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Meine liebe Mathe

Als ich elf Jahre alt war, hatte ich mich in die Mathematik verliebt. In der Grundschule habe ich gut gelernt, aber besondere Vorlieben hatte ich nicht.

In der fünften Klasse sind neue Lehrer gekommen, jeder unterrichtete sein Fach. Der Mathematiklehrer war ein Mann, was eine Seltenheit in Nachkriegszeiten war, man schrieb 1945, er war mittleren Alters. Damals konnte ich das Alter zwischen dreißig und sechzig nicht unterscheiden, alle kamen mir sehr alt vor. Er hatte graue Haare und es fehlten ihm ein paar vordere Zähne. Er war in sein Fach verliebt, das konnte man sofort sehen. Vor Begeisterung hat er manchmal gegeifert, er wollte, dass wir uns auch in die Mathe verlieben. Er hat uns interessante Aufgaben gegeben. Damals in der fünften und sechsten Klasse musste man Aufgaben mit Text lösen, zum Beispiel, wo und wann werden zwei Züge sich treffen, wenn… Für solche Aufgaben musste man Logik und gesunden Menschenverstand aufwenden, dass bei der Lösung keine dreieinhalb Maler für die Wand nötig würden. Manchmal waren es harte Nüsse, die mit einem Sternchen im Buch bezeichnet waren. Es war wie ein interessantes Spiel, Mathe ist schon bald mein Lieblingsfach geworden, und Ivan, so nannten wir ihn unter uns, der beste Lehrer. Ich wollte immer die härtesten Nüsse knacken, noch ein paar weitere Mädchen sind auch Mathefans geworden. Ivan nannte uns meine Sternchen.

In der sechsten Klasse ist Ivan plötzlich verschwunden, man hat uns gesagt, er sei erkrankt. Wir haben Weintrauben und ein paar Birnen gekauft und sind zu ihm gefahren. Er hat uns an der Tür getroffen, sagte, er sei krank und hat uns gebeten, nicht mehr zu kommen. Im Sommer haben wir eine Klassenfahrt mit unserer Direktorin gemacht, und ich habe sie gefragt, wo denn unser Ivan ist und warum er nicht mehr unterrichtet. Sie hat gesagt, er sei ein schlimmer verlogener Mensch und lebt nicht mehr in Moskau. Erst als ich erwachsener wurde, habe ich verstanden, dass er wieder im GULAG verschwunden war: Kurz vor Kriegsende hat man mehrere Menschen befreit, und 1946 bis 1948 mit dem neuen TerrorDie Durchführung dieser von Josef Stalin veranlassten und vom Politbüro gebilligten Terrorkampagne lag bei den Organen des Innenministeriums der UdSSR (NKWD) unter Leitung von Nikolai Jeschow. Der Terror richtete sich vor allem gegen mutmaßliche Gegner der stalinistischen Herrschaft und als unzuverlässig angesehene Elemente oder Gruppen.Siehe Wikipedia hat man sie wieder verhaftet.

Ivan ist verschwunden, aber die Liebe zur Mathe blieb. Ich hatte an den Olympiaden teilgenommen, und vor dem Abitur habe ich spezielle Aufgaben gelöst. Es gab solche Aufgabensammlungen, die man in der Uni und in der Physikalisch-Technischen Hochschule (PHYSTECH) den Abiturienten gestellt hat, dort gab es auch Aufgaben mit Sternchen.

Leider habe ich es weder in die Uni, noch ins PHYSTECH geschafft und landete im Energetischen Institut, wo die Mathe kein Hauptfach war.

Meine Tochter hat auch die Liebe zur Mathe entwickelt. Mit sechs Jahren, als wir einkaufen gingen, gab ich ihr das Geld. Sie hat zusammengerechnet, was ihr Einkauf kosten würde, und sie wusste genau, was die Kassiererin ihr zurückzahlen musste. Nachher hat sie den mathematischen Zirkel im Haus der Pioniere besucht und auch Freude an Aufgaben mit Sternchen gehabt.

Zu der Zeit gab es in Moskau verschiedene Spezialschulen – für Sprachen, eine für Biologie, aber besonders berühmt waren zwei mathematische Schulen. Dort lernten Kinder ab der fünften Klasse, und um dort zu lernen, musste man eine Prüfung bestehen. Eine solche Schule gab es auch in Nowosibirsk. Die Absolventen dieser Schulen hatten große Chancen, in die Uni oder ins PHYSTECH zu kommen. Und dann nach dem Diplom waren Studenten von dort in USA als Aspiranten willkommen, was für sie ein Traum war.

Ich wollte meiner Tochter einen weiten Weg zur Schule ersparen, und so ging sie in eine Schule in der Nähe mit Englischunterricht, aber ab der neunten Klasse in eine Schule mit einer mathematischen Klasse. Der Lehrer war jung und begeistert, er kam von der Uni ohne spezielle pädagogische Ausbildung. Ein Lehrer für Mathematik musste kein zweites Fach unterrichten, außer vielleicht Physik. Ich weiß, dass manche solcher Lehrer, als sie nach Israel kamen, dort russische mathematische Klassen gegründet haben und die Tradition lebt dort fort, wie auch im heutigen Russland.

Nach dem Abitur hat meine Tochter es in die Uni geschafft, auf die Fakultät der Angewandten Mathematik.

Und jetzt leben wir in Deutschland, wo einmal die Höhere Mathematik geboren wurde. Solche berühmten Namen wie Gauß, Kepler, Riemann, Weierstraß waren uns von dem Studium vertraut. Aber die meisten Schüler hier hassen die verfluchte Mathe, finden sie blöd und langweilig.

Ich denke, zum Teil ist die Digitalisierung daran schuld. Junge Leute verlieren das Gefühl für Zahlen, für Größe. Als ich später in Hamburg in der Musikhalle als GarderobiereLesen Sie auch von dieser Autorin:
In der Musikhalle
…als Platzanweiserin, …in der Garderobe
arbeitete, mussten wir für die verkauften Programmzettel eine Abrechnung machen und ebenso für das Geld in der Garderobe. Die jungen Leute, Studenten griffen sofort zu ihren Rechnern, hatten aber Schwierigkeiten, wo das Komma stehen musste. Am besten rechnete eine ältere Dame, die ihr ganzes Leben in der Konditorei arbeitete und Brötchen verkaufte, automatische Kassen gab es zu ihrer Zeit dort noch nicht. Und meine Tochter, die der Enkelin mit Hausaufgaben in Mathe helfen muss, greift sich an den Kopf und stöhnt Gott, wo sind die Gene geblieben? Ich denke, die Gene tragen daran keine Schuld. Schuld ist die Methodik des Unterrichtes. Den Schülern fehlt solch ein Ivan, der das Fach Mathe schmackhaft machen könnte.

Sehr schade eigentlich, weil die alte Liebe zur Mathe bei mir geblieben ist.