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Lebensrettende Maßnahmen

Unter diesem Begriff werden im Amtsdeutsch, besonders im Gesundheitswesen, unterschiedliche Handlungen am Patienten verstanden. Über die lebensrettenden Maßnahmen, die ich zusammen mit bergsportbegeisterten Kletterern aus Kiel ergriffen habe, will ich hier berichten.

Die Sektion Hamburg des Deutschen Alpenvereins hatte im Weserbergland bei Hessisch-Oldendorf ein altes Fachwerkhaus gekauft und zur Alpenvereinshütte umfunktioniert. Diese Hütte konnte nur mit Brennholz beheizt werden und hatte weder fließend Wasser noch eine Toilette. Waschen konnte man sich im kühlen, klaren Wasser des nahen Blutbachs und das Ausflugslokal nebenan stellte dem Alpenverein freundlicherweise seinen Sanitärbereich zur Verfügung. Ansonsten war die Hütte mit Gemeinschaftslagern ausgestattet und urgemütlich. Nachts konnte man der Tiefatemtechnik seiner Bergkameraden lauschen. Und war der Leiter der Hamburger Sektion, Klaus, an einem Wochenende auch auf der Hütte, wurde er sofort gefragt: Klaus, wo schläfst du? Um dann möglichst weit von ihm entfernt das Lager zu beziehen, denn Klaus hatte einen mächtigen Brustkorb und konnte beeindruckende Geräusche damit erzeugen und nein, geschnarcht hat er nie. So viel zur Hüttenromantik, trotzdem war es ein preiswerter und sehr gemütlicher Stützpunkt inmitten eines schönen Klettergebiets.

Den ganzen Sommer über wurden Kletterveranstaltungen auf den zur Verfügung stehenden Hütten, drei im Harz, eine im Süntel, durchgeführt. Seilschaften wurden dann zusammengestellt, ein erfahrener Kletterer im Vorstieg führte einen oder zwei Anfänger im Nachstieg. Den Neulingen wurde der Umgang mit dem Seil, den Karabinern, Expressschlingen, Kuhglocken, Friends und Klemmkeilen gezeigt. Wie man einen Standplatz baut, den Vorsteiger mit einem HMS-Karabiner sichert und vieles mehr. Besonderer Wert wurde auf das Erlernen einer guten Klettertechnik gelegt, um den Unerfahrenen das Vergnügen an diesem schönen Sport zu vermitteln.

In den ersten schönen Frühlingstagen des Jahres 1988 war ein Klettern mit Anfängern im Hohenstein bei Hessisch-Oldendorf geplant und in der Vereinszeitung angekündigt worden. Der Organisator Heinrich hatte am Freitagabend gut zu tun, Neulinge und Erfahrene für den nächsten Tag einzuteilen, damit alle auch mit dem Fels in Berührung kommen konnten. Ich erinnere mich an seine Ansprache in der Hütte und welche Freude er dabei hatte, dass ihm so viele Vorsteiger zur Verfügung standen, die genug Erfahrung in der Sicherungs- und Klettertechnik hatten, um die vielen Anfänger sicher durch die bis zu 60 Meter hohen Kalksteinklippen zu führen.

Das kleine Gebirge ist groß genug, mehrere Gruppen können dort gleichzeitig klettern, ohne sich gegenseitig zu behindern, und es bietet viele interessante Kletterrouten verschiedener Schwierigkeitsgrade. Der Hüttenabend gestaltete sich sehr gemütlich, die Gespräche drehten sich um die alpinen Sommerziele, um Berge und geplante Touren. An diesem Abend lernte ich Otto kennen, der am nächsten Tag als Vorsteiger mit zwei Anfängern am Clementkamin klettern wollte. Wir waren uns auf Anhieb sympathisch, suchten beide für den Sommer einen Bergkameraden für Touren im Hochgebirge und versprachen einander, in den nächsten Wochen zusammen klettern zu gehen. Genau deswegen bin ich einst dem Alpenverein beigetreten, um dort Leute zu treffen, die ebenfalls einen Tourenkollegen und Kletterpartner suchen.

Am nächsten Morgen, nach dem gemeinsamen Frühstück auf der Hütte, stiegen wir mit der Ausrüstung alle gemeinsam im noch lichten, nach Bärlauch duftenden Wald an den Fuß der Klippe. Otto blieb mit zwei weiteren am Einstieg des Clementkamins, meine Freundin ging mit anderen Frauen wandern und ich machte mich auf, um den Eibenkamin zu erklettern. Der Klettergurt wurde angelegt und ein Standplatz gebaut für die erste Seillänge, die bis zur namensgebenden Eibe über eine senkrechte Platte führte. Gesichert wurde mit KlemmkeilenKlemmkeil aus Aluminium in einem Riss im Gestein plaziert. In das dünne Drahtseil wird ein Karabiner eingehängt, durch den das Sicherungseil läuft., die in natürliche Risse in den Kalkfels gelegt wurden, um bei einem eventuellen Sturz als Seilumlenkung einem Absturz bis zum Grund entgegenzuwirken. An der Eibe baute ich einen Standplatz mit einer Expressschlinge und wollte gerade meinem Nachsteiger zurufen, dass er nachkommen kann, als meine Freundin aufgeregt unter mir an der Felswand erschien und mir etwas von einem Sturz zurief. Ein Unfall war passiert, was genau, wusste sie nicht. Sofort bauten wir den Standplatz ab, ich seilte mich zu meinen Freunden hinunter ab und wir liefen zurück zum Clementkamin. Dort war die Rettung schon in vollem Gange, aus Hannover war ein Hubschrauber angefordert worden, Polizei und Notarzt waren alarmiert.

Der Sichernde, Michael, stand mit kalkweißem Gesicht noch mit dem Seil in der Hand und berichtete stockend, was passiert war. Otto ist die Kaminroute im Vorstieg angegangen, gesichert von Michael. Er hat einige Zwischensicherungen gelegt und ist gut und zügig vorangekommen. Erst flog ein Stein, danach kam gleich Otto, erzählte Michael. Otto war aus ungefähr 20 Metern bis zum Grund abgestürzt und mit dem Rücken auf einen Felsen aufgeschlagen. Er war bei Bewusstsein, hatte große Schmerzen und beklagte die Gefühllosigkeit und Kälte in seinen Beinen. In der Zwischenzeit war unten im Tal der Hubschrauber gelandet. Retter, Notarzt, Trage und Notfallkoffer wurden von unseren Kameraden in Empfang genommen und nach oben an den Fuß der Klippe geführt und getragen. Nach erfolgter Erstversorgung haben vier unserer Kletterer die Trage mit Otto möglichst sanft den schmalen Pfad nach unten zum Hubschrauber getragen. Zweimal musste unser Freund auf diesem Weg reanimiert werden. Polizei und Rettungswagen haben sich währenddessen wegen fehlender Ortskenntnis im Walde verirrt. Vierzehn Tage haben wir um unseren Freund gebangt – er hat es nicht geschafft.

Nach diesem tragischen Unfall, Otto hinterließ eine Frau mit zwei kleinen Kindern, wurde in der Hamburger Sektion des Alpenvereins laut diskutiert. Ein Klettergarten wie dieser im Süntel darf nicht in die Negativschlagzeilen der örtlichen Presse geraten. Denn damals schon begannen selbsternannte Naturschützer Stimmung gegen uns Fremde zu machen, weil wir es wagten, in ihrem Wald sportlich aktiv zu sein. Das war aber jetzt geschehen. Das Hamelner Käseblatt berichtete Haarsträubendes über die Kletterer, die dem Notarzt nicht halfen, sogar die Rettung behinderten und Schlimmeres. Der Schreiberling, den niemand dort vor Ort gesehen hatte, ließ kein gutes Haar an uns. Dass Polizei und Rettungswagen sich wegen fehlender Ortskenntnisse im Wald verirrten und erst Stunden nach Abflug des Rettungshubschraubers an der Hütte auftauchten, hat der rasende Reporter dabei verschwiegen. Sei's drum… auf jeden Fall sollte jetzt der Klettergarten einer genauen Inspektion unterzogen werden, eine Hakensanierung war angedacht. Ein Klettergarten, also im weitesten Sinn auch ein Übungsgelände für angehende Bergsteiger, zeichnet sich dadurch aus, dass an den Schlüsselstellen, also den schwierigsten Stellen der Kletterroute, feste Haken in den Fels geschlagen werden.

Als das Felsklettern um die Jahrhundertwende in Mode kam, haben die Dorfschmieden angefangen, erste Felshaken zu schmieden. Mit einer Öse, in die ein Karabiner eingehängt werden konnte, und einem Schaft, der mit dem Hammer in einen Riss getrieben wurde. Dass ein Haken gut und sicher saß, hörte man am Klang der Hammerschläge, der Haken fing an zu singen und sang mit jedem Schlag einen höheren Ton. Doch der Zahn der Zeit, Wasser und Rost machen solche geschlagenen Haken unberechenbar. Heutige Felshaken bestehen aus nicht rostendem Edelstahl, werden in den festen Fels eingebohrt und mit ihm unlösbar verklebt. Das Verfahren ist sehr sicher, aber auch teuer und belastet das Budget des Vereins. Letztlich haben sich in der Diskussion um das Für und Wider einer Hakensanierung am Hohenstein die Knauserigen durchgesetzt, die Befürworter von flexiblen Sicherungsmitteln wie Klemmkeil, Friend und Hexentrick, den wir Kuhglocke nannten, weil es so schön klimperte, wenn mehrere am Klettergurt hingen. Diese Sicherungsmittel waren nämlich das persönliche Eigentum der Kletterer und von ihnen bezahlt. Eine Sanierung mit modernen Klebehaken hätte die Sektion finanzieren müssen.

Ein Jahr nach diesem traurigen Ereignis habe ich mich über die Beschlüsse hinsichtlich einer Hakensanierung im Klettergarten Hohenstein hinweggesetzt und mit der Klettergruppe der Sektion Kiel im Rahmen eines Kletterwochenendes eine Hakensanierung begonnen. Die Kieler waren bereit, aus ihrer Kasse eine Sanierung der wichtigsten und meistbegangenen Routen zu finanzieren. Unser Arbeitseinsatz war erfolgreich und hat allen Beteiligten großen Spaß gemacht. Am Sonntagabend sind wir mit dem Gefühl nach Hause gefahren, endlich für die Sicherheit unseres Klettergartens und damit auch für unser Image etwas Gutes getan zu haben. Eine Verabredung für das nächste Wochenende, diesmal nur zu unserem Vergnügen, war selbstverständlich.

Am darauffolgenden Sonnabend stieg der Leiter der Bergsteigergruppe Kiel am Clementkamin als Vorsteiger ein. Wolfgang war ein erfahrener Kletterer und Bergsteiger, in seinen besten Zeiten hat er zusammen mit Peter aus Hamburg auf Helgoland für Aufregung gesorgt. Die beiden haben eine Erstbesteigung der Langen Anna, Helgolands Wahrzeichen, durchgeführt und sind danach verhaftet worden. Wolfgang legte bei der Begehung des Clementkamins nach zwei Metern den ersten Klemmkeil, nach drei Metern den zweiten. Wie aus dem Lehrbuch, vorschriftsmäßig, weitere Klemmkeile weiter oben und dann an der Platte eine Expressschlinge in den neu gebohrten Edelstahlhaken eingehängt. Hier ist er nicht in den Kamin gewechselt, sondern versuchte außen die Platte zu erklettern. Ein Griff brach aus, Wolfgang konnte sich nicht halten und stürzte in die Tiefe. Erst flog ein Stein, dann kam Wolfgang, es war ein Déjà-vu. Diesmal konnte ich zuschauen, wie es passierte. Als der Griff ausbrach und Wolfgang den Halt verlor, ist er kopfüber nach hinten gestürzt und auf einen kleinen Absatz gefallen. Dadurch bekam sein Körper eine ballistische Flugbahn und das Seil einen Zug nach außen. Sämtliche Klemmkeile sind wie ein sich öffnender Reißverschluss nach außen und aus den Rissen des Felsen gezogen worden. Nur der neue Haken aus rostfreiem Edelstahl hat den Sturz ganz nach unten bis auf den Boden verhindert. Er hatte sich dabei erhebliche Prellungen zugezogen und stand unter Schock. Von einem der Kletterer begleitet hat er den Rest des Tages auf der Hütte, in seinem Schlafsack verbracht. Am Sonntag konnte er aber schon, zusammen mit den Frauen eine leichte Wanderung machen, von vielen Pausen unterbrochen.

So war unsere Hakensanierung zu einer lebensrettenden Maßnahme geworden. Ich habe mich über die Beschlüsse, die in der Hamburger Sektion diesbezüglich getroffen wurden, aus der Überzeugung hinweggesetzt, dass es falsch ist, keine Sanierung durchzuführen. Damit habe ich mir jedoch keine Freunde in der Hamburger Bergsteigergruppe gemacht. Ich habe aber damit erreicht, dass in der nächsten Zeit seitens der Hamburger Sektion die Hakensanierung weitergeführt wurde. Mich haben sie aber dazu nicht eingeladen.