Vom Autoschlosser zum schwarzen Künstler
Wie viele Jungen damals in den fünfziger Jahren wollte ich nach der Volksschule eine Ausbildung zum Autoschlosser absolvieren. Es war allerdings nicht einfach, eine Lehrstelle zu finden. Umso glücklicher war ich, als dies gelang, und ich dann zum 1. August 1953 mit 16 Jahren in einem Kfz-Betrieb anfangen konnte zu lernen. Mein Glück währte aber leider nicht lange. Es stellte sich heraus, dass es in diesem Betrieb gar keine richtigen Autos gab, sondern nur landwirtschaftliche Maschinen, vor allem Trecker. Und ich lernte auch nicht, diese zu reparieren, sondern wurde nur mit Hilfsarbeiten beschäftigt. Ich durfte die Halle fegen, verdreckte Einzelteile säubern, Werkzeug putzen und bereitlegen. Die Reparaturen machte der Meister mit dem Gesellen. Jeden Tag kam ich ölverschmiert und stinkend nach Hause und wurde zunehmend unzufriedener. Mein Arbeitstag begann bereits um sechs Uhr morgens, der Weg zu Fuß dorthin dauerte eine Stunde, sodass ich zu nachtschlafender Zeit aufstehen musste.
Auch meinen Eltern gefiel mein Zustand überhaupt nicht, und so sannen wir auf Alternativen. Meine Mutter kannte den Verleger der Goslarschen Zeitung persönlich, und der Zufall wollte es, dass dieser mir dann eine Lehrstelle als Drucker anbot. So kündigte ich nach einem halben Jahr den Ausbildungsvertrag als Autoschlosser und konnte bald als Druckerlehrling bei der Goslarschen Zeitung beginnen.
Buchdrucker und Schriftsetzer waren damals hoch angesehen und wurden gut bezahlt. Die Lehre dauerte drei Jahre. Ich arbeitete an fünf Tagen in der Druckerei, mittwochs ging ich in die Berufsschule. Damals wurde auch am Sonnabend gearbeitet, es gab noch die Sechs-Tage-Woche. Auch hier hatte ich anfangs für drei bis sechs Monate eine Hilfstätigkeit. Ich musste beispielsweise viele Male am Tag treppauf, treppab aus der Setzerei für die Drucker den Blocksatz mit den fertig gesetzten Buchstaben holen. Diese transportierte ich in einem Leichtmetallschiff, das an drei Seiten geschlossen und an einer Seite offen war. Dieses Schiff schob ich dann in eine Schließplatte, füllte es mit Blindmaterial und legte einen Rahmen drumherum, den ich dann schloss. Außerdem war ich mit weiteren vorbereitenden Arbeiten beschäftigt, wie Papier holen und in die Maschine stapeln und dergleichen mehr. Danach lernte ich richtig zu drucken, am Tiegel und an der Schnellpresse. Dort wurden Akzidenzen gedruckt, allgemeine Druckerzeugnisse wie Briefpapier, Visitenkarten, Flyer und Broschüren. Die Zeitungen wurden schon damals an Rotationsmaschinen gedruckt. Da noch mit Blei gearbeitet wurde, bekamen wir Lehrlinge jeden Tag eine Flasche Milch von der Firma. Dies sollte der Schädigung durch Blei, die schon bekannt war, vorbeugen. Denn in unserem Drucksaal befand sich auch die Stereotypie. Dort wurden die beweglichen Lettern in Blei gegossen, und die aufsteigenden Dämpfe stanken ordentlich.
Drucker waren damals noch sehr gut organisiert. So wurde ich gleich an meinem ersten Arbeitstag für die IG Druck und Papier angeworben; dort einzutreten war Ehrensache, darüber wurde überhaupt nicht nachgedacht. Sehr verübelt habe ich den Gewerkschaftern allerdings, dass sie mich nicht auf das Jugendarbeitsschutzgesetz hingewiesen haben. So habe ich wohl zu viele Stunden gearbeitet, aber ganz genau weiß ich es nicht mehr.
Der Lehrlingslohn war mau. Im ersten Lehrjahr bekam ich wöchentlich fünfzehn D-Mark in bar ausgezahlt. Davon musste ich zehn D-Mark zu Hause für Kost und Logis abgeben. Die Steigerungen im zweiten und dritten Lehrjahr waren marginal. Manchmal fielen auch Überstunden an, davon habe ich meiner Mutter aber nichts erzählt, so blieb mir ein wenig Extrageld. Ich hatte immer einige kleine Münzen in meinen Jackentaschen. Einige klauten mir meine kleinen Schwestern, ohne dass ich dies bemerkte. Manchmal war ich überrascht, dass es so wenige waren.
An Sonntagen machte ich mich fein und ging im Anzug mit Binder tanzen. Im Gildehof und im Ratscafé in Goslar gab es jeden Sonntag Tanz. Da ich wenig Geld hatte, bestellte ich nur ein einziges Getränk und achtete darauf, dass das Glas nicht leer wurde. So konnte die Kellnerin nichts sagen.
Nach drei Jahren war die Lehrzeit beendet. Die Prüfung war zumindest, was die Rechtschreibung anging, sehr anspruchsvoll. Schriftsetzer durften drei Fehler im Diktat machen, wir Drucker fünf. Bei mehr Fehlern wäre man durchgefallen. Nach meiner bestandenen Prüfung machten die Kollegen sich einen Spaß daraus, mich zu gautschenGautschen ist ein bis ins 16. Jahrhundert rückverfolgbarer Buchdruckerbrauch, bei dem ein Lehrling nach bestandener Abschlussprüfung im Rahmen einer Freisprechungszeremonie in einer Bütte untergetaucht und/oder auf einen nassen Schwamm gesetzt wird.. Das heißt, sie schmissen mich in voller Montur in eine Wanne mit kaltem Wasser. Da ich diese Sitte kannte, hatte ich allerdings Wechselkleidung dabei, sodass ich nicht pudelnass nach Hause gehen musste.
Meinen erlernten Beruf gibt es schon lange nicht mehr, bald lösten Rotationsmaschinen, Digitaldrucker und Computer die alten Gerätschaften ab. Die alten Maschinen sind heute noch im Museum der Arbeit in Hamburg zu bestaunen und werden dort von Ehrenamtlichen vorgeführt.


