichen, fortschrittlichen Amerikas vermittelt. Ein Land der Demokratie und Freiheit, in dem es jeder mit Fleiß, Geschick und etwas Glück vom Tellerwäscher zum MillionärJetzt den Zeitzeugenbericht Vom Tellerwäscher zum Millionär oder: Der reiche Onkel in Amerika von Hartmut Kennhöfer lesen.[Klick …] bringen konnte. The American Dream eben.

Ich war eifriger Leser von Walt Disneys Micky-Maus-Heften. Deren redaktionelle Innenseiten förderten dieses positive Bild jugendgerecht: Erfindergeist, Einschienenbahnen, Mondraketen …

Später kam die Begeisterung für die Popmusik hinzu. Dabei war es uns völlig egal, ob diese aus Liverpool, London oder Kalifornien stammte – frei nach Lothar Matthäus: „Hauptsache Amerika!“Der Spruch lautet im Original: „Ob Mailand oder Madrid – Hauptsache Italien!“ Und selbst später, bis in die 1980er-Jahre hinein, gehörten die Besuche beim Deutsch-Amerikanischen Volksfest in Zehlendorf mit meinem Vater, meiner Mutter und meiner Schwester traditionell zu den Höhepunkten meines Jahres.

Politisch betrachtet – ich wuchs in einem aufmerksamen, wissbegierigen Elternhaus auf – gab es gar keine Zweifel. Unser Weltbild war einfach und klar: Hier wir, die Guten; dort der böse Feind in Ost-Berlin und Moskau. In Bezug auf unsere amerikanische Schutzmacht hieß das im Berliner Jargon: „Pass uff, ick hab nen jroßen Bruda, der kann hauen!“ Ja, uns war klar: „Uff meene Keule“ war Verlass!

Na ja, wir West-Berliner waren schon enttäuscht, dass die Amerikaner den Bau der Mauer am 13. August 1961 zuließen. Doch als John F. Kennedy dann im Juni 1963 triumphal durch die Stadt kutschiert wurde und sich selbst zum Berliner erklärte, war alles vergeben. Die spätere Ermordung des Präsidenten traf uns mit einer Betroffenheit, als sei ein naher Angehöriger gestorben.

Wir zweifelten auch nicht daran, dass 1962 die Russen allein schuld an der Kuba-Krise waren. Wir glaubten auch den Nachrichten, dass im April 1961 in der Schweinebucht „Unbekannte“ die Karibikinsel angegriffen hätten – auch wenn sich erste, leise Zweifel regten. Es ging schließlich darum, die Insel vom bärtigen Finsterling Fidel Castro zu befreien.

Die Klischees blieben stabil: Amerika war der Sehnsuchtsort der Moderne. Wir nahmen die alberne Marlboro-Werbung ernst, kauften Levi’s-Jeans und glotzten jeden Dienstag die seichte Westernserie BonanzaWir ulkten und sangen: „Die Sonne sinkt, der Käse stinkt – BONANZA!“. Später, ab 1970, kam das BONANZA-Rad in Europa in Mode.Hartmut Kennhöfer. Alles andere wurde ausgeblendet.

Selbst die Bürgerrechtsbewegung im Süden – von den damaligen Medien oft distanziert als „Negerunruhen“ bezeichnet – wurde in der deutschen Öffentlichkeit seltsam gedimmt wahrgenommen. In der neunten oder zehnten Klasse behandelten wir zwar Martin Luther Kings Rede, aber ansonsten wurde das Bild des heilen Amerikas aufrecht erhalten.

Erst mit der Pubertät kamen leise Zweifel. Da war dieser Vietnamkrieg. Aufmüpfig, wie ich mit 16 oder 17 Jahren war, bediente ich mich auch der Quellen jenseits der Mauer – das DDR-Fernsehen kannte keine Grenze. Was ich dort sah, war verstörend. Doch ich war nicht mutig genug, mich den Studentendemonstrationen auf dem Kurfürstendamm anzuschließen. Aber ich empfand es damals nicht als Widerspruch, gedanklich mit den Rufen „Ami raus aus Vietnam“ zu sympathisieren und gleichzeitig eine eiskalte Coca-Cola zu genießen.

Das Studium an der damals radikalenNa, na, na! – Ich habe damals (von 1966 bis 1968) an der FU studiert und konnte (neben der Teilnahme an den Demos und Sit Ins) einem geregelten Vorlesungsablauf nachgehen. Die FU war wohl aus Sicht der Springerpresse radikal. De facto waren es aber nur einige Gruppen.Michael Malsch Freien Universität Berlin verstärkte die Skepsis. Ich war ausgerechnet am Otto-Suhr-Institut eingeschrieben, der vermeintlichen Kaderschmiede der Weltrevolution. Ich ließ mich zwar nicht ideologisch anstecken, sah nun aber genauer hin: In den USA herrschte bittere Armut, es gab keine soziale Absicherung wie bei uns, und Bildung kostete ein Heidengeld. 1971 unterstützten sie den Putsch in Chile, später besetzten sie Grenada. Die alte, aggressive Monroe-DoktrinGegen ihre Pläne zur militärischen Intervention in Süd- und Lateiname­rika wandte sich US-Präsident James Monroe am 2. Dezember 1823 in seiner Rede vor dem Kongress. Er skizzierte die künftige US-Außenpolitik. Monroe stellte klar, dass die alte von der neuen Welt politisch strikt zu trennen sei, und legte somit Einflusszonen fest. Monroe forderte die europäischen Mächte auf, keine weiteren Kolonien in Nord- und Südamerika zu errichten. Sie sollten die neu entstandenen souveränen Staaten respektieren und sich aus deren Ange­legenheiten heraushalten. Präsident Monroe drohte andernfalls mit einem Eingreifen der USA. Diese würden sich im Gegenzug nicht in die Angelegen­heiten Europas einmischen. Als griffige Kurzformel galt und gilt: „Amerika den Amerikanern!“ war unübersehbar.

Und doch: Die USA schützten die Freiheit unserer Stadthälfte. Gleichzeitig schenkten sie uns Woodstock und die Flower-Power-Bewegung. Es blieb ein zutiefst ambivalentes Verhältnis, besonders, als der in unseren Augen gefährliche Ronald Reagan das Wettrüsten forcierte. Gegen den NATO-Doppelbeschluss ging ich auf die Straße und atmete mein erstes Tränengas. Als dieser Ex-Schauspieler dann auch noch vor einem ausgewählten Publikum am Brandenburger Tor pathetisch rief: „Mr. Gorbachev, open this gate!“, klang das in meinen Ohren einfach nur lächerlich.

Anfang 1988 reiste ich das erste Mal selbst in die USA. Voreingenommen flog ich hin – und wurde fasziniert. Nicht von Disneyland oder der Golden Gate Bridge alleine, sondern von der schieren Größe und Vielfalt des Landes. Es war tatsächlich ein Raum der unbegrenzten Möglichkeiten für jene, die zupacken konnten.

Dieser Eindruck bestätigte sich auch bei meinen späteren Besuchen in New York, Boston und Miami. Ich bewunderte den amerikanischen Pragmatismus: „Just do it!“ Wenn es scheitert, grüble nicht: „Try again.“

Die Mauer fiel, und ich lachte nicht mehr über Reagans Worte. Die Alliierten zogen ab, Francis Fukuyama rief das „Ende der Geschichte“ aus. Den ersten Golfkrieg tat ich noch als ferne Großmachtpolitik ab. Beim zweiten Golfkrieg 2003 war die Stimmung in Deutschland eine andere: Wir glaubten das Märchen von den Massenvernichtungswaffen nicht. Das laute, undiplomatische „Nein“ von Gerhard Schröder fand ich absolut richtig – es war vermutlich seine beste außenpolitische Entscheidung.

Und heute? Noch 2017 war ich felsenfest davon überzeugt, dass das amerikanische System der Checks and Balances die Präsidentschaft dieses mutmaßlichen Psychopathen, Donald Trump, unbeschadet überstehen würde. Selbst den Sturm auf das Kapitol schien die Demokratie zu überstehen, zumal ich ziemlich sicher war, dass die Episode Trump zu Ende war. Wie die meisten Europäer machte es mich dann fassungslos, als der inzwischen verurteilte Straftäter 2024 erneut eine demokratische Wahl gewann.

Ich wertete das nicht moralisch – auch Hitler kam 1933 in einem damals demokratischen System an die Macht. Aber es stimmte mich traurig. Mit dieser erneuten Präsidentschaft wurde das Ende jener Demokratie eingeläutet, die uns einst als unerschütterliches Vorbild galt.

Über die geopolitischen Entwicklungen seitdem ist viel Kluges geschrieben worden. Ich widerstehe der Versuchung, die Innen- oder Außenpolitik der aktuellen US-Administration zu analysieren. Mir geht es jetzt darum, mein persönliches Verhältnis zu diesem Amerika zu justieren – oder, um den Eingangsabsatz aufzugreifen: meine Ent-Täuschung zu verarbeiten.

Ent-Täuschung bedeutet schließlich, dass eine Täuschung beendet ist. Meine persönliche Aufarbeitung besteht darin, mich aus einer jahrzehntelangen Illusion zu lösen. Es war die Illusion, dass das von uns so bewunderte politische System der USA ein unerschütterliches Vorbild sei, während es im Grunde genommen oft nur dem Machterhalt einer Elite dient. Es war der Glaube an Kriege, die angeblich für Freiheit, Menschenrechte und Demokratie geführt wurden, sich letztlich aber als schlichte imperialistische Aktionen entpuppten.

Zum American Way of Life gehörten eben nicht nur freie Highways, Greyhound-Busse in der unendlichen Weite des Landes, die schmissige Country-Musik von Johnny Cash und Willie Nelson, die Apollo-Mondlandungen und nützliche Teflonpfannen. Zur Realität gehören auch verfettete Männer, FrauenJa, auch Frauen sind hier nicht nur dick, sondern fett. Es ist Realität und hier ist besondere Rücksicht Frauen gegenüber nicht angebracht. Margot Bintig und Kinder, eine heruntergekommene Industrie, massive Umweltverschmutzung, evangelikale Eiferer und die bis heute anhaltende Diskriminierung der nichtweißen Bevölkerung.

Mein Amerikabild war stark geprägt durch das, was der Politikwissenschaftler Joseph Nye als „Soft Power“ beschrieben hat: die Fähigkeit der USA, andere Länder allein durch Attraktivität, Kultur, politische Werte und Ideale zu überzeugen und zu beeinflussen. Für mich, wie für so viele meiner Zeitgenossen, brauchte es weder Druck noch militärische Gewalt. Hollywood-Filme, Rock ’n’ Roll und Coca-Cola genügten völlig, um uns vom amerikanischen Lebenstraum zu überzeugen und die Sehnsucht nach Freiheit und Konsum zu wecken. Politisch war damit das feste Versprechen von Demokratie, Menschenrechten, Rechtsstaatlichkeit und individueller Freiheit verbunden.

Lange dienten die USA als globales Vorbild, weil wir dieser Soft Power bereitwillig auf den Leim gegangen waren. Ja, ich wurde zum willigen Opfer dieses kulturellen Zaubers. Wie so viele Menschen weltweit versuche ich nun, mich aus dieser tief verwurzelten Täuschung zu lösen. Das ist ein bisweilen schwerer, melancholischer Prozess. Er erinnert an den Moment, in dem man bei einem ehemals vertrauten Menschen zu der schmerzhaften Erkenntnis gelangt, dass der bisherige gemeinsame Weg so nicht mehr gangbar ist. Die transatlantische Liebesgeschichte meiner Generation ist an ihr Ende gelangt.

Noch schmerzt diese ent-täuschende Erfahrung, aber ich versuche, die USA heute so zu nehmen, wie sie sind: ein zutiefst zerrissenes Land, dessen Kultur mich geprägt hat, dessen politische Zukunft ich mit Sorge betrachte, dem ich aber als West-Berliner Kind für meine Freiheit für immer dankbar sein werde.


  • Autor: Detlev Lubjahn, 17. August 2026
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